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Gestern bin ich bei meinem ersten Halbmarathon gestartet. Ich habe erst mal bis heute sacken lassen, was das war, und bin immer noch nicht so ganz schlüssig.

Als ich aufstand, hatte es schon 28 Grad. Am frühen Nachmittag dann 32. Na klasse... Aber der Lauf startete erst um 16:30 und laut wetter.com sollte es ab 17 Uhr stundenlang regnen, das würde ja gut abkühlen. Außerdem hatte ich vor einigen Wochen bei ähnlicher Hitze trainiert, zwar sehr langsam, aber so ziemlich der schönste und entspannteste meiner langen Läufe. Null Kreislaufprobleme, entspannte Beine, fröhliches Joggen ob der Erkenntnis dass man bei 28 Grad tatsächlich 17 km laufen kann ohne tot umzufallen. Dann gehen bestimmt auch 21,1 km.

Also auf nach Lichtenfels. Mal nicht Stunden vorher, sondern relativ zeitnah. Die Startunterlagenausgabe war gut organisiert, auch Toiletten waren zu finden. Drumherum war ein richtiges kleines Stadtfest aufgebaut mit Bierbänken, Essensständen, Blaskapelle und Kinderkarussell. Die Zeit reichte gerade gut, um alles abzuwickeln vom Einschnüren der Transponder bis zum Dehnen einiger neuralgischer Punkte. Kurz vor 16:30 ordnete sich alles hinter der Startlinie ein - tatsächlich mal die Läufer vorne und die Nordic Walker hinten, wie es sich gehört - und einige Minuten später gings auch schon mit einem enormen Startschuss los. Keine Ahnung was für eine Kanone die da abgefeuert haben, sie war jedenfalls nicht zu überhören!

Zusammen mit den 10- und 5-km-Läufern und Walkern ging es direkt mal einen kleinen Anstieg hoch und dann aus der Stadt heraus. Die ersten Kilometer, teils unter Bäumen am Main entlang, lief es recht gut und auch zügig etwa im angepeilten 7er Schnitt - der locker reichte, um noch eine Menge Leute zu überholen ohne dass ich das wollte. Es war halt sehr warm, aber nach 5 km kam ja schon die erste Verpflegungsstation. Dort nahm ich mir Zeit, ausgiebig im Gehen zu trinken. Bei 30 Grad die einzige Chance durchzukommen. Etwas beunruhigt nahm ich die Aussage der dortigen Streckenposten zur Kenntnis: "Mmmh...wir haben nur noch drei Kanister Wasser...die Halbmarathonläufer kommen doch alle noch mal durch..." Weiter ging es auf dem Hochwasserdamm und zwischen Wiesen hindurch. An einer Kläranlage vorbei, wo Enten auf den Klärbecken schwammen...mhh, lecker. Landschaftlich schöne Strecke, aber mir war höllisch warm, meine Backen glühten und es war hier, nach 6 km, schon absehbar dass es hart werden würde.

Doch dann begann die psychische Folter. Gefühlt kurz vorm Hitzschlag erreichte ich das Oberwallenstadter Wehr. Das überquert man nicht etwa mittels einer Brücke, sondern da sind "Trittsteine" mitten im Wasser. Mit 20 cm breiten Lücken dazwischen, wo direkt unter deinen Füßen das Wasser durchfließt. Glitzernd und glasklar. Am gegenüberliegenden Ufer spielte ein Kleinkind mit dem Schäufelchen im flachen Wasser. Und ich? Ich musste weiterlaufen...dabei hätte ich mich so gern ne Stunde zum Abkühlen da reingelegt.
Weiter dann auf der anderen Seite - über ein Campingplatzgelände, dann links und...in voller Länge an einem Badesee vorbei. Planschende Jugendliche im kühlen Nass. Entspannte Rentner auf Bänken. Argh. Da wars dann vorbei mit meiner Geduld. Die erste Gehpause, nach gerade mal 7,5 km. Ich hatte keine Lust mehr, keine Kraft mehr (im Kopf) und habe ernsthaft überlegt, nach der ersten Runde aufzugeben. Kann das erlaubt sein, bei solcher Hitze einen Lauf an so vielen Badestellen vorbeizulotsen? Aber bald trabte ich wieder an. Glücklicherweise kam bald der zweite Verpflegungsposten. Wieder ganz in Ruhe zwei Becher Wasser, einen über den Kopf, und auch mal ein paar Bananenstückchen. Keine Hektik.

