Benutzerbild von kaiserswerther kenianer

Am Ende meiner Runde standen sagenhaften 53min auf dem Tacho und wir hatten einen kleinen Vorsprung auf das Team vom Hallzig Express. Das war mir bis dato genauso egal wie die Aussicht, dass Ulf nach dem ersten schnellen Wechsel (es sollte übrigens der einzige SCHNELLE Wechsel bleiben, den wir gemeinsam auf die Strecke brachten) zwischen uns beiden, wahrscheinlich im Duell mit dem besten Fahrer des Teams einige Minuten aufgebrummt bekommen würde.
Es war doch kein Wettkampf. Wir waren doch nur zwei Teams, die sich zu einer Versorgungsparzelle zusammen getan hatten. Mehr nicht! Keine Konkurrenten. Was für ein erstaunlicher Zufall, dass die ersten drei Fahrer beider Teams annähernd gleichschnell über die Runde fuhren, dachte ich.
Wer vorne lag war mir doch herzlich egal! Was kümmerte mich, dass der Hallziger Teambetreuer in Echtzeit die Daten beider Teams in den Rechner hämmerte. Was kümmerten mich die vier Minuten und 12 Sekunden, den uns das ungleiche Duell von

Ulf (der sich selbst wahlweise den „Daruper Doppelzentner“, den „Dicken Mann auf dünnen Reifen“ oder kurz „Edhot“ nennt) mit dem drahtigen mitteldeutschen Radsportler als Rückstand einbrachte.
Wir fuhren unser eigenes Rennen und hatten schon genug anspruchsvolle Ziele! Sieben Runden für Matthias. Also fünfundzwanzig für uns alle. Und der Auftakt war verheißungsvoll. Schon siebenundzwanzig von insgesamt notwenigen fünfundvierzig Minuten hatten wir herausgefahren. Wenn das so weiter ging, dann könnte es vielleicht klappen.
Doch es wartete noch die dunkel Nacht, die zunehmende Schwäche in Männerbeinen und damit unweigerlich wieder Zeiten von über einer Stunde.
Ich selber hatte mich schon gehörig geschwächt in der ersten Runde.
Einerseits schneller als ich es in meinen kühnsten Träumen erhofft hatte, aber andererseits viel schneller als ich es im Angesicht von fünf weiteren Runden hätte sein sollen. Dennoch mischte sich Euphorie und Wettkampffieber in die akute Erschöpfung.
Vier Minuten Vorsprung für den Hallzig Express!
„Pah...Auch wenn wir ja gar kein Rennen mit denen fahren, aber die fahren wir doch aus den Schuhen. Matthias haut denen jetzt wieder einige Minuten drauf, und dann sollen die uns erst mal wieder einholen!“, frohlockte ich in dem Wissen, dass er irgendwo auf der Schleife nordwärts die Ostler südlich lassen würde. Kein Wunder.


(die vier starken Waden des Covadonga Racing Teams)

Die Nummer eins unseres Teams war Peak Break erfahren. Hatte erst vor wenigen Wochen 18000hm (in Worten: achtzehntausend) in acht Tagen im Renntempo hinter sich gebracht. Dabei war er Pässe gefahren, die ich nicht mit einem Auto fahren würde (Monte Zoncolan) und fuhr ansonsten mit hohen Ambitionen richtige Cyclocross Renen. Tatsächlich brauchte er keine fünfzig Minuten und schickte Rainer mit knappem Vorsprung wieder auf die Runde. Kratzte mich natürlich nicht, denn wir fuhren ja kein Rennen!
Aber hoffentlich würde er mir einen Vorsprung mit auf meine zweite Runde geben.
Rainer ist letztes Jahr die gesamte Friedensfahrt abgefahren. Nicht bei einer organisierten Radtour, sondern verrückterweise ganz alleine. Obwohl er ein geordnetes Leben mit Frau und Kindern in Ostwestfalen führt, fuhr er über zweitausend Kilometer durch Sonne und Schnee. Das alles auch durch Gebiete, wo man mit deutschen und englischen Sprachkenntnissen vieles kriegen kann, aber bestimmt kein warmes Mittagessen. Hat zudem mit Thäve Schur geplaudert und anschließend über dieses irre Unternehmen ein tiefsinniges Buch geschrieben, welches in gleichen Teilen unterhaltsamer Rennbericht, ironische Landeskunde und ehrfüchtige Hommage an die große Radrundfahrt des Ostblocks ist („Alles Rower – Ein Wessi auf der Friedensfahrt“). Er fährt also viel und ausdauernd und wir wechseln, während mein Hallzigfeind voller Verzweiflung nach seinem Vorfahrer sucht.
Nicht das mich das wirklich interessiert, wir fahren ja kein Rennen. Was kümmert mich der Hallzigexpress hinter mir? Die zweite Runde in der Abenddämmerung zog mich in ihren Bann. In der ersten war ich schnell gewesen.
In die Fuchsröhre hatte ich mit immer schneller werdenden Pedalumdrehungen hinein beschleunigt.


