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Es hat jetzt drei Urlaube/Familienbesuche in Süd-Kalifornien gebraucht, dass ich es endlich bis nach San Diego geschafft habe. Teile meiner Familie wohnen in Anaheim, Orange County (jaja, genau da wo Disneyland ist ;-) und bis San Diego sind es nur knappe 200km.

Ich musste aber noch etwas nachhelfen und habe diesen Familienbesuch extra rund um den San Diego Marathon gelegt. Mittwoch, den 30.5. bin ich über den großen Teich geflogen, Donnerstag/Freitag den Jetlag verarbeitet und Freitag mit meinem Onkel und dessen Enkel die Reise nach San Diego gestartet. Wie auch schon im letzten Jahr in Portland konnte man die Startnummer nur am Vorabend abholen. Auch die durchaus ambitionierte Startzeit von 6:15 Uhr war ein weiterer Grund für die Anreise am Vortag.

6:15 Uhr ist genau NICHT meine Uhrzeit und meine mittlerweile etablierten Rituale (3 Stunden vor dem Start Vollkorntoast mit Honig) haben die Logistik nicht einfacher gemacht. Aber egal, das Leben ist kein Wunschkonzert.

Ein großer Unterschied zu den deutschen Marathons ist die Nationalhymne unmittelbar vor dem Start. Auch wenn ich es im Fernsehen vor jedem Baseball-, Football- oder was-auch-immer-Hallenhalma-Spiel manchmal belächle, so muss ich gestehen, dass es einem kalt den Rücken runterläuft, wenn pünktlich zum Sonnenaufgang die (nach offiziellen Angaben) über 30.000 Teilnehmer plötzlich ganz still werden und eine Sängerin a la "USA sucht den Superstar" ihre Interpretation der US-Hymne durch die Häuserschluchten schmettert.

Kurz darauf fällt der Startschuss. Ich stehe im zweiten von insgesamt 39 (!) Startblocks und sehe noch kurz die Favoriten davon eilen. Während Portland im letzten Oktober eher in die Kategorie "Jedermannmarathon" fällt, so sind in San Diego die obligatorischen 15-20 Afrikaner dabei und zusätzlich auch die beiden US-Olympiastarter Meb Keflezighi und Ryan Hall (der schnellste weiße Marathonläufer).

Ich hatte mir keine echte Zielzeit gesetzt. Ich war am Vorabend ein paar Bierchen ttrinken, der Jetlag und die frühe Startzeit sprachen deutlich dagegen mein Ziel für dieses Jahr, die Boston-Quali (3:10) in diesem Rennen zu verfolgen. Dennoch habe ich am Vorabend mal nachgerechnet...7:15 Min pro Meile müssten es dafür werden.

Irgendwo habe ich vor kurzem Mal die Frage gelesen "Was ist schwieriger, 42mal 1km oder 26mal 1Meile?" In Portland hätte ich definitiv noch gesagt, dass ich die längere Meile, bis ich wieder was zum rechnen hatte, eher ermüdend fand. Diesmal fand ich den Gedanken ganz sexy, dass es sobald es anfängt etwas wehzutun "nur" noch 8 Meilen, statt 13km sind. Whatever...ich lass die Beantwortung der Frage mal offen - muss jeder für sich selbst entscheiden.

Diesmal lief ich wieder ganz locker an und die Stoppuhr bei Meile 1 zeigte 7:12Min. Ups - fühlte sich gar nicht so an. Meile 2 und 3 in 7:16, bzw. 7:14. Da fängt man dann doch an zu überlegen, ob heute der Tag für die Boston-Quali ist. Meile 4 und 5 gehen leicht bergab...je 6:57...ach herrje, jetzt musst Du es eigentlich durchziehen. Meile 6 in 7:09, dann rächt sich, dass ich die Rituale doch nicht ganz durchgezogen habe. Meile 7 verbringe ich zum Teil auf dem Dixiklo und verliere knappe 2 Minuten.

