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Der Albmarathon sollte für mich der Abschluss einer geilen, aber harten Saison werden. Ein reiner Genusslauf, denn verletzungsbedingt konnte ich in den letzten beiden Monaten nie mehr als 40-50 Wochenkilometer absolvieren, so dass jegliche zeitliche Ambitionen schon im Vorfeld ad acta gelegt wurden. Ein Start war trotzdem Pflicht, schließlich findet der Lauf quasi direkt vor meiner Haustür statt. Außerdem hatte ich in den letzten Jahren das Ding stets verletzungsbedingt auslassen müssen, dieser Fluch sollte nun endlich gebrochen werden.

Je näher der Lauf rückte, umso mieser wurden die Wettervorhersagen: Also gab ich mein Bestes und stürzte mich waghalsig in jedes mögliche gesundheitliche Risiko, genützt hat es jedoch nix: Ich blieb und blieb leider gesund! Aber was soll's: Denn genauer genommen war das, was uns die verschiedenen Mete-Urologen entgegenschrien ja auch kein schlechtes Wetter, sondern der Stoff, aus dem Helden geboren werden. Und wenn wir schon mächtig leiden müssen, so können wir nun in den nächsten Monaten jedem davon berichten, wie es sich anfühlt, wenn man bei -20°C und Orkanwarnung 50km lang durch haushoch liegenden Schnee robben muss.

