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Warum anstrengen, Laufen kann so entspannend sein...

Schon im Vorfeld kam viel Freude auf: Es wurde Wein gepredigt und es sollte ihn auch geben, genau auf 3 Kilometern 6mal. Für die 10Km-Teilnehmer also jede Menge Arbeit. Aber auch ein Haufen Spaß. Im Kostüm sollte gelaufen werden, in meinem Haufen gleich mit ca. 30 Mann/Frau...

Der „Le Petit Mèdoc“ in den Königswinterer Weinbergen ist offenbar ein Lauf, den die Region unbedingt noch gebraucht hat. Nach dem Vorbild des großen Franzosen ging es überwiegend um Genuss am Laufen, an der Kultur und der herrlichen Sommerlandschaft im Siebengebirge. Rund 450 Teilnehmer machten sich am Samstag Nachmittag auf die dreimalige Umrundung des Oberdollendorfer Weinbergareals. Weitere 130 Spaßläufer liefen einmal die Runde und ca. 60 Schüler und Bambinis hatten kürzere Distanzen zu bewältigen.

Königswinters Weingott Baccus schickte die Läufer jeweils auf die Reise, locker moderiert vom lokalen Altmeister Herrmann Ulrich. Nach einem heftigen Regenschauer klärte sich der Himmel letztlich auf und die Meute schob sich mehr zögerlich als entschlossen in das enge Mühlental hinein.
Mehr Tempo wäre ja auch hinderlich gewesen, denn immerhin drohte schon in wenigen hundert Metern die erste V-Stelle, an der erst einmal ein gewisser Grundpegel angelegt wurde. Einen leckeren Weißen von hier konnte die über die Maßen kostümierte Laufhorde probieren. Es gab ganze Gruppen als Sträflinge, Siebenzwerge samt Sarg und recht maskulinem Schneewittchen, meine rot-weiß-blauen Möchtegernfranzosen und jede Menge undefinierte Gestalten nebst den unvermeidlichen Schotten, die natürlich prompt vom Fernsehen peinlichst befragt wurden. Für uns Franzosen interessierten sie sich nicht. Schon bald, nachdem wir uns diszipliniert als Gruppe wieder in Bewegung gesetzt hatten kam die erste Herausforderung in Form eines steileren Abschnittes des Mühlentales, das insbesondere im „normalen Leben“ unter Radlern unbeliebt ist, weil sich hier ungemütlicher Rollkies auf der Steigung befindet, der ein zügiges Antreten fast unmöglich macht. Am Ende dieser 50m langen „Bergprüfung“ bog die Strecke dann spitz nach links ab auf den Rheinsteig, den RHEX-Teilnehmern gut bekannt, allerdings in umgekehrter Richtung. Man erahnt es, den gut gelaunten Läufern wurde eine weitere Verköstigung angeboten, diesmal in Form von Met und Honigbroten. Da ich mit solch süßen Sachen schon mal unangenehme Erfahrung gemacht habe, verzichtete ich auf das Angebot und wollte es für die letzte Runde aufsparen. Ich genoss die Darbietung des ambulanten Akkordionspielers, der mich dazu veranlasste, meine auf dem Rücken mitgeführte Musette für einen Moment zum Schweigen zu bringen. Auf dem nachfolgenden Weg mit seinen sich wiederholenden Aufschwüngen leistete sie wieder gute Dienste, beschwingt von Edit Piaf, Musette-Klängen und der “Marseillaise“ erreichten wir die höchste Stelle oberhalb der Weinberge mit herrlichem Blick über den Ort, das Rheintal und die Kölner Bucht.

Endlich gab es einmal feste Nahrung zum Wein, leckere Nudelnester und irgendwelche süßen Erdbeerkreartionen. Auch hier zeigte ich mich standhaft, schlürfte mein Weinchen, freute mich an der guten Laune des Laufvolkes, schoss das eine oder andere Foto und trollte mich zum nächsten Ziel, der Oberdollendorfer „Hülle“, einem beliebten Aussichtspunkt über dem Ort auf dem ein frühgeschichtlicher Steinkreis vermutet wurde, der sich dann aber als Lagerfeuerplatz der Junggesellen vom Beginn des 20. Jahrhunderts entpuppte...
Natürlich wurde dieser Punkt mit einem Weinausschank gewürdigt, diesmal mit verschiedenen Roten aus dem Weinberg unter uns. Das Ziel, das Weingut Sülz, war jetzt schon unter uns sichtbar, einige Serpentinen noch, unterbrochen von zwei weiteren Verköstigungen, wobei an der letzten Miniquiche vom Sternelokal gereicht wurden.

