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25 Beinpaare stehen erwartungsvoll hinter einer improvisierten Linie aus Sägespänen und lauschen mehr oder minder gebannt den Worten des Organisators. Die Lauferfahrung aus mehreren Tausend Marathons ist hier versammelt, die Meisten sind mindestens dreistellig, da könnte ich mir fast ein bißchen mickrig vorkommen mit meiner nicht sehr hohen Zweistelligkeit. Tu ich aber nicht. Die haben auch alle nur zwei Beine und eine Lunge.
Der Start wird freigegeben und wir machen uns auf den Weg. Zwei ziehen voran, ich laufe mit etwas Abstand hinterher, aber die größte Gruppe bleibt schon kurz nach Beginn weit zurück. Langsam laufen ist dort das Motto, ich werde fast alle beim Überrunden wiedersehen, nur zwei Läufer, die die ganze Zeit in der selben Runde wie ich laufen, sehe ich erst im Ziel wieder.
Wir laufen direkt am Portal des altehrwurdigen Planetarium vorbei, welches wuchtig auf dem höchsten Punkt des Stadtparks thront und mit seiner Schneise fast den gesamten Park dominiert und bewacht. Im Winter, wenn die Blätter des Parks schon lange die Wege dort in einen Laubteppich verwandelt haben, kann ich von meinem Fenster aus das dunkelgrüne Dach in der Ferne durch kahle Äste erhaben schimmern sehen.
Nach ein paar Minuten kommen wir an den üppig beladenen Tischen der Zeitnehmer und Rundenzähler vorbei, verhungern und verdursten wird hier niemand und biegen auf die eigentlich zu laufende Runde ein, welche ich sehr gut von meinen vielen Runden durch diese Grünanlage kenne. Erstmal schräg rechts, leicht aber spürbar gefällig geht es zuerst am Spielplatz und dann an der glücklicherweise umzäunten Hundeauslaufwiese vorbei. Zwischen diesen beiden muß ich aufpassen, daß ich im Zustand der abschweifenden Gedanken und des mechanischen Laufens nicht eine falsche Abzweigung nehme, da meine sonstige Stadtpark-Strecke eine paar abweichende Schlenker macht. Es riecht schon sehr nach Herbst, ein paar Bäume fangen auch an die Farbe zu wechseln und bald wird hier alles in Flammen stehen und ich die Blätterberge mit den Füßen herumwirbeln können.
Zuschauer brauche ich hier nicht, die Bäume heißen mich willkommen und lassen mich wohlwollend durch ihr holziges Spalier laufen. Hinter mir und vor mir ist schon niemand aus dem Feld zu sehen, so daß ich mich fast allein auf der Strecke wähne, ein Zustand, der mir nicht unwillkommen ist.
Am Ende des Südrings biege ich scharf links herum, immer den ausgestreuten Sägespänen folgend, um die kurze, sich später unangenehm anfühlende kleine Steigung an der Hindenburgstraße zu überwinden. An der Überquerung der Schneise des Planetariums ist diese Steigung wieder vorbei und beim Werfen des Blickes nach links sehe ich es in seiner ganzen Pracht. Wieder durch die schattenspendenden Baumreihen, am kleinen weißen Haus vorbei, welches zwar endlich renoviert ist, aber augenscheinlich noch leer steht, verlasse ich die Hindenburgstraße wieder nach links. Das kurze Stück Asphalt des Zufahrtssträßchens zum Planetarium ist so schnell vorbei, daß es nicht sonderlich auffällt und schon bin ich am Eingang der Jahnkampfbahn und danach wieder am Pavillon angekommen. Ein kurzes "Hallo" mit dem Ansagen meiner Nummer und ich verschmelze wieder mit der Ruhe der grünen Oase.
15 mal habe ich noch diese Gelegenheit, bevor ich nach etwas mehr als 4 Stunden geschafft und glücklich abstoppen kann. Ich halte noch kurz inne, bevor mich der Zeitnehmer mit seinem Scanner in die Normalität zurückholt. Aber glücklicherweise nicht aus dem Gefühl der absoluten Marathonzufriedenheit.
Gruß, Marco
You`ll never marathonimstadtpark alone

4.8
Gesamtwertung: 4.8 (5 Wertungen)

Du Poet, du!

so langsam glaube ich, Hamburg ist die eigentliche Stadt der Dichter, zumindestens der Laufpoeten!

zausel

>

da lief es...

