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Wer den Transalpine Run genießen will, muss gut vorbereitet sein. So viel vorweg. Wer will schon bei der Erfüllung seines Kindheitstraums aus dem letzten Loch pfeifen? Eben. Meine neue Devise: Im Training quälen, damit ich's im Rennen entspannt angehen kann.

Nur, wie trainiert man im relativen Flachland für ein alpines Rennen über acht Tage, 320 Kilometer und 15.000 Höhenmeter? Ganz einfach: In dem man die Anstiege nutzt, die da sind. Und am Südrand des Ruhrgebiet gibt es immerhin einige kurze ruppige Steigungen, denen man ein paar Höhenmeter abtrotzen kann.

Als ich Anfang Juli Kilian Jornet in Font Romeu traf, brachte er mir eine Trainingseinheit näher, die ich bis dahin noch nicht auf dem Schirm hatte und die er und seine schnellen Laufkumpels "vertical k" nennen. Aufgabe: 1.000 Höhenmeter über möglichst wenig Streckenlänge realisieren. Für einen Moment überlegte ich, ihm meine Definition des Quälixfaktors näherzubringen, doch ich entschied mich aufgrund des schwierigen Unterfangens, ihm die Hintergründe der Trainingsmethoden von Felix Magath zu erläutern, dafür, das besser sein zu lassen und ihm lieber weiter zuzuhören. Aber das ist eine andere Geschichte, die anderswo erzählt werden wird.

Also vertical-k in the Ruhr Area. Uuaahh! Nach einigen Tests hatte ich festgestellt, dass in meiner näheren Umgebung der Henkenberg für so ein Vorhaben am besten in Frage kommt. Er liegt allerdings am nahverkehrstechnisch gottverdammtesten Ende der Stadt, und da das Auto familiär anderweitig unterwegs war und ich mir aufgrund von Krafteinsparung die fünf Kilometer Anlaufstrecke sparen wollte, musste ich den einmal in der Stunde verkehrenden Bus nehmen. Im Grunde eine wunderbar passende Lösung, denn der Bus sollte um 14:30 Uhr am Fuße des Berges ankommen, und wenn mir unterwegs nicht vollkommen die Luft ausginge, würde ich um 16:22 Uhr den Bus zurück nehmen können.

Elf mal den Berg hoch und wieder runter macht irgendwas um 950 Höhenmeter auf 15 Kilometer Strecke. Quälixfaktor 63. Beim TAR würde ich einen irrsinnigen Quälixfaktor von 47 über die gesamte Strecke von 320 km haben. Wenn alles normal läuft, werde ich, grob gerechnet, pro Runde 10 Minuten unterwegs sein, ein bis zwei Pinkelpausen eingerechnet. Macht zusammen 1 Stunde 50 Minuten also 16:20 Uhr. 30 Sekunden zur Bushaltestelle rüber - sollte doch alles gut werden, denke ich.

Abfahrt. Ausgerüstet mit Laufrucksack, gefüllter Trinkblase und einem Extrafläschchen Isogesöff stehe ich nach dem Umsteigen von der S-Bahn an der Bushaltestelle. Hatte ich mich verguckt? Steht da nicht 14:24 Uhr als Abfahrtszeit? Okay, eine Minute Verspätung würde ich auch noch verpacken. Es wird 14:27 Uhr, und ich werde nervös. 14:28 Uhr, der Bus kommt. Verdammt, kann dieser schusselige Typ vor mir seine scheiß Plastikfahrkarte nicht richtig herum unter das Lesegerät halten? Nun fahr' endlich los, du Schnarchnasenpilot!

14:36 Uhr, ich steige aus. Okay, jetzt keine Zeit mehr verschenken. Aber auch nicht zu schnell in die ersten Runden rein, sonst fehlt hinten raus die Energie. Erste Runde. Puh! Will ich wirklich elfmal hier hoch, reichen nicht auch zehnmal, dann würde es auch auf jeden Fall mit dem Bus ... . "Nicht jetzt schon memmen, du fauler Sack", stutze ich mich gedanklich zurecht und fege den Abstieg runter. Während der Untergrund hochzu nicht sonderlich anspruchsvoll ist, geht's abwärts über ein paar technisch anspruchsvolle Passagen, mit spitzen Steinen und Wurzeln drin. Springen, kacheln – ja, das macht Laune. 9:40 Minuten für Runde 1. Na, geht doch!

Vielleicht sollte ich runter etwas ruhiger machen, damit hochzu wieder Luft da ist, denke ich im zweiten Anstieg. Als ich oben ankomme, merke ich einen unangenehmen Druck auf der Blase. Mist! Aber es hilft nix. Früher oder später werde ich dem Druck nachgeben müssen. Also lieber früher, dann bleiben mehr Runden, um die Zeit blasenentspannt wieder rauszulaufen. Ende zweite Runde: 19:45. Dritte: 29:19. Vierte: 38:58.

