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Ja, das geht wirklich. Sogar oder gerade hier bei uns in Deutschland. Genauer, am Sonntag, dem 28.06.2009 beim Ostsee-Marathon-Probstei, welcher in diesem Jahr anlässlich des 750- jährigen Jubiläums der Gemeinde Schönberg (Schleswig-Holstein) und des dort alljährlich stattfindenden Deich– und Salzwiesenlauf (20- jähriges Jubiläum) des TSV Schönberg einmalig (!) angeboten wurde. Gleich vorweg: Es war eine schöne, gelungene Veranstaltung. Alles gut organisiert, Verpflegung auf der Strecke und danach meiner Meinung nach ebenfalls vollkommen in Ordnung. Alle Helfer waren nett und hilfreich und kalte Duschen gehören ja für Marathonläufer spätestens ab dem Mittelfeld zur Normalität und dürfen nicht überbewertet werden (die Warmwasser produzierenden Anlagen der Turnhallen sind allgemein nun mal nicht für so viel duschende Sportler ausgelegt). Von meiner Seite aus dürfen die Organisatoren den Marathon auch weiterhin anbieten – es wäre wünschenswert und zumindest ich würde diesen empfehlen.
Der Start zum Marathon erfolgte um 08.30 Uhr. Alle anderen Wettbewerbe eine Stunde später (Marathon ca. 200 Starter – insgesamt für alle Wettbewerbe knapp 1000 Läufer). Ich war rechtzeitig da, denn ich war dieses Mal auf Grund der Entfernung bereits einen Tag früher angereist. Ein paar Stunden Schlaf, welche ich mir kurzerhand im eigenen Auto gönnte, reichten dann auch aus. Selbst das Fernsehen (NDR) war vor Ort und berichtete vom Lauf bzw. mehr oder weniger drehten die hier ein Porträt über den Altmeister des Marathonlaufs – Horst Preisler aus Hamburg. Seines Zeichens Weltrekordhalter in der Anzahl gelaufener Marathon- und Ultramarathon. Am 28.06.2009 lief er hier beim Ostsee-Marathon-Probstei seine Nummer 1.636 und er kam mal wieder in einer für einen fast 75- Jährigen super Zeit von 04:41 Stunden in´s Ziel. Kaum im Ziel musste er dem NDR wieder Rede und Antwort stehen – aber das ist er inzwischen schon fast gewohnt. Er machte allerdings auch nicht den Eindruck, das Marathon laufen bald mal sein zu lassen – im Gegenteil, ich glaube eher, dass da noch einige folgen werden.

