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"Schau mal, das ist die Moräne!" Mein Liebster reagierte schon leicht genervt, als wir beim Skifahren zum x-ten Mal anhalten und die schneebedeckte Eigermoräne betrachten mussten. Ehrfurchtsvoll stand ich vor dem eindrucksvollsten Streckenteil des Jungfraumarathons. Die schwarze Piste ("Black Rock") war kein Problem. Eine Teilnahme am Bergmarathon mit seinen 1'839 positiven Höhenmetern hingegen lag ausserhalb meiner Vorstellungskraft.

Vor einer Woche, am 8. September 2012, erlebte ich dann die reinsten Glücksgefühle auf der Moräne. Ich war auf der Strecke, kurz vor dem Ziel, bei schönstem Wetter, fit und munter.

Irgendwann im März 2012 war der Entschluss gereift, es doch zu wagen. Wegen der diesjährigen Doppelführung gab es genügend freie Startplätze (2x4000). Gemeinsam mit dem Liebsten und mit drei weiteren Lauffreunden, Bergmarathon-Greenhorns wie ich selber. Berglauf-Erfahrung hatte ich bis dahin nicht, wenn mir die Bergpfade als Tourengängerin auch nicht fremd sind. In der Vorbereitung - es sollte erst mein 2. Marathon insgesamt werden - baute ich mehr Höhenmeter ein als sonst. Ich zog alles an Blogs und Bildern rein, die ich über die Strecke fand und fuhr zwei Mal nach Lauterbrunnen und Wengen, um einen Eindruck von der Originalstrecke zu erhalten. Mit einem Riesenrespekt absolvierte ich eine insgesamt recht gut verlaufene Vorbereitungsphase von rund 20 Wochen.

Viel Freude hat mir die zugeloste Startnummer bereitet: Meine Lieblingszahl, und das gleich in vierfacher Ausführung. Wenn das kein gutes Omen ist!

Und dann der Tag X. Schon 24 Stunden vorher war ich unheimlich nervös. Die Anspannung wich mit dem Startschuss in Interlaken, von da an fühlte ich nur noch Freude und innerlichen Jubel. Wir hatten riesiges Wetterglück, es war warm und sonnig (eine Woche vorher und einige Tage danach lag Schnee auf der Kleinen Scheidegg...).

Mein Ziel war "ankommen", das heisst jede der drei Zwischenzeiten im Limit zu passieren. Die ersten 15 km gingen mit bewusst gedrosseltem Tempo gut vorbei (pace 6:00), flach und asphaltiert bis Wilderswil (km 10), dann coupiert und auf schmaleren Kieswegen entlang der rauschenden Lütschine bis Lauterbrunnen (km 20). Dort stand mein Patenmädchen zur Käppi-Übergabe, denn eine Kopfbedeckung war für den zweiten Streckenteil nötig.

Vor dem ersten grossen Anstieg nach Wengen ("The Wall") ab Kilometer 25 gönnte ich mir eine kurze präventive Massage am Physio-Posten. Der Aufstieg hatte es dann in sich, ich nahm ihn gehend wie die meisten und musste zwischendurch Atempausen einlegen. Doch bald wurde es wieder laufbar, so dass ich Wengen, wo unsere Fans und Supporter uns erwarteten, gemeinsam mit Kollege M. und einem guten Zeitpolster von 30 Plus-Minuten erreichte. Der Durchlauf durch die begeisterten Zuschauerspaliere war erhebend und motivierend.

Kurz nach Wengen - nach der Hälfte der Höhenmeter - dann die Durststrecke. Ich hatte den Wasserposten bei Kilometer 30 verpasst und kämpfte mich das steile Stück bis zur Allmend (km 33) hoch. Es war heiss, mein Magen verlangte nach Nahrung und Wasser. Also ein weiteres Gel und Bananenstücke, nochmals eine Massage, viel Wasser und schliesslich noch Cola: So gestärkt ging's die sanfte Waldpiste hoch, dann quer über die Lauberhornstrecke Richtung Mettlenalp. Dieser Streckenabschnitt war mein langsamster, aber ich habe die wunderbare Aussicht ins Tal, nach Mürren hinüber und schliesslich aufs Jungfraumassiv in mich eingesogen.

