Am Tag danach. Beim Frühstück. Das Resumée. Die Oberschenkel tun mir weh und die fast schon verheilte Wanderwunde am rechten Fuß meldet sich erneut. Sonst ist nix. Ich bin immer noch ziemlich platt über das, was ich gestern getan habe.

Einige Tage davor. Ein paar Kilometer abends nach der Arbeit gehen schon. Ich lauf ja jetzt erst wieder seit drei Monaten regelmässig, aber immer kurze Runden am Kanal längs, eine Viertelstunde traben und dann ab unter die Dusche.

Du kommst so nicht vorwärts sagt Nachbarin Anke, lauf mal längere Strecken, vergiss Zeiten und Tempo und dann gehts Dir gut. Ok sage ich, was wäre länger? Na nimm Dir mal einen Zehner.

OK. Der Zehner geht dann also auch. Da bin ich auch erstmal erstaunt, weil ich im August noch nicht mal einen Einer durchgelaufen bin. Im Lauftagebuch steht: Noch Reserven. Mhhm. Was heißt das?

Soll ich mal was langes laufen frage ich Anke. Und ist das gesund? Wenn Du abends eine Zigarette rauchst ist das bestimmt auch nicht gesünder, als draussen mal rumzulaufen sagt sie. Und wenn Du nicht gerade Rekorde brechen willst, passiert Dir sicherlich auch nix.

Das Wetter ist, na ja, nicht gerade prickelnd. Nebel, 5°. Ich ziehe die lange warme Hose an, ein Baumwollshirt (mag ich lieber) einen WIndbreaker und ein Fleece mit Reisverschluss. Mütze auf, Handschuhe eingepackt, Forerunner gestartet, Brustgurt an.

Lass den Technikkram doch weg sagt Anke, hör auf Dich und wenns Dir gut geht. läufst Du weiter, wenn nicht, komm zu mir zurück ich koch dann einen Tee.

Falls ichs doch schaffe, hab ich aber gerne einen Zeugen dabei, deswegen bleibt das Getüddel dran und ich lauf einfach los.

Der Anfang ist ja bekanntes Terrain: Maybachufer, über die Pannierstrasse, wo die Ampel immer rot ist, Weichselplatz. Dann kommt ein neuer Teil: Am Weigandufer bis zur Treptower Strasse und dan retour das Kiehlufer wieder herauf. Ich hab mir die Route etwas am Rechner zusammengestoppelt und dabei meine Standardläufe jeweils etwas erweitert.

Bislang alles Roger. Puls bei 160, Pace verdammt schlecht, aber das sollte ja so sein. Der Weichselplatz kommt wieder in Sicht, rechts abbiegen zur Lohmühle und dann - auch wieder neu - am Kinderspielplatz hinter der Brücke der Görlitzer Bahn auf die Bahnbrücke wechseln und dann in den Görlitzer Park. Noch bin ich übermütig und versuche den höhergelegenen Bahndamm über die spiegelglatte Rutsche der Kinder zu erreichen. Das wäre schon fast das Ende gewesen. Das Ding ist wirklich schlüpfrig, wie eine Eisbahn.

Görlitzer Park. Hinweg auf der Südseite am Sportplatz und Kinderzoo vorbei, hier muss man einige Schlenker machen bis man an dem gescheiterten Amphitheater ankommt, Rückweg hinter dem Restaurant an der nördlichen Parkmauer. Am Ende komme ich wieder kurz vor der Lohmühle heraus. Diesmal nehme ich gesittet den Weg.

Bislang sind knapp sechs Kilometer vorbei. Alles OK, das kenne ich ja schon. Die Srecke, die jetzt folgt, ist auch Standard. Vorbei an der Burg am See, wieder über die Pannierstrasse (diesmal an einer Stelle ohne Ampel) und weiter Richtung Westen. Der Kanal ist optimal, um sich verschiedene Laufstrecken zusammenzustricken. Immer am Wasser, meistens auch nur befestigte Wege und kein Asphalt.

Am Bouleplatz ist erstaunlicherweise immer noch Betrieb. Die meisten Hardcorefans können es anscheinend auch bei Minusgraden nicht lassen, ihre Kugel zu werfen.

Bislang habe ich etwa 15 Läuferinnen getroffen und zwei Läufer. Die meisten haben mich übrigens überholt. Ich weiss, dass das nicht an meinem Selbstbewusstsein fressen soll. Tuts aber doch. Andererseits wäre ich ja noch nicht mal in der Lage, denen jetzt zu zeigen, wie toll ich sie im Regen stehen lassen könnte ... weil ich das ja wirklich nicht kann.

Urbanhafen Nordseite, noch zwei Brücken, dann Wechsel auf die andere Seite, zurück nach Neukölln. Urbanhafen Südseite, das Krankenhaus leuchtet mit roten Augen durch den Nebel, Admiralbrücke, im Sommer überlaufen, jetzt ohne Bevölkerung, Ankerklause.

