Benutzerbild von okta72

Ich hätte es wissen müssen: Kein Schwimmtraining, dafür eine grellgrüne Latexbademütze, die ich über meine 3-Millimeter-Kurzhaarfrisur stülpen muss - das konnte nicht gutgehen. Ging es auch nicht, gestern beim Summertime-Volkstriathlon im badischen Karlsdorf-Neuthardt.
Es war meine Premiere, da kann man schon mal nervös werden. Vor allem angesichts der Zeitfahr-Rennmaschinen, die in der Wechselzone darauf warteten, bewundert zu werden. Gut, warum die Besitzer jener Gefährte, die zum Preis eines Mittelklassewagens für Jedermann zugänglich sind, beim Volkstriathlon starten und nicht wenigstens die olympische Distanz angehen, bleibt deren Geheimnis. Aufmerksamkeit haben sie auf jeden Fall erreicht.
Egal, hier geht's ja um mich. Weil es so warm ist, sind Neoprenanzüge verboten. Das trifft sich gut, ich besitze nämlich keinen. Und so wuselt die erste Startgruppe in den Sieben-Erlen-See (rote Kappen), eine Minute später die zweite (gelbe Kappen) und schließlich die dritte und zugleich letzte. Die Farbe passt, ich bin dank der Bademütze grün über, neben, unter und vor allem hinter den Ohren.
Die Massen schieben ihre gestählten, in modische Einteiler gewandeten Körper in die Fluten. Meine Masse schiebt auch, allerdings hält nichts meinen Bauch zusammen. Ich besitze keinen Einteiler. Nicht einmal einen Zweiteiler. Nur eine Triathlonhose, immerhin. Die habe ich auch an.
So viel zu den Äußerlichkeiten, kommen wir zum Sport. Ich kraule, was das Zeug hält, hebe nach einigen Zügen den Kopf, blicke mich um - und sehe etliche grüne Badekappen. Etwa 20 Meter vor mir. Wie konnte das passieren? Ich war doch schnell! Musste ich sein. Wäre ich langsam, wäre es nicht so anstrengend. Logisch, oder?
Ich kraule weiter. Ich kann tatsächlich einigermaßen kraulen, ohne dass es peinlich aussieht. Aber offensichtlich nicht besonders zackig. Brustschwimmer überholen mich mühelos, ich habe das Gefühl, ganz am Ende des Feldes angekommen zu sein. Sicherheitshalber blicke ich nach hinten: Ein Glück, da schwimmen noch ein paar grüne Mützen auf dem Wasser.
Machen wir es kurz: Es ist eine Qual. Ich komme überhaupt nicht ins Schwimmen, erst auf den letzten 150 der insgesamt 500 Metern stell sich so etwas wie ein Rhythmus ein und ich überhole sogar die eine oder andere Kappe. Dann raus aus dem Wasser, in der Wechselzone Gas geben, bis zum Rad rennen.
Und dann... und dann... tja, und dann beginnt der Spaß.
Pulsgurt anlegen. Vielleicht albern, aber ich will doch kontrollieren, in welchen Bereich ich mein armes Herz quäle.
Falschrum, Mist. Abmachen. Wieder dran machen. Verdammt, der Nippel will nicht durch die Lasche. Ich drücke und fluche. Er flutscht rein, der Gurt sitzt.
Ich ziehe mein Radtrikot über.
Es bleibt an meinem nassen Bauch hängen. Ich zerre und reiße. Es klebt und weigert sich. Ich reiße und ziehe erneut und ziehe und reiße.
Zentimeter für Zentimeter schiebt es sich über die stattliche Wölbung von Bauch und Hüfte. Und irgendwann, gefühlte zehn Minuten später, bin ich startklar. Zumindest, was mein Leibchen betrifft.
Jetzt das Startnummernband anlegen. Wieder so ein verdammter Nippel mit einer verdammten Lasche. Zwei Versuche, geht doch. Dann meine zwei Gels in die Trikottasche. Ich traue mich nicht ohne, bin ich doch ein berühmt-berüchtigter Hungerastler. Nur: Wo sind die elenden Trikottaschen? Ich stehe da und versuche die blöden Tuben einzustecken und gleite doch immer nur ins Leere. Die Zeit verrinnt und um mich herum fliegen die Konkurrenten um den letzten Platz nur so an mir vorbei. Ist das fair?
Als die Tuben endlich verstaut sind, realisiere ich es erst kaum. Dann ein Ruck, weitermachen. Socken anziehen. Ja, liebe Halbprofis, Socken. Ich kann nicht ohne Socken in Sportschuhe (in Sandalen schon, bevor jemand zu scherzen beliebt), keine Chance. Also Socken. Klappt erstaunlich gut. Schuhe an, Klettverschlüsse zu, meine Güte, ist das alles anstrengend. Helm aufsetzen, Kinnriemen schließen. Verdammter Nippel, verdammte Lasche. Brille aufsetzen, Radbrille über die Brille schieben, Rad aus der Radhalterung zerren. Aaaaaaaaahhhh, jetzt klemmt auch noch das scheiß Rad. Ich sehe mich um, kann niemanden mehr entdecken. Oder doch? Da hinten. Ja, muss wohl.
