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Ihr Lieben,

auch ich war am Freitagbachmittag gerade in New York eingetroffen, nach den Nachrichten der vergangenen Tage im festen Glauben daran, am Sonntag am Start zu stehen. Doch schon der Beamte der Einwanderungsbhörde warnte mich vor.

Er hatte was läuten gehört, dass das Rennen doch noch abgesagt werden könnte. Ein anderer Läufer aus Berlin, der mit mir im Bus vom Flughafen nach Manhattan saß, bekam Deine SMS von daheim und sagte mir, dass die Absage definitiv ist. Dann kam's im Radio, das im Bus lief.

Und wisst Ihr was, so enttäuscht alle sind, die ich gefragt habe oder von denen ich gelesen habe - alle meinen jetzt doch, es war die richtige Entscheidung, nur 72 Stunden zu spät. So fasste die New York Times das heute im Kommentar zusammen, und das trifft auch meine Gefühlslage genau.

Normalerweise ist es ein Höhepunkt, von Queens aus über die Autobahn nach Manhattan reinzufahren, vor den Augen die erleuchtete Skyline. Das habe ich oft erleben dürfen, ich finde es immer wieder faszinierend. Am Freitagabend war Süd-Manhattan stockduster, erst ab der 40. Straße gab es Licht. Der Bus musste ein Stück durch die Dunkelheit, es war gespenstisch.

Die Bilder im Fernsehen waren viel dramatischer als das, was ich daheim gesehen habe, selbst wenn man die ami-spezifische Gefühlsduselei mal beiseite lässt. Die Leute in Staten Island wären vermutlich wirklich stinksauer gewesen, wenn da ein Marathonlauf angefangen hätte. Viele haben kein Dach mehr über'm Kopf oder sind sonst irgendwie betroffen, ebenso in Queens. Offenbar gab es auch Befürchtungen, gegen den Lauf oder die Teilnehmer könnte demonstriert werden. Die Times schrieb, die Läufer, die von vornherein nicht gekommen sind, wären weitsichtiger als die Entscheider hier gewesen.

Noch kurz vorher zu sagen, es soll gelaufen werden und dann doch nicht, wird heftig kritisiert. Viele aus Übersee wären gar nicht erst hergekommen. Die Reiseveranstalter im Hotel entschuldigen sich hier bei ihren Gruppen und werden die Kosten nicht ersetzen. Ich hatte solo geplant und wäre trotzdem gekommen, denn für meine Freundin ist es der erste USA-Aufenthalt. Der Marathon war nur der Anlass.

Samstagfrüh war ich bei blauem Himmel die große Runde im geliebten und auch vom Sturm getroffenen Central Park laufen, es war wunderbar mit all den vielen anderen Leuten aus aller Welt, die ebenfalls einfach so dort waren. Manche machten Erinnerungsfoto am Ziel, denn aufgebaut war ja schon alles.

Danach war ich auf der Messe, habe nicht nur meine Unterlagen geholt, sondern kräftig eingekauft. Asics hatte bis auf die Schuhe alles für die Hälfte angeboten, alle Einnahmen gehen das Rote Kreuz. Also habe ich mir schön Zeit gelassen, mich und meine Lady kräftig eingedeckt und noch eine Kleinigkeit Gutes dabei getan (und damit schön das Gewissen des Schnäppchenjägers beruhigt, waah?).

Die Sache ist für die Veranstalter und vielleicht auch den Bürgermeister noch nicht ausgestanden, die Marathon-Chefin war wohl den Tränen nah, als sie die Absage bekanntgeben musste. Wichtiger ist: Nächsten Mittwoch soll es wieder einen Herbststurm mit kräftigem Regen geben. Das ist das Letzte, was sie hier gebrauchen können. Außer einem Marathon - das haben glaube ich auch die meisten, wenn nicht alle Läufer verstanden.

Viele Grüße aus New York,
Robert

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Dein Blog...

...erhärtet den hier und da geäußerten Verdacht, dass die Absage absichtlich so spät erfolgte, um die konsumfreudigen Läufer wenigstens noch ein bisschen "abzuschöpfen".

Kann man Euch ...

... trotz allem einen schönen Urlaub wünschen?
Wie Veranstalter, die vor Ort sehen was los ist ganz klar sagen "findet statt", ist das eigentlich das Unverständlichste. ;-( Das riecht verflucht nach "Kohle reinholen" dummerweise dort wo es ja noch gut geht. Die Hotels, die stehen und die Restaurants, die aufhaben machen weiter ihren Umsatz. Die, die nix mehr haben, bekommen von dem "Kuchen" nix ab.
Macht das Beste draus!
;-)

Schön geschrieben!

Ja, die Chefin der Roadrunners war sichtlich angeschlagen, konnte man in den Nachrichten verfolgen. Doch Marathon hin oder her. Mir hat diese Situation mal wieder vor Augen geführt, wie gut es mir doch geht und wie schnell alles anders sein kann...
Ich wünsche Euch trotz allem einen guten Aufenthalt. Einen erinnerungsträchtigen werdet Ihr auf jeden Fall haben, so oder so.
Halt die Ohren steif!

Tame:-)

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