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So ganz sind die Wunden im Herzen nach der verpassten Boston-Quali beim Berlin-Marathon noch nicht verheilt. Da ich aber ab ca. Montag nachmittag keine körperlichen Überbleibsel mehr hatte, konnte ich den Plan weiterverfolgen in Münster beim "Münsterland Giro", dem Abschlussrennen des German Cycling Cups, meine Freiluft-Radsaison ausklingen zu lassen.

Also packte ich mein Fahrrad, welches aufgrund der priorisierten Laufvorbereitung auf Berlin zuletzt 4 Wochen vor sich hingestaubt war, ins Auto und fuhr Dienstag abend Richtung Münster los. Der Plan war das ganze noch so als eine Art Ganz-Kurz-Urlaub zu gestalten, also der geplagten Seele ein paar Zückerchen zuzuwerfen. Aber aus "setze-ich-mich-am-dienstag-abend-in-ein-schönes-restaurant-und-genieße-den-abend" wurde nichts, weil die Autobahnbaustellen in Bad Nenndorf und hinter Bad Oeynhausen doch entschieden etwas dagegen hatten.

Also habe ich bei Ankunft in Münster direkt die Turnhalle des Paulinum angesteuert, wo ich von der Möglichkeit der kostenlosen Übernachtung unter gleichgesinnten gebrauch machte. Es war witzig...wie früher. Als ich erst um 22:15 Uhr ankam lagen die ersten schon in ihren Schlafsäcken. Das Problem der Halle war es, dass das komplette Licht über Bewegungsmelder gesteuert war und sobald jemand die Halle betrat die komplette Beleuchtung anging. Als der Sicherheitsbeamte mir also die Halle zeigte und dabei gleich mal das Licht anging erreichte mich gleich mal die stumme Nachricht aus einigen frisch (wieder-)geöffneten Augenpaaren: "Du bist also der nächste, den wir jetzt mit unseren Blicken töten werden". Da die "wir-schlafen-in-der-turnhalle-aus-um-am-nächsten-tag-topfit-zu-sein"-Fraktion eindeutig in der Minderheit war, bin ich nach Präparation meiner Nachtruhestätte nochmal raus und ein paar Meter an der Luft gelaufen. Ich selber habe dann überraschend gut geschlafen, auch wenn ich auch noch 2-3mal wach wurde, weil zu später Stunde das Licht anging.

Am nächsten Morgen in der Sammeldusche erreicht mich dann auch gleich die Nachricht: "Es regnet!". Damit hatte ich irgendwie nicht gerechnet - der Wetterbericht ist sogar am Vortag noch von 10% Regenwahrscheinlichkeit ausgegangen und prognostizierte im Tagesverlauf sogar bis zu 20 Grad. Als ich dann selbst erstmals vor die Tür trat reduzierte sich meine Motivation für das Rennen signifikant. Es sollte doch ein angenehmer Saisonabschluss werden. Aber es regnete doch recht kräftig und mein Autothermometer zeigte 11 Grad an. Also Plan B der Wettkampfbekleidungsoptionen: lang-lang...so wie bei der 7Grad-und-Dauerregen-Schlacht Anfang des Jahres bei "Rund-um-Köln".

Ich muss doch immer wieder umdenken zwischen den Wettkampfeinstiegen beim Laufen und Radfahren. Während man ja beim Laufen tunlichst einen zu schnellen Start vermeiden sollte, wird beim radeln die ersten km gekeult als ob es kein Morgen gäbe. Jeder versucht - so erkläre ich es mir selbst zumindest - in einer möglichst guten Gruppe Platz zu finden um sich in dieser im Windschatten über seinen eigentlichen Leistungsverhältnissen ins Ziel zu lutschen. So bin auch ich mal wieder meine "gemütliche Tour durch Münster" am Anfang auf flacher, nasser Fahrbahn im Regen mit 42-44km/h gebrettert um nicht die rote Laterne des Fahrerfeldes zu geben. Das war eigentlich schon der erste Motivationsbrecher, denn ich erinnerte mich an das Rennen in Bremen, wo ich tatsächlich mal eine sehr gute Gruppe erwischt hatte und über 100km ebenfalls im Regen darum gekämpft hatte dort Anschluss zu halten.