Fünfte Runde. Zeit für einen Schluck aus der Iso-Pulle. Ich drehe den Schraubverschluss auf und explosionsartig ergießt sich die Plörre über Unterarme, Hände und Finger. Verdammte Kohlensäure, hätte ich dran denken sollen. Ich trinke, schraube die Pulle zu und stelle sie hinter dem nächsten Baum ab. Hätte ich vielleicht schon ganz am Anfang irgendwo deponieren sollen. Ich sauge mir Wasser aus der Getränkeblase, spucke es über Hände und Arme und versuche, das klebrige Zeug abzuspülen. Funktioniert. Jetzt aber weiter. Ende fünfte Runde: 49:03.

Der sechste Anstieg macht Mühe. Muss ich diesen Scheiß wirklich komplett laufen, oder könnte ich nicht vielleicht auch mal ein paar Meter gehen? Ist wahrscheinlich auch nicht viel langsamer. Gehen kannst du im Wettkampf, sage ich mir, im Traning wird gelaufen. Basta! Ende sechste Runde: 59:37. Auch die siebte Runde setzt mir arg zu, aber hochzu zur achten Runde habe ich das Gefühl, so etwas wie Rhythmus gefunden zu haben. Ende achte Runde: 1:18:56. Okay, wenn ich wirklich elf Runden schaffen und den Bus nicht verpassen will, muss ich jetzt eine kleine Schippe drauflegen. Und ich will das jetzt schaffen. Unbedingt! Keine Spur mehr von Memmigkeit. Wow, fühlt sich das geil an!

Runde 9: 1:28:05. Von Westen ziehen schon seit einiger Zeit tiefdunkle Wolken rein, hoffentlich gibt's kein Gewitter. Regen kommt aber bestimmt, und an der Haltestelle gibt's keinen Unterstand. Und weit und breit kein Haus oder so was. Okay, nicht weiter drüber nachdenken. Runde 10: 1:37:31. Uhrzeit: 16:12:35. Noch mal hoch, oder doch auf Nummer sicher? Noch mal hoch, los, wenn du zu langsam bist musst du zur Strafe eben bis zur nächsten Alternativbuslinie laufen, drei Kilometer entfernt, hochzu durch den Wald! Du wirst patschnass und siehst zu, dass du beim nächsten Mal einfach zügiger rennst.

Ich geb' noch mal alles, meine Lunge hochzu am Anschlag. Jetzt aber ganz fix runter. 16:21:40, der Wald spuckt mich aus. Schon seit einer Minute kann ich die Straße sehen, der Bus kommt noch nicht. Ich schaffe es tatsächlich. Nochmal Endspurt mit Pace 4:21, über die Ampel. Jaa, das passt. Und wie das passt.

Inzwischen hatte der Regen eingesetzt, und ich zog mir eine dünne Jacke über. Dass ausgerechnet hier kein Unterstand ist, bei den sporadischen Abfahrtszeiten ... Skandal! Hinter der Leitplanke finde ich immerhin etwas Schutz unter hohen Sträuchern. Wird Zeit, dass der Bus kommt. 16:23 Uhr. Okay, etwas Verspätung muss man Einkalkulieren. Aber damit planen kannst du nicht. Bist du zeitig da, hat der Bus Verspätung, kommst du nur zehn Sekunden zu spät, fährt dir das Ding vor der Nase weg. So ist das doch immer.

16:29 Uhr. Weiter Regen. Weiter kein Bus. Was soll das? Ich schaue zur Ablenkung auf meine Laufdaten: 15,14 km, Laufzeit: 1:44:29, Durchschnittspace: 6:54. Nicht wirklich schlecht. 16:32 Uhr. Ich überlege, wie lange ich noch hier herumstehen soll. 16:37 Uhr. Scheiß drauf. Bist du Ultraläufer oder bist du Ultraläufer? Willst du beim TAR starten, wo sie zwischendrin auch mal Streckenveränderungen vonehmen könnten? Ist Regen dein Wetter, oder ist Regen dein Wetter?

Ich laufe los, nehme die Straße, die zum Bliestollen führt, laufe am Ende den Anstieg hinauf. Fühlt sich gar nicht mal schlecht an. Die Beine werden sogar wieder locker. Nach 3,2 Kilometern stehe ich an der Alternativhaltestelle. Es gibt einen Unterstand, und nach fünf Minuten Wartezeit sitze ich endlich in einem Verkehrsmittel, das mich bis vor die Haustür bringt. Patschnass, aber zufrieden geh' ich unter die Dusche und freue mich auf einen Café Latte und einen Obstsalat. Noch ein paar solcher Läufe, und der TAR kann kommen. Und vorher am besten auch der Bus.

