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Kopf oder Fuß- wer macht hier das Rennen? Diese Frage stellte ich mir angesichts meiner diesjährigen Aufgabe als RHEX-Mitorganisator und Läufer. Wie geht denn sowas, mag man fragen, aber ich habe einfach in einer Sprechpause bei einer Orga-Sitzung „Ja“ gesagt...
War ich den RHEX schon einige male als Gastgeber der Probeläufe und zu Trainingszwecken in ca. 4h:30min ablaufen, so wollte ich doch schon wissen, wie ich diesen Kanten unter Wettkampfbedingungen bewältige. Also galt es, neben den üblichen Läufen die lange Strecke zu trainieren: ein nicht immer ganz einfaches Unterfangen, verwandelte doch ein ausgedehntes Regentief die Rheinsteigstrecke in einen schlüpfrigen Matschparcour, der stellenweise zum Abdriften in die Steilhänge führte. Als Testlauf diente mir der Halbmarathon in Windhagen, wo ich ohne Zeitdruck auf Anhieb neue PB lief. Eine Woche vor dem RHEX sollte das genügen, nur noch einige kleine Lustläufe in den verbleibenden Tagen rundeten das Training ab. Es gab ja noch genügend an praktischer Vorarbeit zu tun, so ein Lauf organisiert sich nicht von alleine. So war es mir nur unterschwellig bewusst, dass ich diese ganze Woche ein verborgenes Ziehen in der Beinmuskulatur verspürte, das ich aber als Nachwirkungen des HM interpretierte.
Am Vortag zum RHEX lief ich, wie einige Mitstreiter auf anderen Streckenabschnitten, durch die Straßenschluchten von Bad Honnef und sprühte Pfeile, band Schilder an Abzweigungen und inspizierte die Piste, die in diesem Jahr etwas von der Originalstrecke abwich. Dank der großzügigen Einbahnstraßen –Regelung benötigte ich für die knapp 3 Km fast 3 Stunden, bis auf der Insel Grafenwerth endlich der letzte Pfeil gesprüht war. Am frühen Nachmittag bezog ich dann im Drachenfelsbahnhof mit Andrea den Stand, wo die Startunterlagen abgeholt und Nachmeldungen getätigt werden konnten. So konnte ich schon einmal einige der Teilnehmer kennen lernen, mit denen ich am nächsten Tag auf die Strecke gehen sollte.
Dieser Tag begann für mich so gegen 04:00 Uhr. So richtig schmeckte mir das Frühstück um diese Zeit nicht, aber wenn ich um 08:00 Uhr starten wollte, war das jetzt erforderlich. (Fast) Tausend Dinge gingen mir durch den Kopf, nichts sollte vergessen werden, Plakate, Hinweisschilder, Schreibzeug, Laptop, Sicherheitsnadeln für die Startnummern, mein eigenes Sportzeug, Getränke, Tasse... So trudelte ich kurz vor 06:00 Uhr in der T-Mobile Zentrale ein, wo der Startbereich gerade gerichtet wurde. Bald trafen alle eingeteilten Organisatoren und Helfer ein und die Ausgabe der Startnummern und Nachmeldungen begann. Die langen Schlangen wurden erstaunlich schnell abgefertigt. Bis etwa 15 Minuten vor Start hämmerte ich fortwährend Läuferdaten in den Rechner, um dann den schnell abgerupften USB-Stick mit den aktuellen Daten dem gerade eintrudelnden Zeitnehmer in die Hand zu drücken. Jetzt mussten noch die Kisten mit den Finisher-Präsenten in den Gepäckbus befördert werden, dann fand mein Auto endlich seinen endgültigen Parkplatz. Und in 5 Minuten war der Start- ich aber noch nicht umgezogen, von einer mentalen Vorbereitung auf den Lauf ganz zu schweigen. Aber, gelernt ist gelernt: blitzschnell das Shirt an, für Trailschuhe entschieden, den Kleidersack mit den nötigsten Utensilien für den Zielbereich bestückt und dann zum Startplatz gehechtet. Noch 1 Minute: Bevor ich mich in das Feld einreihen konnte, besorgte ich noch schnell zwei Nadeln, mit denen ich meine Startnummer am Band befestigte, raste aus dem Forum auf den Startplatz, wo ich schon den Knall hörte und praktisch auf dem Absatz kehrt machte und losrannte- ich war auf dem RHEX!
