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Schon im Frühjahr stand für mich fest, dass die Premierenveranstaltung des Pfalztrail zur Pflicht wird. So viel Lokalpatriotismus musste sein, wenn auch die Anfahrt ein paar Kilometer länger war, als der Lauf.
Natürlich sollte es die lange Runde sein, die über 69 km und rund 1750 Höhenmeter durch das Leiningerland führen sollte. Anlass war das Ortsjubiläum von Carlsberg, unweit des "Pfälzerwaldaufstiegs" der BAB 6 zwischen Ludwigshafen und Kaiserslautern.

Das Eventgelände war am Sportplatz des Ortsteils Hertlingshausen aufgebaut, Start und Ziel war auf dem Rasen. Nach einem kurzen Briefing begaben wir uns zum Start.
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Weil so früh nur die Ultras starteten, war es im Startbereich recht übersichtlich und pünktlich um 7.30 Uhr, kurz nach Tagesanbruch wurden wir losgeschickt.

Zunächst ging es ein Gefälle herunter und ein paar Straßen durch den Ort, ehe wir in den Wald ausgespuckt wurden. Waldwege und Trails wechselten sich ab, bald kam die ersten Steigungen. Auf einem kurzen Stück kamen uns Läufer entgegen, denn hier war eine kleine Schleife zu laufen und das Feld hatte sich hier schon weit auseinandergezogen.

Die Strecke wurde durch Flatterband, das an die Bäume geknotet war, angezeigt, an vielen Kreuzungspunkten waren dazu noch biologisch abbaubare Pfeile und/oder Absperrlinien aus Mehl auf den Boden aufgebracht. Eigentlich idiotensicher. Eigentlich.
Bei km 8,x passierte es dann. Ein geradeaus verlaufender, ganz leicht ansteigender Hauptweg und ein abzweigender Pfad, der den Berg hoch führte. Direkt am Abzweig war ein Flatterband. Ich lief praktisch im Windschatten einer Läuferin, ein anderer Läufer hatte zu uns aufgeschlossen. Die Läuferin und ich waren daran, geradeaus weiterzulaufen, da ich das Flatterband bis dahin sowieso nicht bemerkt hatte. Der Läufer meinte, wir müssten da hoch. Die Läuferin meinte, „da vorne“ (auf dem Hauptweg) wären andere Läufer. Vielleicht sind aber „die da vorne“ falsch“?
Der Pfad sah mehr nach Pfalztrail aus, die Hauptstrecke eher nach Pfalzweg. Wir liefen also den Berg hoch. Eine ansehnliche Meute folgte uns. Oben kamen uns wieder zwei Läufer, die vorgeprescht waren, entgegen und sagten wir seien falsch. Einer hatte den Track auf seinem GPS-Gerät. Weiter vorne wären wir wieder auf die richtige Strecke gekommen, unser Verlaufen wäre sogar eine Abkürzung gewesen. Hätten wir einen Checkpoint umlaufen und wären aus der Wertung geflogen, wäre dies doof gewesen und Abkürzen und die ganz ambitionierten Läufer überraschen, indem wir ihnen in die Quere laufen, wäre nicht ganz fair gewesen. Also zurück. Zwar nicht auf Los, aber bis zur offiziellen Strecke, das letzte Stück den kurzen Weg den Hang hinunter. Ein Läufer maulte etwas wegen dem gelaufenen Umweg. „Wir holen das durch die bessere Höhenanpassung wieder raus“, war meine Antwort.
Das Flatterband am Abzweig war vielleicht etwas ungeschickt platziert, hätte so oder so interpretiert werden können. In Relation zur sonstigen Markierungssystematik war es in der Nachbetrachtung eigentlich klar, dass dort das geradeaus Laufen angesagt gewesen wäre.

