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(Das Team Hallzigexpress)

Die letzte Runde begann ich mit einer folgenschweren Unaufmerksamkeit.
Mir war entgangen, dass das Hallziger Team schon seit 30 Minuten gewechselt hatte. Ich wähnte unsere Renngegner hinter uns. Rennen!? Ganz recht! Endlich wieder Rennen!
Vielleicht hat die ja auch mal die Defekthexe erwischt, überlegte ich und erklärte mir so den Umstand, dass wir in einer Runde über eine halbe Stunde aufgeholt hätten.
Wie von der Tarantel gestochen jagte ich los. Ich wollte auf der letzten Runde alles geben. Und auch wenn ich jetzt mit neuer Motivation startete, so gehörte es doch zu den großen Mysterien dieser 24h, dass ich nach über 150km Renntempo plötzlich wieder schwerere Gänge fahren konnte. Ich kam über Gegenhänge mit Schwung und erreichte an der Fuchsröhre 88,XXkmh. Das mir mein Jahresziel erneut verwehrt blieb, nahm ich im Angesicht der gefühlten Führung nicht tragisch.
Noch einmal hetzte ich um die Nordschleife. Noch einmal suchte ich Windschatten. Wie im Rausch flogen die letzten Kilometer der modernen Grand Prix Strecke an mir vorbei. Inzwischen kannte ich Bremspunkte und Kurven bestimmt genauso gut wie Vettel und Co. Ich schoss durch Schikanen und Kehren, bevor ich auf der letzten leichten Abfahrt Schwung nahm für den letzten Anstieg hoch zu unserem Wechselplatz. Noch einmal sollte die Kette auf dem großen Blatt bleiben.„Wer weiß schon, wieweit Hallzig hinter uns liegt? 3min oder 30sec…?“ Für mich ging es um Sekunden.


(sitzend über die Hohe Acht - stehend fällt mir noch schwerer...)

„Uuuulf! Uuulf! Uuhuulf!“ blökte ich in die Mittagsruhe. Ich wollte fliegend wechseln. Dafür würde ich auch gerne 200 Meter weiter fahren. Bloß nichts mehr verschenken….
„Uuhuhulf!“ Wo war der Kerl! Angestrengt suchte ich, immer noch im Anstieg, den Wechselplatz ab.
„Uuhuuhuulf!“ Nochmal!
Aber kein Fahrrad mit Ulf in Sicht. Auch kein Ulf ohne Fahrrad. Verdammt. Jetzt wo wir das Ruder herumreißen konnten. Jetzt, wo ich wirklich jeden Windschatten genutzt hatte, wo ich jede Kurve mit vollem Risiko gefahren war und wo ich nochmals die Hohe Acht sitzend überfahren hatte müsste er doch voller Ungeduld und Kampfeslust auf seinen Einsatz brennen.
Keine Antwort, kein Ulf, kein fliegender Wechsel.
Verzweifelt rollte ich an unsere Parzelle.
„Uuhuuhuuhuulfff!“
„Oh, du warst aber schnell…!“ Ulf saß seelenruhig im Hallziger Trikot im Campingsessel und hielt Pläuschen. In Turnschuhen. Im ersten Moment hoffte ich noch, er hätte sie angelassen um mit schnellen Schritten sein Rad über die Hohe Acht zu schieben.
Doch ich wurde enttäuscht. Anstatt hektisch sein Rad zu holen und los zu spurten öffnete er die Schnürsenkel, suchte in aller Gemütsruhe seine Radschuhe, übernahm gemächlich und beiläufig den Transponder, sprach entspannt seine gerade angefangenen Sätze zu Ende und wäre zu guter Letzt noch beinahe ohne Helm auf die Strecke gefahren.
Sabotage oder Spionage? Ich hetze mich ab und er schwingt Reden im Trikot des Feindes (zu seiner Ehrenrettung sei erklärt, dass der gute Mann auch noch Mitglied im HallzigExpress ist)!
„Zorn ist eine kurze Raserei“ (dieses Zitat kenne ich aus Asterix). Für kurze Zeit legte ich mein Phlegma ab und trat ihm verbal in den Allerwertesten.
„Sieh zu, dass du wegkommst!“ könnten meine Worte gewesen sein. Ich erinnere mich nicht mehr.
Doch er war kaum außer Sichtweite, da bereute ich den Anflug von gelebter Wettkampfspießigkeit schon. Zumal nachdem ich aufgeklärt war, dass das Team Hallzig noch immer eine halbe Stunde vor uns lag und ich lediglich ihren Wechsel verpasst hatte. Auch mit der Runde 25 würde es nichts mehr werden! Selbst wenn Rainer den Autorenkollegen David Millar für das Team hätte einfliegen lassen. Da war nichts mehr zu machen. Es gab also keinen Grunde mehr zur Eile und Ulf durfte sich getrost in aller Ruhe auf die Schlussrunde machen.
Puls und Zorn beruhigten sich. Ich besänftigte mich mit einer übergroßen Portion Milchreis mit Erdbeermarmelade. Zucker macht glücklich, so dass ich kurz danach zufrieden im Liegestuhl lag und mir die Sonntagssonne auf den müden Pelz brennen ließ.
Zufrieden! Ja, trotzdem wir weder den Hallzigexpress noch unser Zeitziel knacken konnten und auch wenn ich selber nicht die Neunzig geschafft hatte, so blieben doch so viele glücklich machende Momente übrig, dass ich nicht anders konnte als Selbstzufrieden und erschöpft in die Gegend zu stieren. Das Erlebnis Rad am Ring ist einmalig. Gemeinschaft, Gespräche, Planung, Aufbau, Abbau, Nordschleife, Lust, Angst und Sport. Wer sich dabei langweilt, dem helfen auch keine Drogen. Der Rausch war vorbei, die Anspannung wich, doch die Bilder der Fahrten gingen noch nicht aus dem Kopf.
Spontan entschieden sich Rainer und ich dafür, Ulf auf der Zielegerade in Empfang zu nehmen.

