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Benutzerbild von kaiserswerther kenianer

…ging ich auf meine dritte Runde. Und nur um es noch mal in Erinnerung zu rufen: Eine Runde auf der Nordschleife plus dem Grand Prix Kurs ist immerhin fast 29 Kilometer lang. Also nicht nur so einmal um den Kaffee, kurz mal um den Block oder einmal um einen ovalen Sportplatz, sondern knappe 30 Kilometer durch ein Mittelgebirge mit 500 Höhenmetern. Das ist für mich so viel wie eine vernünftige Trainingsausfahrt an einem Sonntagnachmittag und nur etwas weniger als die Radstrecke bei einem Olympischen Triathlon. Also ordentlich viel. Für mich jedenfalls. Erst recht mitten in der Nacht, wenn ich zuvor schon zwei dieser Runden am Limit gefahren bin.
Mir ging es schlecht und wir hatten Rückstand. Auf die Hallziger und unseren Plan. Mit den Rennen sah es momentan nicht mehr gut aus, aber wie gesagt, wer interessiert sich schon für Rennen? Matthias hatte zwar wie gewohnt seine schnellen Runden abgespult, aber Rainer mit Krämpfen in den Füßen unerwartet geschwächelt und Ulf mal wieder technische Probleme. Das hingegen kam nicht unerwartet, denn Ulf hat immer technischen Probleme mit seinem Fahrrad.
Diesmal wurde aus dem Umwerfer ein Abwerfer und er hatte fünf Mal seine Kette verloren. Fünf Mal hatte er fluchend an der Nordschleife im Grün gestanden, sich die Finger schmutzig gemacht und etwa zwanzig Minuten verloren. Wahrscheinlich hätte er wie weiland Bjaerne Rijs am liebsten seinen Boliden in hohem Bogen ins Gebüsch geworfen, wenn es sich bei seinem Rad im Gegensatz zu dem des dickblütigen Dänen nicht um eines im Eigenaufbau gehandelt hätte. Natürlich kann man trefflich darüber spekulieren, ob gerade der Eigenaufbau in engem Zusammenhang zur Defektdichte steht, aber das will ich natürlich nicht tun.
Immerhin war eine abgeworfene Kette nicht so haarsträubend wie der lose Steuersatz mit dem er im Vorjahr die Fuchsröhre herunter gerast war.
Ich selber war mit den Runden zufrieden. Die vielen Vorbereitungsstunden im Sattel hatten mich in gute Form gebracht. Doch andererseits zahlte ich jetzt für die 53er und 54er Zeiten einen hohen Preis: Der Puls lief auch in der Pause im Fonds meines Autos auf bedenklich hohen Touren und jeden Versuch einer Veränderung meiner Körperhaltung bezahlte ich mit heftigen Krämpfen in den Adduktoren.
Nach Radfahren stand mir nicht mehr der Sinn. Das einzige was mich vor dem Start zur Runde drei aufrecht hielt war der Gedanke an die verlängerte Pause danach. Wir hatten bis dato immer Reih´ um gewechselt. In der Nacht würden sich zunächst Reiner und Matthias jeweils zwei Mal ablösen, bevor Ulf und ich dieses Spielchen in den frühen Morgenstunden spielen wollten. Das würde mir für fast fünf Stunden Ruhe bescheren. Einmal noch fahren, dann wollte ich Duschen, magische Hühnerbrühe trinken und auf etwas Schlaf hoffen.