Nach mehr als 20 Kilometern kamen wir aus dem Wald, umkurvten ein paar Wiesen, Felder und Koppeln. Der Blick in die Rheinebene wurde frei. Zumindest bis die Weiten der Ebene vom Dunst verschluckt wurden.
der Blick in die Rheinebene frei wurde. Zumindest bis die Weiten der Ebene vom Dunst verschluckt wurden.

Dann kamen wir durch ein ehrwürdiges Portal, durch einen kopfsteingepflasterten Hof, an einem (Bauern-?)Haus vorbei und durch einen wunderschön angelegten Garten.
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Die rückwärtige Grundstücksumgrenzung, vor der die erste Vollverpflegungsstelle aufgebaut war, schien wieder historisch zu sein.
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Wir waren inmitten der Burgruine Battenberg. Die früheren Burgherren sind allerdings nicht die, die als Mountbatten das britische Königshaus unterwandert haben, die kamen aus einem anderen deutschen Battenberg.
Schon hier stellte ich fest, dass ich wieder einer der langsameren Verpfleger war. Aber ein leerer Sack fällt um, deshalb machte ich mir nicht wirklich viel daraus. So nett und gastfreundlich die Helfer waren, fiel das Verweilen auch nicht schwer.

Nun ging es durch das Örtchen Battenberg, wo nicht nur die Lage einiger Häuser sehr vorzüglich war.
Die Läuferinnen und Läufer um mich herum konnten sich auf dem langen, geraden, leicht ansteigenden Weg durch die Felder bis zum Wald auch nicht wirklich entscheiden, ob er sinnvoller zu laufen oder zu begehen ist. Ein Pärchen diskutierte darüber. Ich dachte mir, wenn ich gefragt würde, würde ich sagen, dass ich gleich mein Klettersteigset anlegen würde. Ein kurzes Stück ging ich auch, den Rest lief ich langsam und gemächlich.

Im Wald war es wieder ein fröhliches Auf und Ab auf Wegen und Pfaden. Mal auf festem Boden oder auf federnden Kiefernnadelschichten, mal felsig, stückweise sandig oder von Gras oder Moos bewachsen, für kurze Stücke auch mit Esskastanienigeln übersät. Da wir uns ständig auf Höhen zwischen 230 und 500 Metern über dem Meeresspiegel bewegten, waren die Anstiege nicht wirklich lang.

Als die Lauflust etwas abzudriften drohte, schloss an einer Getränkestelle ein Läufer aus Aachen zu mir auf und wir liefen eine ganze Weile zusammen und unterhielten uns, was gut ablenkte
Bei der zweiten Vollverpflegungsstelle (dazwischen waren noch einige Getränkestellen), etwa nach der Hälfte der Distanz, war wieder das gleiche Phänomen. Andere zogen wieder viel schneller von dannen.
Einer fragte mich, warum man sich das antue. Ich antwortete: „Weil es Spaß macht“, ohne dies in diesem Moment selbst zu glauben. Er lief los. Als ich kurz darauf auch antrabte, kam er mir entgegen und sagte, es reiche, er würde nun aussteigen.

Die 10 Kilometer bis zur nächsten Verpflegungsstelle war ich wieder allein unterwegs. Sie gingen weg, wie von selbst. Ich überholte nach einiger Zeit wieder einige Läufer, denen ich am letzten VP begegnet war, schloss auch auf den Aachener auf, war aber so gut im Laufmodus, dass ich mein Tempo weiterlief. Manche der Steigungen wäre ich bei anderen Läufen längst gegangen. Verwundert war ich, dass mir die Zeit bis zum nächsten VP so kurz vor kam. Dort zogen einige der Überholten natürlich wieder an mir vorbei.

Danach lief es weiterhin gut. Sowohl die taktischen Gehpassagen, als auch das Laufen. Nur die jeweiligen Geschwindigkeitswechsel oder das Anlaufen nach den VP’s fühlten sich doof an und liefen unrund. Nicht nur der Übergang vom zügigen Gehen ins Laufen sondern auch umgekehrt. Dass sich auch der der Wechsel vom Laufen ins Gehen komisch anfühlen kann, war eine neue Erfahrung für mich.