Kann eine mentale Vorbereitung nicht auch auf dem Lauf stattfinden? Joo, wenn man die ersten Km bewusst langsam und ruhig läuft, was ich dann auch tat, um meinen Adrenalinspiegel ein wenig zu zügeln. Nach der Ortsquerung von Küdunghoven und den Ennerttreppen, an denen sowieso fast jeder warten und gehen musste, lief ich dann so ruhig wie möglich den breiten Waldweg entlang bis nach Dollendorf, wo mich die Weinberge in schönstem Morgenlicht empfingen. Einige Läufer zückten hier erstmals ihre Kameras, um diese Stimmung einzufangen. Allmählich hatte sich mein Kreislauf auf Kampfniveau eingepegelt, die klammen Beine waren aber noch deutlich spürbar. Dabei ist der Abschnitt bis auf den Petersberg erst der Prolog des Laufes. Auf dem Dollendorfer Bittweg versagten mir dann erstmals die Beinmuskeln ihren Dienst, mit reduziertem Tempo und langen Schrittstrecken bekam ich das in den Griff, bevor ich letztlich erhobenen Hauptes am Portal der Nobelherberge bei der Verpflegungsstelle (Km11) einlief.
Der lange Abstieg über die Mondscheinwiese bis zur Seufzerbrücke, dann wieder endlos hoch auf den Geisberg war nicht wirklich zärtlich zu meinem Laufwerk. Am liebsten wäre ich hier oben geblieben und hätte mir das schöne Siebengbirge angesehen. Zu meinem Erstaunen traf ich just an dieser Stelle einen Motorradfahrer der Sanitäter, der versuchte, seine Maschine aus einer tiefen Mulde heraus zu bewegen, allerdings ohne funktionierenden Motor. Angesichts seiner Probleme nahm ich mein schwergängiges Beinwerk in die Hände und trollte mich weiter am Milchhäuschen vorbei, ins Nachtigallental und auf den Drachenfels. Hier hinauf schaffte ich es fast gänzlich im Trippelschritt aber laufend. Erstmalig hatte ich das Vergnügen, den vielgelobten Streuselkuchen zu probieren, ich kann sagen, er ist ein Knaller! Was mir zwischendurch immer wieder auffiel, war die gute Stimmung unter den Sportlern. Offenbar ist der Lauf und seine Eindrücke nicht nur eine sportliche Herausforderung, sondern auch Balsam für die landschaftshungrige Seele - Gut so!
Also stürzte ich gestärkt durch den Dschungel am Südhang des Drachenfelses, wo ich einem übereifrigen Bergabläufer noch eine Warnung ob der tückischen Strecke auf den abschüssigen Weg geben konnte, nachdem er ihn soeben aus nächster Nähe inspiziert hatte. Ich spurtete am Ulanendenkmal über die Treppe, griff am Friedhof im Vorbeirennen ein Wasser und bereitete mich mental auf den nun folgenden Abschnitt vor: die Breiberge- nach meiner Einschätzung eine der anspruchsvollsten Partien des Laufes. Obwohl schon zigmal gelaufen, forderte das Stück bis zur Löwenburg gehörig Tribut von mir. Nur kurze Stücke lief ich, ansonsten war flotte Wanderei angesagt. Meine Beinmuskulatur verhärtete sich zunehmend, ich überlegte, den Lauf abzubrechen. Ich wollte nicht schon wieder, wie zuletzt beim Siebengebirgs-Marathon, mit steifen Holzbeinen am Wegrand stehen und alle Läufer an mir vorbei ziehen lassen. Erst der große Bahnhof mit den Verpflegern des LT Siebengebirge am Löwenburger Hof (Km23) ließ meine Stimmung wieder ein wenig steigen. Außerdem konnte ich hier durch eine kurze Pause meine Beine dazu bewegen, den Weg in Richtung Schmelztal fortzusetzen. Mittlerweile wusste ich nicht mehr, ob bergauf, -ab oder flach die angenehmste Geländeform war, ich quälte mich die Berge hinunter und knabberte dankbar an der Schmelztalstraße die angebotenen Salzstangen in mich hinein, in der Hoffnung, etwas Linderung der Schmerzen zu erlangen.