(Rainer, Ulf und ich! Matthias im Geiste bei uns, aber zum Zeitpunkt des Fotos nicht mehr auf Radfahren eingestellt gewesen)

Eine Gänsehaut blieb zum Abschluss der Fahrt, als über den Lautsprecher auch das Covadonga Racing Team begrüßt wurde. Geschafft!
Was blieb noch zu tun?
Eine ganze Menge. Abbauen und nach Hause fahren. Das zu beschreiben, ist aber genauso wenig lustig wie die Tätigkeit an sich. Nur soviel: Ich wäre tatsächlich lieber noch eine Runde gefahren, wenn mir dafür garantiert worden wäre, dass mich Scotty umgehend ins heimische Bett beamen würde und all die mühsam herangeschleppten Ausrüstungsgegenstände wieder sauber und sortiert dort liegen würden, wo sie hingehörten. Aber leider war Scotty anderswo beschäftig und so begann wir irgendwann lustlos, die Luft aus Matratzen zu lassen, Tische zusammen zu klappen, Pavillons abzubauen und Zelte mühsam in viel zu enge Packtaschen zu quetschen.
Alles kein Vergnügen, zumal wenn man gerade hundertachtzig Kilometer im Renntempo und zwei Nächte mit wenig Schlaf hinter sich hat. Etwas später zahlte ich den Preis dafür. Ich wollte den Kampf gegen den Sekundenschlaf auf der A1 nicht länger führen und rettete mich auf einen kleinen Parkplatz. Den Kopf voller Nordschleifeneindrücke schlief ich sofort ein. Zwanzig Minuten später riss mich der Handywecker aus den Fuchsröhrenträumen. Ausgeruht genug, um noch sicher nach Hause zu kommen und alles auszuladen. Um viertel nach Neun abends war ich komatös im Bett, schlief tief und fest und habe doch noch am nächsten Morgen den Wecker überhört.
Kaputt, aber glücklich.-
Ob ich es wieder tun möchte?
Lieber heute als morgen. Liebe morgen als nächstes Jahr. Und immer wieder mit dem Covadonga Racing Team.
Nach der zweiten Auflage und meinen sehnsüchtigen Erzählungen rechnet meine Frau sowieso damit, dass dieser Termin uns bis ans Ende meiner Sportfähigkeit begleiten wird. Von mir aus gerne. Auch wenn die Muskeln immer schwächer und das Catering im Laufe der Jahre immer stärker werden sollte, ich möchte auch noch in zwanzig Jahren dort sein. Vielleicht schaffe ich dann nur noch zwei Runden langsam, werde dafür aber in einem Luxuscamper massiert, während draußen Mechaniker meinen elektrisch unterstützten Carbonboliden polieren.

Die nackten Zahlen:

(Matthias, Ulf, Rainer, Lars)
Das Covadonga Racing Team belegte bei den Vierer Teams den 190 Rang von 664 gewerteten Männer Mannschaften. 24 gefahrene Runden in 23.59:33h. (Ein Herr Rieber steht im Übrigen auf Platz eins der Einzelfahrer mit 26 gefahrenen Runden! Ein Zweier Team gar mit dreissig, obwohl auch dort nur ein Fahrername auftaucht. Ist mir völlig schleierhaft, wie man so wenig schlafen und dabei so viel Radfahren kann.)
Das Team Hallzigexpress wurde 169er mit 24 Runden in 23.35:19h. Wir hatten also 24min Rückstand, die ich mir leicht mit dem Defekt von Ulf erklären kann, so dass ich mich insgeheim als Sieger fühle. Um noch auf eine weitere Runde zu kommen, hätten wir nach 23.29:59h, also etwa dreißig Minuten eher die vierundzwanzigste beenden müssen.
„90“ auf dem Tacho war mir nicht vergönnt. Bis zum nächsten Jahr bleibt mir daher nur das Video dieses Sportfreundes, der mein Ziel geschafft hat und sich (wenn man genau hinhört, bemerkt man es) auch darüber gefreut hat.
Es wirkten mit:
Die beste Ehefrau von allen, die uns mit der Essenz von 21 Hühnern durch die Nacht geholfen hat.
Rainer, („Alles Rower – Ein Wessi auf der Friedensfahrt“). Inhaber des Covadongaverlags und daher ungewollt Teamchef.
Matthias („Laktatexpress – Im Tal der Ortsschildsprinter“) Motor und Technikbeauftragter des Teams. RadSPORTLER
Ulf („Dicker Mann auf dünnen Reifen“) Radsportkumpel –und ambitionierterer Fahrer als es manchmal den Anschein hatte- der mir die gelegentlichen Sidekicks in den vorangegangenen sechs Kapitel sicher nicht übel nimmt.
Zudem viel schneller als ich an der Tastatur. Seine drei tollen Kapitel zu unserem Wochende am Nürburgring mit dem Titel „"Sie waren alt und brauchten das Gel" stehen schon lange bei Rainer im Blog. Unbedingt lesenswert!
Das Team HallzigExpress. Es war eine große Freude, mit euch gemeinsam am Ring gewesen zu sein.
Mit besten Grüßen von mir („Sind wir nicht alle ein bisschen Tri? Neue Triathlongeschichten vom Kaiserswerther Kenianer“)!
Ich danke herzlich für die Aufmerksamkeit und hoffe inständig, dass die Veranstaltung nächstes Jahr trotz der Streitigkeiten hinsichtlich der Ausrichtung in gewohnter Weise stattfinden wird.