Ich hatte schon 58 Kilometer auf der Uhr, als die schönsten Trails kamen. Angefangen mit dem Aufstieg auf den zweiten 500er, den Rahnfels, wo ein wunderbarer Aussichtspunkt auf uns wartete.
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Ein Stück weiter war „schon“ der nächste VP. Hier zeigte mein Garmin schon 60 km an. Darin war die Rampe drin, die wir als Umweg gelaufen sind und die Mehrwertsteuer, die das GPS oft zusätzlich zählt. Hier erfuhren die meisten Läufer, was ich auf dem Weg zum Start schon von einer Insiderin erfahren hatte. Der Lauf würde länger werden, als die offiziellen 69 km. Bedingt durch Holzfällungsarbeiten hatte man uns auf einen Umweg geschickt und wir waren erst beim offiziellen Streckenkilometer 53,x und es seien noch 15,5 km zu laufen. Einige schauten recht entgeistert, ob der neuen Aussichten. Ich musste natürlich wieder einen Spruch abdrücken: „Schön, wir bekommen ein paar Gratiskilometer für’s gleiche Geld!“ Das fanden scheinbar einige nur begrenzt witzig.

Auf schönen Trails ging es jetzt hauptsächlich bergab. Natürlich nicht ohne ein paar Gegenanstiege. 5 km vor Schluss war noch ein Dort zu passieren, in dem der letzte VP war. Wieder im Wald ging es noch eine Rampe hoch, damit man bergab wieder Hertlingshausen entgegen trudeln konnte.
Dort hatten wir wieder ein paar Dorfstraßen zu durchlaufen. Vom viel zu flüchtigen Betrachten des Streckenplans war mir in Erinnerung geblieben, dass wir das Ziel über die Rückseite des Sportgeländes zu erreichen hatten. Dass wir noch mal so weit durch die Pampa geschickt würden, damit hatte ich nicht gerechnet. Der vorher schon zu vernehmende Zielmoderator war längst wieder außer Hörweite, als wir –wieder im Wald- noch einen schönen Anstieg hoch mussten, dann ein paar Hundert Meter auf einem ziemlich flachen Weg, noch eine rechts-links Kombination am Sportplatzzaun entlang, eine Treppe hinunter und auf dem Sportplatzrasen in den Zielkanal.
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Mit 9:49 Stunden war ich nicht wirklich schnell. Der Lauf hat aber Spaß gemacht. Überhaupt war das Timing perfekt. Denn als ich mich noch bei der Zielverpflegung tummelte und mich bei der heimischen Regierung telefonisch zurückmeldete, setzte der prognostizierte Regen ein, zunächst noch als Niesel.

Obwohl wir fast nur im Wald waren, war die Strecke abwechslungsreich. Als ich dann tags darauf den Bericht in unserer Sonntagszeitung las, musste ich etwas schmunzeln. Der Autor beschrieb den Lauf als so hart, dass ich mit wirklich wunderte, überhaupt ohne Klettersteigset durchgekommen zu sein.

Dass ich einige Randerscheinungen eingehend beschrieben habe, über anderes jedoch ziemlich oberflächlich hinweggegangen bin, liegt daran, dass ich noch einen Bericht über den Lauf anfertigen darf. Deshalb konnte ich noch nicht die gesamte Munition verschießen. Der Eintrag wurde auch so ultralang.

cherry65

5
Gesamtwertung: 5 (3 Wertungen)

warum auch schnell verpflegen

wenn man schnell laufen kann. Ich finde diese Taktik echt beneidenswert ;-))

Ganz liebe Grüße an die heimische Regierung!

