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NEM = Nahrungsergänzungsmittel

Nach Teil 1 zum Vitamin D und Teil 2 bei der Einnahme wichtiger Medikamente widme ich mich heute einem nicht so einfachen Thema.

L-Carnitin wird gelegentlich in sensationeller Weise als Schlankheitsmittel angeboten, das angeblich in kürzester Zeit „die Fettpolster abschmilzt“. Dies ist mit Sicherheit in dieser Form nicht richtig. Aus der Tatsache, dass Carnitin in der Fettverbrennung eine entscheidende Rolle spielt, kann nicht geschlossen werden, die bloße Einnahme von Carnitin verbrenne überschüssiges Fett. Dafür gibt es keine Untersuchungen und auch keine Anhaltspunkte. Allerdings könnte es möglich sein, dass Carnitin unterstützend wirkt beim Abnehmen durch Diät, verbunden mit Sport und mehr Bewegung, da es bei einem solchen Vorgehen die Fettverbrennung unterstützt.
Was genau ist eigentlich L-Carnitin?
L-Carnitin ist eine körpereigene quartäre Ammoniumverbindung, die in der Leber und den Nieren aus den essentiellen Aminosäuren L-Lysin und L-Methionin gebildet wird. Zur Synthese braucht der Körper außerdem die Cofaktoren Eisen, Vitamin C, Vitamin B6 und Niacin. Als Speichermedium dient hauptsächlich die Skelettmuskulatur.
Der Körper produziert täglich 10 bis 20mg Carnitin selbst und wir nehmen etwa 100 bis 300mg pro Tag aus tierischen Nahrungsmitteln auf.
Tierische Nahrungsmittel wie Fleisch von Schafen, Rind und Huhn und Milchprodukte sind die wichtigsten Carnitin-Lieferanten (z.B. Schaffleisch 2100 mg/kg, Ziegenfleisch 1700 mg/kg, Rindfleisch 700 mg/kg). Besonders reichhaltig sind Krabben (9000 mg/kg). Eier und
Milchprodukte enthalten nur sehr wenig und Obst und Gemüse nur relativ geringe Mengen
(z.B. Hühnerei 8 mg/kg, Tomaten 29 mg/kg, Erbsen 12 mg/kg).

Der Pool im Körper beträgt ca. 20 g. Davon befinden sich etwa 95% in der Skelett- und ca. 3% in der Herzmuskulatur. Die Carnitin-Konzentration im Herzmuskel, der auf die Fettverbrennung angewiesen ist, ist z.B. mehr als 100mal so hoch wie im Blut.

Welche Wirkungen hat L-Carnitin?

Auf die Beschreibung der komplexen biochemischen Prozesse in den Mitochondrien, an denen Carnitin beteiligt ist, möchte ich hier verzichten. Auf alle Fälle werden langkettige aktivierte Fettsäuren aus der Zellflüssigkeit in die Mitochondrien geschleust und hier zur Bereitstellung von Energie genutzt. Carnitin ist somit von entscheidender Bedeutung im Energiestoffwechsel.
Folgende Wirkungen, die auch für den Ausdauersportler relevant sind, konnten in wissenschaftlichen Studien in Bezug auf L-Carnitin und Leistungsfähigkeit nachgewiesen werden:

1.ein erhöhter Blutfluss während und nach Belastungen, Verminderung der Herzfrequenz
2. reduzierte zelluläre Schäden während körperlicher Aktivität (antioxidative Wirkung)
3. eine das Immunsystem unterstützende Wirkung
4. ein positiver Einfluß auf die Reparatur von geschädigten Geweben sowie die Regeneration
5. die Ankurbelung der Energiebereitstellung aus Fettsäuren, die zu einer Glykogeneinsparung führt und so das Auftreten von Müdigkeitserscheinungen verzögert
6. eine Erhöhung der maximalen Sauerstoffaufnahme
7. ein Absinken des Laktatspiegels
8. eine Verminderung von Muskelschwäche
9. eine Erhöhung der Ausdauerleistung

