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In einem kurzen SMS-Dialog vor dem Rennen bin ich noch von einem entspannten Sonntag in Bremen ausgegangen: "bin gerade unterwegs nach Bremen. Radrennen just-for-fun..." "just-for-fun Radrennen? geht sowas überhaupt?"
Ich wurde im Laufe der nächsten Stunden eines besseren belehrt, der "Fun" ist mir noch gehörig vergangen, dennoch war es rückblickend ein phantastischer Tag - nur stand der Spaß im eigentlichen Sinne nicht im Vordergrund.

Statt langer Radausfahrt am Sonntag habe ich für die Bremen-Challenge gemeldet, ein Jedermann-Rennen des German-Cycling-Cups (Deutsche Jedermann-Meisterschaft). Laut Ausschreibung sollten es 120km werden, als Startzeit war in der Ausschreibung 12:30 Uhr angesetzt.

Wie gesagt, es war grundsätzlich ein tolles Rennen, aber ich fange hier mal mit den Kritikpunkten an:
1) Als ich kurz vor 12:30 Uhr am Start war, war kein Start...eine Lautsprecherdurchsage löste für mich auf..."nur noch 30 Minuten bis zum Start"...wie völlig natürlich. Hätte man da nicht aktiver drauf hingewiesen werden können. Bei der Startnummernausgabe 40 Minuten vorher wurde davon nichts erwähnt und auch auf der Startnummer selber stand noch die Startzeit 12:30 Uhr.
2) Die Strecke war nicht 120km, sondern 134km lang. Ich war schon vorbereitet - hatte den Streckenplan mal in Google-Maps vorbereitet (dachte mir aber, dass ich wohl einen Fehler drin hatte), spätestens nach Runde 1 von 8 und 16,75 statt der angekündigten 15km auf dem Tacho war ich mir aber sicher. Ist ja grundsätzlich auch ok 134 statt 120km zu fahren - wirkt aber doch ziemlich unprofessionell wenn man sich mal um geschmeidige 14km vermisst.
3) auf der Runde waren einige Überquerungen von Bahngleisen. Soweit ok, wenn dies nicht an einigen Stellen schon fast in Fahrtrichtung erfolgte. Man fuhr oft so in einem 45Grad-Winkel drüber und wenn man unerwartet etwas oder jemandem ausweichen musste, dann hätte man auch ganz schnell in der Rille drin sein können. War zwar meistens auch durch große Matten (aber warum nur auf der linken Straßenseite) oder Taue in der Rille geschützt...fühlte sich aber dennoch bei jeder Querung etwas komisch an.

Und dann kam der Regen. Etwa die Hälfte des Rennens fand bei zum Teil strömendem Regen statt. Ich war da nicht so drauf eingestellt - zumal ich auch nicht mit 16 Grad Celsius kalkuliert hatte. In Verbindung mit kurzen Klamotten auf dem Rad können Regen und 16 Grad ganz schön frisch werden...aber das ist mein Fehler und nicht Punkt 4) der Veranstalterkritik.

Soweit das Negative, aber ich werde die Gesamtveranstaltung dennoch positiv in Erinnerung behalten. Die Strecke war schön, war recht flach, aber insbesondere durch einige knifflige Kurven eine Herausforderung (wenngleich das für mich ein Nachteil war, da ich noch zu kurz Rad fahre um meine Grenzen im Kurvenverhalten zu kennen und durch meinen Sturz beim Triathlon im Juni im Regen auch noch wie "auf Eiern" fahre.

So, lange Vorrede, jetzt zum Rennverlauf. Am Anfang haben sich wie üblich (soweit habe ich Radrennen schon verstanden ;-) die Grüppchen gebildet. Da ich diesmal nicht aus dem letzten Startblock starten musste, musste ich auch nicht wie verrückt auf das Tempo drücken um noch eine Gruppe abzubekommen, die mein Leistungsvermögen fährt. Wir fuhren dann in "meiner" Gruppe unsere Runden so etwa in 38-39km/h-Schnitt - für mich schon recht ambitioniert. Ich konnte im Windschatten gut mitfahren, Führungsarbeit war aber schwer...ich glaube ich war nicht der beliebteste Fahrer in der Gruppe.

Erschwerend kam noch hinzu, dass ich mich eigentlich seit dem Morgen des Rennens etwas angeschlagen gefühlt habe. Weil ich meinen Sohn die Tage vor dem Rennen hatte, habe ich wenig und schlecht geschlafen. Außerdem fühlte es sich an, also ob eine Grippe im Anflug war. War aber wiederum nicht schlimm genug, um abzubrechen oder mit halber Kraft weiterzufahren.

