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Ein in vieler Hinsicht ungewöhnlicher Lauf war der Jungfrau Marathon. Man feierte die 20. Edition. Dazu wurde die Weltmeisterschaft im Berglauf auf der Langdistanz ausgetragen, weshalb ein großer Aufgalopp an Weltklasseläufern zu verzeichnen war.
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Zum Jubiläum gab es nicht nur einen Lauf, sondern am Samstag und Sonntag je einen. Am Samstag waren die Damen und die Herren ab der AK50 dran, am Sonntag stand der "Rest" am Start. Bei dieser Konstellation stand ich plötzlich am oberen Ende der Altersskala und ich freundete mich schon mal damit an, am Ende des Läuferfeldes unterwegs zu sein.

Für die Formalitäten, Pastaparty, Konzerte, Siegerehrungen und Expo war eine kleine Zeltstadt aufgebaut, im Hintergrund das Lauterbrunnental durch das wir uns am nächsten Tag den Bergen annähern sollten:
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Schon früh am Morgen war es warm in Interlaken. Also kein Unterziehshirt, keine Armlinge. In der dreiviertelstunde zwischen der Gepäckabgabe und dem Start suchte ich doch die Sonne, da es mich etwas fröstelte.
Die Namen einiger Topläufer sind mir schon hier und dort begegnet. Einige weitere wurden mit Siegen bei namhaften Läufen vorgestellt. Um sie alle ausgiebig vorzustellen, hätte man den Start verschieben müssen.

Gehibbel hatte sich keines eingestellt. In den Tagen zuvor war ich zu beschäftigt und auch vor Ort war alles mehr Routine als aufgeregte Wettkampfvorbereitung.

Den Startschuss gaben DJ Ötzi, DSDS-Sieger Luca Hänni (die am Vorabend ein Konzert gaben) und ein Lokalpolitiker gemeinsam ab. Fast 4000 Läufer rannten der Elite hinterher.

Zu Beginn ein Loop durch Interlaken. Alles lief unspektakulär gut .
An den Straßenteilern mit den "rechts vorbei" Schildern haben die Interlakener mindestens 2,5 Meter lange, rot-weiß gestrichene Bretter hochkant befestigt. Ich dachte mir, "die kann niemand übersehen. Kaum war ich vorbei, knallte es hinter mir und ein kehligs "Arrrrrgh" ertönte. In einer Radio-Comedy, die im Südwesten mal populär war, hätte es nun geheißen: "Kaum mach' ich's Maul zu!" Manche Leute würden wahrscheinlich über einen Elefanten stolpern.

Nach drei Kilometern liefen wir noch mal durch den Startbereich. Hier trommelten viele Zuschauer auf den Werbebanden. Das erste Gänsehautfeeling.
Dann ging es nach Osten bis an den Brienzer See. Eine schöne Szenerie. Allerdings war es etwas dunstig, weshalb man auch die Berge und den Brünigpass am anderen Ende des Sees, wo ich vor drei Wochen beim Mountainman unterwegs war, nicht ausmachen konnte.
Lust zu fotografieren hatte ich deshalb keine. Ich war ja zum Laufen dort und nicht als Fotoreporter, obwohl ich dies ja gern verbinde.

In Wilderswil waren wieder viele anfeuernde Zuschauer.
Ich lief auf zwei Kollegen auf, die in diesem Jahr auch am Rennsteig und beim ZUT waren. Eine Fahrgemeinschaft haben wir jedoch noch nicht auf die Reihe bekommen. Entweder machen sie eine Hin-und-Weg-Veranstaltung und ich verbinde etwas Urlaub mit Anhang damit oder umgekehrt.
Nach einem Plausch bekam ich langsam und ziemlich unbeabsichtigt etwas Vorsprung, der am nächsten VP wieder dahin war.

Danach kamen bald die ersten kleinen Steigungen. In Gsteigwiler entdeckte ich eine Läuferin mit geflochtenen Zöpfchen. Das müsste doch die Ricarda sein, die ich vom letztjährigen TAR kenne. Tatsächlich, sie war es. Hier haben wir uns nur kurz gegrüßt, später sollten wir eine ganze Weile zusammen unterwegs sein.

