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Es mag gerade mal zwei Tage her sein, da las ich in diesem kuscheligen Forum folgende These - also dem Sinn nach, nicht wörtlich: Jeder, der bei einem Wettkampf nicht auf Platz eins ins Ziel kommt, sei im Grunde, wenn man es ganz genau nimmt, ein Verlierer. Es könne schließlich nur einen Sieger geben.
Das nun ließ mich grübeln. Soll ich hier einen Verliererblog schreiben? Muss das wirklich sein, in dieser Zeit, in der nur Gewinner gefragt sind? Was, wenn ich mich mal irgendwo bewerbe, mein potenzieller neuer Chef googelt diesen Text und stellt fest: Der Typ ist ein Verlierer, nix für uns?
An dieser Stelle wäre ich schweißgebadet aufgewacht - wenn ich geschlafen hätte. Habe ich aber nicht, sondern ich war Herr meiner Gedanken und sagte mir deshalb: Alles Humbug. Schreib, sei stolz, präsentiere dich, geb ein bisschen an. Was man hier halt so macht.
Das will ich nun tun, jedenfalls für jene tapferen Gestalten, die nach dieser Einleitung noch am Ball geblieben sind: Gestern war ich am Start, und zwar beim Oberwaldlauf in Karlsruhe. 10 schattige Kilometer, die den Vorteil haben, dass ich aus der Haustür stolpern kann, mich 1,5 Kilometer einlaufe und dabei automatisch zum Start gelange. Kein Auto, kein Fahrrad, keine Bahn... einfach loslaufen. Herrlich.
Vor einem Jahr war der Oberwaldlauf mein erster Wettkampf überhaupt. Ich kämpfte dabei nur gegen mich selbst und so sollte es auch gestern wieder sein. Frau okta und mein Lieblingshund Samson spazierten schon mal vor, auf dem Weg zum Start holte ich noch unsere gemeinsame Freundin Judith ab, die eine gewisse Anspannung nicht verleugnen konnte: Ihr blühte, was mir im Vorjahr widerfahren war - der erste Wettkampf.
Knapp 330 Menschlein tummelten sich im Startbereich, ein überschaubares Häuflein, das bester Stimmung war. Kein Wunder, bei dem Traumwetter. Strahlend blauer Himmel, Sonnenschein, fast ein bisschen zu warm. Aber abgesehen von insgesamt vielleicht 600 Metern führte die Strecke ausschließlich durch den Wald. So gesehen war alles perfekt.
Nicht ganz perfekt waren meine vergangenen zwei Wochen: Erst fuhr es mir gewaltig in den Rücken, fünf Tage Pause folgten, der Schmerz ging, eine heftige Erkältung kam. Drei Läufe in 14 Tagen... nicht ganz das, was ich wollte. Am Mittwoch hab ich es etwas zügiger versucht - mit dem Ergebnis, dass ich gepumpt habe wie ein Maikäfer. Nicht schön. Mein großes Ziel, unter 50 Minuten zu bleiben, schminkte ich mir ab. Ich bin nicht einmal sicher, ob ich meine bisherige Bestzeit (50:59) knacke.

