Benutzerbild von okta72

„Ich habe keinen Bock“, sage ich, was daran liegt, dass ich keinen Bock habe. Natürlich ist das ein Hilferuf. Ich lechze nach Motivation von außen, nach einem kleinen aufmunternden Verbal-Klaps auf den Rücken. Oder wohin man verbal halt so klapst. Doch der Klaps kommt nicht. Eher ein Tiefschlag: „Ich hab auch keinen Bock“, murmelt mir Fritz entgegen. Und so stehen wir also mitten im Pulk der Startermeute, die sich zum 30. Badenmarathon in Karlsruhe versammelt hat. Fritz, mein Kumpel aus guten alten Freiburger Tagen, und ich wollen, wie der Großteil der anwesenden Rasselbande, den Halbmarathon hinter uns bringen. Blöd nur: Wir haben keinen Bock.
Das könnte an den je vier Bieren liegen, die wir am Vorabend getrunken haben. Könnte. Tut's aber nicht. Die waren nämlich alkoholfrei und machen folgerichtig keinen dicken Kopf. Vielleicht ist die Müdigkeit schuld, vielleicht mein Stein im Schuh, den ich unmittelbar nach dem Startschuss bemerke (den ich aber noch entsorgen kann, weil es ja doch immer ein bisschen dauert, bis sich 8500 Menschen in Bewegung setzen), vielleicht und wahrscheinlich liegt's aber an der immer gleichen Sinnfrage: Warum, um Himmels Willen, stehen wir jetzt hier, um uns zwei Stunden lang zu quälen?
Während wir noch darüber nachdenken, traben die in Funktionsfasern gekleideten Menschen um uns langsam los. Traben wir halt mit, pfeif auf den Sinn. Zwei Stunden zuvor, um 7 Uhr, waren wir aufgestanden. Fritz war am Vorabend bei uns gelandet, es folgte das übliche Spielchen mit den Startunterlagen und der Marathonmesse (natürlich hab ich mir Schuhe gekauft, Brooks Glycerin, bei diesem Laufschuhkram werd ich echt zum Mädchen, schlimm), anschließend lecker Nudeln, Bier, quatschen, zeitig ins Bett, spät einschlafen, früh aufwachen, anziehen, essen, losfahren, Parkplatz suchen, zur Gepäckabgabe spazieren, sich wundern über jene, die sich kilometerlang einlaufen, Gepäck abgeben, Bier vom Vorabend abgeben, in die Startzone schlendern, bemerken, dass es in zwei Minuten losgeht, feststellen, dass wir keinen Bock haben und dass ein Stein im Schuh ist, lostraben, Startlinie überqueren, Garmin drücken, loslaufen, keuchen.
Der erste Kilometer ist immer furchtbar. Solche Rennen wären viel schöner, wenn sie mit dem zweiten Kilometer begännen. Okay, vielleicht laufen sich die anderen deswegen ein. Streber!
Es geht also los. Zeit, die eigenen Ziele Revue passieren zu lassen. Und derer gibt es viele, jedenfalls genug, dass mindestens eins zu erreichen sein sollte.
Mindestziel: Unter 2 Stunden
Wunschziel: PB, die alte stammt vom bislang einzigen HM vom April in Freiburg mit 01:58:19
Traumziel: Unter 01:55:00
Illusionsziel: Mit einer Pace von 05:20 starten und die bis zum Schluss halten. Dann käme ich mit 01:52:31 an.
Während ich keuche und Fritz neben mir mault, dass 5:20 zu schnell sei, versuche ich mich an meine Vorbereitung zu erinnern. Oder an das, was man so Vorbereitung nennt. Vier Monate lang bin ich immer schön im gleichen Trott gelaufen, stets mit Samson, meinem Lieblingshund an der Seite. Mit Samson macht's mehr Spaß, andererseits: Tempotraining? Extralange Läufe? Intervalle gar? Nix dergleichen.
Nur die vergangenen vier Wochen hab ich ein bisschen Gas gegeben. Ein paar 30-20-10-Sekunden-Intervalle, zwei Tempoläufe und am Schluss natürlich ausruhen. Das war's. Klingt nach wenig, nach sehr wenig. Aber die Intervalle haben nach meinem subjektiven Gefühl ne Menge gebracht. So viel, dass der erste Kilometer in 5:17 weggeht und ich mich gut fühle. Ich überhole, Fritz überholt mit. Er will 5:40 laufen, startet aber deutlich schneller. Wir überholen weiter, ich will auf keinen Fall langsamer als 5:20 werden. Wenn ich mal groß bin, will ich Genussläufer sein, einer, der nicht auf die Zeit guckt, sondern einfach nur Spaß hat. Okay, Spaß habe ich auch, aber immer dieser elende Zeitfetischismus. Egal, ich habe jetzt trotzdem Bock. Schritt nach links, am nächsten Trio vorbei, damit's weniger eng ist. Nur – wo ist Fritz? Bei irgendeinem der Überholmanöver ist er nicht mehr mitgegangen. Schade, in Freiburg waren wir 18 Kilometer lang zusammen unterwegs. Aber wir hatten vorher ausgemacht, dass jeder sein Tempo läuft.
Und so mache ich das. Es läuft. Ich habe Bock, ganz plötzlich. Laut Garmin gehen die ersten zehn Kilometer knapp über 52 Minuten weg. Leider nur laut Garmin. Beim 10-Kilometer-Schild zeigt meine Uhr schon 10,2 km an – und eine knappe Minute mehr für den 10er. Na ja, nicht zu ändern.
Es geht durch den Oberwald. Zuschauer gibt es hier kaum, aber das macht nichts: Hier kenne ich jeden Meter, ein echtes Heimspiel. Schön.
Nach dem Oberwald geht es nach Rüppurr. Hier wohne ich, hier kenne ich immer noch jeden Meter. Noch ein paar Minuten, dann wird Frau okta am Straßenrand stehen, gemeinsam mit einigen Freundinnen und sogar Tochter okta hat versprochen zu kommen. Das rechne ich ihr hoch an, denn als Hardcore-Pubertierende entspricht 10 Uhr morgens für sie einer Zeit mitten in der Nacht.
Gut 14 Kilometer sind vorbei, als ich meinen kleinen Fanclub passiere. Jetzt fühle ich mich noch besser. Überhaupt war die Stimmung in Rüppurr großartig, ebenso in Durlach. Ansonsten ist eher weniger los, die Strecke ist nicht gerade gespickt mit Sehenswertem und deshalb auch nicht mit Zuschauern. Der schönere (aber auch anstrengendere) Teil ist wohl eher die zweite Hälfte des Marathons. Die werde ich allerdings nicht erleben.
Nach 17 Kilometern nehme ich das zweite Gel zu mir. Eine deutliche Verbesserung gegenüber Freiburg. Dort gab's an den Verpflegungsstellen Müsliriegel und ich habe zwei Stunden lang fast ununterbrochen gekaut. Damals war ich hungrig, irgendwie schlapp und ohne jede Reserve. Diesmal nicht. Mann, hab ich Bock.
Meine Zeiten pendeln sich unter 5:15 ein. Ich werde eher schneller als langsamer. Lediglich Kilometer 19 mit seiner elenden Brücke dauert wieder ein kleines bisschen länger. Danach gibt es aber kein Halten mehr. Um mich herum werden auf den beiden Schlusskilometern alle schneller, ich auch. Für den Schlusskilometer brauche ich 4:54 – und ich keuche wie eine Dampflok. Und das ist gewiss kein Kompliment für Dampfloks. Die Marathonweiche naht. Geradeaus laufen die echten Helden, nach rechts biegen wir Halben ab. Was bin ich in dem Moment froh, kein echter Held zu sein und abbiegen zu dürfen. Noch ein paar Hundert Meter, das Brodeln im kleinen aber feinen Beiertheimer Stadion ist schon zu hören.
Rein durchs Tor, ab auf die Tartanbahn. Das ist wie fliegen. Um mich herum sprinten alle, ich sprinte mit. Den dort hole ich noch. Und die da vorn. Und den auch noch... Ich hab ja einen derartigen Bock...
Schnell ein Lächeln für den Zielfotografen, die Arme hoch, ab über die Linie, Garmin drücken, fertig sein und glücklich.
01:51:14.
Hä?
Sieben Minuten besser als im April? Unglaublich.
Auch Fritz bleibt deutlich unter zwei Stunden, läuft ebenfalls PB, ist glücklich und hatte Bock.
Danach hatte ich übrigens immer noch Bock. Nicht auf Marathon, sondern auf Badewanne. In der bin ich dann auch gelandet. Irgendwie war es eben doch ein erfolgreicher und ziemlich sinnvoller Tag...

