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Fortsetzung von Teil 1

Samstag 6:15 Uhr. Der Vibrationsalarm meiner Garmin reißt mich aus dem Schlaf. Gerade hatte ich davon geträumt, wie ich beim UTMB ... Okay, geschenkt, aufstehen.

Ich quetsche mir ein Scheibchen Brot rein, nippe an einem Glas Mineralwasser und mache Katzenwäsche, bevor ich im Internet nach den Wetterverhältnissen schaue. Rausgucken sagt mir nur, kein Regen. Das Netz sagt: -2°Celsius, Regenwahrscheinlichkeit 20% und, schluck, es gibt auch noch eine amtliche Wetterwarnung für mich: Schwere Sturmböen. Was für ein Glück, dass ich heute nicht im Wald laufen will sondern nur auf Freiflächen an der Ruhr unterwegs ..., moment, scheiße, Freiflächen. Na, das wird ein Spaß.

07:09 Uhr. Mit etwas Verspätung komme ich los, laufe Richtung Schwimmbrücke Dahlhausen, um danach rechts Richtung Essen abzubiegen. Schon kurz hinter der Brücke, gerade mal zwei Kilometer sind gelaufen, haben sich die Schmerzen in meinem Knie zu einer deftigen Auarei verdichtet. Erster Bahnhof ist in Essen-Horst, nach fünf Kilometern. Scheixe, das ist noch verdammt weit bis dahin, aber zurücklaufen kommt gar nicht in Frage.

Ich gehe ein paar Meter, laufe wieder an, gehe wieder und treibe das Spielchen gut zehn Minuten. Als ich an der Brücke ankomme, die ich rechts ab Richtung Horster S-Bahnhof laufen müsste, treffe ich eine Entscheidung. Mein Motto für heute soll lauten: Finde heraus, was hinter dem Schmerz kommt. Die Warmduscherviariante von: Was kommt nach dem Tod?

Der Doc meint, bis zu einem Wert von 5 auf der klassischen Zehner-Schmerzskala könnte ich laufen. Im Moment fühlt es sich nach 6 an, aber ich bin halt ein Mann. Das wehleidige Geschlecht. Frauen würden meinen Schmerzzustand möglicherweise mit 4 bewerten. Also gut, ich einige mich mit mir selbst auf 5. Die 10 hab' ich immerhin schon erlebt. Ausgerechnet ausgehend vom linken Knie. Ist zwar schon mehr als 15 Jahre her, aber immer noch präsent. Nach einer OP musste mir damals die Drainage aus den Tiefen des Kniegelenks gezogen werden. Leider war das Ding schon angewachsen. Die angebotene örtliche Betäubung hatte ich ausgeschlagen. Mit dem Ergebnis, dass mir beim Rausziehen vor höllischen Schmerzen die Tränen über die Backen flossen und ich mich, der Ohnmacht nahe, erstmal leichenblass ablegen musste.

Also gut, immer schön 5er Schmerzschnitt laufen. Tempo liegt bei, ja, wo liegt es denn? 5:28 auf den ersten 5 Kilometern mit den Gehpausen. Ich lege mir Radio auf die Ohren, und sie spielen eine meiner Lieblingsbands. Foo Fighters mit These Days: ... But it's all right. Yet it's all right. I said it's all right .... Nee, iss klar.

Ich laufe auf den nächsten S-Bahnhof zu: Steele-Ost. Schmerzschnitt ist runter auf 4. Streckenkilometer 8. Pace-Schnitt jetzt bei 5:24. Im Radio Paul Kalkbrenner, Sky and Sand. ... I found myself alive ... Immerhin.

Ach, scheiß auf den Bahnhof, ich weiß ja immer noch noch nicht, was hinter dem Schmerz kommt. Könnte ja sein, dass da ein ekstatischer Zustand auf mich wartet.

Schmerz weiter 4, Pace-Schnitt weiter bei 5:24. Sturmböen kommen von der Seite, sie schieben mich nicht an, blockieren aber auch nicht.

Also gut, ich könnte unterhalb der Villa Hügel in die S-Bahn steigen. Sind noch ein paar Kilometer bis dahin, aber das sollte zu schaffen sein. Ich bin jetzt am Baldeneysee angekommen. Wo verdammt bleibt die Ekstase? Dideldum. Gossip. Move In The Right Direction. Das will ich auch hoffen.