Bis zum Halbmarathon halte ich aber die Pace, dann stellt sich die entscheidende Frage: Beschleunigen und versuchen die 2 Minuten wieder rauszuholen oder den ursprünglichen Plan vom lockeren Sightseeing-Marathon beibehalten. Es mag blöd klingen, aber zwei Gründe haben mich (überraschenderweise für den geneigten Leser??? ;-) zu letzterer Entscheidung kommen lassen. Erstens ist es mein Urlaub - wenn ich mich im Wettkampf voll auspower, verliere ich bestimmt 2 Tage durch die Regeneration. Der viel wesentlichere Grund ist aber: ich weiß gar nicht, ob San Diego offizieller "Boston-Qualifier" ist. Der Kurs ist kein Rundkurs und geht insgesamt leicht bergab, das empfand ich als Vorteil gegenüber anderen Marathons und stellte die Vermutung auf, dass dies von der BAA nicht akzeptiert wird. Hätte ich besser vorher mal recherchiert (was ich normalerweise sehr intensiv tue). Hinterher stellte sich natürlich heraus, dass es ein Boston-Qualifier ist.

Egal, wer weiß, ob ich die 2 Minuten rausgeholt hätte - ist wenn man am Limit läuft doch eine ganze Menge. So bin ich mein Wohlfühltempo weitergelaufen und habe vor allem die beeindruckend schöne Strecke der letzten 8 Meilen genossen. Alles direkt am Wasser entlang durch Parks, rund um eine Insel und das Ziel auf dem Sea World Drive, unmittelbar vor einer der Hauptsehenswürdigkeiten (Sea World). Während man unterwegs auch mal durch recht trostlose, menschenleere Gegenden lief (u.a. ein Teil über eine abgesperrte Autobahn), entstand zum Ziel hin dann doch eine super Stimmung im Publikum.

Kurz vor dem Ziel hatte ich auch noch zwei "Neben-"Erfolgserlebnisse komplett. Etwa bei Meile 24 überholte ich den Starter mit der Nummer 2121. Er lief fast das ganze erste Drittel mit mir, sah aber sehr dynamisch aus und zog dann auch leichten Schrittes davon. Ich war mir sicher, dass er an Ende irgendwas um die 3:05 oder sogar schneller laufen würde. Aber scheinbar hat es bei ihm nicht gereicht und er ist offensichtlich total eingebrochen.
Bei einem Wendepunkt bei Meile 17 fiel mir ein Läufer in auffälligem Shirt mit walisischer Flagge auf, er war bestimmt 2 Minuten vor mir und als ich ihn sah dachte ich, dass ich ihn wohl noch einholen müsste um zumindest im Europaranking noch vorzurücken. Danach sah ich ihn nicht mehr...bis ich auf die Zielgerade einbog und im Zielsprint überlief ;-).

Es wurde eine 3:16:09. Im Gesamtklassement reichte dies zu Platz 193 von über 7.100 Full-Marathon Finishern. Soweit ich das anhand der Ergebnisliste beurteilen kann, bin ich tatsächlich bester Europäer geworden, was aber aufgrund der sehr niedrigen europäischen Teilnehmerquote kein besonders aufregender Fakt ist (aber es hört sich einfach gut an ;-).

Im Zielbereich gab es Unmengen von Verpflegung. Man bekam sogar Einkaufstaschen gereicht um diese voll zu machen. War klasse, dann so hatte ich jede menge Energie-Riegel für die Woche später im Urlaub, die ich ein Renndad gemietet hatte und ein kleines "Trainingslager" absolvierte.

Es bleibt ein positives Fazit. Tolle Strecke, tolle Stimmung, Gänsehaut bei der US-Hymne und eine gute Zeit. Und für die Boston-Quali habe ich ja noch Zeit...man muss ja noch Ziele haben im Leben ;-).

5
Gesamtwertung: 5 (3 Wertungen)

Super Zeit

Und noch besserer Bericht.
Wird schon noch Klappen mit der Quali, du bist ja noch jung :-)
Ich habe die Bostonqualifikaton for 3 Wochen geschafft, aber für alte Herren gilt ja auch nur 3:25.
Muss nur noch mit der Registrierung klappen.

Lg,

Markus

Immer locker bleiben

und dann doch sehr früh ankommen - so muss man's wohl machen! :o)

Spitze!!

Danke für den tollen Bericht!

ER schafft das Wollen und das voll Bringen - mit extrem hohem Bringungsfaktor.

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