Jetzt sind es elf Kilometer. Allgemeines Befinden: Gut. Puls Ok, Kondition OK. Ich weiss nur nicht, warum eigentlich immer das Schnürband vom rechten Schuh aufgeht. Also Doppelknoten und dann den Kottbuser Damm runter.

Das ist jetzt komplettes Neuland. Ich wollte aber etwas Strasse mit im Programm haben um etwas realitätsnäher zu laufen. Das ist bei näherer Betrachtung aber ganz schöner Mist. Ich bin so in meinem eins, zwei, drei Trab und dann kommt eine Ampel. Rot. Dann gehts dreihunter Meter weiter. Dann kommt die nächste Ampel. Rot.

Ich hüpfe also etwas albern auf der Stelle und werfe einen Blick auf meinen Forerunner. 7,45 km steht da und 56 Minuten. Die Zeitanzeige bewegt sich nicht und der Kilometer sieben liegt etwas hinter mir. Also ausmachen und wieder anmachen, dabei das Tempo halten, auf Ampeln achten und ab und an durch die Nase zu atmen. Das wird mir zu viel. Also: Der einzige Zeuge ist vermutlich tot. Anke wartet mit dem Tee (vielleicht?). und der Kottbuser Damm ist zum Laufen einfach nur Mist.

Hermannplatz: Ich laufe nicht links an Karstadt vorbei, da sind noch zu viele Leute, sondern durch das Parkhaus direkt bis zur Hasenheide. Ampel ist .. na was schon .. rot. An Huxleys neuer Welt vorbei in die Hasenheide, links der seit gefühlten vierzehn Jahren in Bau befindliche Hindu-Tempel, dann kommts zum ersten Mal dicke.

Wenn der Meeresspiegel mal 60 Meter steigt, ist das Hochplateau der Hasenheide einer der wenigen Orte in Berlin, der nicht überflutet wird, da muss ich jetzt also rauf (vorbei übrigens an Turnvater Jahn) und das lässt mich jetzt doch etwas sauer werden. Zum ersten Mal piekt es im Oberschenkel und mein Puls geht hoch, wie eine Rakete.

Also, oben angekommen, langsamster Trab der Welt und nach ein paar Minuten ist wieder alles im Lot. Da ich keine Kilometerangaben mehr habe, schätze ich, dass es jetzt 15 sein müssten (waren nur 13 ...). Über den Columbiadamm durch den kleinen Heckenweg zum Tempelhofer Feld. Die Kondition ist immer noch gut, aber mir ist jetzt irgendwie total langweilig. Ich kann nicht mit Musik laufen, weil ich mich nicht davon lösen kann, den Rythmus der Songs auch irgendwie in den Laufstil zu übernehmen.

Jetzt wird es gruselig. Der alte Flughafen ist eine riesige Fläche. hier kann man sich nicht verstecken und man sieht sehr exakt, was noch alles vor einem liegt. Und so verdammt viele flinke, fixe, pfeilschnelle Läufer, dass einem fast schlecht wird. Die gut gebaute zwanzigjährige mit fliegendem blondem Pferdeschwanz lässt mich grad mal stehen, der geschätzte fünfundsiebzigjährige weisshaarige Pferdeschwanzträger ebenso.

Was für einen Blödsinn mache ich hier eigentlich. Jetzt tun schon beide Oberschenkel weh, der Atemrythmus ist auch ausser Kontrolle geraten, mal ein Zweier, mal ein Vierer. Die Mütze ist komplett durchnässt, mein Finger in den (komplett überflüssigen) Handschuhen sind heiss.

RWY 27L bis RWY 09L hat Gegenwind. Jetzt gehts mal zwei Kilometer ohne Versteck und Tarnung geradeaus. Links und rechts knattern die Drachen, Biker flitzen von hinten und vorne vorbei, alles was mir begegnet hat anscheinend gute Laune. Nur ich nicht.

Meilenweit von zu Hause entfernt laufe ich hier rum, langsam erlahmend, ich hab das Gefühl, dass kein Mensch auf der Welt sich so langsam bewegt, wie ich, zudem glaube ich, dass mein Knie wehtut. Hunger krieg ich langsam auch.

Zurück über den nördlichen Taxiway, alles wird gut. Der Wind kommt von hinten und bald gehts wieder bergab. Runter vom Flughafen, Kopfsteinplaster bester Qualität über die Herfurthstrasse an der Kirche vorbei bis zur Hermannstrasse. An der ersten Ampel setzt der Verstand aus. Anstatt bei Grün weiterzulaufen, gehe ich gemütlich im Oma-Tempo über die Flughafenstrasse und schrecke erst fünfzig Meter später wieder auf. Also: Lauf, lauf, lauf.

Hermannstrasse bergab, auf der rechten Seite über den Hermannplatz, die Gerüche aus den Döner-Buden machen mich jetzt erst recht fertig, ich fange an zu stolpern.

Weserstrasse, Reuterplatz, Ende.

Fazit: 3 Stunden, Halbmarathondistanz nach drei Monaten geschafft, alles noch dran. Geht doch!

http://www.jogmap.de/civic4/?q=node/5272&tid=1729645

4.4
Gesamtwertung: 4.4 (5 Wertungen)

Bravo!