Und so hatte ich die Lampe auf dem Rad montiert, die man getrost zum Mercedes unter den Akkuleuchten zählen darf. Das helle Licht hatte mich schon im Vorjahr sicher über die Strecke gebracht.
Glücklicherweise habe ich einen Bruder, der seinen Haushalt führt nach dem Motto: „Für billiges Zeug ist mir mein Geld zu schade!“ Wenn er etwas kauft, dann immer das Beste. Die beste Lampe, die beste Isomatte den praktischsten Klappstuhl…
Ich hingegen besitze fünf Discountleuchten mit leeren Batterien und der Strahlkraft von Yps-Gimmicks und Billig-Isomatten, auf denen man nur schlafen kann, wenn man derer drei übereinander stapelt.
Zum Glück konnte ich diesen Schrott zu Hause lassen, denn ich habe ja einen Bruder, der mir all seine Sachen bereitwillig leiht. Das Geld für die fünf Billiglampen hätte ich viel besser in neue Laufräder investieren können.
Die Lampe hat drei Leuchtstufe, mit denen ich die Nacht auf der Nordschleife zum Tag machen konnte. Mit schweren Beinen kämpfte ich mich bis zur ersten Abfahrt. Dort allerdings wurde aus dem Mercedes plötzlich ein sensibler Ferrari. Leichte Vibrationen am Lenker führten zum heftigen Blinken der Akkuwarnleuchte. „Gleich leer?“ Wie konnte das sein. Ich hatte den Akku frisch geladen und doch blinkte bei jeder Unebenheit bedrohlich die Warnanzeige.
Und das schon am Anfang der Runde. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch fuhr ich auf die Fuchsröhre zu. Und allen Gesetzen des Herrn Murphy folgend verließ mich natürlich das Licht komplett in dem Moment als ich gerade über achtzig Kilometer schnell war. Der Fairness halber sei gesagt, dass es gerade an dieser Stelle sogar noch erträglich war, da die Fuchsröhre incl. der digitalen Geschwindigkeitsmessung durch die Veranstalter komplett ausgeleuchtet wurde, aber es warteten noch über zwanzig Kilometer auf mich, die ich trotz Vollmond ungern ohne Licht fahren wollte.
Zwei Mal drücken auf den Schalter und es flammte wieder auf. Allerdings immer mit dem unguten Gefühl, dass der Akku bald seinen Geist aufgeben würde.
Jeden Anstieg nutzte ich daher zum Stromsparen, in dem ich mich vor einen beleuchteten Fahrer setzte und meine Lampe ausstellte. Im Kesselchen auf dem Weg zur Hohen Acht leuchtete mir zudem malerisch der volle Mond. Die hohe Acht fuhr ich mit malerischem Vollmond vor mir hinauf, versuchte ein Foto und rettete mich über die Steigung. Kurz danach blendete mich aus tiefer Nacht ein greller Blitz. Fotoservice mitten in der Nacht.

Ein gehöriger Schreck, aber immerhin Beweis, dass die Geschichte mit dem fehlenden Licht in der Steigung stimmte.
Erst bei Kilometer zwanzig kam ich auf die intelligente Idee, die Steckverbindung von Lampe und Akku zu prüfen. Tatsächlich! Aus dem Ferrari wurde wieder der Mercedes, der mir den Rest der Strecke sicher ausleuchtete. So doof muss man erst mal sein, loszufahren und den Stecker nicht richtig eingesteckt zu haben!
Auf dem Zahnfleisch fuhr ich gegen Mitternacht wieder in die Parzelle ein. Dass Matthias mir erneut zu einer Runde unter einer Stunde gratulierte war mir ebenso egal wie der Hinweis, dass ich mich berufsbedingt doch bitte mal um Rainer und seine krampfgeplagten Füße kümmern sollte.
Die existentielle Erschöpfung machte mich zum Egoisten. Hühnersuppe, Duschen! Das war jetzt das einzige, wonach mir der Sinn stand. Zehn Minuten lehnte ich am Druckknopf und dachte darüber nach, mit welchen Ausreden ich mich aus dem Rennen stehlen könnte. Rennen? Welches Rennen überhaupt? Alberner Wettkampf mit Hallzig, albernes Altmännerhobby. Vierundzwanzig Stunden Fahrrad fahren. Fünfhundert Höhenmeter, Neunzig Stundenkilometer auf dem Tacho und stahlharte Nachtfahrten, mit denen man später doch nur vor den Kollegen prahlen will. Wie bescheuert ist das denn?
Mühsam bereitete ich mir das Nachtlager im Zelt, da mir das Auto und die Krämpfe beim Ausstieg in unguter Erinnerung waren und versuchte einige Stunden zu schlafen.
Der Wind zerrte gelegentlich am Zeltdach. Ein Generator brummte in Hörweite und diese sonore Geräuschkulisse wurde immer wieder zerrissen von Rufen nach dem jeweiligen Wechselpartnern. Trotzdem fand ich Schlaf.
Und als Matthias mich nach wenigen Stunden weckte war alles anders. Noch im Liegen prüfte ich meine Systeme wie einst Captain Kirk seine Enterprise.
Und –oh Wunder!- ich fühlte mich gut! O.K. Ich will nicht übertreiben. Aber zumindest fühlte ich mich nicht schlecht! Der Puls war wieder ruhig, ich konnte ohne Schmerzen aus dem Zelt kriechen und atmetet durch in der Gewissheit, dass mir die nächsten drei Runden auch nichts mehr anhaben konnten. Ich hatte mich erholt.
Matthias und Rainer hatten ihre Runden vier und fünf absolviert. Der Abstand auf Hallzig und unseren Plan war nicht kleiner geworden. Nachts läuft alles langsamer. Die Wechsel sind nicht mehr so aufgeregt wie auf den ersten Runden. Anstatt fliegend die Flasche zu wechsel wartet man,dick in Jacken eingemummelt, einsam in der Parzelle darauf, dass der Partner vor einem auftaucht. Mit gedämpfter Stimme wünscht man sich alles Gute, fragt noch ob alles in Ordnung war und schwingt sich ruhig auf sein Fahrrad. Außerdem fährt man langsamer. Warum? Keine Ahnung, ist aber so.
Meine vierte Runde absolvierte ich noch im Stockdunkeln. Ulf durfte die Stimmungsvolle Fahrt in der Morgendämmerung fahren. Auch er hatte sich in der Pause erholt, obwohl er mangels ausreichender Heißwasserversorgung nachts grauenvoll kalt duschen musst.

