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Das war er nun: Mein Saisonhöhepunkt. Und es war wirklich der Höhepunkt. Vor vier Jahren hatte ich mein Marathondebüt in Bremen gehabt. Jetzt kam ich an den Ort des großen Erlebnisses zurück. “Back to the roots” also.

Das Wetter: Bestzeitwetter. Kühl, sonnig, wenig Wind.
Meine Zielzeit: 3:44:59 h (PB).
Meine Taktik: Mit der Minimalpace von 5:20 beginnen, diese lange halten und zum Schluss sehen, was noch geht. Das hatte ich anderen mit meinen geringen Marathonerfahrungen auch immer klug geraten, gerade weil ich beim Debüt damit erfolgreich war. Bei Marathon 2 und 3 hatte ich mich aber selbst nicht daran gehalten und mir die Läufe durch unerreichbare Ambitionen oder mangelnde Ernsthaftigkeit selbst versaut. Das sollte diesmal nicht passieren.

Anreise stressfrei mit dem Zug. Die Startunterlagen hatte mir schon eine Freundin am Vortag mitgebracht. Umziehen, einlaufen, aufstellen. Bei der Aufstellung frage ich noch eine gelb gefiederte Truppe, ob sie vielleicht die neongelben Läufer aus Schleswig-Holstein wären, was jedoch nicht der Fall war. Sie kamen aus Neukirchen am Niederrhein. Naja, ein Versuch war’s wert.

Der Veranstalter hatte einen Melderekord gemeldet. Während die Meldezahlen sonst eher rückgängig sind legt Bremen zu. Und das hat es sich auch verdient. Die Strecke wurde seit meinem Debüt in den vergangenen Jahren geändert. Und: Sie ist klasse! Gestartet wurde direkt am Bremer Roland auf dem Marktplatz. Danach ging es einmal um die Innenstadt und dann den Werdersee entlang.

Ich habe ja immer etwas merkwürdige Zählweisen: Bei km 6 denke ich: ‚Schon 1/7 geschafft‘, bei km 7: ‚Schon ein 1/6 geschafft‘. Ab km 21 wird rückwärts gezählt. Noch 20, noch 19 usw.
Diesmal bekam ich die km überhaupt nicht mit. Sie zogen an mir vorbei. Die Atmosphäre, die Zuschauer, die Sonne waren einfach nur zum Genießen. Nach Überquerung des Weserwehres realisierte ich km 14. Es waren die kürzesten 14 km meines Läuferlebens. Dabei hielt ich meine Pacevorgabe strikt ein, und zwar so, dass ich das Tempo stets etwas zurücknahm, wenn ich merkte, dass mich die Stimmung zu schnell werden ließ.

Hinter einer Wasserstelle stehen sechs Kinder zum Abklatschen in einer Reihe. Ich erlaube mir einen kleinen Spaß, drücke dem ersten Jungen meinen leeren Becher in die Hand und klatsche die anderen ab. Empörter Protest des Ersten, die anderen lachen sich kaputt.

Die Strecke zog sich weiter durch Wohngebiete zum Rhododendronpark. Ich war ziemlich überrascht, wie viele Zuschauer auf den Straßen waren um die Läufer anzufeuern. Eine Läuferin aus Berlin erzählt mir, dass sie bereits zum dritten Mal hier liefe und ihrem Heimatmarathon den Rücken gekehrt habe, da es in Bremen einfach schöner sei. Lauftourismus einmal anders herum.

Locker, flott und entspannt ging es weiter zur Universität, am Universum vorbei mit seiner bombastischen Architektur in Form eines Wales (oder einer Muschel?). Bei km 25 merkte ich dann doch etwas Anspannung in der Muskulatur. Leichte Zweifel kamen auf. Der Marathon fängt ja bei km 30 nochmal richtig an. Ich konzentriere mich auf meinen Laufstil lasse solche Sachen wie Kinderklatschen etc.

Bei km 26 bekam der Lauf dann aber einen anderen Charakter: Auf einmal stießen die Halbmarathonis zu uns, die man 1 ½ Stunden nach uns auf die Strecke geschickt hatte. Die Strecke wurde brechend voll. Es waren zunächst die >2:10h-Läufer, die sich unter die Marathonis unseres Tempobereichs mischten, oder vielmehr mischten wir uns unter die HM-Läufer. Und jetzt begann das Kolonnenspringen: Links überholen, rechts überholen, ab durch die Mitte, auf den Randstreifen, leicht abstoppen , kurz ansprinten, weg von der Ideallinie, auf der Außenbahn überholen. Und das alles bei schon fortgeschrittenem Rennverlauf. Es war schon etwas nervig, besonders im Bürgerpark, wo die Wege nicht die breitesten sind. Aber einen positiven Effekt hatte das Ganze: Ich wurde schneller. Und das Überraschende: Muskulär war das alles kein Problem. Ich hatte das Gefühl, dass die Muskulatur dankbar war für diese Abwechslung. Hinzu kam, dass es immer motivierender ist zu überholen als selbst überholt zu werden. So ging es weiter zu den Speichern am Europahafen, durch das Kaffeequartier und dann die Schlachte entlang. Hier hatte ich bei km 35 evtl. einen kleinen Einbruch befürchtet. Aber das war gar nicht möglich. Es war gigantisch. Direkt an der Weser. Auf beiden Seiten Menschen, die über 1 – 2 km ein enges Spalier bildeten und die Läufer frenetisch anfeuerten. Das Überholen war jetzt zwar noch schwieriger. Aber das war egal. Ich hatte so eine Stimmung noch nicht erlebt. In diesem Streckenabschnitt einbrechen? Das ging gar nicht.

