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Wenn ich mal so sämtliche mir vorliegenden Informationen konsolidiere, dann gibt es nach dem gestrigen Hamburg-Marathon doch ausschließlich glückliche Gesichter, oder? Egal ob nach meiner Zielankunft im Finisher-Bereich, beim Warten auf die Massage, beim Jogmap-Nachlauftreffen, beim Recherchieren der Laufzeiten weiterer Freunde von mir oder bei der Lektüre der Blogs in der hiesigen Community...nur Erfolgsstories.

Ich hatte meine ja im Grunde schon mal vorweg genommen. Im meinen Glücksgefühlen gleich nach dem Zieleinlauf musste ich einfach der ganzen (Jogmap-)Welt mitteilen, dass ich nach einem Jahr nun endlich mein großes Ziel - die "B"oston-Qualifikationszeit erreicht habe...und das auch noch mehr oder weniger deutlich.

Jetzt aber mal die ganze Story, nachdem ich es jetzt einen Tag und eine Nacht lang sacken lassen konnte.

Motto: Boston - jetzt erst recht

Die ganze Vorbereitung hat ja für mich so richtig erst vor zwei Wochen gestartet. Aus der laufenden Langdistanzpremieren-Vorbereitung wollte ich erst gar keinen Frühjahrsmarathon laufen und habe mich dann doch zu Hamburg überreden lassen, weil dies von meinen bisherigen 9 Marathon-Locations definitiv der beste war (und diese Meinung hat sich gestern weiter gefestigt). Locker durchlaufen als Trainingseinheit war mal der Plan, aber nach der 1:26 beim Berliner Halbmarathon vor 2 Wochen war dann doch klar, dass ich meinen momentanen Leistungsstand nicht mutwillig verspielen möchte und noch einen Anlauf auf meinen Traum "B"oston-Marathon nehme. Und als sich der Gedanke letztes Wochenende dann gefestigt hat, wurde er durch die Ereignisse von letztem Montag nochmals um ein vielfachtes gestärkt. "Boston - jetzt erst recht" lautete die Devise.

Da man in 2 Wochen keine Marathon-Vorbereitung über's Knie bricht, habe ich mir überlegt, welche kleinen Nuancen ich noch verändern kann um für das Rennen optimal gerüstet zu sein. In Erinnerung an Berlin und Köln im letzten Jahr, wo ich im letzten Drittel der Rennen doch deutliche Paceverluste hinnehmen musste, wollte ich nochmal was für dieses letzte Renndrittel tun. Also bin ich 3 Tage nach dem Tempodauerlauf Berlin-Halbmarathon einen schnellen 35km-Lauf in 5:08-Pace mit Endbeschleunigung gelaufen und am Samstag dann noch einen 32er in vergleichbaren Tempobereichen. Die 3x5000m-Intervalle habe ich nicht mehr unterbringen können, sodass mein letztes Tempotraining dann aus 3x1500m-Intervallen in Marathon-Tempo am Mittwoch bestand. Außerdem bin ich am Freitag noch 12 und am Samstag nochmal 7km lockeren Dauerlauf mit je 100m-Steigerungen gelaufen.

Ich Hauptveränderung im Vergleich zu den 4 letztjährigen Marathons sollte aber in einer modifizierten Ernährungsstrategie stehen. Da habe ich dann mal meinen Schatten übersprungen und mich an dem mir ansonsten unsympathischen Internetauftritt von Greif orientiert und ein paar zusätzliche Anregungen gewonnen. Erstmals habe ich in den letzten 3 Tagen vor dem Wettkampf auf Nahrungsergänzungemittel gesetzt - Apfelessigkapseln, Eiweisergänzung und Vitamin B-Komplex wurde zum Essen eingeworfen. Damit sollten die Muskelglykogenvorräte stabilisiert und Eiweiß als zusätzlicher Energielieferant angereichert werden.

Die Hauptveränderung war aber die letzte Mahlzeit vor dem Rennen. In 8 von meinen 9 Marathons musste ich mindestens einmal auf dem Dixi anhalten und verlor dabei je 0:50 bis 1:30 wertvolle Minuten. Der einzige Marathon, den ich durchlief, war der Portland-Marathon...gestern Abend hatte ich dann verstanden warum. Dazu später mehr.

Greif predigt als letzte Mahlzeit weiße Brötchen mit Honig oder Marmelade. Sonst waren es bei mir 3 Vollkorntoast mit Honig. Dazu noch weiteres Eiweißpulver und Salz in den letzten Getränken vor dem Start.