Moment - anfangs hat cherry65 doch geschrieben, die Frauen seien Samstags gelaufen! Richtig. Es gab aber über 100 Läuferinnen und Läufer, die das Double gebucht hatten und beide Läufe mitmachten. Andere, die als "Couple" gebucht waren, durften sich auch über die Geschlechts- und Alterseinteilung hinwegsetzen.
Ricarda ist am Vortag ambitioniert gelaufen und war nun etwas lockerer unterwegs, was gut zu meinem Tempo passte.

Nach einer Weile war ein Loch in meiner Startnummer ausgerissen. Vermutlich hatte ich das Startnummernband zu stramm gespannt. Mit dem drangetackerten Chip, sollte man die Nummer tunlichst nicht verlieren. Ich drehte die Nummer auf den Kopf und nahm etwas Spannung vom Band. Passt.
Passte aber nur für ein paar Kilometer, dann war auch eines der unteren Löcher ausgerissen. Startnummer wegpacken und wie ein "Schwarzläufer" aussehen ist doof. Startnummer in der Hand halten auch.

In Lauterbrunnen war die Stimmung wieder Spitze, von nun an wurde die Kamera gelegentlich gezückt. In Lauterbrunnen jedoch erst, nachdem ich die meisten Zuschauer passiert hatte.
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Die Fernsicht war noch immer nicht so toll, die weißen Berge am Ende des Tals verschmolzen mit dem Horizont.
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Am Ende des Ortes lief ich die Massage- und Sanitätsstation an und schnorrte mir Sicherheitsnadeln für die Startnummer. Die nette Helferin bot mir beim Befestigen der Startnummer an, gleich ein Brustpiercing mitzustechen, damit es sicher hält. Ich lehnte dankend ab, den so hipp muss ich nun wirklich nicht sein. Aber Spaß hatten wir mit dem Rumgeschäker.
Bis die Startnummer am Shirt festgetackert war, hatten die beiden Kollegen wieder aufgeschlossen. Den nächsten kleinen Vorsprung auf die Beiden verspielte ich bei einer Pipipause während der Schleife im Lauterbrunnental. Den tiefer gelegenen Teil von Lauterbrunnen durchliefen wir gemeinsam und gingen gemeinsam in den ersten wirklich happigen Anstieg nach Wengen. Nachdem der Schwung aufgebraucht war, war zügiges Gehen angesagt. Noch eine Fotosession mit den Kollegen, dann gewann ich wieder etwas Abstand.
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Ich lief wieder auf Ricarda auf und wir waren erst ein Stück gemeinsam unterwegs, dann war mal sie und mal ich ein Stück weiter vorne.
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Hätte sich das Zusammenlauf-, Überhol- und Aufholspiel nicht mit Ricarda ergeben, wäre selbiges sicher mit den Kollegen weitergegangen. So traf ich die Kollegen erst im Zielbereich wieder.
Kurz vor Wengen wurde der Dunst kameratauglicher.
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In Wengen steppte wieder der Bär. Super Stimmung!
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Beim Ortsdurchlauf, ich hatte gerade mal 30 Kilometer und weniger als die Hälfte der Höhenmeter eingetütet, wurde durchgesagt, dass der Österreicher Markus Hohenwarter mit einer Zeit von 2:59:42 Stunden soeben seinen Berglauf-Weltmeistertitel erfolgreich verteidigt hat.

Nach Wengen war wieder Laufwandern angesagt, wie es gerade vom Terrain her sinnvoll war. Super war es als hinter den Ausläufern des Lauberhorns, auf denen wir entlang liefen, erst Eiger und Mönch, wenig später dann auch die Jungfrau hervorlugten und immer majestätischer wurden.
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Ein ganzes Stück weiter oben, so etwa um Kilometer 38, wurde der Weg schön trailig, diesmal von der Läuferdichte her sogar teilweise laufbar.
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Am letzten großen VP begrüßten uns wieder die Alphornbläser und Fahnenschwinger, ehe wir den Anstieg zur Gletschermoräne in Angriff nahmen.
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Die Fotosession mit dem Dudelsackspieler musste sein.
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Den zeitlichen Verzug holte ich danach wieder auf, denn die Lauflust hat mich auf dieser Kurzstrecke ;-) noch nicht verlassen.

