Benutzerbild von krowil

Nachdem die letzten Urlaube unter Jogging-Gesichtspunkten gut gelaufen waren, ließ krowil seiner Frau freie Hand bei der Planung des nächsten Urlaubsziels.
Da die Eltern alt genug waren, ihre Kinder zu Hause zu lassen, wurde in den Herbstferien mit fünf Freunden, ebenfalls dem Erziehendenalter entwachsen, eine Villa auf Sizilien gemietet, um die sizilianische Kultur und Küche kennen zu lernen und das sizilianische Wetter und die Ätna-Umgebung zu genießen.
Auch wenn krowil der einzige vom Jogging-Virus Infizierte unter den Sieben war, hoffte er als Morgenläufer dem mediterranen Klima ein Schnäppchen zu schlagen und genug Gelegenheit zu haben, seinem Jahresziel 2012 von 2000 km näher zu kommen.
Doch die Anfahrt zur Unterkunft in Santa Venerina nährte schon erste Zweifel. Die Landstraßen, die er sah, hatten keinen Seitenstreifen und waren so eng, dass gerade zwei Wagen aneinander vorbei kamen. Die Straßen in den Ortschaften waren noch enger, zugunsten parkender Autos wurde auf den Bürgersteig verzichtet.


Nur Touries gehen hier zu Fuß

Die zum Teil vorhandenen zwischen 30 und 50 cm breiten Hausumrandungen konnte man als solche nicht bezeichnen, zumal sie dort, wo sie mal gerade nicht durch parkende Fahrzeuge verengt wurden, mit Verkehrsschildern, Laternen, Trittstufen vor den Haustüren oder Blumenkästen voll gestellt waren.

Außerdem machte krowil in den ersten Tagen seines Aufenthalts eine weitere Beobachtung: Der gemeine Sizilianer hatte sich dieser Umgebung angepasst und bewegte sich nur auf Rädern. Die einzigen Fußgänger, die krowil sah, bewegten sich von der Haustür auf dem kürzesten Weg zu ihrem Fahrzeug. Die jungen Exemplare bewegten sich meist auf zwei, die älteren auf vier - in einigen Fällen auf drei - Rädern.


Dreirad

Die ganz jungen bekam krowil auf dem Weg zum Schulbus begleitet von den weiblichen Mutterexemplaren zu Gesicht.

Die ersten Laufversuch am nächsten Morgen sah entsprechend kläglich aus. Der Weg ins Nachbardorf Zafferana wurde offensichtlich nur von Idioten und Lebensmüden zu Fuß benutzt, wobei krowil sich zu den Ersteren zählte. Innerhalb der Ortschaft artete der Laufkurs zu einem Hindernislauf aus, da nicht nur die bereits oben geschilderten Hindernisse den Straßenrand verengten, sondern noch zahlreiche Müllbeutel, die von der örtlichen Abfuhr täglich eingesammelt werden sollten.
Auf der Landstraße stellte krowil ein nicht allzu ernst zu nehmendes Hindernis für die in Höchstgeschwindigkeit die Kurven schneidenden Siziliani dar. Aufgrund täglicher Übung in den engen Ortschaften schafften es die meisten Fahrzeuglenker ohne großen Geschwindigkeitsverlust im Minimalabstand an krowil vorbei zu kommen. Andererseits wurde krowil der Minimalabstand zum Straßenrand häufig durch wild wachsendes Dornengestrüpp verwehrt, das zum Pech der Idioten und zum Glück der Lebensmüden meist an den schlecht einsehbaren Stellen einer Kurve am stärksten wucherte.
Nachdem für den Rückweg gewählte Alternativwege, die von der Landstraße abzweigten, allesamt entweder vor einem Eisentor oder im unbefestigten Niemandsland endeten, beschloss krowil mit GoogleMaps Abhilfe zu schaffen.
Tatsächlich gelang es krowil mit der Via Carotti eine Umgehungsstraße zu finden, die mit ca. 50 Höhenmeter auf 1 km Strecke annehmbar war, fast gänzlich durch grünes Gebiet führte und mit einigen anderen unbelebteren Straßen zu einem Rundkurs um den Ort ausgebaut werden konnte.

Zur Freude der Anwohner brachte krowil am nächsten Morgen zahlreiche Hunde hinter Zäunen und Toren im Takt seines 6er-Paces zum Kläffen, als er die Via Carotti viermal hin- und herlief. Während die Hunde von durchfahrenden Autos keine Notiz nahmen, reizte sie ein solches UJO (= Unbekanntes Joggendes Objekt) schier zur Weißglut.

Nachdem krowil am Sonntagmorgen, den Rundkurs ausprobierend, erst von zwei mittelgroßen herrenlosen Hunden verfolgt wurde, die er nur mit Gorillagebärden von der Wehrhaftigkeit ihres Objektes der Neugier überzeugen konnte, begegneten ihm zwei Sizilianer, die hinter ihrem Wagen mit Gewehren hantierten. Hier verkniff sich krowil die Gorillagebärden, grüßte freundlich und hoffte, dass die Sizilianer auf einem Jagdausflug waren und es eher auf die herrenlosen joggerbelästigenden Hunde abgesehen hatten.
Als kurze Zeit später krowil der Zugang zur Via Carotti von einem Schäferhund verwehrt wurde, der sich wider der Erfahrungen der letzten Tage vor dem Zaun auf der Straße aufhielt und nicht den Eindruck machte, UJOs durch zu lassen, war krowil endlich in Sizilien angekommen.
Fortan wurden sämtliche Laufambitionen auf dem nahe gelegenen Dorffriedhof begraben und krowil bewegte sich nur noch wie ein normaler Tourist bis zum Auto und mit dem Wagen zu den umliegenden touristischen Zielen.