Gleichzeitig suche ich Frau okta. Tochter okta drückt sich mal wieder, Pfadfinderlager. Frau okta leidet mit. Erzählt sie später. Ich sehe sie nicht, höre sie nicht, obwohl sie fast neben mir steht. Na ja, so ein Triathlon ist schließlich kein Kindergeburtstag.
Schnell zur Wechsellinie rennen, das Rad mitschleppen. Da ist die Linie, linker Fuß aufs Pedal, einklicken. Einklicken. EINKLICKEN!!!! Da klickt nix. Kann es denn wahr sein? Es kann. Schwinge ich mich eben ungeklickt aufs Rad und fahre so los. Rennen geht ja nicht. 100 Meter später sind Rad und ich endlich fest verbunden, es kann losgehen.
Die Fakten: Schwimmzeit 00:13:10. Öhm. Schnell ist anders. Ich bin fast letzter. Fast. Neun andere sind noch ein wenig langsamer.
Wechselzeit: 03:56. Ööööööhm. Diesmal hab ich es beinahe geschafft. Nur eine ist noch ein paar Sekunden langsamer! Fast bin ich beleidigt, dass ich nicht wenigstens diesen Spitzenplatz ergattert habe. Wenn die Zeitnahme stimmt, fahren im Einzelwettbewerb nur fünf Teilnehmer nach mir auf die Radstrecke. Ich finde, das ist durchaus eine Leistung.
Vor allem ist es klug. Psychologisch gesehen. Denn wer ganz hinten ist, kann keinen Knacks bekommen, weil massenhaft Radfahrer an einem vorbeiziehen. An mir zieht keiner vorbei. Aber ich an einigen anderen. Und je länger es dauert, desto mehr überhole ich. Gut, irgendwann werde auch ich überholt. Rundkurs halt, blöde Überrundungen. Egal. Ich mache auf den 23 Kilometern einige Plätze gut, ziehe an geschätzten 15 anderen vorbei. Selbstbewusstsein, kehrt wieder! Lechz!
Nach 00:47:12 wechsle ich in die Laufschuhe. Das geht einigermaßen. 01:29, da waren einige langsamer. Es wird - und das sogar ohne so ein abenteuerliches Schnellschnürsystem.
Loslaufen, noch fünf Kilometer. Doch leider, leider kommt gerade jetzt die Sonne raus und die hat mittags um halb zwei erschreckend viel Kraft. Als ich aus dem Stadion rauslaufe, schreit plötzlich jemand meinen Namen: Welch Überraschung: Ein Freund und Kollege von mir, samt Frau und Tochter sind die von ihm aus immerhin rund 60 Kilometer angefahren, um mich anzufeuern. Fein. Aber irgendwie auch das Mindeste: Vor einem Jahr hatten wir ausgemacht, gemeinsam bei einem Triathlon zu starten. Er hat gekniffen - aber, wie er selbst sagt: "Dabei sein wollte ich dann doch." Schön!
Nach 400 Metern überholt mich eine junge Läuferin. Ich gucke auf die Uhr. 04:40er-Schnitt. Viel zu schnell. Ich mache langsamer. Das Mädchen vor mir auch. Ich überhole sie. "Ist das höllisch", japst sie. Ich sage ihr, wie schnell wir gerade sind. "Unter fünf!?", ruft sie entsetzt. Sie wird noch langsamer, ich laufe weiter.
Es ist hart, aber es macht auch Spaß, weil ich einen nach dem anderen einsammle. Und 200 Meter vor mir entdecke ich Bettina, meine Osteopathin, die mich zum Triathlon gebracht hat. Sie ist 13 Jahre älter, aber eben auch gut im Training und hat schon ein paar Wettkämpfe hinter sich. Trotz des Altersunterschieds konnte ich nicht damit rechnen, sie einzuholen. Aber jetzt will ich es natürlich wissen.
Nach zweieinhalb Kilometern habe ich sie. Kurzes Hallo, dann läuft jeder in seinem Tempo weiter. Noch zwei Kilometer, noch einer. Es tut weh. Ich kämpfe, überhole weiter. Schrecklich. Schön. Und immer wieder tolle Zuschauer. Anfeuerungen, La Ola, jeder Schrei tut gut. Danke!!!
Endlich nähert sich das Stadion. Noch 300 Meter. Weiter, weiter, immer weiter. Vor mir eine Läuferin, die mich in der zweiten Wechselzone überholt hatte. Wir laufen fünf Kilometer lang fast das gleiche Tempo. Vielleicht krieg ich sie mit einem Endspurt. Endspurt? Soll wohl ein Witz sein. Der Endspurt muss heute leider ausfallen. Das letzte Überholen auch.
Noch 50 Meter, noch 20, 10... dann ist es geschafft. 00:26:21, damit bin ich sehr zufrieden. Insgesamt 01:32:08, Platz 144 von 184. In der AK 26. Von 27. Ein Glück, da ist noch Luft nach oben, mir bleiben Ziele.
Und jetzt? Ich bin fertig. Ich bin glücklich. Ich werde wiederkommen.
Aber nur mir Einteiler, vielen Schwimmkilometern - und Wechseltraining!