Ein paar Fotos mussten dennoch in den Kasten.
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Hier ging es nur noch kurz vor dem See unter einer Bahnunterführung durch, am See entlang und etwas runter in Richtung der Gasthäuser.
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Auf den letzten paar Hundert Metern drehte ich einen kleinen Videoclip.

Im Ziel wurde ich von Ricarda empfangen, die zum Schluss wieder einen kleinen Vorsprung herausgearbeitet hatte.
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Da man das Shirt schon bei der Startnummernausgabe bekommen hat, gab es im Ziel noch ein weiteres Präsent. Einen schicken Angeberrucksack auf dem nicht nur das Eventlogo sondern auch "World Championships ..." aufgestickt ist.

Nach dem Duschen habe ich noch die Sonne und das Panorama genossen, ein paar Leute getroffen, ehe es mit der Wengenalpbahn wieder zu Tale ging.
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Meine lange favorisierte Überschrift wäre "Phantom unter falscher Flagge" gewesen. Ich habe mich dann doch entschlossen, dies nicht so plakativ in die Überschrift zu setzen.

Wie kam es dazu?
Den Jungfrau-Marathon hatte ich in diesem Jahr überhaupt nicht im Visier. Bis eine Anfrage von einem Jogmapper kam, ob ich dort laufen wolle. Nennen wir diesen Jogmapper mal Mr. X, um für ihn keine Komplikationen heraufzubeschwören.
Mr. X schilderte, er habe einen Startplatz gewonnen, könne den Lauf jedoch nicht wahrnehmen. Während beim dem Wettbewerb Startplätze übertragen werden können, war dies für den Gewinn nicht möglich.

Die heimische Genehmigung wurde bereitwilliger abgegeben, als ich befürchtet hatte, schließlich würde um die Zeit meiner Abwesenheit die Schwiegertante bei uns logieren. Deshalb würde mir etwas Auslauf gut tun. ;-)
Eine Vignette für die Schweizer Highways hatte ich für den Mountainman schon gelöst und eine günstige Unterkunft stöberte ich noch kurz vor knapp auf, die sogar nur 500 Meter vom Startgelände entfernt war.

So kam es, dass ich mich als BORN im Namen eines Ruhris und quasi unter der deren Flagge auf den Weg zur Kleinen Scheidegg gemacht habe. Der Neutralität halber war ich nicht in orange unterwegs, sondern trug das rot-weiße Starterprämien-Shirt. Immerhin bei den "Gemsen" sind der Gewinner und der Läufer gemeinsam vertreten.
Damit die "falsche Flagge" komplett ist, hat man Mr. X in der Schweiz eingebürgert. Statt dem schwarz-rot-goldenen Fähnchen prangte das weiße Kreuz auf rotem Grund auf der Startnummer. Eine Verjüngungskur um eine Altersklasse bekam ich auch noch dazu.
Mit der personalisierten Startnummer war es anfangs schon etwas ungewöhnlich, mit einem anderen Namen angefeuert zu werden. Man gewöhnt sich daran. Allerdings auch nicht so, dass man sich später am Telefon versehentlich als Mr. X meldet.

Auf meine Jungfrau-Marathon-Zeit von vor zwei Jahren sind diesmal 20 Minuten "Familienzuschlag" zu addieren. Damit bin ich sehr zufrieden. Ich hatte eine tolle Zeit im Berner Oberland und einen herrlichen Lauf. Das zählt. Und Mr. X soll es ja auch nicht zu schwer haben, seine eigene Bestzeit aufzustellen, wenn er selbst dort startet. ;-)
So weit im hinteren Feld wie befürchtet war ich auch nicht. Von den rund 3000 Finishern des Sonntagslaufs der "jungen Hirsche" ;-) lief ich im 1600er-Bereich im Ziel ein.

Tags darauf, am Montag, bin ich natürlich, wie schon während des gesamten Sommers, mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren. Sowohl der Hin- als auch der Rückweg flutschten besser als sonst. Ich radelte nicht nur flotter, sondern sogar etwas unangestrengter. Ob dies auf den Trainingseffekt des Berglaufs oder den Einfluss der Höhenluft oder beides Zusammen als Höhentraining zurückzuführen war, bleibt zu erforschen.