Vor mir tauchen zwei Läufer auf. Einer in grüner Jacke, der andere ganz in Schwarz. Wo kommen die jetzt her? Ach ja, vom Parallelweg. Ui, sind die zügig unterwegs. Sieht trotzdem ganz locker aus. 5er Schnitt würde ich schätzen.

Mir wird langweilig. Knieschmerz jetzt nur noch bei 3. Seed singt: Deine Augen machen bling, bling, und alles ist vergessen. Was hab' ich gerade gedacht? Hm, vergessen. Ach ja, wie schnell ich jetzt unterwegs bin, wollte ich wissen. Die Uhr sagt, dass die letzten drei Kilometer in 5:03, 5:16 und 5:10 weggingen. Ich weiß schon, warum ich lieber Trails laufe. Da gibt's genug anderes zu tun und zu sehen als auf die Uhr zu gucken.

Mir ist immer noch langweilig, und es ist nicht mehr weit bis zur Staumauer. Vielleicht sollte ich mal versuchen, die beiden Jungs einzuholen. Also einen Gang raufschalten. 4:49, 4:50 – die Staumauer ist erreicht. Auf der Treppe überhole ich die beiden Jungs und raune ihnen ein "Ihr seid aber verdammt zügig unterwegs" zu. Scheiße, was war das denn für ein bescheurter Spruch, denke ich, als ich ein paar Meter weiter die Treppen der Staumauer wieder runterlaufe. Halbmarathon war kurz vor der Staumauer durch. 1:53:56. Na ja, nicht gerade pralle für Flachstrecke.

Knie wieder bei 4. Treppab ist scheiße. Kaum bin ich unten bläst mir eine fette Sturmböe ins Gesicht. Na super. Aber was kann der Wind dafür, dass ich Knie hab'. Ich nehme Tempo raus. Ab jetzt fängt Rückweg an. Im Radio spielen sie Pinks "Blow me". Sachen gibt's.

Aus dem linken Augenwinkel erkenne ich plötzlich eine grüne Jacke. Ah, meine beiden Jungs sind wieder rangelaufen. Das konnten sie wohl nicht auf sich sitzen lassen, dass sie von so einem Rucksacktouristen überholt werden. Ich zettel' ein Gespräch an. Sie erzählen, dass sie aus Wuppertal kommen.

"Und dann den ganzen Weg in diesem Tempo unterwegs? Hut ab!" sage ich.
"Nee, nee, wir sind mit dem Auto hier. Wir parken in Kupferdreh. Und wo kommst du her?"
"Bochum."
"Und den ganzen Weg gelaufen?"
"Jepp."
Ich werde nicht aus Unhöflichkeit so wortkarg, sondern weil sich bei mir jetzt, bei 5:10er Tempo und heftigem Gegenwind, fehlende Grundlagenausdauer neben dem 4er Schmerzlevel bemerkbar macht. Die Jungs erzählen, dass sie sich auf einen Marathon vorbereiten. Ich höre zu, was mir ausnahmsweise lieber ist als sie zuzutexten, wie das sonst meine Unart ist.

"Im Moment sind wir noch zügig unterwegs, aber mal sehen, wie's auf der zweiten Runde wird. Meistens wird' ab Kilometer 24 für die letzten 4 Kilometer zäh", berichtet einer der beiden. "Wie lange bist du denn schon unterwegs?"

Ich blicke zur Uhr. "24 Kilometer. Und jetzt melde ich mich mal zum pinkeln ab. Danach laufe ich einen Tacken ruhiger." Ich bedanke mich für das Gespräch, wünsche den beiden noch einen schönen Lauf und suche mir den nächsten Baum. Verdammt, bin ich platt.

Das Anlaufen fällt schwer, zumal das Knie wieder bei 5 angekommen ist. Dazu kommt der sturmböige Gegenwind. Noch ungefähr drei Kilometer bis Bahnhof Kupferdreh. Da könnte ich aussteigen. Ich gehe ein paar Meter während im Radio Calvin Harris feat. Florence Welch mit Sweet Nothing läuft. Normalerweise macht mir der Song Beine. Jetzt nicht. Schlechtes Zeichen.