Dennoch hat sich alles dann etwas eingependelt und ich fing an selber ein paar Grüppchen nach vorne zu fahren um selber mein Renntempo zu finden. Leider kam dann der Motivationsbrecher Nr. 2 als ich gemeinsam mit einem anderen Fahrer den Anschluss an eine vor mir fahrende Gruppe nicht mehr herstellen konnte und wir mehrere km voll im Wind zwischen zwei Gruppen Kraft lassen mussten.

Dummerweise haben wir dann noch einige km weiter genau diese Gruppe von selbst geschluckt, denn die Truppe in die wir uns wieder zurück fallen ließen, schien gut zu funktionieren. Das hätten wir also auch einfacher haben können...

So rollte das Rennen dann dahin - die Gruppe um mich rum wuchs rapide an, denn wir sammelten einige Fahrer aus den Startblöcken A und B ein, die eine, bzw. zwei Minuten vor uns gestartet waren. So absolvierte ich einen Großteil des Rennens in einer ca. 50-70 Fahrer starken Gruppe. Hier stellte sich auch mein Wunschzustand ein, denn das Mitfahren gestaltete sich weitgehend unanstrengend, gleichzeitig hatte ich aber auch nicht den Eindruck vom Tempo unterfordert zu sein. Da ich in Bremen gelernt habe wie schwer es ist am Ende einer Gruppe hinterher zu fahren, reihte ich mich diesmal immer so auf Position 5-10 der Gruppe ein um parat zu stehen, falls sich vorne heraus etwas tun sollte. Im Gegensatz zu Bremen habe ich mich dann auch aktiv an der Führungsarbeit der Gruppe beteiligt und damit auch etwas für mein gutes Gewissen getan.

Bevor ich dann schon mit dem Blog in Richtung Ziel zusteuere vielleicht noch die Info, dass sich recht früh im Rennen der Sensor meines Tacho verschoben hat, ich also nie eine Ahnung hatte, wie schnell wir unterwegs waren und wie weit noch bis zum Ziel zu fahren ist.

Ein paar Mal habe ich einfach Mitfahrer gefragt, wie viel der 129km-Strecke wir schon absolviert hatten. Und so konnte ich mir also auch eine ungefähre Ankuftszeit errechnen, auf die wir mit unserem Geschwindigkeitsschnitt zusteuerten.

Hier muss ich aber einen signifikanten Rechenfehler drin gehabt haben. Da ich noch nie in meinem Leben auf dem Rad gesprintet bin, war mir wieder klar, dass ich wie schon recht erfolgreich in Hockenheim mein Heil in der Flucht ca. 2km vor dem Ziel suchen muss um nicht als 70ster meiner 70er-Gruppe über die Ziellinie zu rollen.

Als wir ca. 5 Minuten vor meiner berechneten Ankunftszeit eine Autobahnbrücke überquerten, ging es bei mir im Kopf ganz schnell. Ohne vorher darüber nachgedacht zu haben sagte ich mir "den Schwung der Brücke nimmst Du mit". Also fuhr ich was das Zeug hält und löste mich recht schnell aus der Gruppe. Leider kam dann nach ca. 30 Sekunden meiner Flucht die bittere Erkenntnis in Form eines Straßenschildes, welches signalisierte "Münster 6km". Da ich aber schon mal "unterwegs" war und es die letzten 6km der Radsaison werden sollten, blieb ich am Ball. Zwei weitere Fahrer gesellten sich zu mir und wir unterhielten uns: "Ziel 1: die dahinten sollen uns nicht wieder einholen". Also haben wir uns ganz gut unterstützt und jeder hat seinen Anteil Führungsarbeit geleistet. Bis ich ca. 2,5km vor dem Ziel einen der anderen beiden bat mich von der Führung wieder abzulösen. Die Antwort von beiden war gleichlautend: "wir können nicht mehr - fahr was Du kannst und wir bleiben hinter Dir".