Bei Wixi oben (KM 38) wurden wir auf die Ausweichroute geschickt, um Staus zu vermeiden. Dem Stau auf dem letzten Streckenstück war allerdings nicht auszuweichen. In langsamem Tempo meisterte der Tross die Bergpfade Richtung Moräne, vorbei an Alphornbläsern und Fahnenschwingern. Überholen lohnte sich nicht, so dass ich - ohne Zeitdruck - sehr entspannt Richtung höchsten Punkt marschierte. Nicht alle konnten es so entspannt nehmen: Die Physios behandelten viele Krämpfe, es drehten sich einige Mägen um und ein Läufer musste im steilen Wiesengelände von den Samaritern an den Tropf gehängt werden.

Die letzten 1.5 km gings nochmals bergab, ich liess es laufen. Der Zieleinlauf war unbeschreiblich, mein Jubel gross. Wir sind alle vier gut angekommen, jeder in seinem Tempo, ich nach insgesamt etwas über 6 Stunden (bei einem angekündigten Zielschluss von 6:30, der aber auf ca. 7 Std. verlängert wurde).

Den Lauf konnte ich durchwegs geniessen, ich hatte keinerlei körperliche Probleme und nie eine Sinnkrise.

Auch nach über einer Woche wirkt das Adrenalin. Ich fühle grosse Dankbarkeit, Freude und Stolz über das Erreichte. Es war der bestorganisierte Lauf, an dem ich je teilgenommen habe, überall tolle Helferinnen und Helfer, alles perfekt. Wir waren wunderbar betreut und bekocht von unsern "Supportern", konnten in Wengen privat wohnen. Körperlich ging es mir nach dem Lauf prima, nicht eine Blase, kein Muskelkater, nur ein leichtes Ziehen in den Kniesehnen. Kein Vergleich zum Stadtmarathon im Oktober 2011, der mich ziemlich lädiert zurückliess.

Die Lust am Berglaufen ist definitiv geweckt! Und im nächsten Skiurlaub (wieder in Wengen) werde ich die Skilifte ganz neu zu schätzen wissen.

5
Gesamtwertung: 5 (6 Wertungen)

Herrlicher Bericht, macht

Herrlicher Bericht, macht Lust auf mehr.


Komm Schweinehund - wir gehen laufen.

Ein sehr schöner Bericht :-)

Schöner lauf - schöner Bericht.

Und wenn Du nun Spaß am Berglaufen gefunden hast, dann lauf doch auch mal, wenn Du vielleicht im Sommer-Urlaub in den Bergen bist, auf die "Hügel".
Also mir hat das großen Spaß bereitet.

Was mich ja von solchen Berg-Wettkämpfen etwas abschreckt, ist die Sache mit den "Staus" - durch die Natur rennen und dann Rush-hour - hmmmm …
Aber das Drumherum ist sicher toll und ohne die ganze unterstützende Organisation könnte man so eine Strecke sicherlich auch nur schwer bewältigen.

Leeven Jrooß & keep on running

Don Carracho

DON'T PANIC!

Ganz herzlichen Glückwunsch

zu deinem Lauf und dem Finish.

Toller Bericht.

Geniesse das Glücksgefühl und erhole dich gut.

gl us em Aargau

Ute

Laufen berührt die Sinne, verwöhnt unsere Seele und macht uns stark, das Leben in allen Situationen anzunehmen.

Glückwunsch - ein toller Lauf

hört sich anstrengend und schön an. Und hat ja auch alles gut geklappt und Du konntest es genießen. Das ist die Hauptsache!

Viel Spaß weiter beim Laufen.

Danke

an euch alle für die Einträge, hat mich gefreut!

@Don Carracho: Einen sehr schönen Lauf hast du da dokumentiert! Bis jetzt bin ich ja solche Strecken gewandert oder habe sie auf den Skiern begangen, aber mit leichten Schuhen, Laufkleidung und Laufrucksack erlebt man das Gebirge ganz neu. Das wird sicher ein neuer Urlaubsteil :-)

Und du hast recht: Rush-hour in den Bergen war bis jetzt sehr abschreckend. Aber am Jungfrau-Marathon nicht ;-)

Grüsse aus der Schweiz
clarin

Gratulation

Super gelaufen und klasse berichtet.

Am Sonntag ging es ohne Staus auf die Moräne.

cherry65

Jeder, der vor mir läuft, hat es sich verdient

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