Der Singletrail zum Servatiusweg hinauf war einigermaßen gangbar. Die gefürchteten Schlammlöcher bereiteten keine Schwierigkeiten. Mehr dagegen die folgenden steilen Anstiege, denen ich keinerlei Kraft anbieten konnte. Endlich war ich auf dem Waldweg zum Himmerich angekommen, griff noch schnell ein Wasser und stakste dann mit minimalem Tempo den finalen Berg sanft aber stetig bis zum Km 29 am Himmerich hinauf, wo die Strecke steil nach Bad Honnef abfällt. Daniel wies mir den Weg und meinte, dass ich den Weg ja kenne, bevor er mich noch mit der Kamera bei meiner Heldentat erfasste. In der Tat wusste ich, was jetzt noch folgte: Erst die steile Bahntrasse, die meine Knie und Schienbeinmuskeln fast vollends zur Aufgabe zwangen, dann die lange Passage durch Bad Honnef , die mit den harten Trail-Schuhen nicht wirklich fußfreundlich zu belaufen waren. Ab der Jugendherberge war ich für die Streckenmarkierung zuständig, so dass ich mich jetzt für jeden, der sich im Ort verlaufen würde, verantwortlich fühlte. Zu meiner Freude war die Passage mit unzähligen Helfern gespickt und es kam zu keinerlei Irrläufen. An dieser Stelle hielt ich es für angemessen, einmal auf die Uhr zu schauen. Die erblickten 3h:40min machten mir Hoffnung, dass es mit der angestrebten Sub 4-Zeit noch klappen würde. Endlich schlich ich auf den letzten beiden Brücken vor der Insel dem Ziel entgegen. Durch die Bäume konnte ich schon das Ziel erspähen, deshalb baute ich mich noch einmal auf und rauschte dann völlig ermattet mit 03:57:29 über die Matte. Angeblich hätte ich etwas blass ausgesehen, aber nach einem leckeren Weizenbier färbte ich mich wieder ein und versuchte meine Wunden zu lecken. Schön, im Zieldorf die Freunde, die zum Empfang gekommen oder mitgelaufen waren, zu treffen. Inmitten meiner Euphorie erreichte mich die Nachricht, dass ich die Urkundenvordrucke für die Sieger zu Hause vergessen hatte. So mussten sie mit einer einfarbigen Variante vorlieb nehmen- sorry dafür.
Dieser, mein erster aktiver RHEX war ein besonderes Erlebnis für mich. Aus der Sicht eines Teilnehmers konnte ich empfinden, was wir da organisiert hatten. Die vielen Helfer, die ausreichende Markierung und die zahlreichen Verpflegungsstände waren sehr angenehm. Im Zielbereich fand ich alles vor, was ich zur Entspannung benötigte. Bei herrlichem Laufwetter war die Stimmung ausgesprochen gut. Den Heimweg trat ich mit matten Beinen an, meine dringendsten Nahziele waren die Badewanne und dann Sofa, Sofa, Sofa... Den restlichen Tag über meldet sich jeder Beinmuskel einzeln oder in Gruppen zur Krampfeinlage. Am Abend mussten trotz der Pein noch die schnell vorliegenden Ergebnisse und Fotos der Welt zugänglich gemacht werden, denn das ist „Kundendienst“ und Ehrensache.
Und ja, einige Freunde hätten mich gerne auf der Insel „einlaufen“ sehen, wobei bei meiner Größe eine Schrumpfung sicherlich möglich gewesen wäre, aber stattdessen kann ich glaubhaft versichern, ich war nach diesem Lauf mindestens 2Kilo leichter!
Eine Gewissheit habe ich aber erhalten: ohne die zahlreichen freiwilligen Helfer wäre eine solche Veranstaltung nicht möglich. Ihnen meinen ehrlichen Dank! Und als Mitorganisator aktiv teilzunehmen, ist eigentlich keine gute Idee. Aber einmal muss es schon sein...

mehr unter http://www.rheinsteig-extremlauf.de

Hofpoet

4
Gesamtwertung: 4 (2 Wertungen)

Danke für den super-Lauf,

Danke für den super-Lauf, toll organisiert hat riesigen Spaß gemacht. Wenn ich es nächstes Jahr zeitlich einrichten kann (und meine Knochen noch mitspielen) komme ich gerne wieder.
Dir und allen anderen Helfern vielen Dank
Astrid

sehr spannend, ...

...mal einen Bericht aus der Organisatoren-Sicht zu lesen.
ich stells mir auch ziemlich schwer vor, so einen Lauf mit vorzubereiten und dann den anderen beim Laufen zuzusehen.
Beste Grüße, WWConny

Schöner Bericht!

Auch wenn ich ihn schon auf eurer Seite gelesen habe. Danke noch mal für das toller Erlebnis, was ihr mir und den anderen Mitstartern ermöglicht habt.
Und sag mir rechtzeitig Bescheid, wenn ihr die Meldeliste fürs nächste Jahr eröffnet und wann ihr den Lauf wieder macht!
Ich will auf jeden Fall dabei sein!

eine Peter Patella Seite

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