Und so kam es, wie es kommen musste: Ich stehe vor der Linie, nach deren Überqueren die 10-Kilometer-Qual beginnt, und habe keine Ahnung, wie ich eigentlich laufen soll. Und während ich noch so grüble und rechne und denke, beginnt er auch schon, der Countdown des Schreckens. Huch, es geht los. Uhr drücken, rennen.
In diesem Moment beschließe ich, die vergangenen zwei Wochen einfach als ausdauerndes und beabsichtigtes Tapering zu akzeptieren. Hach, bin ich ausgeruht. Großartig. Wer so gut tapert, nimmt dann doch die 50 Minuten ins Visier und schaut, was geht. Und es geht ganz gut.
Das erste Kilometerschild passiere ich bei 4:51, das zweite bei 9:41, das dritte bei 14:37. Okay, der Puls pendelt zwischen 92 und 95 Prozent, ein bisschen höher, als er sollte. Andererseits fühlt er sich nicht annähernd so hoch an. Renne ich halt weiter. Wird schon irgendwie.
Die nächsten Kilometer bleibe ich ungefähr im 5er-Schnitt - und damit immer knapp schneller als die Marschtabelle. Bei km 6 sind 29:41 auf der Uhr. Alles gut. Und da vorn ist auch schon das siebte Schild. Blick auf die Uhr... hä? 35:19? Wassen jetzt los? Fast 40 Sekunden verloren bei gleichem Tempo? Also Gas geben. Aber mir gibt keiner Gas. Niemand. Elende Egoisten um mich herum. Behalten alles für sich. Nicht nett. Die Vöglein zwitschern sich einen, während ich um Kraftstoff bettle, die Rehe gucken großäugig und wenden sich schweigend ab, die Wildschweine suhlen sich im Dreck und scheren sich einen selbigen um mich. Alles muss man selber machen.
Also mache ich es halt selber. Bei km 8 bin ich 40:07 unterwegs, immerhin wieder aufgeholt. Noch 2000 Meter, noch 10 Minuten. 10 Minuten quälen wird ja noch drin sein. Andere quälen sich 50 Stunden durch den Dschungel. Lauf, du Weichei!
Das Weichei, also ich, läuft. Und überholt. Die drei Schlusskilometer geht keiner mehr an mir vor bei, ich sauge mich dafür langsam an die vor mir Laufenden dran. Ach, ist das schön motivierend. Das 9-km-Schild naht. Bzw. ich nahe. Was sagt die Uhr? 45:01. Mit anderen Worten: Den letzten km in 4:58 und ich habe es geschafft. Das wird ja wohl drin sein. Ich gebe gefühlt noch mehr Gas, hole alles raus. Überhole nochmal zwei Läufer, schiele prüfend auf den Garmin, in der Erwartung, dass dort ein 4:30er Schnitt oder so aufleuchtet. Aber: 5:16! Das kann doch nicht wahr sein. Noch schneller, alles was geht. Wahrscheinlich hatte ich zwischendurch mal kurz kein GPS, kommt häufiger mal vor. Aber will man sich darauf verlassen? Will man nicht.
Ich biege in Richtung Stadion ein, keine Ahnung wie weit es noch ist. 300 Meter? 200? Die Uhr läuft unaufhörlich, 48:29. Schaffe ich das noch? Ich habe Zweifel, es ist noch so weit. Ich lege ein weiteres Zähnchen zu, überhole ein letztes Mal, höre hinter mir ein Keuchen, beschließe, keinen mehr vorbei zu lassen. Letzte Kurve, Frau okta springt auf, feuert mich an, Samson pennt, feuert mich nicht an. Fressen ist für heute gestrichen!!! Noch 40 Meter, ein letzter Sprint, ein allerletzter hinterher, schnell die Uhr drücken.
49:42. Jaaaaaa...geschafft!
Schnell zwei Becher Tee holen und die paar Meter zu Frau okta kriechen. Kuss abholen und feststellen, dass Samson aufgewacht ist. Er begrüßt mich fröhlich, schwänzelt um mich herum. Will sich wohl doch noch sein Fressen sichern, der alte Schleimer. Na gut, ich bin gerade in Geberlaune.
Gemeinsam warten wir auf Judith... und die kommt schneller als erwartet. 53:47 bei der Premiere, Platz drei in ihrer Altersklasse. Nicht zu fassen. Ich werde nie aufs Siegertreppchen kommen. Es sei denn, ich laufe noch bis 75. Oder es werden endlich BMI-Klassen eingeführt. Dann hätte ich vielleicht ne Chance.
Zehn Sekunden nach Judith kommt Bettina, meine Osteopathin. Die Frau ist 53 und läuft wie ein junges Reh. Sensationell.
Ich selbst werde am Ende 145. Bin also 144. unter den Verlierern. Aber weil man ja nicht alles glauben soll, was so geschrieben steht (nicht mal in jogmap), bleibt die These, was sie ist: Humbug. Und so nehme ich meiner Frau nach dem Genuss von zwei Stück Kuchen die Hundeleine aus der Hand und trabe gemütlich mit Samson los. Auslaufen bis zur eigenen Haustür. Was für ein herrlicher Lauftag.

