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Es gibt ja so Pflichttermine im Leben, an denen kommt man nicht vorbei: die eigene Geburt, Einschulung, Halbmarathon in der geheiligten Heimatstadt.
Und so machte ich mich am Freitag auf die Reise gen Freiburg, also dorthin, wo Geburt und Einschulung vor vielen, vielen Monden den kleinen okta auf den Weg gebracht hatten.
Samson, meinen Lieblingshund, hatte ich im Schlepptau, als ich mich in der Wohnung meiner Eltern - die im Urlaub waren - einquartierte. Es folgten Besuche bei meinem Patenkind und bei Freunden aus alten Tagen.
Am Samstag dann kam Frau okta mit dem Zug nach und das Unheil nahm seinen Lauf: Anstatt mich zu schonen, zeigte ich meiner werten Gattin die Vorzüge meiner geliebten Heimat: erst erwanderten wir die mitunter steilen Hänge des Kaiserstuhls, dann flanierten wir übers unwegsame Kopfsteinpflaster der Freiburger Altstadt. Beine und Füße derart zu strapazieren macht ordentlich Appetit, weshalb es uns nach einem zünftigen Mahl gelüstete. Ich ließ diesen Lüsten freien Lauf, verzichtete auf fachlich anerkannte Vorlauf-Verpflegung und bestellte Schweinemedaillons mit Champignonrahmsauce, hausgemachten Spätzle und Salat. Wettkampfgerechte Ernährung wird überbewertet.
Abends ging ich spät ins Bett, morgens stand ich entgegen jeder Laufbuchempfehlung nicht vier Stunden vor dem Start auf, sondern nur zwei. Dann drückte ich mir zwei Brötchen mit Marmelade rein, packte mein Beutelchen und fuhr mit dem Auto zum Startbereich. Dort wollte ich mich mit meinem guten alten Freund Fritz treffen. Bei meinen beiden bisherigen Halbmarathons (beide im vergangenen Jahr, einer in Freiburg, einer in Karlsruhe) waren wir jeweils gemeinsam gestartet. In Freiburg liefen wir 18 km zusammen, in Karlsruhe leider nur einen, danach war ich jeweils ein wenig schneller.
Mittlerweile war es 10.40 Uhr, noch 20 Minuten bis zum Start. Zeit, sich umzuziehen, Zeit, den Kleiderbeutel abzugeben, Zeit für den letzten Toilettengang, Zeit, die 600 Meter bis zum Startblock zurückzulegen. Ähm... genau genommen verdammt wenig Zeit.
Wir rennen zum Starblock, ignorieren dabei heldenhaft die elende Kälte und die Seitenstechen, die sich angesichts des hohen Vorstart-Tempos einstellen. Ruhe und Entspannung vor dem Start werden ebenfalls überbewertet, dessen bin ich sicher.
Als sich die Meute in Bewegung setzt, sind wir immer noch nicht dort, wo wir sein wollen, nämlich am Ende von Block A. Weil wir aber keine Lust haben, noch zehn Minuten in der Kälte auzuharren und auf den Start von Block B zu warten, hängen wir uns gerade noch so an die letzten A-Läufer dran und legen einen fliegenden Start hin. Garmin drücken, die im selben Moment einsetzenden Rückenschmerzen ignorieren, Luft schnappen. Es geht los.
Nach 300 Metern sind die Rückenschmerzen weg, was bleibt, ist die Kälte. Vielleicht waren kurze Hose und kurzes Shirt doch zu optimistisch?
Weil vorher keine Zeit blieb, unterhalten wir uns über unsere Ziele. Fritz will irgendwie unter zwei Stunden bleiben, ich bin ziemlich planlos. Unter 01:55 wäre schön. Meine Bestzeit von 01:51:14 werde ich definitiv nicht knacken. Die Beine sind schwer, der Bauch ist voll, die Konzentration weg, ich fühle mich nicht sonderlich wohl. Nach 600 Metern beschließe ich, auf irgendwelche Zeiten zu pfeifen und verkünde Fritz, dass wir bis ins Ziel gemeinsam laufen und Spaß haben werden.
Nach zehn Kilometern stehen 55:12 Minuten auf der Uhr, die zwei Stunden werden also kein Problem. Ich erkläre Fritz, dass wir die zweite Hälfte schneller laufen werden als die erste. Er glaubt mir nicht, aber ich sage ihm, dass ich das immer so mache, keine Widerrede. Außerdem müssen wir gar nicht soooo viel schneller werden, um unter 01:55 zu bleiben. Seine Bestzeit liegt bei 01:56:irgendwas. Wäre ja gelacht, wenn wir das nicht packen. Ich habe wieder ein Ziel. Und ich mutiere zum Hasen. Einem keuchenden Hasen zwar, einem Hasen mit Übergewicht sogar, aber immerhin: ein Hase. Ich kann Fritz zwar nicht vollquatschen und ablenken von der Qual des Läuferdaseins, dazu reichen bei mir weder Kraft noch Luft. Aber ich kann an seiner Seite bleiben, kann unmerklich schneller werden und ihn ziehen.
Noch fünf Kilometer, noch vier, es wird knapp, aber die 01:55 könnte fallen. Ich werde noch schneller, Fritz lässt abreißen, ich warte, peitsche ihn an... und bin dabei selbst am Limit.
Am Ende laufen wir gemeinsam in 01:54:23 ins Ziel, Fritz hat in seinem achten HM Bestzeit geschafft. Und weil ich daran irgendwie beteiligt war, fühlt sich das mindestens genauso gut an wie ein eigener Rekord. Nur ein bisschen kühler. Das liegt allerdings allein an den lausigen Temperaturen...

4
Gesamtwertung: 4 (2 Wertungen)

lausige Temperaturen

können einem offenbar ganz gut einheizen ;-))

Sauber gemacht, du Hase!!! Und kalt war es wirklich, auch nach 5 Stunden noch ;-))

Saarvoir courir - laufen wie bekloppt im Saarland

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