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Nördlich des Polarkreises

Am 30. Juni (Startzeit: 22:30 Uhr) lief ich persönliche Jahresbestzeit über die Halbmarathonstrecke in 2:13:02 Stunden; beendet war der Lauf erst am Sonntag, dem 1. Juli um 0:45 Uhr, und das alles bei strahlendem Sonnenschein in Tromsö, der Hauptstadt Nordnorwegens, gelegen auf 69 Grad 39 Minuten nördlicher Breite, also nördlicher als der Polarkreis.

Dort ist fast alles am nördlichsten auf der Welt: Tromsö hat die nördlichste protestantischen Dom auf der Welt, die nördlichste Universität (mit 10.000 Studenten, darunter vielen Deutschen, bei 62.000 Einwohnern insgesamt), die nördlichste Bierbrauerei, gegründet von dem Deutschen Mack im Jahre 1877 – und den nördlichsten, amtlich vermessenen Marathon-Lauf der Weit, der jährlich um die Zeit der Mittsommernacht ausgetragen wird.

An den verschiedenen Wettbewerben (Marathon; Halbmarathon; 10 km; Minimarathon = 4,2 km) haben in diesem Jahr mehr als 3.000 LäuferInnen aus rund 50 Staaten teilgenommen: von Finnland bis Südafrika, von Brasilien bis Indonesien und von der Mongolei bis – natürlich Deutschland.

Wir waren in unserer “Lauf-Abenteurer-Gruppe“ mit drei jogmappern und einem Fan vertreten: colognerunner 23 querte die Zielmatte als 129. (von 399) Finishern bei den Männern nach 3:46:29 Stunden und ärgerte sich über seine falsche Vorbereitung, weil er von einer weitgehend flachen und nicht von einer hügeligen Strecke ausgegangen war. Ich hatte ihn darauf hingewiesen, dass gleich zu Beginn die Tromsobrua, die Stelzenbrücke über den Tromsö-Sund (vergleichbar der Verrazano-Bridge beim New York City-Marathon (nur nicht ganz so hoch und ganz so lang) zu überqueren war und noch einmal nach Halbzeit.

Den Halb-Marathon-Startern blieb die Tromsobrua erspart, aber trotzdem war – obwohl direkt am Europäischen Nordmeer gelegen – auch unsere Strecke sehr wellig, und es war äußerst schwierig, in einen vernünftigen Lauf-Rhythmus zu kommen. Gestartet bin ich als Allerletzter in der Hoffnung, dadurch nicht zu schnell anzulaufen. Als ich nach zwei Kilometern Wolfgang aus unserer Lauf-Abenteuer-Gruppe einholte, merkte ich, dass ich – für meine Verhältnisse – trotzdem noch zu schnell war: 6:10 Minuten/km. Wir sind dann zusammen gelaufen, bis zur Wendemarke auch nur einen Tick langsamer, aber es tat mir trotzdem gut, ein bisschen eingebremst zu werden – und einen Partner zu haben, mit dem ich ab und zu ein paar Worte – auf Deutsch! – wechseln konnte. So habe ich viel über den Lauftreff TV Wetter 05 aus meiner hessischen Heimat erfahren. Ab km 13 hatte Wolfgang dann Probleme mit der Atmung und Blasen an den Füßen; ich verlor ihn kurzzeitig und bremste mich ein, um ihn wieder aufschließen zu lassen – und das wiederholte sich ständig, vor allem bei den Anstiegen. Nach km 16 verabschiedete ich mich von ihm – danke, Wolfgang, dass Du mir das in keiner Weise übel genommen hast! – So gelang es mir zum Schluss, noch den einen oder die andere „einzusammeln“, z.B. Victoria aus den USA (sie trug ihren Namen hinten auf dem Lauf-Shirt!), und kam dann, auf der Zielgeraden voll in die tiefstehende Mitternachtssonne schauend, netto nach 2:13:02 Stunden ins Ziel. So schnell bin ich in diesem Jahr noch nie gelaufen, weder in Rodenkirchen noch in Bonn, obwohl die dortigen Strecken viel schneller sind. Und ich hatte noch nicht einmal das Gefühl, am Limit zu laufen. Wolfgang schaffte es auch ins Ziel – in 2:20 Stunden und mit zwei Gehphasen. Vielleicht war er ja gar nicht so unfroh, dass er – nachdem er mich los war – in Ruhe langsamer tun konnte?

