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Der 3. Marathon stand an. Im Frühjahr schaffte ich in Düsseldorf eine super Zeit mit einem Lauf, bei dem alles passte. In der anschließenden Euphorie keimte der Wunsch auf, beim nächsten Mal die 3:30 Std zu knacken. Im Glücksrausch kamen mir 10 Sekunden schneller pro Km wie Peanuts vor. Nach etwas Abstand wuchsen die Peanuts zu Jumbo-Peanuts und es kamen doch Zweifel auf. Da ich aber meine Klappe nicht gehalten hatte, wollte ich das Ding jetzt auch durchziehen. Die Wahl fiel auf Köln, da ein Kollege mich bei seinem Debut begleiten wollte.

Im Startblock ist um 11:30 Uhr kein Kollege zu finden. Das fängt ja gut an. Ich positioniere mich beim Ballonläufer in der Hoffnung, dass mein Kollege doch noch zu mir stößt. Kurze Zeit nach dem Start ist das dann auch der Fall. Gemeinsam versuchen wir das angestrebte Tempo zu finden. Die ersten zehn Km sind wir gut in der Zeit und laufen etwa eine Minute raus. Aber beim Hochlaufen nach der Unterführung merke ich, dass mein rechter Oberschenkel schon ziemlich hart ist. Am Tempo kann es eigentlich nicht liegen, da bin ich die 10km schon deutlich schneller gelaufen. Auch die nächste Etappe bringen wir zeitlich gut hinter uns, bei der Hälfte bin ich ca, 1:40 Min im Plus. Mein Kollege hat sich kurz vorher zu einer Pause bei seiner Frau verabschiedet und meint, wir sehen uns im Ziel. Dann laufe ich halt die letzten 21km alleine. Es wird schwerer, inzwischen ist es nicht mehr nur der Oberschenkel, der mir Probleme bereitet. Eigentlich schmerzt hüftabwärts alles. Nach einer weiteren Unterführung und einem böigen kalten Gegenwind kommt bei KM26 die erste Gehpause.
Jetzt fängt der Kampf an. Mein Kopf träumt vom Aufgeben, aber sollte das ganze Training umsonst gewesen sein??. Meine Mutter will bei KM31 an der Strecke sein, bis dahin muss ich also durchhalten. Selbst bei KM30 bin ich noch knapp in der Zeit. Endlich sehe ich meine Mutter, am liebsten würde ich ihr was vorheulen. Manche Dinge sollten sich Eltern besser nicht angucken... Das sie mich am Neumarkt nochmal anfeuert, bekomme ich schon nicht mehr mit.
Der Ballonläufer überholt mich, klopft mir auf die Schulter und fragt, wie es aussieht. Er drückt mir die Daumen, dass ich heil ins Ziel komme.
Die letzten Kilometer zwinge ich mich: 2km laufen, 50m gehen, 2km laufen,usw. An zwei Verpflegungsstationen greife ich zur Cola, egal ob mein Magen mitspielt. Das muss jetzt sein. Wann kommt endlich diese blöde Spendenmatte, den Umweg (bestimmt 5m!) schaffe ich ja wohl auch noch. Dann die Deutzerbrücke. Ich gehe wieder ein Stück. Die Zuschauer feuern einen an, selbst überholende Läufer rufen einem zu, dass es fast geschafft ist. Und endlich, endlich ist es da, das Ziel.

Ich kann es kaum glauben, trotz mehrerer Gehpassagen habe ich mein Bestzeit nochmal um 1:30 Min verbessern können. Jetzt steht sie bei 3:36:18 Std. Und ich kann immer noch gehen. Was auch besser ist, denn stehen wird zur Qual. Bei der Nachversorgung versuche ich aufzutanken, aber nach kurzer Zeit beginne ich zu frieren. Mir scheint, da bin ich keine Ausnahme. Also schnell raus zur Kleiderausgabe und Klamotten anziehen.
Auch mein Kollege ist angekommen. Ihn hat es körperlich noch schlimmer erwischt als mich, aber das spielt keine Rolle mehr, er hat es geschafft. Allerdings weiß ich nicht so recht, wie ich ihm seine Frage erklären soll, was dabei denn Spaß macht. Dann erinnere ich mich an meinen Lauf in Düsseldorf und sage ihm: wenn du einen Lauf hast, bei dem eigentlich alles stimmt, tut es zwar zum Ende hin auch weh, aber das vergisst Du sehr schnell wieder und dann macht es auch Spaß.

Mal sehen, ob ich beim nächsten Mal wieder die 3:30 Std anpeilen werde. Vielleicht hätte mich eine Begleitung "gerettet", die bis zum Ziel bei mir geblieben wäre. Aber bei den muskulären Probleme hätte mir keiner helfen können. Vielleicht wäre es eine Gehpause weniger geworden und es hätte noch für eine 3:35 Std gereicht (Quali für New York). Na ja, so bleibt mir wenigstens noch das ein oder andere Ziel erhalten...

4
Gesamtwertung: 4 (3 Wertungen)

So

auf Zielzeit zu laufen ist echt hart...
Es zeigt sich eh erst auf den letzten 10 km ob man sein Ziel schaffen kann. Die tuen dann aber auch wirklich weh ;)
In München mußte mann nach dem Zieleinlauf und der Erstversorgung noch eine RIESIGE Treppe hoch. Ich nenne sie "Treppe der letzten Prüfung". Und an der sind viele gescheitert!

Glückwunsch zur PB!

Da hast Du

aber ordentlich gekämpft.. und das ganze (Kopfkino 'AUFGEBEN') toll beschrieben.

Ich gratuliere Dir zur neue Bestzeit. Beim nächsten Mal auf den ersten 10 .. besser 20km lieber 2, 3 Min, liegen lassen, dann bleibt hinter her mehr Kraft übrig!

Ich war auch da und muss sagen, wenn Du die Stimmung das nächste Mal mitkommst, dann gibts Gänsehaut und Dauergrinsen gratis noch zur Bestzeit dazu.
Und auch gleich war mein gefühlsmäßig bester Marathon in Düsseldorf (2010).. muss irgendwas mit diesen Städten zu tun haben =)

beste grüße
jan

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