Wie gewohnt ging ich es nach dem Start viel zu schnell an. Das war mir diesmal egal, da aufgrund meiner Trainingsverfassung mehrere Leistungseinbrüche in der zweiten Laufhälfte vorprogrammiert waren. Und wer weiß, vielleicht rettet mich ja dass am Anfang angesammelte Zeitpolster vor'm Zielschluss. Die Kilometer bis zum Hohenstaufen gingen also zügig weg, die ersten 10km waren in 53min absolviert. Das war überraschend fix, von guter Aussicht kann aber kein Rede sein. Denn von den zurecht berühmten Panoramen entlang der Strecke war rein gar nichts zu sehen. In Wäschenbeuren sah man dort, wo sonst der Hohenstaufen thront, nur Grau. Meine Hoffnung, man hätte den Berg im Rahmen der Gmünder Stadtumgestaltung über Nacht abgetragen bestätigte sich leider nicht, und so musste ich kurz darauf doch den Staufen hinauf schnaufen. Immer noch fühlte ich mich beängstigend gut, verlor aber am letzten Anstieg ein wenig Zeit, weil ich im Stau zwischen mehreren Wanderer-Trauben feststeckte. Es gibt tatsächlich Leute, die sich bei diesem Sauwetter ohne Wettkampfzwang auf dem Berg rumtreiben. Diese Verrückten! Ich war fixer unterwegs als geplant und spielte mit dem Gedanken, die Schlagzahl zu erhöhen, um am Rechberg mit einer -für meine Verhältnisse- guten Zeit auszusteigen. Aber die Gedanken hielten nicht lange an, denn die erste richtige Schlitterpartei den Berg hinab kostete mich viel Zeit. Merke: Schneematsch, nasse Blätter, stark eingeschränkte Sicht und Laufschuhe mit Straßenprofil sind keine Bestzeiten versprechende Kombination.
Am Anstieg zum Rechberg begann sich das fehlende Training doch bemerkbar zu machen. Die Kräfte ließen merklich nach, zum Glück waren strider und MC genau richtig positioniert, um mir einen kleinen Motivationsschub zu verpassen. Und so steuerte ich auf dem Berg nicht das Ziel für die 25km-Läufer an, sondern blieb auf der Ultra-Strecke. Was ich nur hundert Meter später bereuen sollte, denn was jetzt folgte, wurde meine persönliche Hölle - nur in kalt. Los ging es mit einem extrem rutschigen Abstieg. Konnte man am Hohenstaufen zum Teil noch auf Schneefelder mit halbwegs Gripp ausweichen, war dies hier nicht möglich. Erschwerend kam hinzu, dass der schmale Weg durch die zum Pendelbus spazierenden Rechbergläufer blockiert war, von denen leider nicht alle Rücksicht auf die heranrutschenden Ultra-Marathonis nahmen. Weiter gings über offene Felder zum Stuifen. Mein Körper genehmigte sich eine Auszeit, ich war mittlerweile völlig durchnässt und durchgefroren. An Wärmegewinning durch Tempoerhöhung war aufgrund mangelndem körperlichen Vermögen nicht zu denken, stattdessen peitsche einem der eisige Wind kleine Schnee - und Eiskristalle ins Gesicht. So müssen sich Fakire beim Make-Up-Auflegen fühlen. Optische Ablenkung gab es auch keine, außer grauer Suppe gab es weit und breit nichts zu sehen. Aber das war eh egal, denn auf meiner Brille hatte sich ein hartnäckiger Schnee-Wasser-Film breit gemacht, jegliche Versuche sie davon zu befreien erwiesen sich als sinnlos, da meine Handschuhe mittlerweile einen höherern Wasseranteil als eine durchschnittliche Holland-Tomate besaßen.
Kurzes Aufatmen beim Erreichen des Stuifener Ho-Chi-Minh-Pfads. Hier war man wenigstens etwas windgeschützt, dafür vernichtete der schmierige Untergrund die letzten verbliebenen Kraftreserven. Was für eine Plackerei! Gefühlt bin ich für jede zwei Schritte vorwärts wieder einen zurück gerutscht. Irgendwie ging's trotzdem (ich weiß gar nicht mehr wie): Also rauf, Runde gedreht und wieder vom Berg runter. Viel besser wurde es trotzdem nicht. Auf der Strecke zwischen Stuifen und Tannweiler bin ich mehr gewandert als gelaufen, aber es heißt ja auch "durch die Hölle gehen", von Rennen ist da keine Rede. Gedanklich bereitet ich mich schon auf eine Finish um die 6h vor. Selbst der Gedanke, die drei Kaiserberge schon hinter mich gebracht zu haben, munterte mich nicht sonderlich auf.
Gerne wird der Albmarathon auf die drei Kaiserberge reduziert, aber nach dem Stuifen wartet bei der Reiterleskapelle noch ein knackiger Anstieg. Der ist zwar nur kurz, aber heimtückisch, und genau hier sollte ich meinen absoluten Tiefpunkt erleben. Sowas ist mir vorher noch nie passiert: Obwohl ich den Anstieg nur gehend bewältigen konnte, musste ich auf der wenige hundert Meter kurzen Strecke drei Mal erschöpft anhalten (!!!), um am Weidezaun stützend zu versuchen, meinen Körper irgendwie zum weitermachen zu bewegen.
Aber das schöne an Tiefpunkten ist ja, dass es danach wieder aufwärts geht. In diesem Fall glücklicherweise nicht mit dem Streckenprofil, sondern mit meiner Verfassung. Gaaaanz langsam erholte ich mich wieder, in Waldstetten war ich wieder einigermaßen fit. Zudem war mir beim Abbiegen auf die Trasse das Glück hold: Dort lief ein Mitstreiter kurz vor mir, der ein für mich absolut perfektes Tempo anschlug. Ich lutschte ein wenig in seinem Windschatten, kurz darauf ging es mir gut genug, um in einem 5er-Schnitt die Trasse entlang zu "breschen". Ein paar Überholvorgänge später war dann wieder die Innenstadt erreicht, wo es für mich wieder etwas schwerer wurde, aber zumindest reichte es noch, um halbwegs würdevoll das Ziel zu erreichen.

Mit 5:12h stand am Ende eine Zeit mit der ich wunderbar leben kann. Deutlich besser als erwartet, aber noch schlecht genug um demotivierende Einflüsse auf die Trainingsplangestaltung für die nächste Saison zu vermeiden. Die Leidensphase zwischen km 25 und 38 ist inzwischen so verklärt, dass ich drüber lachen kann, nochmal brauche ich sowas aber trotzdem nicht.

Unerwartete Freude kam dann noch beim Blick auf die Abschlusswertung des Ultramarathon-Europacups auf: Nicht nur, dass ich in der Gesamtwertung als 35. besser platziert bin, als ich zu Hoffen gewagt hätte: In meiner Altersklasse wurde ich mit knappen 15 min Vorsprung Dritter! Meine erste Podiumsplatzierung ever! Profisport, ick hör' dir trappsen. Die ersten Sponsorenanfragen müssten jede Minute hier eintreffen, ich bin jedenfalls vorbereitet: Meine Kündigung ist vorgeschrieben und muss nur noch abgeschickt werden..