Was macht das Besondere eines solchen Mitternachtslaufs aus? Eigentlich gar nichts, denn es ist taghell, und nur an der Uhrzeit merkt man den Unterschied. Schwierig ist allerdings die Vorbereitung auf den Lauf, wenn man es vom Training her gewohnt ist, vormittags zu laufen. Irgendwie muss man den ganzen Wettkampftag herumbringen, ohne allzu viel Energien zu verschwenden.

Reizvoll wäre es natürlich, zur Jahreswende am Midnight-Halbmarathon am Ende des Jahres teilzunehmen, denn dann wird der Halbmarathon bei Dunkelheit ausgetragen und, wenn man Glück hat, kann man dabei die Nordlichter sehen. Und wenn man Pech hat?

Ein so geringer Aufwand ist es ja nicht, nach Nord-Norwegen zu reisen, in ein Land, das nicht für niedrige Lebenshaltungskosten bekannt ist. Aber Tromsö ist nicht nur wegen des Laufs eine interessante, sondern auch eine schöne Stadt: Ein Mitternachtskonzert in der Ishavskatedralen, ein Spaziergang über die Tromsobrua, unter der gerade die Nordlys passiert, ein Hurtigruten-Schiff auf seinem Weg zum Nordkap, ein Besuch in der “Öl-Hallen“ (auf deutsch: „Bier-Kneipe“) der Mack.Brauerei oder die Pasta-Party (Preis pro Person: 250 NOK = 34 EUR!) im „Polaria“, dem arktischen Erlebniszentrum, dessen Höhepunkt die elegant im Pool dahin gleitenden Robben sind und das uns mit einem beeindruckenden Breitwandfilm in die Gletscherwelt und Fauna von Svalbard einführte, einem Teil der Arktis, der in Deutschland verkürzend Spitzbergen genannt wird (Spitzbergen ist eine Insel, die zu dem umfassenderen Archipel Svalbard gehört; so meine ich es verstanden zu haben). Auch auf Spitzbergen soll es einen Marathon- (und HM-)Lauf geben; er wird bewaffnet bestritten für den Fall einer Begegnung mit einem Eisbären …..

Als Mensch, der sein Berufsleben fast ausschließlich an deutschen Hochschulen verbracht hat – erst als Lernender, später als Lehrender – war ich am meisten beeindruckt von der Universität Tromsö (gegründet Mitte der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts, um der Abwanderung aus Nord-Norwegen entgegenzuwirken). Ich habe zwar nur die Eingangshalle und die Toiletten im Verwaltungsgebäude gesehen, aber die Räumlichkeiten waren von einer solch beeindruckenden Sauberkeit, wie ich es an einer deutschen Hochschule allenfalls für einen Zeitraum eines halben Semesters im Anschluss an eine vollständige Renovierung erlebt habe (und wann werden bei uns Hochschulen schon mal renoviert?). Man hätte vom Fußboden essen können (dort lag aber nichts). Die eine Wand der Eingangshalle bestand aus einem Kunstwerk: ein Relief in ocker-braun, ständig von oben berieselt mit Wasser: fantastisch! Als ich mir im Polaria das Video vom Svalbard-Film kaufte, kam ich mit der Verkäuferin ins Gespräch (sie hatte sich mit einer Kollegin in fließendem Deutsch unterhalten). Ich habe sie gefragt, ob sie an der Uni Tromsö studiert. „Nein, ich bin fertig!“, antwortete sie stolz. Und als ich ihr erzählte von meiner Begeisterung, da stimmte sie mir zu, als ich meinte, wenn man einmal an der Uni Tromsö gewesen sei, dann könne man sich nicht vorstellen, an eine deutsche Hochschule zurückzukehren. Mit Jobs für diplomierte Sprachwissenschaftlerinnen (germanische Sprachwissenschaften hat sie studiert) scheint es dagegen in Tromsö nicht so gut bestellt zu sein …..