Der Run nach Sicherheitsnadeln

Derart gestärkt ging es also zum Start. Bzw. nein...vorher sei noch meine Rennerei auf der Suche nach Stecknadeln zu erwähnen. In meinem Starterbeutel fehlten diese ebenso, wie das von mir freudig erwartete gelbe "Run for Boston" Armband. Nach Ankuft an der Messe Sonntag morgen gleich zur Startnummernausgabe, doch ups...die haben pünktlich um 8:00 Uhr zu gemacht. Also zum großen Informationsstand. Dort standen bereits zwei weitere verzweifelte Teilnehmer auf der Suche nach Sicherheitsnadeln. Die ausgesprochen patzige Antwort der Dame an der Information war: "habe ich hier nicht"...Ende der Ansage. Nach einem Blick auf meinen mitgeführten Starterbeutel kam dann noch die Ergänzung "machen sie sich doch einen der Schnüre ab und binden sich damit die Startnummer um. Ich war offen gestanden ziemlich sauer und habe sie darauf hingewiesen, dass ich seit Monaten eine Evolution der optimalen Wettkampfbekleidung durchmache und dann nicht vorhabe mit einem Kleiderbeutelband als Startnummernhalter um meine Boston-Quali zu kämpfen.

Also zurück zur Startnummernausgabe, wo mich der Wachdienst nach kurzer Diskussion dann auch durchgehen ließ. Dort dann ein ganz anderes Bild. Eine total freundliche junge Frau gab mir sofort 4 Sicherheitsnadeln und war vor lauter "Entschuldigung" kaum aufzuhalten. Auf meinen Hinweis, dass an der Information noch weitere Teilnehmer auf der Suche seien, packte sie sofort ihren Beutel und rannte dorthin. So wird es gemacht! Danke nochmal!

'Sweet Caroline aus Startblock "C"'

Jetzt war ich für den Startblock gerüstet und war pünktlich für die Schweigeminute und "Sweet Caroline" im Block "C". Nach weiteren 15 Minuten Hibbeln kam dann der Startschuss und damit dann auch der zweite und definitiv letzte Kritikpunkt an die Organisation. Ich konnte tatsächlich die ersten 200-300m nur langsam traben, weil offensichtlich der Start- und Zielbereich zu schmal war. Da gingen wertvolle Sekunden verloren.

So ging km1 dann auch in 4:38 raus. Einerseits schön nicht gleich wieder übereilig losgesprintet zu sein. Aber gleich mal 13 Sekunden auf den angepeilten 4:25-Schnitt zu verlieren - die wollen ja auch wieder aufgeholt werden. Und dann gleich der nächste Gedanke an den Berlin-Marathon, wo sich die Weisheit bewahrheitete "Jede Sekunde, die man vorne zu schnell ist, bekommt man hinten in Minuten wieder drauf". Also wollte ich "nur" meine Pace finden und die 13 Sekunden nicht gleich aufholen. Km2 in 4:21 und dann kamen weitere 9km in jeweils gleichmäßig verteilten 4:24 bis 4:27. Ich war im Tempo.

Weiße Brötchen - tolle Erfindung!

Entlang des Hamburger Hafens bemerkte ich dann eine signifikante Verbesserung. Normalerweise weiß ich nach etwa 5-7km, dass ich meinen Boxenstopp auf dem Dixi einlege. Diesmal fühlte ich mich komfortabel und das sollte bis zum Ziel auch so bleiben. Einzig bei km12 realisierte ich, dass ich zu viel vor dem Start getrunken hatte und ausschwitzen allein nicht reichen wird. Also schnell an einen Baum - das geht schneller als Dixi und so verlor ich auf dem km nur weitere 18 Sekunden. Dann fiel mir auch ein, warum ich Portland als bisher einzigen Marathon durchgelaufen war: in den USA habe ich keinen Vollkorntoast gefunden und weißen Toast gefrühstückt. Greif schreibt, dass Vollkorn im Rennen den Darm anregt...ab jetzt also nur noch weiße Brötchen vor dem Rennen.

Jetzt kam der Teil des Rennens, in dem die km einfach nur so verflogen. Es wurde eine ziemliche Routine: eine kleine Weile bis zum nächsten km-Schild laufen, Knöpfchen an der Pulsuhr drücken, km-Zeit ansehen und beruhigt und entspannt weiterlaufen. Kleines Kunststück: von km14 bis km21 bin ich alle Abschnitte jeweils in 4:24 bis 4:27 gelaufen. Das nehme ich mal als Bewerbung auf einen Pace-Makerjob in einem zukünftigen Marathon.

Dennoch merkte ich aber auch, dass es mir nicht ganz so leicht fiel, wie noch zwei Wochen zuvor beim Berliner-HM. Dort wusste ich so ab km10, dass ich den eingeschlagenen 4:08-Temposchnitt durchhalten werde...es lief perfekt. In Hamburg musste ich für die 4:25-km schon etwas mehr kämpfen und ich war mir unsicher, was mich wohl im letzten Renndrittel erwarten würde.