Zusammengefasst hat L-Carnitin folgende Wirkungen (nicht nur für den Sportler relevant):

a) am Muskel:

–steigert Kraft und Ausdauer
–lindert körperliche und mentale Ermüdung
–fördert den Erhalt und die Neubildung von Muskelmasse
–reduziert Muskelverletzungen, Muskelkater, Seitenstiche
–beschleunigt die Regeneration

b) am Herzen

–steigert die Herzleistung, Herzkraft, ATP-Produktion
–senkt die Herzfrequenz unter Belastung
–reduziert die Herzinfarktintensität
–reduziert Symptome der Herzschwäche, Angina pectoris
–erhöht die Belastbarkeit des Herzens

c) im Immunsystem:

–versorgt die Immunzellen mit Energie
–steigert die Aktivität der Immunzellen unter Belastung
–erzielt positive Effekte auch dann, wenn andere Immunstimulantien kontraindiziert sind

d) im Nervensystem:

–verlangsamt die Alterung des Gehirns (Demenz, Alzheimer)
–verbessert die kognitiven Fähigkeiten wie Konzentration, Erinnerung und
–Lernfähigkeit
–verringert den Verlust von Rezeptoren
–beschleunigt die Erneuerung von Gewebe

e) in der Leber:

–verbessert die Leberfunktion
–steigert die Proteinsynthese und die Fettverbrennung der Leber
–reduziert die Fettleberproblematik beschleunigt die Erneuerung von Lebergewebe
–reduziert die Schädigung der Leber durch Alkohol

f) auf die Spermien:

–verbessert die Spermienbeweglichkeit
–erhöht die Spermienmenge und Spermienzahl
–steigert die Fruchtbarkeit der Spermien

Ist es nun aber sinnvoll, dass ein gesunder Ausdauersportler, der sich ausgewogen ernährt, Carnitin als Nahrungsergänzungsmittel zu sich nimmt?

In der Literatur wird angegeben, dass der Leistungssportler einen erhöhten Bedarf habe, genauso wie jemand, der sich ausschließlich vegetarisch oder gar vegan ernährt.
Eine andere Aussage lautet:
Bei körperlich sehr aktiven Personen, die sich ausschließlich vegan ernähren oder nach Belastungen unerklärlich hohe Muskelschädigungen aufweisen oder zuwenig Eiweiß aufnehmen (Lysin, Methionin) und Mikronährstoffmängel aufweisen (Eisen, Vitamin B6, Niacin, Vitamin C), kann ein Carnitinmangel nicht ausgeschlossen werden. Alles etwas schwammig, finde ich.

So wird dem Leistungssportler eine Tagesdosis von 1000 bis 2000mg in der Trainingsphase und 2000 bis 4000mg an Wettkampftagen empfohlen, um die oben genannten nützlichen Effekte im Sinne eines „Metabolic Tuning“ ausnutzen zu können.

Anders sieht die Sachlage allerdings aus, wenn es um chronisch Kranke geht. Bei Herzinfarkt, bei koronarer Herzkrankheit, bei Herzinsuffizienz, bei Alzheimer, bei chronischem Müdigkeitssyndrom, bei Leberzirrhose, bei männlicher Infertilität, bei Multipler Sklerose, bei Muskeldystrophien, bei Neuropathien, bei Krebserkrankungen – da ist es sicher sinnvoll neben den schulmedizinischen Behandlungsmethoden die orthomolekulare Nahrungsergänzung in die Therapie mit einfließen zu lassen.

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

Quellen:
Gröber, Mikronährstoffe, 3.. völlig überarbeitete und erweiterte Auflage, Stuttgart 2011
Spichalsky, Kursunterlagen zur Ausbildung zum Orthomolekular-Therapeuten Block I, März 2013

Unser Biochemie-Professor

Unser Biochemie-Professor vertritt eine ähnliche Meinung, wie ich sie mal als Konsens schließe... eine gesund ernährter Ausdauersportler braucht eig. kein Carnithin als NEM.