Mitte der fünften (von 8) Runden kam dann der kritschste Moment des Rennens. Ich habe mal wieder bei den Haarnadelkurven versagt und den Anschluss an die Gruppe verloren. Ich trat und trat, aber der Windschatten war gerissen und ich kam nicht mehr näher. Schnell hatte sich ein Loch von bestimmt 150m gebildet, aber ich wollte die Gruppe nicht verlieren. "Alles oder nichts" habe ich gedacht - und war mir sicher, wenn ich die Gruppe nicht wieder erwische, dann höre ich nach 6 Runden (=100km) auf. Ich bin die Stellen voll gefahren, wo die Gruppe immer etwas raus genommen hat, insbesondere die Bahngleis-Querungen, und auf dem letzten Loch pfeiffend habe ich es nach gut 6-8km wieder geschafft ran zu fahren. Auch habe ich es geschafft dann dran zu bleiben - vielleicht auch weil dann der richtig große Regen anfing und etwas langsamer gefahren wurde.

Da ich nicht wieder nach der nächsten Spitzkehre abgehängt werden wollte, fuhr ich diese in der Gruppe etwas weiter vorne an. Gleichzeitig wurde aber die Straße richtig nass, weshalb ich mich noch langsamer um die enge Kurve wagte. Von der einzigen Frau in unserer Gruppe kam dann der laute Ausruf "jetzt bleib mal nicht stehen da vorne"..."besser als zu stürzen" antwortete ich und dieser Dialog sollte später noch Auswirkungen auf den Rennverlauf haben.

Ab der siebten Runde taten mir meine Oberschenkel schon ganz schön weh. Ich war schon sicher nicht mit 100% Kraft gestartet und dann dieses permanente Beschleunigen nach den engen Kurven um nicht den Windschatten zu verlieren - das alles machte sich bemerkbar. Ich konnte mich aber motivieren an/in der Gruppe zu verbleiben.

Die nächste kritsche Situation ereignete sich Ende der siebten Runde. Die Führungsgruppe hat es tatsächlich geschafft uns zu überrunden, obwohl wir weiterhin in einem guten 37er-Schnitt unterwegs waren. Ausgerechnet vor der letzten Spitzkehre rollten sie an uns vorbei. Meine Gruppe war inzwischen ca. 30 Fahrer stark und seit etwa der Mitte des Rennens war auch Marcel Wüst dabei, der in einer Art "Spielertrainer"-Funktion selber mitfuhr und ein Team coachte, welches er im Rahmen seiner Promotion-Aktivitäten zusammengestellt hatte. Eben dieser Tour-de-France-, Giro-d'Italia und zwölffacher Vuelta-Etappensieger rief dann, dass wir doch stehen bleiben sollten um die Führungsgruppe überrunden zu lassen. Etwa 10 Fahrer der Gruppe hielten (darunter ich) hielten sich daran, etwa 20 Fahrer rollten weiter.

Nachdem es dann etwas chaotisch war aus der Mischung aus Führungsgruppe und Fahrern meiner Gruppe zu unterscheiden, kehrte dann erst nach 2km wieder Klarheit ein, denn dort war ja für die Führungsgruppe das Rennen beendet. Ich war recht sauer, dass genau diese Fahrer, für die wir gerade stehen geblieben waren sich nicht wirklich revanchierten als wir durch Start/Ziel fuhren und die Rennstrecke mit Finishern praktisch zugestellt war. Meinen Unmut darüber brachte ich auch vorsichtig zum Ausdruck, was Marcel Wüst wohl mitbekommen haben musste.

Erst hat er mich verbal etwas ausgebremst, hat aber gleichzeitig wohl meinen Ehrgeiz wahrgenommen nicht durch Überrundungsaktionen meinen Schnitt zu zerstören und kampflos 20 Plätze in der Ergebnisliste aufzugeben. Als sich die Gesamtsituation gelichtet hatte und wir realisierten, dass wir ca. 250/300m Rückstand auf den Rest unserer Gruppe hatten, schaute er mich an und sagte "und, fahren wir wieder hin?". Er fuhr los und ich hing mich an sein Hinterrad. War ein tolles Gefühl - er fuhr ganz ruhig und konstantes (hohes) Tempo, weshalb ich mich traute mich wirklich bis auf wenige cm an sein Hinterrad zu hängen. Meine Oberschenkel taten noch mehr weh, aber ich merkte, wie wir den Rückstand signifikant reduzierten...bis wir wieder dran waren. Ich habe mich bei ihm bedankt und mich wieder von der Gruppe ziehen lassen.