Einfach köstlich, ich habe davon probiert und mich prompt an den Krümeln verschluckt. Zum Glück gab es hier auch einen recht herben, wenn auch passenden „Tonschiefer-Riesling“. Der ZielDURCHlauf ( man bedenke: das war erst Runde 1 nach 3,3Km!) gestaltete sich unspektakulär, der Applaus beim Einstieg in die nächste Runde war aber nicht weniger herzlich.
Bei der zweiten Runde gestaltet sich der Ablauf der Stationen wie gehabt, lediglich die Gruppendisziplin lockerte sich, weil einige Läufer (ich auch) dem Weinangebot nicht wiederstehen konnten und sich schon mal über Gebühr länger an den Stopps aufhielten. An der besagten Steilstrecke passierte es dann und sollte später auch noch vorkommen: Wir wurden von rasanten Läufern überholt, die den Lauf unbedingt gewinnen wollten und es dann auch erreicht haben. Na toll!! OK, solch einen Lauf kann man gewinnen, muss man aber nicht. Es gibt hunderte 10 Km Läufe in der Region, da ist es m.E. entbehrlich, fröhlich feiernde Teilnehmer verbissen barsch von der Strecke zu brüllen...
Unsere Stimmung war grandios, der Regen hatte aufgehört, uns zu ärgern, der Wein schmeckte zunehmend und die Kostümfraktionen begannen zu kollaborieren, Franzosen reihten sich in die Chain-Gang ein (Blau-Weiß zwischen Schwarz-Weiß), Siebengebirgs-Zwerge bandelten mit Franzosen an (gab`s das nicht schon mal in der Kölner Historie??).

Von Anstrengung gab es allerdings keine Spur, dieses Tempo war für Jedermann geeignet, den Lauf in vollen Zügen zu genießen. Allenfalls die ungewohnten Verkleidungen (warum gibt es eigentlich keine Baskenmützen aus federleichtem Stoff) trieben dem einen oder anderen Läufer die Schweißperlen auf die Stirn.
So beendeten wir beschwingt und immer wieder hinter den großen Fahnen von Deutschland und Frankreich versammelt die zweite Runde und bogen ein letztes Mal in das romantische Mühlental ein. Es war jetzt schon recht geräumig, die schnellen Hasen waren längst im Ziel und der Rest hatte sich auf der Strecke verteilt. Jetzt war für mich die Entscheidung fällig, wie ich denn später meinen Heimweg gestaltete. Ich hatte das Auto in der Nähe geparkt, angesichts des noch zu erwartenden Weingenusses entschied ich mich, es dort stehen zu lassen, entweder die 3-4 Km nach Hause zu laufen oder bei irgend Jemand eine Mitnahme zu schnorren- letzteres wurde dann umgesetzt...
Also wurden die Weinstände noch einmal komplett angesteuert. Auf dem Weg zum Honig überholten wir eine Gruppe japanische Touristen, die sich köstlich amüsierten und natürlich eifrig fotografierten. Ab jetzt wissen die Menschen in Kyoto oder Hokkaido, dass es in Dollendorf einen Volksstamm gibt, der in lustig gestreifter oder rot bemützter Tracht mit Musik auf dem Rücken durch den Wald rennt und sich ungehindert am Rebensaft berauscht. Der letzte Stopp am Honigwein erwies sich dann als Flopp, wurde mir doch vom Anbieter angeraten, besser auf den Met zu verzichten, er wäre noch etwas stark auf der Hefe, oder so ähnlich! Ich nahm das als glücklichen Wink des Schicksals, der mich wohl vor Schlimmeren bewahrt hatte. Bei den verbleibenden Verpflegungsstationen nahmen wir hier und da noch einen Schluck, sofern noch etwas da war, immerhin waren wir fast die Letzten, aber sicher auch eine der Lustigsten.

Beim Zieleinlauf nach fast 10Km wurden wir alle schön durchgezählt, was sich mir zunächst nicht erschloss. Später erklärte sich die Maßnahme damit, dass aufgrund der hohen Kostümdichte nicht für jeden gewandeten Teilnehmer die ausgelobte Flasche Wein bereit stand, nur jeder 3. oder 5. einer Gruppe bekam eine Flache. Beim anschließenden „Chill-Out“ im „Biergarten“ des Weingutes Sülz wurden dieser Rebensaft dann aber brüderlich/schwesterlich geteilt, so dass jeder seinen Teil von der Beute ab bekam.

Es gab wohl auch eine Siegerehrung, davon haben wir aber nichts mitbekommen. Es gab wohl auch Ergebnisse, die aber waren für mich mit 1:41:36 für die 10Km und einem7.AK-Platz eigentlich weniger von Belang. Aber wir bekamen ein graviertes Weinglas, das wir uns vor Ort füllen lassen konnten, als Finisher-Präsent.
Vorsorglich konnten wir uns eine Blanco-Urkunde einstecken und unsere Heldentat später daheim eintragen. Mir hat der Lauf wirklich einen Riesenspaß gemacht. Ich habe viele Freunde und Bekannte aus dem Siebengebirge und Jogmap-buddys getroffen. Der Veranstalter hat offenbar den Geschmack der Laufgemeinde genau getroffen. Eine perfekte Verbindung von Sport, Kultur und Genuss. Aus kleinen, entschuldbaren, Fehlern wird er sicherlich lernen und die Veranstaltung im nächsten Jahr wiederholen - würde ich mir jedenfalls wünschen!
Für mich persönlich war es ein ganz großer Erfolg, dass ich an diesem Lauf im Kreise meiner Freunde, ca. ein Jahr nach meiner schweren, überwundenen Erkrankung teilnehmen konnte!