Die Vorgeschichten:

Grüne Hölle 2012- Vorspiel
Grüne Hölle 2012- Vorbereitung
Grüne Hölle 2012- Vorfahrt
Grüne Hölle 2012- Vorsprung
Grüne Hölle 2012- Vor Mitternacht

5
Gesamtwertung: 5 (6 Wertungen)

:O)

Tolles Erlebnis, tolle Geschichte und wie gewohnt toll geschrieben.

Mich würde noch interessieren mit welcher Kurbel du gefahren bist, Kompakt oder Helden oder gar Dreifach (glaub ich ja eher nicht) und mit welcher Durchschnittsgeschwindigkeit du auf so einer Runde unterwegs warst, nimm ruhig die schnellste.

Ich warte jetzt schon auf eine weitere Episode aus dem Leben des Kenianers.

Genau -

mehr darüber und über all die andern verrückten Sachen, die Du so gemacht hast in Deinem langen Leben. Und noch vor hast. Und überhaupt. Immer wieder gern gelesen!

Um der Wahrheit die Ehre zu geben:

Ich habe seit der Alpenüberquerung im vorletzten Jahr an meinem Rennrad eine KOmpaktkurbel mit 50/34 Zähnen. Die habe ich aus Vernunftgründen dran gelassen. Damit komme ich über die Steigungen und die schweren Gänge bei den wirklichen Rennkurbeln brauche ich eh kaum...
Also: Ich habe meinen Frieden mit der Kompaktkurbel gemacht und empfehle sie (schwergewichtigen) Hobbyfahrern mit gutem Gewissen!
Durchschittsgeschwindigkeit...? Also auf meiner besten Runde (die erste war es) habe ich irgendwas mit 54min für die 28,62km gebraucht. Dürfte tatsächlich ein Schnitt über dreissig gewesen sein, auch wenn mir das im nachhinein unglaublich erscheint. Letztes Jahr hatte ich bis zum Beginn des Anstieges zur Hohen Acht mal einen 40er Schnitt auf dem Tacho ;-)

Gerade schlich sich ein Gedanke ein

Wie wäre es, selbst an solch einer Veranstaltung teilzunehmen?
Aber ich glaube, fuer solche Heldentaten muss ich erst noch mehr Radroutinekilometer sammeln und vielleicht auch ein paar Steigungen trainieren.

Danke für den umfassenden Bericht! Und Glückwunsch zum tollen Teamergebnis!

"Sind wir nicht alle ein bisschen tri?" habe ich inzwischen auch durch. Und ich muss sagen, das gefällt mir noch besser als dein Erstlingswerk. Irgendwie noch kurzweiliger und amuesanter. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich "Barfuß auf dem Dixiklo" damals noch als Nur-Läuferin gelesen und inzwischen selbst zwei Triathlons absolviert habe. Vielleicht verändert das doch nochmal den Blickwinkel. Ein tolles Buch jedenfalls! Danke auch nochmal dafür!

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

endlich !!!

willkommen im ziel :)

und für alle interessierten : den kauf der kompaktkurbel kann man herrlich nachlesen im neuen buch - das ich hiermit ausdrücklich empfehle und wofür ich mich nochmal aufs herzlichste bedanke !!

grüße , c.

Rennrad ist nix für mich :)

... aber das dachte ich lange Zeit vom Laufen auch :-)))

Prima Story, danke für die tolle Geschichte !
So eine Situation kommt einen bestimmt unwirklich vor :-) man hat alles gegeben, Sekunden geschunden, kommt triumphierend zum Wechsel - und keinen interessierts ... *lol*
Weiß nicht, wie ich mir da verhalten hätte ... Zitat: "Uuuuhuuuulf!!!"

Viele Grüße

boa, war das SPANNEND

kannst sehr gern nochma machen
...pain only hurts...

Schade schon fertig, aber so

Schade schon fertig, aber so war es!

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