4.9
Gesamtwertung: 4.9 (10 Wertungen)

uff

da bleibe ich auf dem Sofa und verneige mich...

Saarvoir courir - laufen wie bekloppt im Saarland

Welch ein Satz:

"als ich Anfang Juli (meinen alten Kumpel...) Kilian Jornet in Font Romeu traf (mal so ganz beiläufig eingestreut!)brachte er mir eine Trainingseinheit näher..."

Kein Wunder, dass du dich dann so durchbeißen kannst! Freue mich schon auf deinen TAR-Bericht. Werde ich dann lesen , wenn ich nächstens "Heidi Klum im Schönheitssalon treffe und sie mir das Geheimnis ihrer Cellulitecreme näher bringt" ;-)))

zausel

>

Gute Devise!

Den TAR entspannt genießen - er ist es wert!

Hast Du mal auf den Busfahrplan geguckt ob die Abfahrtszeit dort stimmte? Könnte sich ja mal geändert haben.

Weiter so - ist noch ein paar Tage hin zur Traumerfüllung. Also schön weiter träumen - und weiter trainieren.

Font Romeu

Hast du dort auch Paula Radcliffe getroffen? Sie soll ja dort auch trainieren, habe ich gelesen! Denn Trails sind ja auch für die schnellen City-Marathonläufer interessant!

Ich muss sagen, du lässt bezüglich TAR wirklich nix anbrennen! Da kann ja nun wirklich nix mehr schief gehen! Dennoch wäre Kilian's Stellungnahme zum Quälixfaktor erhellend gewesen! Naja, dann eben beim nächsten Mal! ;-))

Ich bin schon mächtig auf euren Lauf gespannt! Wenn alles gut geht, darf ich da ja nächstes Jahr auch ran! :-)

Das klingt ja schon recht gut, aber ...

... beim nächsten Mal kannste dann auch gleich heimwärts auslaufen. Aber die Überlegung mit dem Auslaufen bitte erst nach der letzten Runde in den kopf holen. vorher ist das schon ganz gut, wenn der Kopf auf Bus programmiert ist.
Da wird
- wenigstens
- endlich
- mal
was.
;-))

Vor soviel Selbstdisziplin

ziehe ich gerne den Hut, BRAVO!!! Endlich läuft es bei Dir so richtig schön rund. Jo und den Latte Macchiato nebst Obstsalat hast Du Dir mehr als verdient;-)
Der TAR kann in der Tat kommen und der Lauf wird wunderschön, sollst sehen!

Tame,
gibt`s jetzt auch in Neongelb:-)
BORN - denn sie wissen nicht was sie tun!

also mit meinem alten Kumpel ...

... Kilian war das so ;-): Er liest, ich trinke.

Die Busabfahrtszeit stimmte zum Glück. Da hätte ich mich reichlich geärgert, wenn ich mich verguckt hätte.

Ich werde den TAR nicht rennen, sondern genießen. Dafür quäle ich mich jetzt die Berge rauf.

Heimwärts laufen - na ja, genau das versuche ich mir gerade abzugewöhnen. Zu viele Trainingskilometer bekommen mir nicht. Eigentlich muss ich bei 90-100 km / Woche abriegeln, wenn ich das Überlastungsrisiko verringern will. Das klappt ohnehin schon kaum. Letzte Woche waren's 105, diese Woche werden's wohl 110 km.

Apropos Überlastung: Paula hab' ich nicht getroffen. Sie ist verletzt, startet deshalb auch nicht in London.

Schon jetzt danke für euren Zuspruch. Da läuft es sich doch nächste Woche fast von selbst den Berg rauf.

"Das wichtigste Argument für den Breitensport ist aber, dass die Menschen davon schön müde werden. Wer des Abends müde ist, geht zu Bett und treibt keinen Unfug." (Max Goldt)

Da könntste was :::

... in der letzten Runners world finden. Da hat Klada grad so 'n paar Höhnemetertouren für den (erweiterten) Pott vorgestellt.
Für Berlin würde sich so was auch machen, Klada. Kannste den Teufelsberg, die Müggelberge und den Kienberg vorstellen. In Buckow gibs auch noch so'n Hügel: Dörferblick.
;-)

Busfaktor: :-D

Du machst dir aber auch einen Stress mit dem Busfaktor.
Mehr davon. Schön zu lesen. :-D

Gruß

Sirius
...der im Bus rennt.

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