„War wirklich schön!“, eröffnete er mir in der Morgensonne bei der Flaschenübergabe zu meiner fünften Runde.
Die Helligkeit weckte auch wieder etwas Kampfgeist. Vielleicht, weil ich wieder sehen konnte, wer mich gerade überholen wollte.
„Der dicke, alte Sack…? Im Leben nicht…!“ und schon trat ich wieder kräftiger in die Pedale.
Zwar waren meine Beine müde, meine Stimmung aber gut. Fünf Runden geschafft! Ich kämpfte mich die NGK Schikane hoch und fand Ulf noch unfertig mit Kaffeetasse im Gespräch mit Matthias und den Hallzigern vertieft. Trotz der plötzlich aufkommenden Hektik schafften wir es erneut, den Transponder ordnungsgemäß zu wechseln und dann ging auch der Mann auf seine fünfte Runde, der ein ambitionierter und schneller Fahrer ist, auch wenn er sich selbst gerne im Understatement übt und sich als „dicken Mann“ oder „Daruper Doppelzentner“ bezeichnet, seinen Sportsgeist und Ehrgeiz aber lediglich tarnt hinter einer Maske aus Nachlässigkeit und Genussmittelkonsum.

5
Gesamtwertung: 5 (8 Wertungen)

Wunderbare Fortsetzungsgeschichte -

hab mich stellenweise herrlich über die "Jungs" und ihre Probleme amüsiert.

Und das alles, während ein anderer Junge es in 30 Minuten mit Belatschern und Erklärungen nicht schafft mir ein Bild per Mail zu schicken.

Die Nachtfotos

finde ich sehr beeindruckend. Die Vorstellung, im Dunkeln nur mit Vollmondlicht zu fahren, hingegen gruselig. Zum Glück ist dir die Überprüfung der Steckverbindung eingefallen. Merk ich mir mal....

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

Gruslig war das nicht, es

Gruslig war das nicht, es war sehr spannend in ein dunkles Loch namens Fuchsröhre runter zu rasen. Gutes Licht war unabdingbar. Mit einer zickigen LEDlampe darunter zu fahren, unvorstellbar. Ich bekomme die Nacht noch immer nicht aus den Kopf, so beeindruckend war das. Ich hoffe, das klappt in 2013 wieder mit dem alten Veranstalter, die haben das super gemacht. Toller Bericht Kaiserwerther. Mittlerweile konnte ich auch Eure Rundenanzahl und -zeiten ausfindig machen. Eure Leistung war nicht von schlechten Eltern!

Können da auch Radschnecken mitfahren???

Der Bericht schreit nach "ich will auch"... ;-))

Saarvoir courir - laufen wie bekloppt im Saarland

Aber immer strider, bin

Aber immer strider, bin selbst Radschnecke :-), hab mich wohl gefühlt.

Ich habe fertig!

So, ich bin dann mal fertig mit lesen. Kannst den nächsten Teil posten!

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