Was sich in etwa so anfühlt wie mit Anlauf und wildem Geheul vom Zehn Meter Brett zu springen. Trotzdem hatte es noch nicht für die erhofften Ergebnisse gesorgt, weil mir im entscheiden Moment wohl ein kräftiger Windschatten gefehlt hat.
Aber das war ja schon vergangen.
Wo war ich…? Ach ja! Unser eigenes Rennen. Wie viel Minuten hatten wir jetzt schon auf unser Ziel „Sieben Runden für Matthias“ gut gemacht?
Er selbst und Rainer hatten noch einmal fünfzehn Minuten drauf gepackt. Wir hatten schon fast die erforderlichen 45min herausgeholt. Jetzt wollte ich etwas die Kräfte an der hohen Acht schonen, damit in der Nacht nicht zu viel des Vorsprungs durch die zu erwartenden Runden über 60min flöten gingen. Nicht nochmal so unsinnige Eitelkeitsspielchen wie „ich verzichte auch bei den schwersten Steigungsprozenten auf den Rettungsanker“ und „den Gegenhang hinter Breidscheid auf dem großen Blatt wegdrücken“. Diesmal wollte ich auch nicht auf die Uhr schauen, wenn ich das hässliche Männchen am Beginn der langen Steigung passierte, nur um mich mit den zwanzig Minuten des Vorjahres zu messen, die ich damals bis zu dem Moment brauchte, ab dem es wieder bergab ging (diesmal waren es übrigens nur siebzehn gewesen). All diese Mätzchen hatten schon für eine ungesunde Verteilung von saurer Milch in kontrahierendem Muskelfleisch gesorgt.
„Lass es ruhiger angehen!“ nahm ich mir also vor.
„Na, alles klar…?“ Was war das? Wer war das? Wer spricht mich am Beginn der vier Kilometer langen Leidensstrecke an?
Der Hallziger! Lässiger Gruß, kurzer Antritt und schon war er zwanzig Meter weg.
„Das gibt’s doch nicht! Am Beginn der Steigung schon eingeholt. Natürlich, wir fahren kein Rennen! Überhaupt nicht! Schon gar nicht gegen Hallzig! Interessiert mich nicht die Bohne…Aber was sollen meine Kollegen denken?“
Was würde der Betreuer dann triumphierend in den Forumsblog hämmern? Was würden mich für mitleidsvolle Blicke empfangen, wenn ich mit gehörigem Rückstand mein Rad ans Gitter der Parzelle lehnen würde?
Weil ICH mich von DEM da einholen ließ? Weil ich mich wegen ein paar weiterer Kilometer jetzt nicht quälen wollte? So nicht!
Der kann mich kennenlernen. Puls hoch, Kette rechts!
Ich ließ ihn nicht aus den Augen.


(jaja, schon gut! Ich habe hier andere Sachen an. Kann also gar nicht auf der Runde gewesen sein! Stimmt, ich fand das Bild dennoch passend, ihr elenden Besserwisser! ;-) )
Nicht im „Kesselchen“. Nicht im Klostertal. Nicht auf der Anfahrt zum Caracciola Karussel, nicht auf den letzten Meter hinauf zur Hohen Acht. Dann ging es wieder bergab. Und währen Hallzig siegesgewiss radelte, nutzte ich bei Brünnchen die tiefstehende Sonne zur Konterattacke und hetzte dann durch die zweite Streckenhälfte. Hallgarten, Schwalbenschwanz, Döttinger Höhe, Antoniusbuche! Nicht so brutal wie die Hohe Acht, aber doch auch ohne Gelegenheit zum Ausruhen. Zudem wartet noch der hässliche Anstieg beim Tiergarten.
Dann jage ich wieder viel zu schnell über den glatten Asphalt des modernen Grandprix Kurses. „Den habe ich sauber abgehängt“, dachte ich und war atemlos fasziniert von der zweiten schnellen Runde. „Das hat der bestimmt nicht mitgekriegt, wie ich den überholt habe und dann ist der gemütlich weitergeradelt!“
Keine zwanzig Sekunden später keuchte es am Zelt!
„Ey, ich dachte du wolltest mal ein wenig unterwegs quatschen, aber stattdessen hetzt du an mir vorbei! Das konnte ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen….“
Wir waren im Rennen!
So ein Mist! Es hatte sich was mit einigen Minuten Vorsprung. ER hatte mich in der tiefstehenden Sonne ebenso gesehen wie der Fotograf in dem Moment, in dem mir das Halbzeitergebnis des ersten Bundesligaspiels meines Klubs seit fünfzehn Jahren (für das ich übrigens eine Karte gehabt hätte) übermittelt wurde.

5
Gesamtwertung: 5 (8 Wertungen)

Wen interessiert sowas schon,

wenn es doch gar kein Rennen war! ;-)))

Schreib schneller!

Rofl.

Das letzte Foto ist ja der Knaller. Und das bei zirka 39% Prozent Steigung - Respekt! Respekt auch für den packenden Bericht. Gewisse Teammitglieder müssten dann beim nächsten Mal noch etwas deutlicher eingenordet werden (heute sagt man wohl "gebrieft" dazu), damit sie nicht bis kurz vor Schluss glauben, es handele sich um kein Wettrennen, die Rundenzahl sei nicht so wichtig, und das einzige Ziel sei das höchstpersönliche, nämlich nicht absteigen zu müssen. Je mehr ich von Dir lese, um so mehr ist es mir peinlich, mich mit 4 von 6 möglichen Hohe-Acht-Überfahrungen zufriedenzugeben. Ich bin gespannt auf die hoffentlich bald folgenden Fortsetzungen Deiner Reportage!

Testosteron

und "kein Rennen" sind inkompatibel.

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

39% Steigung???

Da fällt man doch rückwärts um!
Ich glaub Euch kein Wort!!!!
Außerdem wurde in Darup heut 'ne Sparkasse gesprengt - gibs zu: Du brauchst das Geld für ein neues Rad ;-)

Gib GasAlter!

Wenn es eine offizielle Zeitmessung gibt, dann ist es auch ein Rennen.

Na okay,

Vielleicht waren es auch nur 37. Die waren es aber sicher. Genauso sicher, wie ich nix mit der Sparkassensprengung zu tun habe. Ehrenwort!

Darstellungsoptionen

Wählen Sie hier Ihre bevorzugte Anzeigeart für Kommentare und klicken Sie auf „Einstellungen speichern“ um die Änderungen zu übernehmen.

Google Links