Wen Carnithin und seine Wirkung brennend interessiert:
Im Zweifelsfall ist der "Löffler, Biochemie & Pathobiochemie" vom Springer-Verlag eine Bibel ;)

Edit:
Mich interessiert der Zusammenhang zw. L-Carnithin und Alzheimer bzw. sehe ich gerade aus dem Stand keinen Zusammenhang, da Alzheimer doch eine Prionenerkrankung sein soll?

für mich sehr einfach

ich vertrag das Zeug nicht ;-)

War eine langwierige Suche, bis ich herausfand, warum manche Isopülverchen und -riegel bei mir den Magen-Darm-Trakt zerhauen: jetzt weiß ich es!

Saarvoir courir - laufen wie bekloppt im Saarland

Prionenhypothese

Soweit ich weiß, ist es noch nicht belegt, dass man sich mit Alzheimer "anstecken" kann. Ich glaube, da gibt es bislang nur Tierexperimente, oder?

Ansonsten habe ich gelesen:
Acetyl-L-Carnitin hat bei Patienten mit einer Demenz vom Alzheimertyp kognitive Leistungen positiv beeinflusst.
Eine längerfristige Einnahme dürfte zu einer Steigerung der Langzeitgedächtnisleistung führen.

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

Da scheinst du eine besondere Empfindlichkeit zu haben

Denn eigentlich heißt es:
Sehr hohe Dosen können gelegentlich zu Übelkeit und Magen-Darmbeschwerden führen (Übelkeit, Erbreche, Diarrhoe - nach Absetzen reversibel).
Ernsthafte Nebenwirkungen oder gar toxische Wirkungen sind allerdings dem heutigen Wissensstand gemäß nicht zu erwarten.

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

besondere Empfindlichkeit

das kann sein! Ansonsten habe ich einen Magen wie ein Pferd, kann mich in meinem ganzen Leben vielleicht an zwei Magen-Darm-Infektionen erinnern, aber Laufen plus L-Carnithin wirkt bei mir "Wunder" :-((( Und das Zeug ist (aus meiner Sicht: leider) fast über all drin in den ganzen Isodrinks und Co. Laufastra brachte mich mal auf die Idee es mit Ultrabars zu probieren, das ist auf Molke-Basis, und siehe da: keine Probleme!

An eine Überdosierung glaube ich bei Marathonläufen eigentlich nicht, soviel kriegt man aus den Bechern ja gar nicht raus :-))))

Saarvoir courir - laufen wie bekloppt im Saarland

L-Carnitin erhöht Arteriosklerose-Risiko

Hallo Sonnenblume2,
heute findet sich beim Newsticker von "Bild der Wissenschaft" eine Studie mit sehr deutlicher Warnung vor L-Carnitin (gerne bei Ausdauersportlern genommenes Nahrungsergänzungsmittel).

http://www.wissenschaft.de/wissenschaft/news/316989.html

Das als "gesund geltende" L-Carnitin (Inhaltsstoff des roten Fleisches) bewirkt, "dass sich in unserer Darmflora vor allem die Mikroben vermehren, die ein Arteriosklerose förderndes Abbauprodukt erzeugen."
...
"Dass das L-Carnitin im Fleisch auch schädlich sein könnte und im speziellen Gefäßerkrankungen fördert, darauf kamen Robert Koeth von der Cleveland Clinic und seine Kollegen über einen Umweg: Schon vorher war bekannt, dass ein von manchen Bakterien produziertes Abbauprodukt, Trimethylamin-N-Oxid (TMAO), Arteriosklerose fördern kann. Weil L-Carnitin dem Ausgangsstoff dieses Abbaus sehr ähnelt, stellte sich nun die Frage, ob vielleicht unsere Darmflora auch das Carnitin in TMAO umwandelt - und damit in einen gefäßschädlichen Stoff.