Ich gehe auf den Bahnhof zu. Ich bin platt. Also gut, das war's jetzt. Das ekstatische Erlebnis hinter dem Schmerz ist ausgeblieben. Cro singt Easy. Easy? Nee, war's nicht. Aber wenn's schon nicht easy war, wäre es ja auch kein großes Ding, noch etwas weiterzulaufen. Schmerz konstant bei unisex 5. Solange es nicht 6 wird, kann ich noch ein bisschen leiden. Ich lasse den Bahnhof rechts liegen und gönne mir das einzige Stück Trail, was einzubauen möglich ist. 2,5 Kilometer mit ein bisschen Matsch, Wiese und kleinen Steinchen. Nix wildes, aber nett.

Inzwischen droht der Schmerzpegel die 6 zu erreichen. Ausgerechnet an dem Punkt, wo ich auf der gesamten Strecke kaum weiter von einer S-Bahn Station entfernt sein könnte. Ich bin immer noch ziemlich platt, warum sollte sich das auch ändern. Der Schmerz und die Windböen tun ein übriges. Ich gehe ein Stück, mache noch eine Pinkelpause, mehr aus psychologischen denn wirklich notwendigen Gründen, und versuche wieder in Tritt zu kommen. Es gelingt mir nicht so recht. Es schmerzt wieder stärker. Dazu wird das Knie immer unbeweglicher. Ich höre Coldplay & Rihanna. Princess of China. "Cause you really hurt me. Ooooooooh no you really hurt me .... Oooooooh-oh oh oooooooh oh oh oh ohhhhhhhhh"

Oohhh ohhhhoo aua aua. Mir bleibt keine Wahl: Bis Steele-Ost muss ich mich irgendwie noch durchbeißen. Und immer wieder diese Sturmböen von der Seite und auch von vorne. Plötzlich ist der Weg versperrt. Ein dicker Baum hatte dem Wind nicht mehr standgehalten und war abgeknickt. Auf dem Hinweg hatte er noch gestanden. Wie gut ... , nein, das denke ich jetzt nicht zu Ende. Ein Blick zur Uhr. Es sind jetzt noch gut 1,5 Kilometer bis zum Bahnhof, und ich habe noch 10 Minuten bis einer der halbstündig getakteten Bahnen dort einläuft. Sollte zu schaffen sein. Ich zwinge mich noch mal, nicht zu bummeln und bin tatsächlich rechtzeitig am Bahnsteig. Die Uhr zeigt exakt 37 gelaufene Kilometer an. 3:22 Stunden war ich unterwegs. Von hier bringt mich jetzt nur noch die S-Bahn weg. 100%. Dann steige ich ein. 7,5 Kilometer wären es noch bis nach Hause gewesen. Aber die letzten Kilometer haben einfach zu nah an der 6 gelegen. Die Ekstase war bis hierhin ausgeblieben. Wieso sollte sie ausgerechnet noch auf den nächsten Kilometern kommen? Nein. Ende. Finito. Feierabend.

Jetzt sitze ich am Computer und frage mich, welche Erkenntnis mir dieser Lauf gebracht hat. Zumindest eine wichtige. Es war nicht weniger schmerzvoll flach und auf Asphalt zu laufen als im Gelände. Sicher, steile Trails runterwärts sind schon besonders schmerzhaft, aber die könnte ich ja auch gehen und mich hochzu und auf Flachstücken ein bisschen ranhalten.

Noch zwei Wochen Sport-Reha. Sollte es dann nicht besser sein, werde ich eine Athroskopie machen lassen. Das MRT liefert keinen genauen Aufschluss darüber, ob der Meniskus beschädigt ist oder nicht. Er sieht zumindest verdächtig problematisch aus. Da braucht's dann irgendwann Klarheit. Länger will ich mich nicht mehr durchhangeln. Ich will, dass Laufen wieder rundherum Spaß macht. Und das macht es gerade nicht.

Aber immerhin: Ich hab' jetzt neue Schuhe, die ich sowohl auf Trails wie auch auf der Straße anziehen kann ;-).

4
Gesamtwertung: 4 (2 Wertungen)

Mensch Klada...

... mir tut mein Knie schon weh nur vom lesen :0(, obwohl es ein guter Bericht ist!
Pass nur auf, dass du dich nicht ganz schrottest :0(...!
Und von dieser verwachsener Drainage(6mm) Aktion, mit dem Gefühl während einer OP wach zu werden, muss nicht unbedingt getestet werden, glaube mir, dass muss man(n) nicht wirklich haben...
Aber wem sage ich das ;0)... Du schreibst es ja, um keine Nachahmer zu mobilisieren...