So, nun noch zum „Rest“ des Geschehens. Wie immer starteten vorn die „schnellen Hirsche“ und die, die sich dafür hielten. ;-) Ich stellte mich mal wieder weiter hinten an, da ich diesen Landschaftslauf eher genießen und keine Rekorde aufstellen wollte. Wie immer lief ich ohne Uhr, Pulsmesser oder sonstigen technischen Schnickschnack – mich stört so etwas unterwegs eher, als das es mir hilft. Okey, wenn ich jetzt wirklich auf eine bestimmte Zielzeit aus wäre, dann könnte ich mir schon vorstellen, zumindest eine Uhr zu nutzen, aber mehr muss nicht sein – ich zähle mich doch zu den Genußläufern. ;-) Des Weiteren hatte ich immer noch Probleme mit meiner rechten Wade. Der Eine oder Andere hat eventuell meinen Bericht vom Schlössermarathon Potsdam (vor 3 Wochen) gelesen und kann sich erinnern, dass ich da schon Probleme hatte.
Nach dem Start ging es über unterschiedliche Untergründe (alte Betonstraße, neue Asphaltstraße, landwirtschaftliche Spurplattenwege aus Beton, nur leicht befestigte Wanderwege, asphaltierte Radwege u.s.w.) Die paar Straßenquerungen auf der ganzen Strecke wurden durch die Polizei super geregelt. Ich lief also gaaanz ruhig und locker los und es lief gut. Die Sonne versteckte sich hinter Wolken und der Wind hielt sich hier in verträglichen Grenzen. Trotzdem begann ich schon nach 2 - 3 Kilometern zu schwitzen. Es herrschte doch eine drückende Schwüle (oder wie auch immer ich das beschreiben soll) und die ließ den Schweiß bei mir ungewohnt früh fließen. Die Strecke führte uns dann bis an die, einigen von Euch sicher bekannte, U-Boot Gedenkstätte in Laboe heran. Aber eben nur heran, hindurch durften wir nicht und so blieb das weithin sichtbare Denkmal auch für uns nur von etwas weiterer Entfernung sichtbar. Von Laboe führte der Weg dann noch über ein paar Radwege zuerst auf den Deich Richtung Strandpromenade und auf dem Deich bekam ich zum ersten Mal so richtig zu spüren, was da an Wind noch auf mich zukam. Auf dem Deich kam der Wind noch etwas seitlich, so dass ich immer wieder kontrollierte, ob meine Startnummer noch dran war. Obwohl das auf Grund der knatternden Geräusche von dem Ding im Wind nicht zu überhören war, hatte ich ständig die Befürchtung, die Startnummer wird ein Opfer des Windes. Bei Kilometer 20 ging es dann noch einmal kurz um die Ecke vom Deich auf die äußerst breite Strandpromenade. Die ist wirklich so breit wie eine zweispurige Straße, so dass sich hier niemand mit dem Gegenverkehr in Form von Radfahrern, Walkern, Spaziergängern, Rollstuhlfahrern, Badegästen, Surfern, Leuten mit Hund und sogar einigen Läufern (!) um Platz streiten muss. Die Strandpromenade selbst ist ein sehr schönes Fleckchen zum laufen. Auf der einen Seite der sehr breit angelegte Deich mit schön gepflegten Rasen und dahinter gelegenen Ortschaften, von denen man allerdings nur die höheren Objekte sehen konnte. Auf der anderen Seite ein grandioser Blick über die Ostsee, auf der sich zu diesem Zeit außerordentlich viele Segelboote tummelten, denn schließlich ging in Kiel gerade die Kieler Woche zu Ende. Auf jeden Fall ein toller Anblick.
Das Problem, welches wir aber jetzt hatten, war der kräftige Wind, der genau, aber ganz genau, von vorn kam. Das wäre bei einem lauen Lüftchen zwecks Abkühlung sicher nicht schlecht gewesen. Nur, es war kein Lüftchen –es war für meine Begriffe schon sehr stürmig, was mir da entgegen blies. Und ich war wirklich nicht der Einzigste, der da das eine oder andere Mal ob des Windes in´s fluchen kam. Dazu kam noch, dass die Promenade leicht, ich schätze mal so 1-2% an Höhe gewann, also stetiges „Berganlaufen“ war noch zusätzlich angesagt. Diese Steigung bestätigte mir einer der Feuerwehrleute an einer Wasserversorgungsstelle. Ich hatte ihn danach befragt, ob das wirklich so ist oder ob ich etwa schon so schwach bin, dass mich der Wind allein so zu schaffen machte und ich mir die zusätzliche Steigung nur einbildete. Während dessen ich gegen den Wind (vorrangig) und die leichte, aber stetige Steigung ankämpfte, verbot ich mir selbst, an die angekündigte Länge (ca. 15 – 16 km) der Strandpromenade zu denken. Allein ein Blick geradeaus ließ sehr lange Zeit keine Hoffnung auf ein Ende aufkommen – es war einfach keine Ende in Sicht. Also verweilte ich an den Verpflegungsstellen noch etwas länger als sonst, trank ausgiebig und erzählte mit den Spaziergängern die neugierig waren, was wir denn hier machten. Ach so, zum Titel der Geschichte noch kurz. Hier auf dieser Strandpromenade kommt man dann tatsächlich zuerst an dem Ort namens Kalifornien vorbei (leider steht dort am Strand dazu keine Ortsschild), um dann nach kurzer Zeit schon an Brasilien (mit Ortsschild am Strand und an Hand der vielen wehenden brasilianischen Flaggen nicht zu übersehen) vorbeizulaufen. Wir hatten es doch tatsächlich geschafft – von Nordamerika nach Südamerika – zu Fuß und innerhalb kürzester Zeit. Das schafft man wahrlich nicht überall. ;-))
Ab der Halbmarathonmarke gab es auch Tee an den Verpflegungsstellen, welchen ich mir dann auch genehmigte. Die erste Hälfte eines Marathon trinke ich immer nur Wasser und zwar immer, egal ob schon etwas anderes mit angeboten wird. Wo ich zeitlich bei der Halbmarathonmarke lag weiß ich nicht, wie fast immer, aber das ist ja nichts Neues mehr bei mir. Ich fühlte mich ansonsten körperlich noch gut, meine Wade zuckte nur ab und an mal kurz und ich hielt dann im wahrsten Sinne des Wortes fast die Luft an und hoffte inständig, dass nicht mehr passiert. Dieses leichte zucken und ziehen war auszuhalten und so etwas stellt für mich im Normalfall auch kein Problem dar, was mich am Beenden meiner „Mission Marathon“ hindern sollte. Ab ca. Kilometer 32 krampfte dann mein rechtes Bein etwas im Bereich des Schienbeines und kurze Zeit später dann auch links der Oberschenkel etwas. Wahrscheinlich hatte ich zur Entlastung des rechten Beines mehr Belastung auf das linke abgestellt und nun hatte ich das „Ergebnis“ davon. Krämpfe gehören während eines Marathon eigentlich und glücklicherweise seit einiger Zeit nicht mehr in mein Reportouir (Habe ich das jetzt richtig geschrieben?), aber ich denke, die ungewohnte Belastung durch Steigung und Wind war für mich Flachlandläufer dann doch sehr anstrengend und die Muskeln wollten etwas mehr Pause. Also reduzierte ich mein Tempo noch etwas und lief teilweise in einem Stil, als wenn ich schon im Ziel wäre – so bei jedem Schritt die Muskulatur ausschüttelnd. Ich hoffe, ihr versteht, was ich damit meine. Wenn nicht, vergesst es einfach. Das funktionierte jedenfalls ganz gut und nebenbei hatte ich noch Gelegenheit, mich über eine ganze Strecke mit einem Marathonsammler vom „100 MC“ (100 Marathon Club) zu unterhalten, mit dem ich inzwischen schon einige Laufveranstaltungen gleichzeitig bestritten habe und wir uns daher schon kennen. Unter Anderem konnte ich ihm noch nachträglich zu seinem 100. Marathon, welchen er vor ca. 3 Wochen lief, gratulieren. An einer Verpflegungsstelle traf er dann auf seine Frau und verweilte dort länger, so dass ich allein weiterlief. Bei Kilometer 36 ungefähr verließen wir dann (endlich an diesem Tag) die windumtoste Strandpromenade und bogen in Richtung Schönberg zum Start/Ziel ab. Just in diesen Minuten, als der stürmige Gegenwind endlich vorbei war, riss der bis dahin zuverlässige Wolkenvorhang auf und die Sonne kam zumindest teilweise zum Vorschein. Das hielt aber nicht dauerhaft an. Leider wurden meine Probleme muskulärer Art dann größer und als ob das noch nicht reichte, fing mein rechtes Knie (bereits mehrfach operiert) auch noch an, richtig weh zu tun. Daher ließ ich es ruhig angehen und legte bei jedem Kilometerschild eine zusätzliche Gehpause von 50 – 100 Metern ein. Neben den obligatorischen Gehpausen an den Verpflegungsstellen half mir dass dann doch dabei, das Ziel im Stadionrund auf der Tartanbahn zu erreichen. Etwas positiv erstaunt war ich dann mal wieder über die für die Umstände noch vertretbare Zeit von 04:22,29 Stunden. Aber die war eh´ nebensächlich. Hauptaugenmerk war für mich der Test meiner lädierten rechten Wade und die hielt ganz ordentlich (aber noch lange nicht optimal). Trotzdem werde ich erstmal etwas kürzer treten und in den nächsten Wochen keinen längeren Lauf in Angriff nehmen.
Die anschließende Heimfahrt, welche auf Grund Stau auf der Autobahn dann gute 5 Stunden in Anspruch nahm, die empfand ich irgendwie genau so anstrengend wie den Marathon.
Trotz aller Umstände – ich würde den Ostsee-Marathon-Probstei wieder laufen – sollte er denn noch mal stattfinden.