Die oben geschilderten Erfahrungen sind rein subjektiv und gelten nicht für die besuchten touristischen Ziele Taormina, Syrakus, Noto und Lido de Noto. Tatsächlich bekam krowil in jedem dieser Orte einen furchtlosen Jogger zu Gesicht von denen allerdings die Hälfte (also 2) deutlich als offenbar ortsunkundige Touristen erkennbar waren.

4.25
Gesamtwertung: 4.3 (8 Wertungen)

Schönes Thema, aber...

....ganz ehrlich, nichts gegen dich, aber die Blogs, in denen Leute von sich selbst als "er" schreiben, die finde ich allgemein schwer verdaulich. Wer hat eigentlich den Blödsinn erfunden?

Als Düsseldorfer...

(...aber nicht nur deshalb) bin ich halt ein Fan vom Kaiserswerther Kenianer und finde dessen Stil gut.
Hab letzten Monat eine Krimi im ich-Stil nach 50 Seiten wieder zu geklappt. Liegt mir einfach nicht.
Von den Büchern des Kenianers würd ich Dir (schweren Herzens) dann auch eher abraten.

27.10.2012 DSD-Ostparklauf

hat mir gut gefallen

Dein Blog. Eine eigentlich traurige Geschichte mit trockenem Humor erzaehlt.

*kicher*

Ich hab dereinst meine Flitterwochen am Fuße des Ätna verbracht.
In der Tat kann ich mir schwer vorstellen, dass man in der Region entspannt joggen kann.
Ich hoffe nur, der Vulkan hat Euch mit einem ordentlichen Ausbruch erfreut - wir hatten damals das Glück, dieses Naturschauspiel aus sicherer Entfernung aber doch beeindruckend nah dran erleben zu können.

Da hilft nur Querfeldeinlaufen

... über Stock und Stein ;-)

Ich bin bekennender Urlaubs-Nichtläufer. Urlaub ist bei mir Urlaub von allem. Es sei denn, ich mache Laufurlaub, aber das ist ja was anderes. Ich weiß aber, dass die meisten das anders machen und die viele Zeit im Urlaub auch zum Laufen nutzen.

*grins*

Kenne nur Zypern (insbesondere Nikosia), am besten mit Kinderwagen - das hat auch was ;-))

Schön erzählt!

Saarvoir courir - laufen wie bekloppt im Saarland

Zum Schreibstil ist mir noch eingefallen:

Die Ich-Form habe ich wahrscheinlich unbewußt deshalb gewählt, weil ich mich im Grunde als multiple Persönlichkeit verstehe. krowil ist insofern der Jogger in mir und macht nicht mein gesamtes Ich aus.

@WWConny
Ganz oben am Krater waren wir nicht. Die Auffahrt von 1900m auf 3200m sollte über 60 EUR (Seilbahn, Geländefahrzeug, Bergführer) kosten. das war einigen aus unserem Siebenerteam zu teuer. Zumal vier von uns schonmal am Ätna oben waren und meinten die Auffahrt lohne sich nicht.
Mit dem Erleben eines richigen Ausbruchs hast Du aber sehr viel Glück gehabt.
Die Wanderungen an einigen inaktiven Nebenkratern in 1500m bis 1700m Höhe war mit dem unglaublichen Farbenspiel der Natur auch sehr beeindruckend.

(Irgendwas mach ich beim Hochladen der Fotos och falsch, entweder sind die Bilder zu klein, oder undeutlich)

27.10.2012 DSD-Ostparklauf

Nicht nur Sizilien?

Habe gerade in unserem Lokal-Werbeblatt "Der Gerresheimer" einen interessanten Artikel über 2 italienischstämmige Düsseldorfer gelesen, die eine Radtour von Düsseldorf-Gerresheim (in Gerresheim-Süd gibt eine interessante italienische Kolonie) nach Bari (Italien, Stiefelabsatz) mit dem Rad unternommen haben. Ein paar Sätze, die den Verdacht erhärten, dass die Verhältnisse auf dem Festland auch nicht viel anders sind als auf Sizilien:
//Am folgenden Tag machen die Giogios Bekanntschaft mit Italien: keine Radwege mehr, dafür viele LKWs, tote Tiere und Müll am Fahrbahnrand. Pino: "Ein völliger Kontrast zu Deutschland." Und es kommt noch herber. Sie verfahren sich. Alle Wege führen auf die sechsspurige Autobahn.//

27.10.2012 DSD-Ostparklauf

Nicht nur Sizilien!!!

Die Verhältnisse auf dem Festland sind nicht viel anders, wie die Erfahrungen der Ultraläufer im Film "I want to run" zeigen. Die internationale Gruppe, die quer durch Europa lief, zeigte sich von den Straßenverhältnissen in Deutschland angenehm überrascht, nachdem sie quer durch Italien läuferfeindliche Erfahrungen machen musste.

26.Mai Hochwald-Mittelrhein HM
06.Juli Himmelgeister HM

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