Ca. 60m vor uns war aber schon eine weitere kleine Gruppe von ca. 10 Mann zu sehen und mir war eher danach diese noch einzuholen, als von den Jungs und Mädels hinter uns wieder geschluckt zu werden. Also war das Motto weitertreten. An der 1000m-Markierung vor dem Ziel war der Anschluss geschafft und meine beiden Mitstreiter stießen laute Jubelschreie aus...ich habe mir gedacht, dass ich damit auch noch 1000m warten kann und wollte den Geschwindigkeitsüberschuss nutzen. Ich fuhr gleich an der Gruppe vorbei und lag an deren Front, bot damit aber offensichtlich 2 Fahrern daraus den perfekten Sprint-Anfahrer. Diese übersprinteten mich kurz vor der Ziellinie noch aber das war mir egal. Das war wieder echtes Race-Feeling und so hatte ich mir den Saisonabschluss auch erarbeitet.

Es hat riesig Spaß gemacht und war Balsam für meine geschundene Berlin-Marathon-Seele. Meinen beiden Mitstreitern ging es offensichtlich ähnlich, denn sie haben mich gleich im Zielbereich gesucht und gefunden und wir haben ein paar alkoholfreie Radler der Zielverpflegung gemeinsam konsumiert.

Die Ergebnisliste offenbarte mir dann, dass ich 333. des 129km-Rennens wurde. Die 3:34:10 Std. bedeuten einen 36,1km/h-Schnitt, was für meine Verhältnisse für eine lockere Radausfahrt doch ein ordentliches Tempo darstellt.

5
Gesamtwertung: 5 (4 Wertungen)

Donnerwetter,

solch eine Leistung kurz nach dem Mara und ohne die letzten 4 Wochen dafür trainiert zu haben, KLASSE!!!

Tame:-)

total super!

ich finde es echt spannend was du da abgeliefert hast. Da ich mich selbst niemals trauen würde so schnell in einem Pulk (oder überhaupt) zu fahren danke ich herzlich fürs Mitnehmen
...pain only hurts...

Nicht schlecht

so kurz nach Berlin...

Toller Bericht, fand ich

Toller Bericht, fand ich sehr spannend. Und dazu ein schönes und verdientes Saisonende.


Komm Schweinehund - wir gehen laufen.

wie immer geiler Bericht,

wie immer geiler Bericht, glaube deine Radausfahrten lesen sich besser als der leider versemmelte Berlin bericht.
..aber wie sieht es auch startest du in San Diego nächstes Jahr evtl. ? ich liebäugle damit schon beharrlich, keine Ahnung wieso, bestimmt weil dort der Frauenanteil höher sein soll als bei uns hier bei Rennen...

Gruß
Sven

http://www.facebook.com/RunningSven

ja, ich schließe mich an:

ja, ich schließe mich an: Spannend und spannend beschrieben, Dein Radrennen! Glückwunsch, und jetzt müßte Berlin doch aus dem Kopf sein?!

Übrigens haben wir solche Bewegungsmelder in Sammelunterkünften wie Turnhallen und Klassenräumen etc. immer abgeklebt / zugestellt / ..., dieses Lichtangehen ist doch extrem nervig! Morgens kann man den Ur-Zustand ja wieder herstellen, und bis dahin tun es doch Taschenlampen für den Einzelnen...?

LG Britta

@cocobolo

Dazu hätte aber jemand diese Grundschulübung "Kletter am Seil hoch bis zur Hallendecke" praktizieren müssen und dann am Seil hängend auch noch den Bewegungsmelder abkleben...ich konnte das in der Grundschule schon nicht und mich hat der Bewegungsmelder ja am wenigsten gestört. Nächstes Jahr werde ich zu dem Thema aber einen einheitlichen Entscheidungsprozess ansteuern ;-)...

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