4.88889
Gesamtwertung: 4.9 (9 Wertungen)

wunderbarer Blog

ich grinse immer noch, und ich weiß ja, mit welchen Bedingungen ihr zu kämpfen hattet, aber den Humor hast du, wie es scheint, nicht verloren ;-)) Leider haben wir dich im Ziel nicht mehr getroffen, da saßen wir wohl gerade im Duschbus. Ich find deine Zeit megastark, aber vor allem dass du durchgehalten ist! Obwohl es natürlich gemein vom Schicksal ist, dass du gerade dieses Jahr verletzungsfrei geblieben bist ;-))

Kurier deine Gräten und liebe Grüße!

Saarvoir courir - laufen wie bekloppt im Saarland

Ja, das Grinsen geht schon wieder -

Gesicht ist nämlich inzwischen wieder aufgetaut :grins:. Toll geschrieben - leider haben wir Dich im Ziel verpasst (der Duschbus rief und das Kind zog).

Ja, die Hölle war kalt - aber es war ein heißer Ritt auf Messer's Schneide.

Zum Glück konntest Du in die Wertung kommen, sonst würden die Sponsoren nicht schon Schlange stehen! Glückwunsch zum europäischen Treppchenplatz! Ich hab leider die ECU-Siegerehrung der AKs für die ECU nicht mitbekommen Gab's da was? Hab nur die ersten drei Plätze gesehen - die bekamen Pokal, etc. Und dann wurde noch gesagt diejenigen mit 6 oder 7 Teilnahmen bekämen eine Extraurkunde oder so.

Tja, dann sieh mal zu, dass die Verletzungsfreiheit erhalten bleibt und erhol Dich gut (aufgetaut bist Du sicher schon).

Jedenfalls ein Lauf von dem wir noch unseren Enkelkindern erzählen können!

Wie schön.

Vielen Dank fürs Mitnehmen, die Leiden, deren Ende und diverse Augenzwinker.

---

"Ich bin nicht geil auf die Angst, aber die Angst macht ein Ziel erst wertvoll. Daher gehört die Angst dazu."
Felix Baumgartner

"Ich bin nicht geil auf den Schmerz, aber der Schmerz macht ein Ziel erst wertvoll. Daher gehört der Schmerz dazu."
Allgemeine Ultraweisheit

Ein Albtraum mit gutem Ende

Hast mit viel Galgenhumor die weiße Hölle bewältigt und bist klasse gelaufen! Diese Strecke kenne ich ja auch sehr gut, allerdings nur bei schönem Wetter. Meine 3 Teilnahmen waren ja auch so schon heftig genug! Umso größer ist mein Respekt vor deinem super Ergebnis bei diesen sehr widrigen Bedingungen!

Ebenso herzlichen Glückwunsch zu deinem 3. Ak-Platz des ECU-Cups! Musst dir unbedingt noch das Shirt "Europacup des Ultramarathons 2012" gönnen! Damit kannste dann so richtig posen... auch bei den Sponsoren! ;-))

Schade, dass du schon weg musstest! In der Pizzeria gab's lecker Essen! Nein, keine holländischen Schlonztomaten!
:-)

Staufen hinauf schnaufen

- das gfallt mer guet!
Auch sonst sehr schön mitgenommen, danke fürs Bloggen!
Und für den ganzen Humor und überhaupt...

:o)

P.S.: Mich beschleicht das Gefühl, dass die Ultras einfach coole Leute sind. Da können die Nur-10er-Laufenden nicht gegen an. ;o)
*Auch Ultra werden will*

ER schafft das Wollen und das voll Bringen - mit extrem hohem Bringungsfaktor.

Von der Siegerehrung

habe ich auch nix mitbekommen, da ich nach dem Lauf gleich weiter musste. Aber ich glaube, dass dort nur die Gesamtsieger/innen geehrt werden.

no battle - no victory!

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