Benutzerbild von kaiserswerther kenianer

Nein, die beiden Vorsätze für die erste Runde waren nicht wirklich in Einklang zu bringen. Ungeduldig saß ich startklar im Sattel und spähte von unserem Wechselplatz hinunter zur NGK Schikane. Immer auf der Suche nach Rainer im schönen weiß mit dem blauen Bruststreifen des Covadonga Racing Teamtrikots. .
Matthias als definitiv schnellster unseres Quartetts hatte die Einführungsrunde übernommen. Neben schnellen Beinen verfügt er auch über die meiste Erfahrung im Fahren innerhalb eines nervösen Adrenalinschwangeren Starterfelds, weswegen keiner von uns ernste Einwände gegen ihn als Anfahrer vorbrachte.

Morgens vor dem Start, unweit unserer Parzelle.

„Du fährst die ersten Runden ganz locker! Schone Deine Kräfte, 24h sind lang. Letztes Jahr wolltest Du nach drei Runden aussteigen. Die zwei Minuten, die du jetzt rausholst, verlierst du wegen der verschossenen Körner in der Nacht vielfach.“ Das war der Vorsatz, der eher vernunftbegabten Abteilung meines präfrontalen Cortex.
Aber wer ist schon vernunftbegabt? Jemand, der sich aufmacht 24h Rennrad zu fahren? Jemand, der den ganzen Sommer trainiert hat, nur um eine Runde auf einer Rennstrecke etwas schneller zu fahren als im Vorjahr? Jemand, der offen verkündet hat, diesmal mit neunzig Stundenkilometern Fahrrad fahren zu wollen?
„Du willst in der Fuchsröhre 90 kmh schnell sein, an der hohen Acht auf den Rettungsanker verzichten und eine Zeit weit unter einer Stunde in den Asphalt brennen und mit dafür sorgen, dass wir Matthias auf eine siebte Runde schicken können!“
Und während ich über das Dilemma nachdachte, in den mich diese beiden Marschrouten brachten, sah ich Rainer kommen. Er kämpfte sich den Hügel hoch. Gute Zeit. Etwa 54 Minuten auf der ersten regulären Runde über 28,62km. Die Einführungsrunde des Rennens ist etwas kürzer, da nach dem Start das Feld direkt auf die Nordschleife geführt wird. Dennoch zeigte Matthias in 44 Minuten direkt, wer in unserem Team die Bezeichnung „RadSPORTLER“ verdiente. Wenn wir unser Gruppenziel erreichen wollten, dann müssten wir nach 23h30min unsere vierundzwanzigste Runde beendet haben. Da Ulf und Ich erwartungsgemäß eher für die Rundenzeiten über sechzig Minuten zuständig sein würden, sollte das ein schwere Unterfangen werden.
Fliegend wechselten wir bei strahlendem Sonnenschein die Transponderflasche und schon war ich im Rennen. Endlich! Monatelanger Mailverkehr, Zeltaufbau im Regen vorbei. Ebenso wie ein Jahr Sehnsucht und ein halbes Jahr Training. Was zählte war jetzt. Ich war zurück. Nordschleife, ich komme!
Starker Rückenwind blies mich durchs Fahrerlager.

Dichter Verkehr, wechselnde Teams und hohes Tempo erforderten Aufmerksamkeit. Jetzt bloß kein unglücklicher Zusammenstoß mit einem Querfahrenden Radler, der gerade bemerkt, dass er an seiner Parzelle schon vorbei gefahren ist. Unruhig, nervös. Ich selber und auch die Stimmung im Feld. Ein enges Kurvengeschlängel führt uns in die Boxengasse. Wo sonst vier Reifen in drei Sekunden gewechselt werden, bläst uns scharfer Wind entgegen.
Windschattenspringen. Jetzt ein Zug finden. Irgendeinen Rücken hinter dem man dann doch schneller fahren muss als man eigentlich wollte. Gnadenlos lutsche ich mich bis zur Einfahrt in die Nordschleife. Die Rechtskurve, die schneller geht als man denkt und ein kurzer Antritt, damit die Kette auf dem großen Blatt liegen bleiben kann. Wie im letzten Jahr. Jeder Meter weckt Erinnerungen. „Wie kann ich die Kurven fahren, wo muss ich beschleunigen, um den Gegenhang zu bezwingen und ab welchem Randstein beginnen die kritischen Meter an der hohen Acht?“ Streckenkenntnis auf der Nordschleife ist nicht nur für Motorsportler auf der Suche nach dem richtigen Bremspunkt vorteilhaft.
Es geht bergab! Hinein in einen Traum aus langgezogenen Kurven und hohem Tempo.