Bald ging es dann auf die letzte Runde und jetzt stellte sich mir die Frage, wie ich diese angehe. Ich war wirklich am Rand meiner Kräfte. Eigentlich wollte ich einfach nur mit der Gruppe ausrollen lassen. Aber dann erweckte wieder mein Ehrgeiz. Erstens war da ja noch die Frau, die sich lautstark dazu geäußert hatte ich würde ja "stehen bleiben". Schon in diesem Moment war eigentlich der Plan geboren vor ihr ins Ziel zu kommen. Außerdem war mir klar, dass ich mit meiner Gruppe so Rund um die Platzierungen um 200 herum fuhr und in der Wertung des German-Cycling-Cups bringt jeder Platz innerhalb 200 deutlich mehr Punkte, als ab dem 201.Rang.

Also getreu dem Jan-Frodeno-Olympiamotto "wenn ich hier im Endspurt sterbe, dann habe ich wenigstens alles gegeben" habe ich mich in der letzten Runde immer weiter vorne in der Gruppe platziert. Bis dahin hing ich immer hinten dran, weil ich nach wie vor am Rande meiner Leistungsfähigkeit fuhr. Ich hatte Angst vor den Spitzkehren kurz vor dem Ziel. Wenn ich da wieder versage und die anderen wegen der bevorstehenen Zielankunft noch intensiver in die Pedale treten, habe ich keine Chance. Aber ich habe es irgendwie auf die Reihe bekommen in der Gruppe zu bleiben und so auf die letzten 2km zu gehen. Jetzt musst Du alles geben, 2km-Einzelzeitfahren, denn sprinten kannst Du nicht. Anders als beim German-Cycling-Cup-Rennen in Hockenheim konnte ich mich aber nicht aus der Gruppe lösen. Aber das Tempo muss dennoch hoch genug gewesen sein, dass es zu keiner echten Sprintankunft kam. Ca. 400m vor dem Ziel überholte ich meine Lady, was mich schon mit Zufriedenheit überfüllte. Ich merkte aber auch, das noch mehr geht und trat weiter alles was ging. Wenn Dir hinter der Ziellinie die Oberschenkel explodieren ist das halt so. Ich sollte es am Ende tatsächlich als 3ter meiner Gruppe über die Ziellinie schaffen. Tolles Gefühl!

Am Ende führte das dazu, dass ich 177ter der Gesamtwertung wurde und meine gewünschten Punkte innerhalb der besten 200 für den German-Cycling-Cup erhielt. 3:38:51 Std. für die 134km, ein 36,7km/h-Schnitt. In Hockenheim bin ich zwar einen 37,2km/h-Schnitt gefahren, aber das waren erstens "nur" 90km, zweitens hat es nicht geregnet und drittens gab es keine Spitzkehren für die man kräftig anbremsen musste. Daher bezeichne ich für mich das Abschneiden in Bremen als meine beste sportliche Leistung in einem Radrennen.

Das wird es dann aber auch weitgehend mit Radeln für dieses Jahr gewesen sein. Bis zum 30.9. steht jetzt der klare Fokus auf Laufen für den Berlin Marathon. Am 3.10. werde ich zwar wohl noch beim Jedermannrennen in Münster starten, aber das wird wohl komplett ohne Vorbereitung geschehen.

5
Gesamtwertung: 5 (5 Wertungen)

Hammer Ding...

... dein Rennen und dein Bericht!
Hab zwischendrin gedacht "..was für ein Spinner, wenn der kein Rad kann soll er doch die nächste langsamere Gruppe nehmen!"
Aber was du dann da durchgezogen hast ist echt klasse!

Vorletztes WE bei den HH Cylassics hatte ich mein erstes Rennen - 56km mit ner Pace von knapp 35km/h - Danke, aber das ist mir zu gefährlich.

"Ein Leben ohne Regenreifen ist denkbar, jedoch sinnlos"

Schleswig-Holstein im Herzen,
BORN im Kopf

Mannmann, dieses

Mannmann, dieses Rennen-Radfahren ist mir echt ziemlich fremd, merke ich gerade. Grüppchenbildung, Führungsarbeit, Heranfahren... wieder ganz eigene Gesetze bei irrem Tempo,aber es klingt spannend. Ich gratuliere zur Leistung, zur Platzierung und zum Promi-Hautnah-Erlebnis, sowas bekommt man ja nicht alle Tage geboten, und es motiviert doch sicher wie irre, oder?!

LG Britta

puuuuh

und ich bin froh wenn ich an die 30km/h rankomme - aber aus der anderen Richtung.... ;-))

Klasse gemacht!

Saarvoir courir - laufen wie bekloppt im Saarland

Wie fährt man nur

einen knappen 40er Schnitt? Hut ab, ich komm alleine nicht annähernd in die Richtung.