Die Weserpromenade führte dann zum Weserstadion. Obwohl ich eigentlich super in der Zeit liege, laufen die Zug- und Bremsläufer für 3:45 h noch vor mir. Als ich sie überhole ermahne ich sie, auf jeden Fall hinter mir zu bleiben. „Na dann, gib mal Gas,“ sagt der eine. ‚Mmh, jetzt noch?‘ denke ich.

Im Weserstadion durften die Läufer einmal um den Platz laufen. Ich hatte eigentlich erwartet, dass Thomas Schaaf seine Truppe dort zum Straftraining hätte antreten lassen. Das war aber nicht der Fall. Zurück ging’s über den Osterdeich. Ab km 39 kam dann doch noch die kritische Phase, für meine Verhältnisse zum Glück sehr spät. Die Beine wurden auf einmal schwer. Ich wollte jetzt nur noch ankommen und sehnte das Ziel herbei. Jemand klopfte mir auf die Schulter: Einer der Zugläufer. „Hey, du wolltest doch vor uns bleiben!“ Also gut. Ich blieb an ihnen dran, kam auch vorbei. Und überhaupt: Was sind schon 3 km? Der letzte km mit Zuschauerunterstützung war sowieso nur noch Kür. Der Roland kam in Sicht. Ich lief ins Ziel mit neuer PB: 3:42:26 h. Was für ein Tag!

Im Zielbereich dann etwas Chaos. Durch den gemeinsamen Einlauf der M- und HM-Läufer waren nicht alle Verpflegungsstände ohne Durchsetzungskraft zu erreichen. Auch hatte ich das Gefühl, dass die Halbmarathonis das ganze warme Duschwasser aufgebraucht hatten. Aber auch sie haben Großes geleistet und es sei ihnen gegönnt.

Und dann war da ja noch die Sache mit dem Wetter: Was hatte ich gesagt? Wenn ich ein Rennen laufe regnet es nie.
Und? 10 Minuten nach meinem Zieleinlauf brach ein kleiner Schauer über uns herein. Die Regel gilt immer noch.

Insgesamt gesehen war es eine Super-Veranstaltung. Als einziger Kritikpunkt bleibt die Zusammenführung von M und HM, die zum falschen Zeitpunkt erfolgt ist. Aber sonst: Bremen lohnt sich!

Gruß

Sirius
…der ab jetzt im Wintermodus rennt.

4.833335
Gesamtwertung: 4.8 (6 Wertungen)

Hallo Sirius

Herzlichen Glückwunsch zu Deiner neuen PB. Tolle Leistung und sehr diszipliniert! Alle Achtung.Dein Bericht ist super geschrieben.

Mach weiter so!

Liebe Grüße von Yellowcat

Man sieht nur mit dem Herzen gut

Gratuliere!!!

Top Lauf gut eingeteilt und am Schluss noch Gas gegeben.

PB, watt willste mehr?! :o))

Erinnert mich sehr an meinen ersten Duisburgmara, das Spielchen mit den Zugläufern.
Nur das nicht die Zugläufer mir bei km 35 ins Ohr geflüstert haben "Gib Gas", sondern das kleine Coach-Teufelchen auf meiner Schulter und das (B-)Engelchen auf der anderen hat genauso große Augen gemacht, wie Du....und ich hab auch keine Ahnung, wie, aber hab trotzdem Gas gegeben und bin mit ähnlicher Zeit reingekommen.

Mach nur weiter so, im Wintermodus rennt sichs auch ganz gut!;o)

Lieben Gruß Carla
"Mancher rennt dem Glück hinterher, weil er nicht merkt, dass das Glück hinter ihm her ist, ihn aber nicht erreicht, weil er so rennt!" (Bert Hellinger)
(Es sei denn, er/sie läuft "Schmalspurmarathon", so wie ich! Dann kommt das Glück auch nicht vorbei!)

wow, was ne geixx Zeit

herzlichen Glückwunsch, wow
...pain only hurts...

wow! gratuliere...