Darmflora wandelt L-Carnitin in schädlichen Stoff um"

Fazit der Wissenschaftler:
"Nahrungsergänzungsmittel könnte krank machen

"Unsere Ergebnisse enthüllen einen neuen Weg, über den rotes Fleisch Arteriosklerose und andere Gefäßerkrankungen fördert", konstatieren die Forscher."
...
Dieser neu entdeckte Zusammenhang wirft ein "ungutes Licht auf die weit verbreitete Nutzung von L-Carnitin als Nahrungsergänzungsmittel. "Die Sicherheit einer oralen Dauereinnahme sollte dringend untersucht werden, denn sie könnte die Vermehrung von Darmmikroben fördern, die besonders viel TMAO erzeugen und damit das Arteriosklerose-Risiko stark erhöhen", warnen die Forscher."

waldboden:
Auch zeigt die Studie - was meine bei meinen alten Kommentaren zu Nahrungsergänzungsmitteln (NEM) bereits mehrfach geäußerte Sorge bestätigt -, dass Nutzen und Schaden von einer Fülle von Zusatz-Faktoren abhängen. Diese L-Carnitin-Studie belegt, dass die Darm-Flora von Vegetariern/Veganern auf L-Carnitin nicht mit dem gefährlichen gefäßschädigenden Abbauprodukt reagiert, aber dagegen stark die Darmflora von Fleischessern. Die Art der Ernährung wirkt sich auf die Art der Mikroben in der Darmflora aus, das wiederum führt zu unterschiedlichen Folgen von Nahrungsbestandteilen oder NEM.

Hallo Sonnenblume2 und Orthomolekular-Therapeuten: bitte nehmt eine solche Studie zum Anlass, sehr vorsichtig/kritisch mit L-Carnitin-Empfehlungen wie oben z.B. bei chronischen Erkrankungen zu sein.

Grüße,
waldboden

Original-Artikel ist veröffentlicht in:
Robert Koeth (Cleveland Clinic, Ohio) et al., Nature Medicine (2013)doi:10.1038/nm.3145
Published online 07 April 2013

Intestinal microbiota metabolism of l-carnitine, a nutrient in red meat, promotes atherosclerosis

http://www.nature.com/nm/journal/vaop/ncurrent/full/nm.3145.html

Vielen Dank, waldboden!

Das werde ich nochmal in Ruhe nachlesen, finde ich sehr interessant. Aber habe ich das richtig verstanden? Ein Veganer, der ja durch seine Ernährung einen Carnitinmangel induziert, verträgt Carnitin als NEM gut? Und ein sich ausgewogen ernährender Allesesser verträgt das nicht? Und der braucht das ja wahrscheinlich auch nicht, da er ja mit dem Fleisch genug aufnimmt...?

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

vielen Dank

für die (wiedermal) von allen Seiten beleuchtete Diskussion!

Die letzte Fragestellung von Sonnenblume an waldboden interessiert mich auch!

Gruß, Dominik
_____________________
"Wochenenden zählen nur, wenn man sie mit völlig sinnlosen Dingen verbringt!"

Carnitin und Wirkung bei Leistungs-/Ausdauersport

@sonnenblume
> In der Literatur wird angegeben, dass der Leistungssportler einen
> erhöhten Bedarf habe
...
> So wird dem Leistungssportler eine Tagesdosis von 1000 bis 2000mg in der
> Trainingsphase und 2000 bis 4000mg an Wettkampftagen empfohlen, um die oben
> genannten nützlichen Effekte im Sinne eines „Metabolic Tuning“ ausnutzen
> zu können.

Hier noch ein genauerer Blick auf L-Carnitin und seine angeblichen und tatsächlichen Auswirkungen auf Sport/Ausdauersport:

Stand der Forschung zu L-Carnitin und Sport/Ausdauersport: Ernährungswissenschaftler Prof. Dr. Andreas Hahn und Dipl. oec. troph. Olaf Hülsmann vom Institut für Lebensmittelwissenschaft der Universität Hannover:
Quelle: vegetarische Ernährung und L-Carnitin -> Ausdauersport

Die körperinterne Aufgabe von L-Carnitin ist der Transport von Fettsäuren aus der Nahrung oder dem Fettgewebe _innerhalb_ unserer Körper-Zellen. Ohne L-Carnitin klappt der Transport von Fettsäuren in unsere "Zellkraftwerke" (= Mitochondrien) nicht.