So, ich hoffe, es war nicht zu ermüdend, meinen Bericht zu lesen, aber wenn ihr das jetzt lest, dann habt ihr es ja geschafft. ;-) Mehr als drei Sätze braucht man meiner Meinung nach schon, um einen Marathon und das Drumherum zu beschreiben. Ob es dann so viel wie bei mir meist werden muss sei dahingestellt, aber ich zwinge ja auch niemanden, sich das lesen anzutun.

Ich wünsche Allen weiterhin alles Gute für gute Läufe.

Gruß
Jens

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Sonst nur mit dem Rad

Na, auf jeden Fall mal: Herzlichen Glückwunsch! Und deinen Bericht finde ich gar nicht langweilig - ganz im Gegenteil.. freut mich, dass es dir so gut gefallen hat bi uns in' Norden!
: ) Plantini
PS. Von Brasilien nach Kalifornien kenn' ich sonst nur mit dem Rad ;-)

und noch einer

glückwunsch zum neuesten Marathon in Deiner Sammlung (oder Repertoire).

Dass die Wade schon besser ist, freut mich, und dass mit der Ruhe in den nächsten Wochen hört sich auch gut an. Du musst Dich für WF wenigstens ein bisschen ausruhen. Nicht dass Du noch mit den ruhries die ganze Zeit nur am Grill stehst…

Diese ganzen schönen Veranstaltungen kennen zu lernen, stelle ich mir sehr toll vor. Bin da neidisch auf Deine Erlebnisse.

Weiterhin Gute Besserung

marcus

Laufen in Leipzig (z.B. beim 10. Cross "Rund um den Bismarckturm" am 26. Juli

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