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Ich habe hier schon so viele Berichte von Laufveranstaltungen gelesen - nun will ich mal selber ran. Ort des Geschehens: der Berliner Müggelsee, im grünen Südosten gelegen mit fast 7,5m² Berlins größter See, genauer an der Gaststätte Rübezahl am Südufer, Anlass: die nunmehr sechste Auflage des Müggelsee-Halbmarathons, Zeit: Sonntag der 21.10.2012 um 10:00, geladen hat: der 1. VfL Fortuna Marzahn eV. Soweit die harten Fakten. Aber weiter...

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Der See hat sich in Nebel gehüllt, die Sonne am wolkenfreien Himmel schafft es noch nicht ganz bis zum Boden, eigentlich schläft die Stadt am Sonntagmorgen noch tief und fest, zieht sich bei kaum mehr als 10 Grad nochmal die Decke über die Ohren. Einige Hundert Hartgesottene samt Angehörigen und Supportern treffen sich in einer der grünen Lungen der Hauptstadt, um fünf oder zehn Kilometer am Seeufer oder die komplette Seeumrundung in Halbmarathonlänge auf einer waldreichen, flachen Strecke zu erlaufen. Den ganzen See habe ich mir vorgenommen. Noch Nachtdienst in den Knochen, wenig geschlafen nach sicher einem Bier zuviel (wenn man schon in der alten Heimat ist), aber sonst fit, gut vorbereitet, perfektes Outfit (natürlich), Startnummer 575 vor die Brust geschnallt, Transponderband am Fuß, ein Freund begleitet mich mit seinem Sohn im Start/Ziel-Bereich, ein weiterer hat sich spontan für unterwegs auf dem Fahrrad angemeldet - kann also nix schief gehen (Darm ist gottseidanknocheins auch rechtzeitig geleert). Bereits im Vorfeld war alles perfekt organisiert, hierfür vorab schon vielen Dank und ein dickes Lob an den Ausrichter.

Es geht pünktlich zehn Uhr los. Etwas beengt wegen Bauarbeiten. Der Bezirksbürgermeister hat die Ehre des Startschusses. Es dauert ein Weilchen, bis auch ich die Matte mit der Startzeitnahme erreiche, noch hundert Meter schnelles Gehen, dann ist die Engstelle passiert und die Masse um mich herum wird schneller. Ich natürlich auch. Die ersten Läufer dürften schon bald den ersten Kilometer absolviert haben, bis ich volles Tempo erreicht habe. In Uhrzeigerrichtung geht es um den See, die ersten Kilometer am Südufer durch den Wald über Asphaltwege. Nach knapp zweieinhalb Kilometern ist die Spreeunterquerung fast erreicht, scharfe Linkskurve auf den Müggelschlösschenweg. Hier laufen wir alle einen Kilometer hin und wieder zurück, aneinander vorbei, das ganze Feld kann sich nochmal begucken, einige Läufer geben sich High-Fives. Aber es wird ruhiger im Feld, keiner klopft mehr Sprüche. Die Läuferschar zieht sich in die Länge, die Favoriten setzen sich bereits ab. Bei etwa 2,75km kommen mir die ersten Läufer entgegen (sehen sehr fit, sehr verkrampft, sehr verschwitzt aus), kurz vor der 4km-Marke laufe ich am Schlussfahrrad vorbei. Und dann geht es in den Spreetunnel, viele Stufen hinab und wieder hinauf. Nochmal ein kleiner Stau an der Aufwärtstreppe, dann spuckt mich der Tunnel am Ostende aus.

1/5 geschafft, es geht auf Fußwegen weiter durch das beschauliche Friedrichshagen nördlich des Müggelsees auf dem Müggelseedamm. Ich fühle mich gut, meine Fahrradbegleitungen haben mich erreicht und feuern mich nach Leibeskräften an. Die Strecke ist gut ausgeschildert, viele Helfer weisen die Richtung oder halten wo nötig den Verkehr an Nebenstraßen auf, jeder Kilometer ist markiert (manch einer mag's, manch einer nicht), das DRK begleitet die Läufer auf Motorrädern. Die erste Wasserstelle lasse ich noch links liegen (eigentlich ja rechts), die zweite nach etwa 10km nehme ich aber sehr dankbar an - einige Meter gehen, verschnaufen, Mund anfeuchten.