Wegen der Fettsäure-Transport-Aufgabe von Carnitin wird nun häufig behauptet, dass die Zufuhr von Carnitin zu einer erhöhten Leistungsfähigkeit bei Ausdauerbelastungen oder gesteigertem Fettabbau führt (L-Carnitin wird hier als "Fat-Burner" zur Übergewichtsreduktion angepriesen). Zusätzliches Einnehmen von L-Carnitin soll die Fettverbrennung steigern, weil dann angeblich mehr Fettsäuren in die Mitochondrien aufgenommen werden.

Aber: Die Einnahme von L-Carnitin als Nahrungsergänzungsmittel, sogar in Dosierungen von mehreren Gramm pro Tag, steigert nur die Menge von Carnitin im Blut, aber nicht die Carnitin-Menge im Muskel!

Außerdem ist die Menge von L-Carnitin im Muskel nicht der entscheidende, begrenzende Faktor für die Energiegewinnung aus Fetten, sondern begrenzend wirken die Anzahl von Mitochondrien ("Zellkraftwerke") und die maximale Sauerstoffaufnahme bei Belastung.

Auch wird L-Carnitin vom Körper effektiv wiederverwertet, also nicht „verbraucht“. So sinken selbst bei extremen Ausdauerbelastungen die Carnitin-Mengen in der Muskulatur nicht ab.

Placebokontrollierte Studien zeigen keinen positiven Effekt von L-Carnitin auf die Leistungsfähigkeit bei sportlichen Belastungen (und zeigen auch keine Auswirkungen auf die Gewichtsabnahme bei einer Diät!).

Insgesamt ergibt sich aus der wissenschaftlichen Literatur:
Eine erhöhte Aufnahme von Carnitin bringt weder eine Leistungssteigerung bei Sport/Ausdauerbelastung/Marathon, noch eine erhöhte Fettoxidation mit verstärktem Abbau von Fettgewebe (Gewichtsabnahme bei Diät).

Stattdessen bringt Carnitin bei Allesessern/Fleischessern ein deutlich erhöhtes Risiko für Gefäßschädigungen.

Herzliche Grüße,
waldboden

Vegetarier/vegan

Hallo Sonnenblume2 und nicksdynamics,

testweise haben die Forscher radioaktiv markiertes NEM L-Carnitin Fleischessern, Veganern/Vegetariern in fester Dosis gegeben und dann gemessen, wie viel von dem Abbauprodukt TMAO, das Gefäße schädigt, entsteht. Sie kommen zu folgendem Ergebnis:

""Ob jemand beispielsweise Veganer, Vegetarier oder Fleischesser ist, beeinflusst, welche Mikrobenarten in seinem Darm dominieren", erklären die Forscher. Deshalb führten sie als nächstes den Carnitin-Test mit 23 langjährigen Veganern und Vegetariern und 51 Fleischessern durch. "Die Unterschiede waren erstaunlich", berichten Koeth und seine Kollegen. Während bei den Fleischessern der TMAO-Wert deutlich anstieg, hatten die Veganer und Vegetarier auch nach mehreren Stunden noch viel Carnitin, aber kaum TMAO im Blut. Vergleiche der Darmflora aller Probanden ergaben zudem deutliche Unterschiede in der Artenzusammensetzung. Nach Ansicht der Forscher spricht dies dafür, dass ein ständig hoher Fleischkonsum die Darmflora zugunsten der Arten verändert, die vermehrt das gefäßschädliche TMAO produzieren.

@sonnenblume2
Der Allesesser/Fleischesser "verträgt" weder das nahrungseigene L-Carnitin, noch L-Carnitin als Nahrungsergänzung, sondern bei Fleischessern ist die Darmflora so verändert, dass hier jedes Carnitin (extern, nahrungsintern) vermehrt zu dem gefäßschädigenden TMAO abgebaut wird. Veganer/Vegetarier haben eine Darmflora, die L-Carnitin _nicht_ zu gefäßschädigendem TMAO abbaut.