...bei dir ja echt rund! ;-)
danke! schön zu lesen!
____________________
laufend hat das lesen des aströsen blogs sehr genossen: happy™

Watt issn da mit den Hamurgern los???

Die vergehen ja fast im Laufgenuss?!?
Was haben die genommen?;o)
Ich will auch was von dem Zeug!
"Marathonzufriedenheit"
Cooles Wort!
Starker Stoff!
Cooler Lauf!
Ganz in Ruhe!
Schön!

Lieben Gruß Carla

"Mancher rennt dem Glück hinterher, weil er nicht merkt, dass das Glück hinter ihm her ist, ihn aber nicht erreicht, weil er so rennt!" (Bert Hellinger)
(Es sei denn, er/sie läuft "Schmalspurmarathon", so wie ich! Dann kommt das Glück auch nicht vorbei!)

Ach ja, der Stadtparkmara -

Ach ja, der Stadtparkmara - da kommen doch Erinnerungen an meinen ersten Mara-Versuch incl. DNF nach 33km zurück. Irgendwann werde ich ihn auch noch mal laufen.
Danke für´s virtuelle Mitnehmen. Möge sich das absolute Marathonzufriedenheitsgefühl noch lange bei Dir heimisch fühlen.


Jogmap-Schleswig-Holstein - de neongelen Löper ut´n Norden

Gestern schon etwas davon gehört

aber um so schöner jetzt geschrieben!

Daher weiß ich auch, welche Platzierung sich unser Astra erlaufen hat.

Nur ist er viel zu bescheiden.

Er macht lieber andere glücklich, so wie gestern!

Lieber Laufastra, ein toller Lauf und ebenso geschriebener Bericht. Klasse Leistung und nochmals vielen Dank für deinen Überraschungsbesuch in Berlin.

Wir sind BORN - Verstand ist zwecklos
Bin nicht gestört und auch nicht schnell - nur verhaltensoriginell

was für ein metallicöser Titel

für einen floralen Blog. Toll!
Beste Grüße

Manni P.

Einfach ...

... einen geilen Lauf haben. Es klingt, als hättest du den gehabt.
Schön!
;-)
PS: Ich glaube wir waren zu zeitig an km37 oder ich war mit meinen Gedanken einfach woanders. Um so schöner ist es hier doch noch zu lesen. Dnake dafür!

Wow

Ich beneide dich um deine Fähigkeit ganz in Ruhe und gelassen einen Marathon laufen zu können.

Was für ein Lauf,

was für ein Bericht! Einfach nur SCHÖÖÖÖÖN.

Genieße die Marathonzufriedenheit noch recht lange.

Dass Runden drehen...

... nicht nur lustig, sondern auch so idyllisch und kontemplativ sein kann!
Wieder was gelernt. Danke.

yazi

Einen schönen Lauf

ebenso schön beschrieben.

Oh Mann!

Christian hat mich eingeladen und ich war fast geneigt an der Veranstaltung teilzunehmen. Wenn ich geahnt hätte...

Dann heißt es nun Brocken Rocken!
Oder so....

Gruß aus Ditschiland
Haderlomp

Wenn sich einer einen

Wenn sich einer einen Künstlernamen mit "Lauf" und "Astra" (setzen wir ihm mal großzügigerweise mit "Astro" gleich) gibt, ist die Umlaufbahn um das Planetarium quasi eine Pflichtveranstaltung.

cherry65

Jeder, der vor mir läuft, hat es sich verdient

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