Gruß, Sascha

4.6
Gesamtwertung: 4.6 (10 Wertungen)

Schöner Bericht!

Ich wär wahrscheinlich abgesoffen!!

GT

Spendenaktion

was für ein...

...herrlicher Bericht! 500 m in 13 Minuten... ICH find das schnell :-)
Den Rest sowieso.
Glückwunsch!

Schoen!!

Was fuer ein lebendiger Bericht!
und soooo langsam warste gar nicht. Lass Dir das nicht einreden

cour-i-euse

Das sind richtige Triathleten....

so fangen se alle an und Du hast das hautnah klasse gemacht und beschrieben!!!
Equipment? Ist doch alles toppi!!!
Hattest einen heiden Spaß und langsam warste wirklich nicht!:o)
Neue Ziele, neues Glück!

Viel Spaß und Erfolg bei Deinen nächsten Trias...jaja, wer es einmal getan hat...;o)

Lieben Gruß Carla

sehr cool!

Klasse geschrieben!
Ich kann gar nicht kraulen!
Uns brustschwimmend hätte ich Dich sicher nicht überholt!
Glückwunsch zu all dem!

das steht

Mir noch bevor....* schwitz*

sehr gut ;-)

Ich find die Zeiten absolut sehenswert. Und bei meinem ersten Tria bin ich über 4min in der Wechselzone geblieben, ich kann es also noch besser ;-)))
Tröste dich, auch nach gefühlt 1000 Starts passiert noch irgendwas: Helm verkehrt herum aufgesetzt, mit zuviel Schwung aus dem Becken und dem Kampfrichter vor die Füße gekippt, die Badekappe nicht runtergekriegt bis der höfliche Hinweis kam: "Es geht leichter, wenn man vorher die Brille abzieht..."... Das macht den Sport so spannend ;-))

Saarvoir courir - laufen wie bekloppt im Saarland

Mir stehts auch bevor, in 2 Wochen :)

Danke für den schönen Bericht, Du bist angekommen und suerschnell gelaufen, Glückwunsch, es muß ja noch schließlich Verbesserungspotential geben!