Weder Vegetarier noch Veganer haben einen automatischen Mangel an L-Carnitin:
Vegetarier nehmen insbesondere über Milchprodukte/Käse Carnitin auf (ca. 1/4 der Menge der Fleischesser), Veganer nehmen über Nahrung ca. 1/10 der Fleischesser-Carnitin-Menge auf (z.B. Nüsse, Cerealien). Da unser Körper Carnitin auch selbst herstellen kann (Selbst herstellen = endogene Synthese aus den Eiweißen Lysin und Methionin unter Mithilfe von Vitamin C, Vitamin B6, Niacin und Eisen).

Ernährungswissenschaftler Prof. Dr. Andreas Hahn und Dipl. oec. troph. Olaf Hülsmann vom Institut für Lebensmittelwissenschaft der Universität Hannover:
"Der Körper kann L-Carnitin nicht nur „in geringen Mengen selbst produzieren“, der Bedarf kann vollständig über die endogene Synthese gedeckt werden. Folglich handelt es sich weder um einen essenziellen noch um einen „vitaminähnlichen“ Nährstoff."
...
"Vorstellbar wäre ein Mangel an L-Carnitin bei veganer bzw. makrobiotischer Ernährung, wenn aufgrund ungünstiger Lebensmittelauswahl die Versorgung mit Protein bzw. Eisen unzureichend ist. In diesem Fall wäre jedoch nicht die Einnahme von L-Carnitin angezeigt, sondern eine Verbesserung der Versorgungslage mit diesen tatsächlich essenziellen Nährstoffen."
Quelle: vegetarische Ernährung und L-Carnitin

Mein Fazit:
a) weder Vegetarier, noch sich ausgewogen ernährende Veganer noch Allesesser brauchen L-Carnitin als Nahrungsergänzung.
b) Menschen mit hohem Konsum von rotem Fleisch haben über das L-Carnitin im Fleisch ein offenbar deutlich erhöhtes Risiko für Arteriosklerose/Gefäßschädigungen, das zusätzlich zum Tragen kommt, wenn Carnitin als Nahrungsergänzung eingenommen wird.
c) "Pudding"-Vegetarier oder Veganer, die sich nicht angemessen mit ausgewogener Ernährung befassen, haben ggf. ein Risiko für einen Mangel an L-Carnitin, weil ihnen ggf. Eisen und wichtige Aminosäuren fehlen, um es selbst herzustellen.
d) gesundheitsschädlich wird es dann besonders, wenn - neben Fleischkonsum - noch völlig unkontrollierte, nicht erkennbare Carnitin-Zugaben in Sportgetränken, Pillen, selbst in Drogerie zusammengestellter Nahrungsergänzung zusammenkommen ...

Gruesse,
waldboden

Teil 1 und Teil 2

Wo finde ich denn Teil 1 und 2?

Ebenfalls im Forum "Laufen

Ebenfalls im Forum "Laufen und Gesundheit", ein bisschen weiter unten.

Nochmal danke, Waldboden!

Habe jetzt die Studie zur Carnitinzufuhr beim Fleischesser und Vegetarier gelesen. Ein bisschen komisch fand ich das Studiendesign: die Probanden (5 Allesesser und 1 Veganerin und später 51 Allesesser und 23 Vegetarier und Veganer) haben sowohl Fleisch als auch gleichzeitig eine Carnitinkapsel als NEM bekommen. Wenn man eine schädigende Wirkung von Carnitin als NEM untersuchen will, hätte ich doch nur Carnitin als NEM gegeben. Ungewöhnlich fand ich auch, dass Vegetarier oder gar Veganer zu Studienzwecken Fleisch gegessen haben, also dass die das ethisch überhaupt für sich vertreten konnten, aber das ist ein anderes Thema.

