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Schatz erzählt von seiner Dienstreise. Als er fertig ist, erzähle ich von meiner Reise in das taoistische Tai Chi. Schatz hebt verwundert die Augenbrauen. Vor mir liegt mein neues Tai Chi Buch. „Ich habe die Grundprinzipien des Tai Chi ins Laufen eingebaut. Da wäre z.B. Das Prinzip der Langsamkeit.“ Schatz bricht in Lachen aus. „Aber Du bist doch schon langsam.“ „So meine ich das nicht. Nicht Langsamkeit bis zum Stillstand. Sondern im Sinne von getragen sein durch einen ruhigen gleichmäßigen und tiefen Atem.“ Schatz versucht das Lachen zu unterdrücken. „Jetzt hör mir erst einmal zu, bevor Du mich aufziehst.“

Ich erzähle ihm von dem Tai Chi Prinzip der Aufmerksamkeit und Konzentration auf das, was man gerade tut. Von den Prinzipien der runden Bewegungen, der Einbindung des gesamten Körpers und der Entspannung aller Muskeln, die nicht an der Bewegung beteiligt sind. Und von dem Prinzip der Einfachheit und Leichtigkeit ohne irgendetwas zu erzwingen. Und dann erzähle ich ihm von meinem Lauf am Freitag.

Beim Start kontrolliere ich kurz meine Bewegungen. Alles passt. Arme, Beine und Rumpf beteiligen sich in einer runden Bewegung an den Laufschritten. Schultern, Nacken, Hände. Alles locker und weich. Die Wahl des richtigen Tempos ist ganz einfach. Mein Atem bestimmt das Tempo. Ich konzentriere mich auf tiefes Ein- und Ausatmen. Und das Beibehalten dieser einfachen runden Laufbewegung. Am Rande registriere ich, dass diese neue Langsamkeit deutlich schneller ist, als meine normale Geschwindigkeit. Wichtig ist das in diesem Moment nicht.

Ich laufe am See entlang. Das Geräusch meines Atems wird erweitert und verstärkt durch das Rauschen des Windes in den Blättern und den Wellenschlag am Ufer. Meine Schritte selbst sind leise, fast geräuschlos. Im Gesicht spüre ich die kühle Brise. Das sanfte Licht des Nachmittags zeichnet die Landschaft um mich herum weich. Und der Atem geht tief, ruhig und gleichmäßig. Das letzte Stück führt über die Liegewiese des Strandbads. Ich befreie die Füße von den Schuhen, genieße diese neue Freiheit. Es ist nur eine halbe Stunde, aber mir war jeder Augenblick genug. Ohne das Gestern in Gedanken durchzukauen oder mich an der Planung für morgen festzubeißen.

Schatz schaut mich ruhig an. Kein Lachen. Kein Aufziehen. Kein Platzverweis wegen esoterischen Gesülzes. „Ich finde das gut.“ Das hatte ich nicht erwartet. Aber Schatz hat etwas Wichtiges erkannt. Ich habe die wunderbare Leichtigkeit des Laufens für mich zurückerobert, die ich so lange vermisst hatte. Und das ist gut so.

5
Gesamtwertung: 5 (6 Wertungen)

Genau!!!

Das klingt super!!!
Ich glaube, ich hatte vor kurzem ein ähnliches Erlebniss - wenn auch deutlich weniger esoterisch. Der Trainer "meiner" Laufgruppe meinte zu Beginn der Intervalle einfach: "Ihr sollt nicht schnell laufen, sondern schön! Achtet einfach auf euren Laufstil und lauft schön!"
Wow, was war ich schnell in diesen Intervallen, in denen ich nur auf mich, meinen Körper und meine Bewegungen geachtet habe!!!
Viele verständnissvolle Grüße sendet
die_alternative

ChiRunning

Hallo!

Ich glaube das wird Dich brennend interessieren: http://www.chirunning.com

Bei YouTube gibt es auch eine Menge spannende Infos dazu :-)

Herzliche Grüße - Christophe

@fayence: Kein Patent?

Du meinst also, ich kann mir meine Erkenntnisse nicht mehr patentieren lassen? ;-)

Nun ja. Ob jetzt tatsächlich mein Chi besser fließt, kann ich nicht beurteilen. Ich wüsste nicht, wie sich das anfühlen sollte. Aber die ... von mir sehr eingedeutscht wiedergegebenen ... Tai Chi Prinzipien aus einer alten chin. Kampfkunst finde ich in vielen Lebensbereichen anwendbar.

Und beim Laufen war es wirklich die Rückeroberung der Leichtigkeit... die ich früher schon hatte und die mir das Laufen so wertvoll und erstrebenwert macht.

Vielen Dank für den Link. Werde mal tiefer hineinschnüffeln, was Chi Running so zu bieten hat. Aber vorher werden die Laufschuhe geschnürt.

Schönes Wochenende noch.

Sehr interessant!

Ich habe mich noch nicht tiefer damit beschäftigt, aber auf Dienstreisen nach China sehe ich am frühen Morgen oft hunderte von Tai Chi Praktizierenden. Teilweise sind die Stundenlang am üben/trainieren. Dabei strahlen diese Personen teilweise so eine Ruhe aus, das es fast ansteckend ist.

Schönen Gruß

@Monti00: Eingelullt

Qi Gong oder Tai Chi sind so langsam und konzentriert, dass sie einen fast einlullen ;-)

Ob man mit den fernöstlichen Prinzipien dahinter klar kommt, ist aber tatsächlich Typsache. Obwohl ich schon lange Yoga mache und mich immer wieder mal an Tai Chi probiere, geht die Philosophie von Energieflüssen und den Elementen nicht an mich heran. Mein Chi schweigt mich irgendwie an ;-) Die Übungsprinzipien, die ich da ausgegraben habe, fand ich dagegen sehr inspirierend.

Die gleichen Prinzipien jetzt auf eine dynamische Sportart wie Laufen mit allen Ablenkungen auf der Strecke zu übersetzen, fand ich sehr spannend und es tut mir tatsächlich gut.

@die_alternative: Ein Frage der Konzentration

Das ist alles eine Frage der Konzentration. Und wenn man die erreicht, dann sollte man sich auf das richtige konzentrieren. Und "schönes Laufen" finde ich ein gutes Ziel für die Konzentration.

Dann auch Dir noch viele schöne Läufe,
Sarossi

Klingt....

alles sehr spannend und entspannend!
Schön, dass Du wieder schmerzfrei locker laufen kannst, wenn auch noch kurz.
Bitte schreib weiter von diesen interessanten Dingen!

Lieben Gruß Carla
"Mancher rennt dem Glück hinterher, weil er nicht merkt, dass das Glück hinter ihm her ist, ihn aber nicht erreicht, weil er so rennt!" (Bert Hellinger)
(Es sei denn, er/sie läuft "Schmalspurmarathon", so wie ich! Dann kommt das Glück auch nicht vorbei!)

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