Benutzerbild von docrob

Jaja, das meine ich wirklich ernst! Auch wenn ich es erst ganz spät gemerkt habe, genau genommen sogar erst, als alles gelaufen war an diesem herrlichen Herbsttag mit dem Lauf durch den Fläming, den ich fast verpasst hätte. Wäre allerdings schade gewesen.

Nach vier Monaten Training nur so für mich hatte ich mir am Sonntag den Burgenlauf vom südbrandenburgischen Belzig nach Wiesenburg und zurück ausgesucht, um 25 Kilometer lang Tempo sowie Auf und Ab für die große Nummer in New York zu üben. Den Lauf in Südbrandenburg hatte ich vor acht Jahren mal mitgemacht. Er hat Tradition schon aus DDR-Zeiten, da haben wirklich gute Leute gewonnen, obwohl er nur ein paar Kilometer auf Straßen entlang führt und ansonsten über Wald-, Wiesen- und Forstwege, auf denen auch diesmal hier und da der Morast nicht fehlte.

Tja, und ausgerechnet am Samstag hatte ich nach schon 100 Kilometern Training in der abgelaufenen Woche mit viel Tempo und Hügeln in Nordbrandenburg nahe der wunderschönen mecklenburgischen Seenplatte das erste Mal in diesem Jahr wieder die gefürchteten Schienbeinprobleme.

Ich bin am Sonntag trotzdem los, sprintete sogar nochmal kurz zurück nach Hause, weil ich das Duschzeug nicht eingepackt hatte und auf der Rückfahrt im Zug nicht müffeln wollte. Meinen Bus zum Bahnhof erwischte ich zum Glück gerade noch so auf den letzten Drücker.

Von der Burg Eisenhardt geht es traditionell hinter zwei Pferden mit Rittern hinunter zum Marktplatz von Belzig, das sich seit ein paar Jahren Bad Belzig nennen darf. Die Sonne wärmte angenehm, und inmitten der vielen Leute, von denen die meisten die kürzere Runde über acht Kilometer liefen, war der Wind noch nicht zu merken.

Ich bin trotz meiner Bedenken wegen der Schienbeinkante los, aber ohne Warmmachen, ohne Ambitionen, mit nur wenig Spannung und eher gemächlich. Ich wollte 1:50 laufen, also knappe 4:30 pro Kilometer. Am Anfang geht's gleich durch den Wald hoch, nach fünf Kilometern ist man am Hagelberg, mit 200 Metern schon Brandenburgs höchster Hügel, im Dorf gibt es sogar eine Bergwertung. Auf der Straße ruckte ich an und überholte ein Duo. Im nächsten Waldstück sah ich manchmal schon nicht mehr den Nächsten vor mir. Nach der Hälfte schloss ich zu ihm auf.

Ein Zuschauer rief uns zu, der Führende sei sieben Minuten weg, wir wären Dritter und Vierter. Wie bitte? Dritter und Vierter? Bevor wir auf einem Feldweg einem Trecker ausweichen mussten, hatte ich gerade zu meinem Mitläufer gesagt, wir würden den vor uns noch holen. Das machte ich sieben Kilometer vor dem Ziel im Wald dann allein, ärgerte mich nicht über Modder und unebene Feldpfade, sondern lief jetzt um meinen zweiten Platz. Schienbein? Schmerzen? Zwangsause? New York? Egal, wird schon gehen. Jetzt zählt's, so weit vorn war ich noch nie, ein dritter Platz beim Silvesterlauf schien für immer das Beste zu sein.

Die letzten knapp zwei Kilometer führen wieder auf der Straße Richtung Burg Eisenhardt zurück. Es waren vereinzelte Läufer unterwegs, mutmaßlich alle am Ende der kurzen Runde. Der da vorn in blau auch? Denkste. Das war der Sieger, wie ich erst am Ziel oben am Burgeingang hörte. Da war er nur noch 20 Sekunden vor mir. Das mit den sieben Minuten konnte nicht gestimmt haben. So knapp war ich nie am Sieg dran, und ich hätte schneller sein können. Aber ärgern? Nein, denn damit war nicht zu rechnen, und Zweiter war ich noch nie, und dann noch völlig unverhofft. Stimmen die Schilder, wäre ich die letzten 15 Kilometer in einer Stunde gerannt, statt der geplanten 1:50 kamen 1:43einhalb raus. Zum Vergleich und realistisch bleiben: Ein Sieger lief da mal 1:16 und den Marathon wenig später unter 2:10. Solche Jungs hatten wir wirklich mal in Deutschland.

Auf's Duschen habe ich übrigens verzichtet, weil ich die Siegerehrung nicht verpassen wollte. Da gab es eine fette Prämie - ein mehrere Kilo schweres Wurstpaket, mit dessen Inhalt ich noch einige andere Menschen erfreuen konnte. Zum Glück war ich bei der Bergwertung nicht vorn, die Torte dafür hätte ich nicht auch noch tragen können... Die hätten wir aber natürlich an Ort und Stelle verdrückt. Denn im Burghof schwätzte ich bei Sonne, Erbsensuppe, Nachlauf-Bratwust, Bier und selbstgebackenem Kuchen noch mit anderen Läufern und genoss den Tag. New York wird sicher toll (und mein schmerzendes Schienbein hoffentlich gesund), aber bestimmt nicht besser.

Und noch das: Als ich mich in Richtung Heimat aufmachte, war ein Mädel aufgetaucht, das offenbar verloren gegangen war, denn zwischendurch war sie schon ausgerufen und nach ihr gesucht worden. Weinend fiel sie ihrer Mutter in die Arme und schimpfte, in dem versch... Wald sei nix ausgeschildert. Der Weg ist tatsächlich oft nur mit rot-weißen Baustellenbändchen markiert. Ich habe ihn zum Glück gefunden.

Schöne Grüße an Euch,
Robert

Super!

Eine Hammerleistung. Herzlichen Glückwunsch.
In dieser Situation ist es absolut nachvollziehbar, dass nur noch das Hier und Jetzt zählt und die nähere Laufzukunft sowas von wurscht ist.

cherry65

Jeder, der vor mir läuft, hat es sich verdient

Geiler Lauf.

Schöner Bericht.

Fetter Gewinn.

Danke. Geschieht Dir recht!

---


"Ich bin nicht geil auf die Angst, aber die Angst macht ein Ziel erst wertvoll. Daher gehört die Angst dazu."
Felix Baumgartner

Darstellungsoptionen

Wählen Sie hier Ihre bevorzugte Anzeigeart für Kommentare und klicken Sie auf „Einstellungen speichern“ um die Änderungen zu übernehmen.

Google Links