So gingen dann km22 und 23 auch in 4:32, bzw. 4:30 raus. Ups, war das schon Ermüdung? Wenn ich jetzt schon Tempo verliere, dann würde es mit der Boston-Quali wieder nichts mehr werden. Doch eine leichte Tempoverschärfung funktionierte und ich lief die km 24 bis 32 allesamt in 4:22 bis 4:29. Jetzt begann ich zu überlegen, was die letzten 10km wohl so bringen werden.

Sorry nicksdynamics, aus eigener Erfahrung muss ich dem Satz "ein 10er geht immer" vehement widersprechen. In Berlin sagte mir ein Mitstreiter bei km39 sogar den Satz "Komm, 3km gehen immer" und bei mir wären in dem Moment alles gelaufen, aber ganz sicher keine 3km mehr. Dies im Hinterkopf wollte ich die mühsam erarbeiteten Zwischenzeiten nicht wieder dramatisch wertlos machen wollen. Ich nahm etwas Pace raus und wollte bei km38 nach Gefühl entscheiden, ob ich dann nochmal Gas gebe. 4km Endbeschleunigung war das, was ich in den letzten langen Lauf eingebaut hatte - soviel traute ich mir zu.

Krämpfe ab km38

Jetzt gingen die km über 4:30 raus. 4:32 für km33, nochmal 4:27 für den km34 leicht bergab, aber dann doch konstant zwischen 4:33 und 4:36 und der km38 gar in 4:42. Jetzt wusste ich, dass es an der Zeit war das Letzte zu geben. Ab jetzt habe ich auch nicht mehr auf die Pulsuhr gedrückt. Das Motto war "irgendwie Tempo halten und die Boston-Quali ins Ziel bringen". Gleich hinter dem km38-Schild spürte ich leichte krampfartige Zuckungen in der rechten Wade. Ich wurde ein ganz klein wenig nervös und hatte kurz die Vorstellung, wie ich bei km41 an der Bordsteinkante einen Krampf wegdrücke und dabei auf der Pulsuhr die 3:10 hochticken sehe. Aber es zuckte zwar alle paar 100m weiter, beeinträchtigte mich aber nicht maßgeblich für die letzten Kilometer. Wenn ich noch die offizielle 40km-Zwischenzeit nehme, dann weiß ich, dass die km39 und 40 in durchschnittlich 4:36 liefen.

Der "Berg" von Hamburg

Und jetzt kam ja noch "der Berg von Hamburg". Wir hatten beim Jogmap-Treffen Samstag abend schon die Diskussion. Ich hatte es im Höhenprofil nachgesehen - der Gorch-Fock-Wall hat "nur" 9 Höhenmeter. Dennoch fühl er sich als km41 eines Marathons als furchtbarer Berg an. Wir spekulierten, dass rund 90 von 100 Marathonies auf die Frage "was denn der Berg von Hamburg sei" mit "Na klar, der Gorch-Fock-Wall" antworteten. Jetzt lag er also vor mir, der "Alpe d'Gorch-Fock-Wall". Aber ich war vorbereitet. "9hm, 9hm, 9hm" redete ich mir ein und dachte permanent daran wie schön es wohl sein muss 2014 in Boston Heartbrake Hill hochzulaufen. Der Kopf siegte über die Beine und die offizielle Zeitmessung testiert mir einen 4:31-Schnitt auf den letzten 2,195km.

Als ich auf dem roten Teppich war, brach es aus mir heraus. Sollte es wieder ein offizielles Finisher-Video gehen muss ich beantragen, dass meins nicht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Ich fürchte dies wird für mich ganz schön peinlich ausgehen. Irgendwas a la "Ich habe die Boston Quali" brüllte ich auf den letzten Metern und ballte meine Fäuste beim Überlaufen der Ziellinie. Eineinhalb Jahre habe ich auf diesen Moment gewartet, letztes Jahr bin ich 2, bzw. 3 Minuten gescheitert und jetzt blieb die Uhr für mich bei netto 3:08:41 Std. stehen. Was für ein Gefühl - und zum zweiten Mal binnen 2 Wochen standen mir die Tränen im Zielbereich ganz nah.