Damit Mr. X "seinen" Zieleinlauf betrachten kann gibt's hier noch den Link zum Videoclip.
Wer noch nicht genug bunte Bilder gesehen hat und einen so stabilen Magen hat, dass er ein Wackelvideo verträgt, darf den Link natürlich auch anklicken. ;-)

cherry65

5
Gesamtwertung: 5 (3 Wertungen)

Wie immer tolle Bilder und

Wie immer tolle Bilder und toller blog. Danke für die Mühe!

Herzlich Gueckwunsch!

Ein toller Lauf! Superschoene Fotos! Danke fürs Erzählen.

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

Super - zum Schluss hast Du

Super - zum Schluss hast Du sogar noch einen anderen Läufer überholt. Vielen Dank für den Blog, der eine Welt zeigt, in der ich seit Jahren nicht unterwegs war und Hut ab und Respekt vor einer solchen Laufleistung. Allein der Gedanke an Höhenmeter treibt meinen Puls nach oben.


Jogmap-Schleswig-Holstein - de neongelen Löper ut´n Norden

Klasse Bericht..

Gratuliere zu der tollen Leistung!! Und Danke für die Fotos aus meinem Heimatkanton. Das man beim Laufen auch noch so gute Fotos machen kann, ist schon beeindruckend... dbs

Sehr schöner Bericht und prima Fotos

Herzliche Gratulation zum Finishen, Mister X alias cherry65! Ich stand am Sonntag in Wengen am Strassenrand und habe mir die Hände wund geklatscht, als du durchliefst :-)

Boah, ey....

Cherry, was für ein genialer Lauf...und Du als verdeckter Ermittler unter dem Deckmantel eines Ruhries....tztztz....jajaaa, manchmal muss man sich erst mal in Schale schmeißen, damit man da reinkommt, gell?!;o))

Die Bilder und Dein Bericht haben schon wieder gezündelt bei mir.

Nachdem ich gestern seid langem mal wieder in den Hügelchen hier Zuhause rumgecruised bin und das Grinsen mir sowieso schon nicht aus dem Gesicht ging, packst Du mit dieser Story noch einen drauf.....ICH WILL AUCH!!!:o)))

Bei dem Video wurd mir allerding ein wenig schwummerig, Du solltest dafür noch etwas an Deinem Laufstil feilen!;o)

Hey, einfach klasse!!

Lieben Gruß Carla

Oh man Cherry,

Du hast es gut. Da kannst Du mal eben einen M in der Schweiz laufen (sehr schöne Fotos, die Erinnerungen an Urlaube wachwerden lassen) und am nächsten Tag arbeiten als ob nix gewesen wäre. Für mich ist allein die Anreise heftig und ich schaff das nicht "mal eben".

Jedenfalls super Bericht, schöner Lauf und die Stimmung ist in der Schweiz (oder in den Bergen) schon besonders - Kuhglocken, Alphörner, ... Sogar Vex mit Dudelsack hast Du getroffen :grins:.

Gratulation zum tollen Lauf, Mr. X. Ich hoffe Du hast für den Ruhrie die Latte nicht zu hoch gelegt, Du BORN, Du.

Wieder einmal ein

Wieder einmal ein fantaschstischer Bericht.
Hey wie soll den mein Bergfieber abklingen, wenn ihr hier alle so tolle Berichte rein setzt. :-)
Auf deine Frage kürzlich, nächstes Jahr: Montafonmarathon

Helden gesucht!!!

Wenn das Fahrradfahren plötzlich so flutscht,

liegt das vielleicht an der Verjüngerungskur der Altersklasse;-)
Wunderschön beschrieben und bebildert wie immer, Danke!
Einen tollen Lauf hast Du da mal wieder absolviert bei schönstem Wetter und in bester Begleitung. Herzlichen Glückwunsch! Du solltest Mr. X wirklich dankbar sein....und der Schwiegertante auch;-)

Tame:-)

Danke...

...für den schönen Bericht.
Da bekommt man doch glatt Lust sowas selber mal zu machen.....
Und ich dachte der Achenseelauf war schön...

LG LS

"Wenn du eine Düne erklimmst, verschwende deine Energie nicht damit zu beschreiben, was auf der anderen Seite sein könnte, warte, bis du oben bist, um es zu entdecken." Maxime Chattam

Nix Ruhrie!

... Das ist ein echter Cherry65!
Immer wieder Geil die Kombination ais Laufen und Fotografieren.
Schöne Grüße Daheim!
;-)

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