Chris Harraß

Die ganze Foto_Serie:Le petit Mèdoc von Hofpoet

5
Gesamtwertung: 5 (8 Wertungen)

Du schaust toll aus!!

Die anderen natürlich auch!
Was für ein Genusslauf!!
Das ist auch Laufsport!;o)

Lieben Gruß Carla

Wohl sein!

da möchte ich 2013 dabei sein. Kennt jemand nen passenden Trainingsplan?



manchen bei youtube

@ manchen:

ich empfehle das Winzerfest Deines Vertrauens ;-)
Chris

vielleicht mal reinsehen: Siebengebirgsrun.de meine Laufseite

Tolle Sache das!

Hauptsache Spaß - und den noch mit Genuß. Da kann ja nichts mehr schiefgehen. Toll ausgesehen hast Du auch noch.

Herrlich!

Ihr seht nach einer richtig duften Truppe aus!
Danke übrigens für die Anregung, da werde ich mir auf dein Wohl doch auch gleich noch ein Gläschen Wein einschenken.

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

Wirklich

Wirklich verlockend!!!
Dankeschön für den Bericht.

LG
Jaimy

à votre santé...

...wie der franzose zu sagen pflegt - auf deine gesundheit! und das ist in dem fall ja woertlich zu nehmen. also wenn es zeitlich passt, wuerde ich nur zu gern den lauf naechstes jahr auch mitmachen...
____________________
laufend mag gern laufend genießen happy

danke

für die schönen Bilder und den netten Bericht.
Man sieht Euch (Dir) die Freude an.
Ich glaube, da würde ich auch gerne mitmachen.
Pat

Lieber Poet,

Deinem Bericht bleibt nichts hinzuzufügen - es war einfach eine rundum nette Veranstaltung.
Leider konnte ich mich nicht von VP zu VP durchsüffeln, da mein Chauffeur ja mehr als kurzfristig abgesprungen ist. Dafür hab ich ihm zuhause die Nase lang gemacht, nächstes Jahr sind wir (wieder) dabei.
Das manche Läufer so verbissen waren, konnte ich gerade bei dem Lauf auch nicht verstehen - geniessen muss da wohl erst noch gelernt werden.

LG,
Anja

Chris

danke für´s mitnehmen.
Wunderbar. Ich hab´echt was verpasst wie mir scheint.
LG, KS

mal ein...

unerhört attraktiver Damenbart neben dem Franzmann
_____
lache. saufe, hure, trabe! ...nota bene bis zum Grabe (C.M.Bellman)

Herzlichste Grüße

Vielen Dank für diesen Bericht und herzlichste Grüße von einem der Siebengebirgszwerge! :-)
Für uns stand der Spaß an der Veranstaltung ebenfalls an vorderster Stelle (was sich auch an einem grandiosen letzten Platz wiederspiegelt; mit Sarg im Schlepptau aber auch nicht weiter verwunderlich). Einzig die Kostümwertung hätten wir gerne gewonnen, dafür hatten wir uns echt ins Zeug gelegt. Auf Nachfrage im Ziel hieß es allerdings, dass die Siegerehrung schon stattgefunden habe und "einer der Franzosen" gewonnen hat. Wir gönnen es euch trotzdem von Herzen ;-)

@Siebengebirgszwerg

Ihr ward ne wirklich nette Truppe mit tollen Kostümen! Von einem Kostümpreis habe ich auch nix gehört, von unseren 30 Franzosen war es aber niemand... Da sollte der Veranstalter noch an seiner Tranzparenz arbeiten. Wir hätten den Kostümpreis auch gerne gewonnen.

Chris

vielleicht mal reinsehen: Siebengebirgsrun.de meine Laufseite

ja so war's

herrlich
und nächstes jahr müssen wir gaaaaaanz schnell melden sobald offen, ich fürchte da sind jetzt noch andere auf den geschmack gekommen
apropos geschmack: für meinen war's was wenig roter, den hab ich erst auf der letzten runde oben an der ecke am letzten großen stand entdeckt, hatte überhaupt wer sonst von den anderen 4 (am met ja nicht) welchen statt weiß?
hach (h)ick froi mir schon auf 2013
(und schäm mich fast daß auch ich als "nur" tricolore einen wein abgestaubt hab, aber ich glaub in der phase hatten sie auf einmal wieder flaschen übrig?)

The goal of science is to build better mousetraps, the goal of nature is to build better mice!

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