Bravo!

1. Zum Lauf - 3 Stunden am Stück laufen ist ja schon mal 'ne Leistung an sich - fast schon egal, wie weit man dabei kommt.
Und dass Du die Distanz drin hast, weißt Du nun schon mal.

2. Zum Aufschrieb - schön geschrieben - ach nähme sich doch mancher ein Beispiel ...

Außerdem muss ich feststellen, froh zu sein, nicht durch eine Großstadt rennen zu müssen. Ein paar interessante Stellen hat sie ja, Deine Strecke, womöglich auch beeindruckende aber das Durch-die-Straßen-Gerenne-und-an-der-roten-Ampel-Gestehe würde mich völlig abnerven.

Leeven Jrooß & keep on running

Don Carracho

DON'T PANIC!

Alte Heimat

Gratuliere zum ersten HM, gut gemacht! Wobei: ist ja super, dass Du auf Deine Nachbarin hörst, aber so viel Steigerung auf einmal müsste jetzt nicht unbedingt sein, Du willst Dich ja nicht verletzen. Aber Du weißt jetzt, dass Du es kannst, das ist toll.

Ansonsten: vielen Dank für die schöne Beschreibung einer prima Strecke durch meine alte Heimat (10 Jahre Reuter-, 10 Jahre Urbanstraße), schön ist es dort! Ich freu mich schon drauf, nächsten Monat wieder nach Kreuzberg zu ziehen.

yazi

Steigerung & Strecke

ich hätte ja sofort aufgehört, wenn ich das Gefühl gehabt hätte, dass es ungesund wird, aber es hat ja funktioniert (nicht dass das jetzt mein tägliches Pensum wird).

Der HM ist für April '14 geplant.

Die Strecke ist bis auf die Überführungsetappe, 2x ca. 1,5km, total schön. Entlang am Wasser, Görlitzer Park und Tempelhofer Feld. Viel Natur und fast immer wenig Leute.

//rr

Schöne Details...

... und Glückwunsch zum Halbmarathon.
Aber die Frage, die hier wirklich von Interesse ist: Was läuft eigentlich mit Anke?

Viele Grüße und noch viele schöne Läufe!
Thomas

So als nicht deutsch sag ich mal....

Punkt 2.
Sich über Jogmapper mit vermutlichem Migrationshintergrund zu lästern, ist ein wenig einfältig.

HM im April '14???

Echt jetzt? Oder war das ein Tippfehler und Du meintest '13?
Fragt sich ganz neugierig
yazi (die das viel naheliegender fände)

Stimmt...

... das mit der 14 bzw. 13 habe ich mich auch gefragt.... trotzdem finde ich die Frage, was da mit Anke läuft viel interessanter ;-)

Ein wenig einfältrig

Sich über Jogmapper mit vermutlichem Migrationshintergrund zu lästern, ist ein wenig einfältig.

Ach, wenn man schon so als gefühlte Elite großherzig und gönnerhaft jemandem für nen Halbmarathon in 3 Stunden auf die Schulter kloppt, dann muss man eben an anderer Stelle den Snob raushängen. Gelle, Carratscho? ;-)

+ + +
Vergesst nicht den Hund!

Mao Tse Tung

Wie meinen?

Sagt mal - geht's denn?

Gefühlte Elite, über Menschen mit Mirgrationshintergrund (hat er überhaupt einen, der papaBata? Na, auch völlig wurst, jeder hat das Recht verarscht zu werden - alles andere wäre doch glatt diskriminierend) lästern, gönnerhaft ...
Seid ihr so nett und last das Hinein-Interpretieren sein? Lesen & verstehen scheint doch nun wirklich schwer genug ...

Seis drum, so oft bekomme ich dann auch nicht Einfalt unterstellt - das war's doch glatt mal wert ...sagt der Snob ;-)

Leeven Jrooß & keep on running

Don Carracho

DON'T PANIC!

Boah...

.... jetzt geht hier wegen so nem Scheiss der flame war los und keiner wird je erfahren was eigentlich mit Anke läuft! ;-)

MUHAHAHAH ... ich stehe übrigens zu meinen einfältigen Kommentaren! Nicht jeder kann Rund um die Uhr Bestleistung bringen. ;-)

Wo sind hier...

... Flamen? Und was ist mit den Wallonen? Obacht!

Leeven Jrooß & keep on running

Don Carracho

DON'T PANIC!

Lenk jetzt nicht ab...

Der Endspurtverweigerer hat schon recht, die interessanteste Frage ist: was ist mit Anke?

Findet jedenfalls
yazi

Die Anke...

Ach, mit der ist bestimmt nix - das ist NUR eine gute Nachbarin :-P

Toller Blog, danke fürs Aufschreiben und zum-Schmunzeln-bringen!
Und Gratulation zur ersten HM-Distanz (hab ich auch am 14.11. geschafft und freu mich immer noch)!

Ganz viel Spaß weiterhin :-)

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Big changes start small :)

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