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Gestern war es also so weit, mein erster Halbmarathon stand an und, das sei an dieser Stelle vorweg genommen, ich meisterte ihn... Doch der Weg ist ja oft das Ziel und blicke ich zurück auf die Chronik der 15 Monate, seit ich Jogmapper bin, dann wird mir erst so richtig klar, wie viel seit dem 30.03.2008, seit meinem ersten Jogmap-Eintrag passiert ist...

März 2008 (15 km):
Ich beginne mit dem Laufen abseits der Laufbänder in Fitnessstudios, auf denen ich zuvor ab und zu trainiert hatte. Es fühlt sich anders an, deutlich schwerer, denn auf einmal muss ich aktiv laufen und kann nicht mehr einfach dem Laufband folgen. Es ist eine Herausforderung und ich mag Herausforderungen...
Am 30.03.2008 erinnere ich mich dann nach einem Lauf an diese Internetseite, von der mir eine Freundin erzählt hatte. Dort kann man ganz leicht Strecken ausmessen, bislang schätzte ich die Entfernungen immer nur. Ich mache mich also auf die Suche und finde jogmap.de... Der erste Lauf über 6,5 km ist nur wenige Minuten später eingetragen und ich bin seither Jogmapper.

April 2008 (171 km):
Ich beginne Blut zu lecken. Immer öfter gehe ich jetzt laufen und immer länger werden meine Läufe. Bereits am 07.04.2008 laufe ich erstmals mehr als 10 km und das sogar mit einer für mich guten Geschwindigkeit von 6:32 Min/Km. Nur eine Woche später steigere ich meinen Trainingsrhythmus auf beinahe tägliches Training. Das ich für einen Laufanfänger völlig übertreibe merke ich nicht, zumal kleine Erfolge mich weiter tragen. Ende April schaffe ich meinen ersten Trainingslauf mit einem Schnitt von unter 6:00 Min/Km.

Mai 2008 (238 km):
Anfang Mai entschließe ich mich, mich für meinen ersten Wettkampf anzumelden, einen 10 km Volkslauf im Volkspark Friedrichshain. Dieses Ziel vor Augen steigere ich mein Training erneut, gehe nun fast immer mindestens 10 km laufen und versuche dabei, meine Geschwindigkeit zumindest zu halten. Mein Ziel für den Wettkampf folgerichtig: unter einer Stunde bleiben. Am 25.04.2008 ist der Volkslauf da und ich zolle Tribut, einer sehr hügeligen Strecke, einem zu schnellen Angangstempo und meinem zu harten Training. Es ist wohl am Ende hauptsächlich Willenskraft, die mich den Lauf in gut 1:02 h doch noch zu Ende bringen lässt. In den darauffolgenden Tagen brechen meine Laufzeiten ein, und das sogar deutlich. Ich laufe nur noch zwischen 6:30 und 7:00 Min/km. Doch noch kommt eine Pause nicht in Frage.

Juni 2008 (86 km):
Meine Schwächephase hält an und nach einer Woche erkenne ich, dass sie nicht durch noch mehr Laufen zu überwinden ist. Ich laufe weniger, bleibe aber langsam und frage mich immer öfter, woran das liegen mag. Immerhin durchbreche ich am 22.06.2008 die 500 km-Marke bei jogmap, aber meine Motivation ist dennoch weg. Ich trete auf der Stelle, nein ich werde sogar nach und nach schlechter. Ich beginne zu bereuen, dass ich mich für einen weiteren 10 km Wettkampf, den Alsterlauf in Hamburg Mitte September, angemeldet habe.

Juli 2008 (18 km):
Es reicht. Drei Läufe habe ich gemacht, drei mal mich gequält und nichts geht voran. Ich beschließe eine Pause zu machen und während meiner Diplomarbeit anderweitig einen Ausgleich zu suchen.

August 2008 (55 km):
Die Diplomarbeit ist geschafft und ich hoffe, mein Körper ist für die Vorbereitung auf den Alsterlauf erholt. Also mache ich die ersten Versuchsläufe und stelle fest: Rien ne va plus – nichts geht’s mehr. Meine Zeiten sind jetzt konstant über 7:00 Min/km und ich beginne zu verzweifeln. Nur der bald bevorstehende Alsterlauf lässt mich noch weiter trainieren.

September 2008 (54 km):
Meine Form ist und bleibt weg. Ich setze mir also für den Alsterlauf das Ziel, das Ziel in 1:10 h zu erreichen. Doch am Wettkampftag ist mein Wille größer als die Müdigkeit meiner Beine und ich schaffe einen für mich zu dem Zeitpunkt unglaublich guten Wettkampf in unter 1:04 h. Wenige Tage und einen letzten Lauf später beende ich die Laufsaison 2008 und, da bin ich mir recht sicher, auch meine Laufkarriere. Ich bin dafür einfach nicht gemacht.