Nach etwas mehr Grün das letzte Stück befinde ich mich nun in Rahnsdorf vor "Neu Venedig", . Ich bin etwas unzufrieden mit meiner Zeit (die ersten 10 in etwa 50 Minuten), hadere ob ich das sicherheitshalber eingesteckte Iso-Gel zu mir nehme (ich verzichte), stelle fest, dass es immer weniger Zuschauer werden, im Feld trotten alle die ich sehe nur so vor sich hin, schöne Gegend und so... die Gedanken schweifen ab wie üblich beim Laufen. Hatte ich gerade noch eher eine kräfte- und elanmäßige Tiefphase, überwand ich selbige und lief nach der Wasserpause beherzt und beschwingt weiter durch das teils historisch Einfamilienhausviertel.

Bei etwa 13km Überquerung der zwei Spreearme, es geht quasi auf die Zielgerade im Südteil der Runde, ein Asphaltweg durch den Wald hin zum Kleinen Müggelsee und zu seinem großen Bruder, optimale Bedingungen, die Sonne hat endgültig den Nebel besiegt. Meine Fahrradbegleitung hält zu mir. Ich freue mich der Natur und des allgemeinen Daseins, habe gute Laune - sehe aber sicher nicht mehr so aus. Die anderen um mich herum auch nicht. Bei Kilometer 14 wage ich vorsichtig den Feldanimator, klatsche laut in die Hände, reiße sie in die Luft und rufe laut: "Zwei Drittel geschafft - wir sind fast da!" Jegliches Ausbleiben einer Reaktion ließ mich von weiteren derartigen Versuchen Abstand nehmen.

Nach gut 16km ist der kleine Müggelsee erreicht, nun also wieder Seeufer, zurück auf der Müggelseepromenade. Dreieinhalb Kilometer vor dem Ziel eine Schleife, eine Wasserstelle, eine letzte Möglichkeit zum Luft holen und Kehle anfeuchten, bevor man sich auf den Schlussspurt vorbereitet. Leider setzt bei mir heftiges Seitenstechen ein, verd*** Mist. 3km vor dem Ziel jogge ich langsam durch den Wald und versuche Atmung und Schmerzen unter Kontrolle zu bekommen. Bloß nicht zuviele Läufer vorbeiziehen lassen, die ich vorher mühsam überholt habe. Nach einigen Minuten geht es wieder und ich komme zunehmend auf Touren. Den letzten Kilometer markiert das in Sicht kommende Müggelseehotel. Zwei etwas aggressivere und vorgeblich schnellere eiFön-Träger bellen sich an einer Engstelle den Weg frei (die gibt es wohl überall, also die laufenden Pöbler). Auch ich ziehe das Tempo an (überhole die beiden natürlich). Einige hundert Meter vor dem Ziel höre ich den Ansager bereits, der Wegesrand füllt sich, der Zielbereich kommt in Sicht. Meine Beine geben alles, was der Magen noch zulässt, ein paar Plätze kann ich noch gutmachen. Noch eine 90°-Kurve, dann ist die Ziellinie erreicht, jeder Eintreffende wird namentlich erwähnt. Ich bin überglücklich und ziemlich kaputt.

Inzwischen haben auch die kürzen Laufwettbewerbe stattgefunden, die letzten "10er" trudeln noch ein. Der Moderator sorgt, unterbrochen von Fetenhits der 90er, für die Unterhaltung des Publikum, zumeist auf eher rustikalem Niveau mit einem starken Hauch Sexismus, wie mir mein Empfangskomitee zu berichten weiß und ich mehrfach vernehmen muss. Es bilden sich langsam lange Schlangen an Getränke- und Suppenausgabe sowie beim Urkundendruck. Eher unspektakulär gehen die Ehrungen der einzelnen Disziplinen und Altersklassen kaum mehr als zwei Stunden nach dem Start über die Bühne.