Werde schnell wieder Gesund!

Gruß, Kaw.

Lieber Klada,...

wenn ich das so lese, tut es mir in der Seele weh...:o(
Es ist wohl wirklich an der Zeit, andere Mittel und Wege zu beschreiten und das nachschauen zu lassen, bevor Du noch mehr leidest.
Es dauert schon zu lange. :o(
Dieses demotivierende Gefühl, wenn man unter schmerzen läuft ist grausam, auch wenn es manchmal anders nicht geht, um da raus zu kommen.

Ich bin ehrlich und wünsche Dir, dass sie eine Erklärung finden, die auf jeden Fall reparabel ist.
Dann wären es zwar noch ein paar Wochen Geduld, aber der Klada weiß, dass er wieder hoffentlich schmerzfrei laufen wird.
Ich drück Dir ganz fest die Daumen!!

Lieben Gruß Carla
"Mancher rennt dem Glück hinterher, weil er nicht merkt, dass das Glück hinter ihm her ist, ihn aber nicht erreicht, weil er so rennt!" (Bert Hellinger)

Gute Besserung!

Ich drück Dir die Daumen, dass die Quälixfaktoren bald wieder ein Vielfaches Deiner jetzigen Schmerzfaktoren sind und die Schmerzfaktoren stattdessen gegen null tendieren.

cherry65

Jeder, der vor mir läuft, hat es sich verdient

Mensch Klada ...

Da tut mir beim lesen schon mein knie wieder weh...
ich frage mich, warum man immer so leiden muss...

Das ist auf jeden Fall ganz schön großer Mist!

Hoffentlich kommt bald Besserung in Sicht.

...und das in übersichtlicher Zeit...

Tut mir echt leid für dich...

If you see me collapse,
pause my Garmin...

lieber klada...

...warum noch zwei wochen warten? wenn es bis jetzt nicht besser ist,
was sollen da noch zwei wochen bringen, außer zeitverlust? du schleppst dich jetzt schon ne idde ZU lange damit rum.
ich bin keine freundin von arthroskopien, weil mit solch einem eingriff
schnell murks gemacht werden kann, wenn nicht wirklich sauber (und das meine ich wörtlich)
gearbeitet wird. aber in dem fall...
____________________
laufend findet, dass klada nicht mehr lange warten sollte: happy™

wer pläne schmiedet, verhindert die zukunft!

ich

hätte das selbe Fazit gezogen und vielleicht noch: Jetzt ist wieder mehr Platz für Rotwein und Schoki auf der Hüfte...Mut zur Langsamkeit!...

happy, frau mainrenner, es ist halt so, dass ...

... mein Doc mir unmissverständlich klar gemacht hat, dass wir erst nach 18 Einheiten Physio mit Gerätetraining den nächsten Schritt machen, die nicht einmal Arthroskopie heißen muss. Das Training zeigt ja auch positive Effekte, nur eben keine so ausreichenden, dass Laufen schmerzfrei funzen würde. Der Doc betreut viele Läufer, auch vom Olympiastützpunkt und ist wirklich erfahren mit Knieproblemen, deshalb zieh' ich da jetzt mit.

Ich glaub' mein größter Fehler war, nach der Pause zum Jahresende, wo mein Knie wegen der Innenbandreizung geschient war, wieder zu schnell und zu viel im Gelände trainiert zu haben. Das würde wiederum gegen Meniskus sprechen und für eine Überlastung des Pes Anserinus.

Nach drei arthroskopischen Knie-Operationen weiß ich zum Glück sehr genau, was auf mich zukäme. In der Regel konnte ich da nach 2,5 Wochen wieder in lockeres Lauftraining einsteigen. Aber wenn ich den Eingriff irgendwie vemeiden kann, werde ich das auch versuchen.

Das wirklich irre an der Sache ist, dass ich irgendwie jeden Tag meine Meinung wieder ändere, andere Erklärungen finde, neu bewerte. Mal sehen, wie viele Stadien ich da noch durchlaufen, ähem durchhumpeln muss ;-)

"Das wichtigste Argument für den Breitensport ist aber, dass die Menschen davon schön müde werden. Wer des Abends müde ist, geht zu Bett und treibt keinen Unfug." (Max Goldt)

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