Oktober 2008 – Februar 2009 (0 km):
Anfang November ist es letztlich ein reiner Zufall, der den Wendepunkt in meinem Läuferleben markieren sollte. Ich gehe zum Arzt und er nimmt Blut ab, um nur mal zum Check ein Blutbild erstellen zu lassen. Einen Tag später ein hektischer Anruf mit der Diagnose: Schwere Eisenmangelanämie. Mein Hausarzt will mir sofort Infusionen legen, hat er doch „so schlechte Blutwerte“ noch nie gesehen und wundert sich, warum ich überhaupt noch stehe. Der Spezialist zu dem er mich überweist, ein langjähriger Hämatologe, ist da schon etwas rationaler. Beunruhigend nennt er meinen Hämoglobinwert von 7,4 und fügt hinzu: „Eigentlich laufen Sie nicht mal mit halben Blut im Körper herum“. Eine Eisentherapie beginnt und so langsam fange ich auch an zu verstehen, warum das mit dem Laufen nicht klappen konnte. Mal abgesehen vom übertriebenen Training in den ersten drei Monaten, fehlte meinem Körper einfach die Sauerstoffversorgung. War Laufen vielleicht doch ein Sport für mich? Sollte ich es nochmals versuchen? Nach einem sehr guten Therapieverlauf bis Mitte Februar befand ich: Ja ich versuche es und wenn es nicht sein soll, dann ist das nicht zu ändern. Aber ausprobieren werde ich es – sobald es etwas wärmer wird.

März 2009 (12 km):
Ende März ist es dann so weit. Ich mache meine ersten beiden Läufe im Jahr 2009 oder im Jahr 1 nach der Anämie. Und ich mache einen Sprung, einen Leistungssprung, denn ich durchbreche sofort in beiden Läufen die Marke von 5:30 Min/km.

April 2009 (116 km):
Ich bin bis in die Haarspitzen motiviert und will nun doch zeigen, dass Laufen etwas für mich ist. Doch ich bin vorsichtiger geworden und dosiere mein Training deutlich besser. Die Folge: Nach und nach werde ich besser. Ich kratze in kurzen Läufen an den 5:00 Min/km und schaffe einen langen Lauf über 14 km. Und als mich eine Freundin fragt, ob ich beim Halbmarathon in Hamburg mit dabei sein wolle, zögere ich nicht lange. Das ist meine Chance auf ein Ziel hin zu arbeiten und entgültig zu beurteilen, wie ich zum Laufsport stehe. Mein Ziel zu diesem Zeitpunkt: unter 2 h bleiben...

Mai 2009 (129 km):
Die Vorbereitung auf den Halbmarathon beginnt und bis zum Monatsende erreiche ich einen Fortschritt nach dem anderen. Meine Trainingserfolge gipfeln in einem Lauf über 17,4 km, in dem ich genau 5:00 Min/km brauche. Ich korrigiere meine Zielzeit auf 1:50 h.

Juni 2009 (172 km):
Jetzt geht das Training in die heiße Phase. Was mir nach der Geschwindigkeit noch fehlt ist das Gefühl, auch über 20 km laufen zu können. Doch 10 Tage vor dem Wettkampf ist es so weit: Ich laufe 22,5 km in gut 1:55 h. Das bestätigt meine Zielzeit von 1:50h, doch ich hoffe, vielleicht noch Luft nach oben zu haben. Wenige Tage vor dem Wettkampf knacke ich auch noch die 1.000 km bei jogmap.

28.06.2009 (21,0975 km)
Hamburg, Reeperbahn, 10:00 Uhr. Eben ist der Start für den 15. Hella Halbmarathon erfolgt. Ich fühle mich gut, das Wetter ist fürs Laufen ideal und ich bin heiß. Es geht über die Startlinie, die Massen laufen los... und ich mitten drin. nach 15 Minuten habe ich die 3 km Marke schon deutlich hinter mir und beginne daran zu denken, meine Ziele nochmals zu korrigieren. Vielleicht 1:45 h? Oder sogar 1:40 h? Nach einer Stunde ist der Entschluss schon längst gefasst. Ich bin kurz vor dem 13 km Punkt und habe die 1:40 h vor Augen. 38 Minuten später sprinte ich die letzten Meter ins Ziel, völlig kaputt aber überglücklich!

1:38:02 ist die Zeit, die auf meiner Urkunde vermerkt ist, 4:38 Min/km bin ich gelaufen. Wer hätte das noch vor wenigen Monaten gedacht? Ich nicht...

3.666665
Gesamtwertung: 3.7 (3 Wertungen)

Sehr lesenswerte Chronik!

Hallo mbthree,
Dein Blog war lang, aber das Lesen hat sich sehr gelohnt. Es ist doch immer wieder spannend, zu lesen, wie es anderen mit der Lauferei ergeht, besonders in der Anfangsphase, in der man noch auf der Suche nach allem ist: den richtigen Schuhen, dem richtigen Trainingskonzept, den richtigen Laufstrecken, der richtigen Musik (oder Stille), der richtigen Laufgruppe (oder allein) etc.
Sehr schön zu lesen! Besonders der Schluss.
Ich wünsche Dir noch viele (ent)spannende Läufe und weitere Erfolge!
Viele Grüße, WWConny (derzeit in der Schuh-Otimierungsphase)

Sehr schön geschrieben,

konnte gut mitfühlen.
Und herzlichen Glückwunsch zu Deiner klasse Leistung und den tollen Einsichten vorher!

Muss doch gleich mal mein Blut untersuchen lassen... ;-)

Gruppenduell Bornies vs. Ruhries

Auch von mir

herzlichen Glückwunsch...

Du hast so spannend geschrieben, daß ich beim Lesen fast vergessen habe wieder einzuatmen. :)

Dir ist doch wohl klar, daß Du Dich zur Vorbildfunktion erhoben hast?!

Weiterhin viel Erfolg.

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