LG Britta

Sehr schön

geschrieben und toll gemacht.
Mit erging es ähnlich - die Klamotten klebten wie noch nie und diese grausigen Badekappen...

LG,
Anja

Also ich sah noch blöder aus

bei meinem ersten Tri, denn ich musste noch die Laufhose über den Badeanzug ziehen. Und was sind Klicks? Die kannte ich da noch nicht. Ebensowenig den Unterschied zwischen Radschuhen und Laufschuhen. Und die hatten noch Schnürung.

Also mal ehrlich: einen Einteiler brauchst Du nicht, langsam warst Du schon mal gar nicht und der Virus hat Dich gepackt. Gut so. Weiter viel Vergnügen - auch ohne Zeitfahrrad und Aerohelm und Scheibenrad.

Klasse Bericht!

Ich werde mich mit Triathlon wohl nie anfreunden - des Schwimmens wegen. Aber allein um so einen Bericht schreiben zu können würde sich das Abenteuer vielleicht doch lohnen.

Gruß

Sirius
...der nur rennt.

Danke...

... für eure Kommentare. Sagt man hier doch so, oder :-)

@ ricola: Absaufen... das dachte ich auch. Aber dann siegt halt doch der Überlebenswille.

@wwconny: das tut sooo gut...

@cour-i-euse: Ich fand mich ja sauschnell. Die Ergebnisliste nicht so. Aber Ergebnislisten werden eh überschätzt

@carla: tja, du hast recht - ich glaube, das Virus hat mich erwischt

@yakimas: och, mich haben einige Brustschwimmer überholt. Das könntest du auch schaffen

@ronnin: Viel Spaß dabei!!!

@strider: Das tröstet mich. Also deine vier Minuten, weniger die Aussicht auf weitere Missgeschicke. Ob ich je an deinen reichaltigen Schatz an Ungemach heranreichen werde? Wenn ich nur an deinen flotten Otto vom Wochenende denke... Aber vo allem hast du ja einen reichaltigen Schatz an großartigen Erlebnissen *ehrfurchtsvoll guck*

@Britta: Stimmt, sonst müsste ich ja die Sportart wechseln und Schach spielen. Gott sei Dank sind es also noch ein paar Trainingseinheiten bis zur Weltspitze

@Anja: Aber die Badekappe ist mittlerweile runter, oder? Da war ich für meine kurzen Haare echt dankbar. Konnte schon nix hängen bleiben.

@fazer: Also, so ein Einteiler darf es schon sein. Ich werde darin zwar aussehen wie eine besonders dicke Brühwurst, aber egal. Den Rest überlasse ich aber wirklich jenen, bei denen es sich lohnt

@sirius: Na, wenn das kein Grund ist. Und soooo schlimm ist die Schwimmerei nicht. Okay, das war gelogen...

superdicke Brühwürste

dafür sind Einteiler doch gemacht, oder? Zeig mir einen einzigen Triathleten, der darin nicht verboten aussieht! Ich habe auch einen und weiß, wovon ich rede ;-))

Saarvoir courir - laufen wie bekloppt im Saarland

Und schon wieder so ein toller Tria-Bericht!

Ich glaube, irgendwann traue ich mich auch mal. Wenn ich nur Gelegenheit zum Schwimmtraining hätte... Aber im Grunde ist das nur eine Ausrede, denn wo ein Wille ist, ist bekanntlich auch ein Weg, z.B. bis zum Hallenbad;-) Eine ganz tolle Leistung, BRAVO!!! Und auch wenn Dein Kollege gekniffen hat, wirklich super, dass er samt Familie zum Anfeuern gekommen ist.

Tame,
gibt`s jetzt auch in Neongelb:-)
BORN - denn sie wissen nicht was sie tun!

Schwimmtraining?

Hatte ich auch nicht. Du hast also recht, diese Ausrede gilt nicht ;-)

@strider: Es gibt aber dünne Brühwürste und dicke Brühwürste. Andererseits: wie ich aussehe, ist mir während des Wettkampfs - nun ja - Wurst

einfach herrlich zu lesen

einfach herrlich zu lesen ...
ich schaff 5 km noch nicht mal ohne swim und rad in der zeit ...
gruß christiane

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