Saarvoir courir - laufen wie bekloppt im Saarland

Noch ein Highlight des Veranstalters

...ist der Umgang mit Nichtstartern. Verletzungsbedingt konnte ich leider nicht starten. Nach einigen Mails im Vorfeld hat mich der Veranstalter Gebührenfrei aufs nächste Jahr umgebucht. Wirklich klasse. Ich freu mich jetzt schon ... ;-)

30.09. Berlin Mara (DNF
06.10. 1. Pfalz-Trail (DNS)
24.11. Kleiner KoBoLT

Sehr schön

War bestimmt ein toller LAuf, wie man deinem Bericht entnehmen kann.
Leider fiel die VA mit einer anderen zusammen, daher konnte ich dort nicht starten.

GT

"laufend laufen, laufen wir laufend!"

lieben Dank für den

schönen Bericht. Da wäre ich doch auch gern gestart, aber meine Mitfahrgelegenheit wollte woanders hin;). Um so besser, dass du da warst und einen tollen Lauf hattest. Nägschtes Jahr...
...pain only hurts...

'nem g'schenkten Gaul guckt man nicht ins Maul!

Ja, manchmal reicht's einem! Da mag man nicht mehr! ... und Extra-Kilometer schon gar nicht! Nicht mal geschenkt!
Du liebe Zeit, lass' dich jetzt bloß nicht mit deinen Bonusmeilen erwischen!
Sei versichert, das bleibt unter uns!
;-))

LEIDER...

...kann ich nicht auf 2 Hochzeiten gleichzeitig tanzen.
Schöner wars bestimmt bei Dir als bei meinem 10 mal 10km 100er.
Es gibt noch sooo viel zu tun; packmas!
Ich wäre natürlich voll in den Regen gekommen.

Hach,...

und wieder son schöner Traillauf!!
Cherry, du Trüffelschweinchen, Deine Laufauswahl trifft immer wieder voll meinen Geschmack!
Ob ich mich über Bonuskilometer bei der Streckenlänge noch beschweren würde, keine Ahnung! Passt schon so!
Für Dich kein Problem!:o)
Und im Ziel siehste immer so locker flockig aus, als hättste nix getan da!!;o)
Such Du mal schön weiter diese Trüffelchen und zeig sie mir! :o)

Lieben Gruß Carla
"Mancher rennt dem Glück hinterher, weil er nicht merkt, dass das Glück hinter ihm her ist, ihn aber nicht erreicht, weil er so rennt!" (Bert Hellinger)

Am besten ...

... hat mir deine Antwort auf das Maultier gefallen, als ihr falsch abgebogen seid. Ultratrails laufen ist halt vor allem eine Spaßveranstaltung - und verlaufen kann dazu gehören. Deshalb: immer schön locker bleiben.

Also, ich hab' das Ding jetzt für 2013 definitiv auf meinem Zettel. Und lade mir rechtzeitig auch den Track irgendwo runter, damit ich nicht falsch abbiege ;-).

Schöner Bericht.

"Das wichtigste Argument für den Breitensport ist aber, dass die Menschen davon schön müde werden. Wer des Abends müde ist, geht zu Bett und treibt keinen Unfug." (Max Goldt)

Schöne Bilder und super Bericht -

cherry halt. Danke für's Mitnehmen auf den Trail, der leider nicht in mein Budget und in den Kalender passte. Irgendwie laufe ich zu wenig - und andere viel mehr. Aber mal eben einige hundert km Fahrt für einen Lauf gehen eben nicht so oft.

Ansonsten würde mich die Ecke sehr interessieren! Sieht gut aus, liest sich schön. Trail soll Spaß machen - und sonst nichts. Wozu um die Wette essen bei der Verpflegung?

Du siehst...

... wirklich immer locker und flockig im Ziel aus, als würdest du gerade loslaufen wollen!?

Ein schöner Lauf für viele Kilometer ;0)...
Danke fürs mitnehmen...

LG, Kaw.

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