Im Ärzteblatt vom Mo, dem 8. April 2013, stand als Resümee:
"Bevor die medizinischen Fachgesellschaften TMAO als Risikofaktor für Herz-Kreislauferkrankungen akzeptieren, dürfen sicherlich weitere Untersuchungen notwendig sein. Wenn Hazen allerdings Recht hat, könnten sich daraus neue Perspektiven ergeben. Sie betreffen auch den Einsatz von Carnitin als Nahrungsergänzungsmittel, der möglicherweise mit bisher nicht bekannten Risiken verbunden ist."
Auf jeden Fall ein sehr interessanter Aspekt.

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

Brauchen Sportler Nahrungsergänzungsmittel?

Teil 1 zum Thema "Vitamin D" findest du hier(click) und
Teil 2 zum Thema "Wenn Medikamente regelmäßig eingenommen werden müssen" findest du hier.

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

@waldboden

Vielen Dank für den fachlichen Input. Bei Carnitin hatte ich bislang auch nicht die wahre Überzeugung gespürt, dass das sehr wichtig sein könnte für den Sportler.
Ganz anders übrigens als beim Vitamin D, da bin ich vom Nutzen einer Zufuhr von Oktober bis einschließlich März mehr denn je überzeugt.

Sinnvoll empfände ich die Carnitin-Zufuhr dann eigentlich nur noch beim Alzheimer- oder Demenz-Patienten, da der nach Studienlage davon wirklich profitiert, was die kognitive Leistungsfähigkeit angeht. Und da würde für mich das erhöhte Risiko einer koronaren Herzkrankheit vertretbar erscheinen.

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

@sonnenblume2

Hallo Sonnenblume2,
es war spürbar, dass Du nicht von Carnitin überzeugt warst - im Gegensatz zu Vitamin D ;-)

Die einzige mir bekannte eindeutige Empfehlung (der National Kidney Foundation) für Carnitin-Substitution gibt es bei chronischen Dialysepatienten bei der Hämodialyse-assoziierten-L-Carnitin-Störung (die Blutwäsche "wäscht" auch das wasserlösliche Carnitin raus):
Practice Recommendations for the Use of L-Carnitine in Dialysis-Related Carnitine Disorder. National Kidney Foundation. Carnitine Consensus Conference. Am J Kidney Dis 2003, 41:868-876)

Aber das hat wieder nichts mit dem Laufen zu tun, pardon ...

Grüße, und danke für die immer offene, anregende Diskussion,

waldboden

@sonnenblume2: ungewöhnliches Studien-Design

ja, das Studien-Design mit einzelnen fürs Experiment fleisch-essenden Veganern fand ich auch beachtlich:

Hier schreiben die Autoren:
http://www.nature.com/nm/journal/vaop/ncurrent/extref/nm.3145-S1.pdf
"Plasma levels of carnitine and d3-carnitine following carnitine challenge (steak and d3-carnitine) in typical omnivore with frequent red meat dietary history and a vegan subject. Plasma was isolated at baseline (T = 0) and the indicated times points following carnitine challenge (8-ounce steak + 250 mg of d3-carnitine) in an omnivore who reported near daily consumption of red meat, and in the one vegan subject who agreed to consume 8 ounces of steak with the d3-carnitine."

Also: manche untersuchten Veganer haben offensichtlich zugestimmt, das Steak zusammen mit Carnitin zu essen ...

aber: es gab auch Veganer, die nur die Carnitin-Kapsel nahmen:
Plasma levels of d3-carnitine following d3-carnitine challenge (no steak) in omnivorous (n = 5) versus vegan subjects (n = 5). Similar studies to that shown in Supplementary Figure 6 where carnitine challenge did not include ingestion of steak, but only d3-carnitine(250 mg) in a capsule.
sh. Seite 13.

Grüße,
waldboden

Meine Meinung: Auf dem Level

Meine Meinung: Auf dem Level wo hier 99% der User laufen, würde ihnen 2 Stunden mehr trainieren und ein paar Stücke mehr Obst und Gemüse bedeutend weiterhelfen, als diesen ganzen gehypten NEM, die nur einem helfen: Dem Hersteller.

Schönes Wochenende euch allen

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