...herzlich! das ist ne klasse zeit, die du da geschafft hast!
dass du freude am laufen hattest, kommst aus jeder zeile deines textes hervor. schön!
____________________
laufend grüßt die sich mit sirius freut ;-) : happy™

Donnerschlach

welch tolle Zeit! Ganz fetten Glückwunsch!!! Kannste nicht bitte mit nach München kommen? Tät jetzt auch gern am Sonntag bei blauem Himmel laufen, *menno!* *mitdemfußstampfauf*;-)
Mathematik während des Marathons? Nee, ne? Auf dem letzten Drittel kann ich mich kaum an meinen Namen erinnern, tststs...

Tame,
wünscht sich auch mal, dass der Zugläufer für 3:45h ihr kurz vor dem Ziel auf die Schulter klopft:-)

Wow - klasse!

Gratulation zur PB - und Bremen scheint dann auch für M eine Reise wert zu sein. Hört sich richtig nett an.

Ätsch

Du hast recht, die HM-Horde plötzlich auf der Strecke fühlte sich für uns Marathonis nicht gut an. Aber denk positiv: Ohne die große Laufmasse wäre auf der Schlachte kaum soviel frenetisches Publikum gewesen. Den Bierstand im Ziel hatten die HMis leider auch bei mir in 10er Reihen besetzt - aber kalte Duschen..? Also 15 min vorher waren sie noch schön warm... ;-)

Glückwunsch zur PB, die hab ich dafür diesmal leider verpasst. Aber wie du schon geschrieben hast: Bremen lohnt auf jeden Fall. Ist eine wunderschöne Stadt und der Humor der Bremer ist herrlich subtil.

winter mode = on

ahh !!

das ist interessant - die hm.s starten später und kommen dann dazu...hier in mainz wird zeitgleich gestartet und es gibt ne marathonweiche, also die maras laufen dann alleine weiter . dadurch ist alles ein bissl verwaist ab km 21 , da muss man sein eigenes ding machen und hat wenig ablenkung . so herum klingt nicht schlecht , da ist wieder was los auf der piste und man kann sich mal ziehen lassen von dem einen oder anderen...vielleicht ;)
dann werd ich doch mal schauen, ob mein eigentlicher heimat-mara im nächsten jahr machbar ist , schön wär´s scho . auf das weserstadion könnte ich persönlich verzichten , aber an der weser lang stell ich mir schon toll vor !

gute regeneration , gratulation zur tollen zeit
und danke für den bericht aus der heimat :)
g,c

Glückwunsch zur PB

und danke für den inspirierenden Bericht! Den Bremen-Marathon merk ich mir gleich mal.

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

Glückwunsch zur PB, ich

Glückwunsch zur PB, ich kann das gut nachvollziehen...ist unbeschreiblich, wenn man sein Ziel erreicht!

__________________________
und jetzt fang ich erst an

da läuft man stundenlang...

...nebeneinander her und kennt sich nicht! Bin hinter den gleichen Ballons her getapert. Habe den Lauf ganz ähnlich empfunden wie du. Klasse Stimmung, klasse Strecke, klasse Wetter. Dass man uns die 3000 Halbmarathonis zwischen die Beine gejagt hat, die dann noch die Freibieranlage blockiert und das warme Duschwasser gemopst haben, war wirklich Mist. Mich hat der unfeiwillige Slalomlauf um die Langsamläuferfraktion bestimmt 2 Min. gekostet, hätte Deine Zeit trotzden verfehlt. War 4 Min langsamer im Ziel mit einem 3. AK Platz. Das Alter hat halt schon gewisse Vorteile!

lache. saufe, hure, trabe! ...nota bene bis zum Grabe (C.M.Bellman)

Schöner Bericht

super Lauf!!! Glückwunsch zu beidem ;-))

Saarvoir courir - laufen wie bekloppt im Saarland

Herzlichen Glückwunsch Sirius

zu deiner Zielzeit.
Ist dein Plan ja wohl voll aufgegangen. So ähnlich sah meine Taktik auch aus und hat bis km 27 auch funktioniert (5:22)
Die Gelben aus Neukirch haben mich auch irritiert,genauso wie das schnelle Abzischen der 3:45er Pacemaker gleich nach dem Start.
Ansonsten kann ich dir nur beipflichten: Tolles Event, das zur 2.Chance animiert

Lieben Gruß und eine schöne Winterruhe wünscht der Lurch

Regenfetischisten = die "normalste" Laufgruppe im Universum
wird nur von NEONGELB getoppt!

Danke!

Vielen Dank für eure Wünsche, Glückwünsche und lobenden Worte. Das tut ja nochmal richtig gut.

@ Tame: Natürlich würde ich am Sonntag gerne in München laufen. Allerdings läuft meine Frau hier einen HM und ich habe mich als Hase verpflichtet. Sie hat einfach die stärkeren Argumente.

@ macpek: Jetzt habe ich die ganze Schuld auf die Halbmarathonis geschoben. Aber wie lange hast du eigentlich geduscht?

Gruß

Sirius
...der immer kaltgeduscht rennt.

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