4.857145
Gesamtwertung: 4.9 (7 Wertungen)

Wer läuft gewinnt

Nur die, die nicht laufen, sind - aus Läufersicht - potentielle Verlierer. Bei diesem perfekten Wochenendwetter ist eher jeder nicht gelaufene Meter ein unwiderbringbarer Verlust. Und Glückwunsch zum Erreichen der PB. Ist mir heute ebenfalls gelungen, ich weiß also wie Du Dich momentan fühlst.

Danke auch für den tollen Bericht, so etwas lese ich viel lieber als die zugegebenermaßen eindrucksvollen aber unerreichbaren Höchstleistungen der Ultraläufer hier.

LG und noch einen schönen Sonntag.

- cnijogmap -

es gibt ein Lied

darin kommt folgender Text vor:
"Du musst kein Gewinner sein, Sieger stehn doch allein..."
Glückwunsch zum nicht Sieg. Du bist mittendrin :-))
Tolle Zeit! Gratulation.
Vg, KS

Für mich...

bist Du ein SIEGER!! Genau, wie alle anderen!

Gratuliere ganz herzlich!:o)

Lieben Gruß Carla
"Mancher rennt dem Glück hinterher, weil er nicht merkt, dass das Glück hinter ihm her ist, ihn aber nicht erreicht, weil er so rennt!" (Bert Hellinger)

Gewinner

haben einfach Spaß an der Sache - Sieger müssen da meist Profis sein.

Also Glückwunsch zum grandiosen Gewinn!

Hey, bei dem Lauf war ich auch dabei!

Und konnte doch tatsächlich trotz der Wärme, die mir immer ziemlich zu schaffen macht, meine PB von Illingen um gigantische 6 Sekunden verbessern!
Und das trotz der schlechten Renneinteilung (erst zu schnell losrennen, dann stark nachlassen). Das mit der Uhr hab ich wieder mal gar nicht hinbekommen, weder beim Start noch beim Ziel hab ich gedrückt. Irgendwie kann ich bei so Volksläufen nicht mehr klar denken. Erst recht, wenn er noch neu für mich ist.

"be dumb - just run"

"die Wildschweine suhlen sich im Dreck und scheren sich einen selbigen um mich"
-> Ein Satz, der wie eine Reminiszenz an den unvergesslichen Heinz Erhardt anmutet - sehr schön. :o)
Es lag aber wirklich ziemlich viel Pferdemist rum, was?

Also diese Idee mit "Oder es werden endlich BMI-Klassen eingeführt." ist nicht nur genial, sondern wie ich finde, nicht mal abwegig! Und sie würde mir auch sehr entgegenkommen. ;o)
Was kann unsereins denn dafür, dass unser Appetit so groß ist, während die Verdauung genetisch und darmflora-technisch eben saugut funktioniert?
Alter wird dagegen doddaal überbewertet. Allein in der Top10 tauchen 5 verschiedene AK auf, und z.B. ein M60 Peter Beil brauchte nur 39:22.
Mit welchem Gremium kann man diese hochmoderne Idee der BMI-Klassen durchsetzen?
Oder wird die schon fleißig diskutiert im Leichathletik-Verband?
Immerhin gibt's im Boxen, Ringen und so auch Gewichtsklassen...

Jedenfalls sind wir Gewinner - soviel steht fest. :o)
Danke für den tollen Bericht!

ER schafft das Wollen und das voll Bringen - mit extrem hohem Bringungsfaktor.

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