Kampf bis zuletzt, nun ja, Windschattenlutscher auch - aber das gibt sich dann sicher im Verlauf der Rennen noch. Von Radrennen hab ich so gar keine Ahnung, hört sich aber spannend an.

Aber bei Kind, nicht schlafen und Viren im Anflug - da kann ich mitreden; das kenne ich auch.

Mhm, hatte schon überlegt mal an einer RTF teilzunehmen, aber an einem Rennen? Da wäre ich der Bremsklotz. Und RTF müsste leider auch mit Anhang erfolgen und daher auf der kurzen Strecke und entsprechend gemütlich.

boah !!!

marcel wüst als persönlichen ..wieauchimmermandasnennt...
irre !
werd meinem liebsten gleich mal deinen blog zu lesen geben, er war auch in hockenheim und fährt am we beim rad am ring
mann, bin schon ganz uffgerescht )

5 sterne - g,c

Danke...

...für die positiven Kommentare. Als ich den Blog "abgeschickt" habe, ist mir irgendwie transparent geworden, dass ich mich ja im Läuferforum bewege - von den bisherigen Radrennen hatte ich als "Fremdgeher" berichtet - den Hinweis habe ich hier ausgelassen. Haben aber scheinbar doch ein paar User hier den Roman bis zu Ende gelesen ;-).

@scooby: habe auch gehört, dass die Cyclassics wirklich zu voll sein sollen. Wenn Du dort einen 35er-Schnitt gefahren bist, dann solltest Du die GCC-Rennen auch locker mitfahren können, die sind nicht ganz so voll, aber ebenso professionell organisiert (von Startzeitenänderungen, Bahnschienen und 15%-Streckenlängenmessfehlern mal abgesehen).

@cocobolo: deshalb genieße ich die Radrennen als willkommene Abwechslung vom Laufen. Mir waren diese taktischen Themen auch immer völlig fremd - habe nie verstanden, warum ein Jan Ullrich (ok, schlechtes Beispiel...mir fällt aber gerade kein anderer ein ;-)) bei der TdF nicht einfach vorne wegfährt. Jetzt verstehe ich es besser und es macht Spaß...vertreibt einem die Zeit auf den fast 4 Stunden Radtour.

@fazerBS: ich bin nie RTF gefahren, glaube aber das Radrennen einen höheren Spaßfaktor hat. Für uns Braunschweiger ist ja z.B. das alljährliche "Rund um den Elm" wie perfekt. 68km mit ein paar Hügeln und Teilnehmer, die nicht ganz so nah am "Profi" sind, wie die Top-Teilnehmer der GCC-Rennen. Mir hat das dieses Jahr auch riesig Spaß gemacht.

@christine: Hockenheim war ich auch...dann kenne ich Deinen Liebsten ja schon quasi ;-). Nürburgring setze ich aus...ich bin halt doch ein Läufer und wollte es nicht übertreiben. 30.9. steht ja sowas wie der Berlin-Marathon auf dem Programm und das ist nicht mehr lange hin. Viel Spaß am Nürburgring - bei der After-Race-Pastaparty am Sonntag haben einige gerade dieses Rennen sehr gelobt, "Grüne Hölle" soll toll zu fahren sein, aber auch einige Höhenmeter...die gab es in Bremen ja fast gar nicht.

Hinsichtlich der Viren kann ich allen Entwarnung geben. Am Tag 2 nach Bremen hat es mich immer noch nicht langgelegt. Nachdem ich gestern wieder die Muskeln kurz an Laufen zurückerinnert habe, geht es heute wieder mit dem Berlin-Trainingsplan nach Steffny weiter.

Lustig, jetzt steht auf der

Lustig, jetzt steht auf der Ergebnisliste der Bremen Challenge:

"Ergebnisse 120km-Jedermann (136km)"

das macht ja richtig Sinn ;-)

Interessanter und schöner

Interessanter und schöner Rennbericht. Danke! Aber knapp 40 er Schnitt schon sehr happig, schaff ich ned :-). Die Renntaktik ist schon einen andere wie bei den Läufern, dass habe ich auch schon festgestellt. Samstag darf ich ran bei Rad am (Nürburg)Ring im 2er Team mit Neffen. Wir fahren allerdings auf Duchfahren, Der Schnitt ist für uns völlig nebensächlich. Werde froh sein, wenn wir 16 Runden schaffen.Mal gucken vielleicht schreibe ich auf jm was dazu. Aufgeregt bin auch schon christine.

hätte ich doch fast einen

hätte ich doch fast einen meiner lieblingsblog-schreiberlinge verpasst..danke für den schönen Beitrag, trotz langem Text ich lese es sehr gern...weiter so..

Gruß
Sven

http://www.facebook.com/RunningSven

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