Und jetzt: das Warten auf September

Jetzt wird es spannend. Jetzt, da ich die sub3:10 gelaufen bin kann ich für Boston melden. Und ich werde es definitiv tun. Das Jahr 1 nach den Anschlägen zu erleben und nach Möglichkeit sogar selbst dazu beizutragen, dass eine noch buntere und fröhlichere Veranstaltung wird, möchte ich mir nicht nehmen lassen. Dennoch ist die Quali-Zeit noch keine Teilnahmegarantie. Bei 30.000 Teilnehmern machen sie dicht und das Kriterung ist die maximale Unterschreitung der Qualifikationszeit. Eine kleine Recherche heute hat ergeben, dass 2012 jede Anmeldung akzeptiert wurde, die über 1:14 Minuten unter der geschlechts- und altersspezifischen Quali lag. Ich bin gestern 1:19 Minuten unter meiner Qualizeit gelaufen. Der September - Monat der Startplätzevergabe - wird nochmal aufregend. Wenn jetzt weltweit ein großer "Boston - jetzt erst recht"-Hype entsteht, dann wird es für mich eng. Andererseits hoffe ich, dass auch einige Läufer ggf. aus Sorge vor einem Nachahmungstäter die Anmeldung für 2014 aussetzen. Alles Spekulation - mal sehen.

Phantastisch war es aber, und jetzt bin ich wieder bei den einleitenden Worten, nicht nur mich selbst zu freuen, sondern viele, viele Gesichter mit ausgeprägtem Grinsen erleben zu können. Ich freue mich sehr, dass ich es diesmal ohne Komplikationen zur Jogmap-Pastaparty am Samstag und auch lang und breit zum Nachlauftreffen geschafft zu haben. Es war toll, all Eure Erfolgsstories live erzählt zu bekommen. Herzlichen Glückwunsch an alle, die ihre eigenen Ziele erreicht haben. Und ich glaube, das dies wirklich ausnahmslos ALLE waren (vllt. ausgenommen die Zielsetzung, die fazerBS's Tochter ihr auferlegt hat und mit der 3:16 statt der "wenn es optimal läuft, dann 3:15" ins Ziel kam - kleiner Scherz!).

Den Blog schließen möchte ich aber mit dem Spanier, der im Zielbereich neben mir auf der Bank saß und wie ein kleines Kind heulte. Ein Landsmann nahm ihn in den Arm und versuchte mühsam ihm den Laufschuh auszuziehen. Ich erinnerte mich an den Mann, den ich in Köln mit einem Kreislaufkollaps den Sanitätern übergeben hatte und fragte den Spanier nach seinem Wohlbefinden. Er antwortete in gebrochenem Englisch, dass er gerade seinen zweiten Marathon in 3:04 gelaufen ist und vor Glück nur noch heulen kann. Als ich auf seinen Fuß zeigte und fragte, ob alles ok sei, lächelte er nur und sagte, dass einfach alles ok sei und ich mir keine Sorgen zu machen brauchte.

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Echt, Du hast das mit der

Echt, Du hast das mit der "ballaststofffreien vor-Wk-Ernährung" noch nie beherzigt? Da hätte ja ich Dir mal einen wertvollen Tipp geben können, ich esse morgens genau aus dem Grund immer das eigentlich überall empfohlene pappige Weißmehlzeug, und ich war noch nie in einem Rennen auf dem Dixi. Nur vorher in der Schlange natürlich, Kaffee wegbringen, den man ja eigentlich auch nicht trinken soll, weil er treibt.

Nach diesen kleinen aber feinen Rand-Bedingungen aber mal zum Wesentlichen: Du hast es geschafft! Ich habe Deine Versuche des vergangenen Jahres ja mitverfolgt und mich riesig gefreut, Dir nun gestern als einer der ersten gratulieren zu können (nicht daß ich besonders schnell nach Dir da war, aber Du hast ja dieses Mal geduldig gewartet ;)). Genial vorbereitet ohne eigentlich vorbereiten zu wollen, die Gelegenheit dann nach absolut bestechenden Test-Wettkämpfen und trotz allen ungewollten Drucks wegen IM-Vorbereitung noch einmal ergriffen und kurz (aber natürlich knackig) vorbereitet und dann den super Tag gestern zur Punktlandung genutzt. Ja, jetzt erst recht. Einen riesigen Glückwunsch Dir an dieser Stelle nochmal!!!

LG Britta

Genau so war datt! Jawoll. Schnief.

Dir nochmal fette Gratulation zur Boston-Quali. Ich hoffe die machen finanziell nicht denselben Hype wie New York draus.

Glückwunsch zur Bosten-Quali ...

... ich drücke dir gnz fest die Daumen, das du einen Startplatz bekommen wirst.

Dein Hamburg-Marathon-Bericht ist schön mitreissend geschrieben!
Was einem doch so für Gedanken kommen, wenn man einen Marathon läuft ...
... mir geht es genau so ;-))

Schade das wir auf der PastaParty nicht miteinander geklönt haben ...
( bei knapp 40 Jogmapper/innen, nebst Supportern, findet man halt nicht immer zusammen. )
Gruss Markus - een neongelbe Löper ut´n Norden

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