Ich habe diese grüne Runde in Berlin sehr genossen. Vielen Dank an die unzähligen Helfer und Organisatoren, die Tee- und Wasseranreicher, die Streckenposten, die Wegschilderverteiler, die Startnummernausgeber und Urkundendrucker, die Zeitnehmer und alle anderen Beteiligten. Und natürlich auch an meine persönlichen Supporter. Vielen Dank für das Ermöglichen dieser schönen Laufveranstaltung, die ich bestimmt auch im nächsten Jahr wieder mitnehme. Hoffentlich ist dann auch mehr Raum im Start- und Zielbereich und eine etwas bessere Infrastruktur möglich (die langen Schlangen vor dem Lauf am Klo und hernach an allem anderen waren etwas suboptimal). Eindeutig kritisieren muss ich, dass nach etwa zwei Stunden nur noch die Ankünfte von weiblichen Läufern offenbar befreundeter Vereine angesagt wurden, und allen nach etwa 2h20 eintrudelnden Läufer keinerlei Beachtung und Aufmerksamkeit mehr geschenkt wurde - und den zotigen Moderator. Insgesamt aber ein gelungener und in jedem Fall empfehlenswerter Lauf.

826 Läuferinnen und Läufer erreichten auf der HM-Distanz das Ziel, der schnellste Mann nach 1:17:25, die schnellste Frau nach 01:36:43. Ich selbst - das soll ja nicht verschwiegen werden - erreichte nach 1:49:36 auf Platz 291 das Ziel, habe meine geschätzte Ankunftszeit damit sogar etwas unterboten und bin somit sehr zufrieden. Insgesamt liefen über alle drei Distanzen 1.248 Läuferinnen und Läufer ins Ziel ein.

Die siebte Auflage steigt am 20. Oktober 2013. Interessierte finden alle Infos unter mueggelsee-halbmarathon.de, hier gibt's auch bald ein paar Bilder vom Lauf, eine bebilderte Streckenkarte gibt es unter gpsies.com/map.do?fileId=hfyzbbxjscdfzjnw.

Habt Dank für Eure Aufmerksamkeit (und Geduld angesichts meiner Ausschweifungen), vielleicht sieht man sich ja in 2013.

Sportliche Grüße aus dem Norden!

5
Gesamtwertung: 5 (2 Wertungen)

Eine Runde um den Müggelsee ...

... ist es immer Wert gelaufen zu werden.
Für mich ist die Triglawbrücke auch immer Halbzeit. Da schon von "fast geschafft" zu reden, ist mutig. Da geht ein Wettkampf doch erst los. Das vorher ist Warmlaufen. ;-))
Glückwunsch zu deinem Lauf!
Erhol dich gut!
;-)

Die ganze Runde

wollte ich schon lange mal laufen, aber nach dem Marathon, bin ich etwas lauffaul geworden. Alles was du schreibst, kann ich aus früheren Veranstaltungen bestätigen. (Lange Schlangen am Klo usw.)
So wie du den Moderator beschreibst, habe ich eine Ahnung, wer da am Mikro gestanden hat. Der ist gewöhnungsbedürftig!
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LG Inumi
Wenn ein Lauf nicht dein Freund ist, dann ist er dein Lehrer.

Bestätigung

..ja, das ist ein schöner Lauf, auch wenn ich ihn leider in diesem Jahr mitten drin abbrechen musste...
Am Schönsten aber ist die Strecke früh am morgen, wenn der Nebel noch zwischen den Bäumen und über dem Wasser hängt und man nur das Knacken im Wald und die Vögel hört

Laufen ist Meditieren ohne Stillsitzen müssen

Da hast du aber ...

... so was von Recht! Janz Früh hinten am Müggelsee ist es einfach herrlich!
;-)

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