Der Wettkampf-Bericht wäre unvollständig ohne Erwähnung der Leistungen unserer beiden 10-km-Läuferinnen: colognerunner 03 lief 1:05 Stunden in sehr eleganter Haltung, und Andrea aus unserer Lauf-Abenteurergruppe benötigte zwar 1:11 Stunden, verbesserte damit aber ihre persönliche Bestleistung um sechs Minuten. Und wenn man bedenkt, das sie erst vor einem Jahr mit Laufen begonnen (und seitdem 20 kg abgenommen) hat, dann gebührt ihr in unserer Gruppe die Krone!

Eigentlich war in unserer Lauf-Abenteurergruppe nur einer mit seinem Ergebnis total unzufrieden, und das war ausgerechnet der Bestplatzierte! Thomas konnte sich über seine 1:26:50 Stunden und seinen 5. Rang in der AK 45 überhaupt nicht freuen. Dieses Ergebnis war für ihn so enttäuschend, dass er sogar davon sprach, mit dem Laufen aufzuhören. Vor ein paar Jahren sei er noch etliche Minuten schneller gewesen …..

Gar nicht enttäuscht war unser “Ober-Lauf-Abenteurer“ Thomas, der für den Marathon gemeldet hatte, auch startete, aber bei Hälfte der Distanz – da kam man ganz in der Nähe von Start und Ziel vorbei – die Segel strich. Ich vermute, ich weiß, warum er die DNF-Gruppe vergrößerte. Am Tag vor dem Wettkampf habe ich vom Hotel aus einen kleinen Formerhaltungslauf auf dem ersten Teil der HM-Strecke absolviert und dabei die Hügeligkeit der Strecke kennengelernt. Als ich von diesem Lauf zurückkam, saß Thomas vor dem Hotel in der Morgensonne, die Tasse Kaffee in der Hand, die Zigarette im Mund – ein Mensch, zufrieden mit sich und der Welt …..

alterwalker

Wow....

... vielen Dank für diese beeindruckende Schilderung und herzlichen Glückwunsch zu deiner hervorragenden Zielzeit.

BruoHastig

Du bist eine fantastische Zeit gelaufen,

ganz dicken Glückwunsch dafür!!! Dein sehr schöner Bericht macht Lust und neugierig auf Laufen in fremden Ländern. Ich glaube nach Norwegen tät ich sogar meinen lieben GöGa bekommen, nicht zuletzt wegen der nördlichsten Bierbrauerei;-) Aber da muss ich mich wohl noch einige Jahre gedulden, wie Du schon erwähnst, so ganz einfach und vor allem billig ist solch eine Reise nicht. Trotzdem, dort einmal einen Mara oder einen HM laufen....*seufz!*
Diesen Wettkampf und all das Erlebte (ich denke da auch an die Uni;-) wirst Du mit Sicherheit nicht so schnell aus Deinen Gedanken bekommen und dann auch noch mit solch schicker Zielzeit für alle Mühe belohnt, toll! Siehst Du, hast Dir im Vorfeld ganz umsonst Sorgen um das richtige Trainieren zur richtigen Tageszeit gemacht;-) Sagte ich das nicht gleich? Ich sagte es;-))

Für ihren Buddy freut sich über solch ein tolles Erlebnis
Tame:-)

schneller als in Rodenkirchen..

...und das noch entspannt! Gefällt mir.
Danke für diesen herrlichen Bericht, nur schade, dass Du ihn in den Gruppenbeiträgen "versteckst".
Herzlich gelacht hab ich übrigens über den Satz: Man hätte vom Fußboden essen können (dort lag aber nichts).
Ich freu mich, dass Du so ein tolles Lauf-Urlaubs-Erlebnis hattest!
Herzliche Grüße, Conny

Ein einmaliges Erlebnis

... war das sicher - und das auch noch mit einer so tollen Zeit! Vielleicht haben die Landschaft, die Kulisse, die "Nachtkühle" dich getragen?

Applaus und viele weitere schöne Laufabenteuer!
Viele Grüße
Doggerin

Motto:
Ein Tag mit Lauf ist ein guter Tag

Es sind solche Berichte

... die unglaublich Lust darauf machen, woanders zu laufen. Wenn ich Deinen Bericht lese, dann weckt er nicht nur Fernweh, sondern auch das wirklich gute Gefühl, einen wunderbaren Sport zu betreiben, der solche Erlebnisse ermöglicht.
Vielen Dank fürs Mitnehmen und ganz herzlichen Glückwunsch zu einer tollen Zeit.

yazi

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