Ich spiele meine komprimierten Gewichtsvorteile aus und überhole mit
Vollgas in der Abfahrt. Bei Hocheichen wartet der erste giftige Gegenhang. Zur eigenen Überraschung stampfe ich auf dem großen Blatt über diese kleine Prüfung. War das nicht im letzten Jahre eine der Punkte für hektische und krachende Schaltvorgänge?
„Ruhig anfahren…?“ „Schonung“? „Ruhe“? „Vernunft“? Alles weggeblasen in einem Rausch aus Nordschleifenlust. Am Flugplatz weitet sich der Blick. Freies Feld und herrlicher Blick in sonnige Eifellandschaften, die man kurz wahrnimmt, bevor sich wieder Gruppen zur Tempojagd finden. Leichtes Gefälle, und dann rückt sie näher! Die Kurve, die die Einfahrt in die Fuchsröhre ankündigt! Angst und Vorfreude auf die sagenhafte Stelle, die mir im letzten Jahr schon eine neue persönlich Vmax auf unmotorisierten Rädern beschert hatte. 89 Stundenkilometer weckten natürlich Begehrlichkeiten. Die „9“ sollte diesmal vorne stehen. Dafür waren die windschnittigen Laufräder des Triathlonrades auf das grundsolide Rennrad montiert worden. Dafür wollte ich so lange wie es ging in die Pedale treten.
Ich wusste, was mich erwartet. Schwer zu fahren ist sie nicht, die besagte Fuchsröhre. Aufs Bremsen kann man verzichten. Irgendwann bremst einen der nächste Anstieg von selbst. Enge Kurven? Fehlanzeige. Es geht fast geradeaus den Hang hinunter.
Alles was man tun muss, ist den Lenker ruhig zu halten, den Kopf einzuziehen, zu hoffen, dass alle relevanten Teile am Fahrrad funktionieren, und nicht darüber nachzudenken, dass außer einer Schale aus Hartschaum am Kopf und dünnen Polstern an den Handballen nichts einen Sturz bei annähernd hundert Stundenkilometer auf hartem Asphalt dämpfen könnten.

5
Gesamtwertung: 5 (6 Wertungen)

Oh Gott! Freiwillig? Genau

Oh Gott!
Freiwillig? Genau das was du im letzten Satz schreibst, denke ich auch immer, wenn ich ganz normale Strassen bergab fahre...allerdings nicht in diesem Tempo!

Seit 2011:



"Man muss das Unmögliche so lange anschauen, bis es eine leichte Angelegenheit wird. Das Wunder ist eine Frage des Trainings" (Carl Einstein)

das ist spannend...gib

mir mehr!!!...pain only hurts...

Gruseltempo

Mir wird schon bei 50km/h Angst und Bange, 90 sind für mich unvorstellbar. Der Adrenalinrausch ist da sehr gut nachvollziehbar.
Und wie ging es dann weiter?

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

Kannst Du mal aufhören :-),

Kannst Du mal aufhören :-), ich will wieder hin und das dauert noch 340 Tage. So wars, definitiv. Gänsehaut pur bei deinem Bericht. G..l. Ich warte!

jetzt muss ich parallel lesen: Buch...

....und Blog.
Aber das schaff ich!! Also wegen mir kannste weiterbloggen ;-)
Viele Grüße, Conny

komprimierte Gewichtsvorteile

:O)

Bist du der Kompaktkurbel erlegen oder wieder Heldenkurbel? Unabhängig davon, die 9, ich wette!

Darstellungsoptionen

Wählen Sie hier Ihre bevorzugte Anzeigeart für Kommentare und klicken Sie auf „Einstellungen speichern“ um die Änderungen zu übernehmen.

Google Links