4.875
Gesamtwertung: 4.9 (8 Wertungen)

Ein wirklich

schöner Bericht. Mir gefällt der Satz am besten: Solche Rennen wären viel schöner, wenn sie mit dem zweiten Kilometer begännen. Das muss ich mir für Sonntag merken. ;-)
Gratulation zur neuen PB.
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LG Inumi
Wenn ein Lauf nicht dein Freund ist, dann ist er dein Lehrer.

Glückwunsch

zur subIllusionszielPB! Was für eine Wahnsinnssteigerung!
Wie gut, dass du dann doch Bock hattest... Genieße noch lange dein Hochgefühl!

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

bei diesem Laufschuhkram

bei diesem Laufschuhkram werd ich echt zum Mädchen - Mädchen zu sein ist gar nicht schlimm ;-) und beim nächsten Wettkampf läufst Du Dich einfach die ersten zwei km nach der Startlinie ein und beginnst dann mit dem Rennen.

Glückwünsche zur sagenhaften Zielzeit und danke für den köstlichen Blog!


Jogmap-Schleswig-Holstein - de neongelen Löper ut´n Norden

ich hatte auch bock...

...deinen bericht zu lesen! danke für´s teilhaben lassen.
und glycerin 10, nehm ich an! g**le treterchen. hab ich auch.
aber die mit grau und pink, weil ich nen meeheeheedchen bin ;-)
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laufend gratuliert zur pb: happy™

Meine Liebe...

...hatte recht: Sehr unterhaltsam zu lesen und ausgesprochen wahr.
Schön, dass das Anfangstempo so gut gepasst hat. Und ein Hoch auf Samson und seinen ausgeprägten Grundlagenausdauertrainingsfetisch.

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Es empfiehlt sich, immer einen Pinguin im Haus zu haben, dem man die Schuld geben kann.

Unglaublich...

7 min schneller ist wirklich unglaublich gut und Dein Blog unglaublich toll geschrieben;-) Herzlichen Glückwunsch zu beidem!

Tame:-)

Ist das schön,

dass
1. jemand was über den Fiducia Halbmatrathon bloggt,
2. das auch noch echt vergnüglich zu lesen ist,
3. der Bock manchmal beim Laufen kommt.

Wie der Appetit beim Essen eben. ;o)

Schöne Schreibe, doch! Und schöne Regeneration wünsch ich!

ER schafft das Wollen und das voll Bringen - mit extrem hohem Bringungsfaktor.

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