Dann ging es schon wieder nach LIF rein...ein Stück menschenleere Stadt und dann zurück zum Start-/Zielbereich. Dort wieder ein, zwei Becher Wasser. Allmählich schien es minimal abzukühlen, aber die Luft war längst raus und mein rechtes Knie begann sich zu melden. Und jetzt? "Versuchen wirs einfach mal", dachte ich. Wenns nicht mehr geht, stehen überall Streckenposten. Von weiten Teilen der nächsten 5 km habe ich kaum eine Erinnerung. "Lass mich irgendwie halbwegs bis zum entferntesten Punkt der Strecke kommen, dann schaffe ich auch den Rest", dachte ich. Bald kam auch tatsächlich der Gedanke: "Hey, nur noch 10/8/6 km, das ist doch überschaubar". Und so ging das weiter. Jedes Kilometerschild war ein kleiner Triumph. Besonders dann km 18 - so weit war ich vorher noch nie.

Und doch hatte ich spätestens ab km 15 fast nur noch einen Gedanken: Warum mach ich das eigentlich? Warum bin ich hier? Will ich irgendwo hin? Hab ich noch einen Termin wo ich unbedingt rechtzeitig ankommen muss? Ist jemand hinter mir her? Oh, das 20-km-Schild, wie toll, aber warum eigentlich?

Um die 10-km-Runde auf gut 11 zu verlängern, kamen in der zweiten Runde noch zwei Schleifen hinzu. Da wurde die Strecke dann relativ einsam und die Gehpausen immer mehr, teils alle 600, 700 Meter. Dem Knie half das nicht. Aber der Puls war selbst bei einer 8er Pace über 170 - der Kreislauf hatte wohl einfach gut zu tun, die Wärme irgendwie abzuführen. Nebenbei hab ich aber was gelernt: Keine Angst vor Gehpausen. Versuchte ich durchzulaufen, wurde ich immer langsamer. Mit Gehpausen verlor ich kurzfristig auf meine "Nachbarn" im Rennen, aber mittelfristig blieb der Abstand gleich. Scheint was dran zu sein an Galloways Idee, sich in Gehpausen kurz zu erholen und dafür in den Laufabschnitten schneller sein zu können.

Der Lauf neigte sich dem Ende zu. Wieder ging es in die Stadt zurück. Nun stand noch eine letzte Schleife an, es ging scharf nach links...wo die für den Zielbereich versprochene Sambatruppe gerade zusammenpackte :-( ...und dann nochmal nach rechts...und da war er...der Schlussanstieg. Sechs, sieben Höhenmeter - als wäre es der Mount Everest. Mist. Hatte ich ganz vergessen, dass es da noch mal hochgeht. Eine letzte "Gehpause", oder Resignation? Ach, egal. Da noch hochgelatscht und dann ging es nur noch bergab ins Ziel. Wo ich noch nicht mal sofort wusste, wie lang ich denn nun gebraucht hatte, denn die Uhr zeigte sinnvollerweise "71:13:54" oder so an. Später wusste ich, es hieß 171 Minuten und 13 Sekunden und ich hatte somit 2:51 Stunden gebraucht. Fast 3 Stunden...damit hatte ich ja doch nicht so ganz gerechnet, aber in Anbetracht des Wetters ist es wohl okay mal 20 Minuten mehr als gehofft zu benötigen.

Dann stand ich im Ziel, nur erleichtert es irgendwie geschafft zu haben, und habe erst mal meinen Flüssigkeitshaushalt aufgefüllt. Die Siegerehrung angesehen, und mich dann langsam auf den Heimweg gemacht.

Nachgeplänkel:
Auf dem Weg zu meinem Auto traf ich auf die zwei Besenradfahrer. Über eine halbe Stunde nachdem ich im Ziel war! Der vordere der Radfahrer sagte plötzlich "Ja wo ist sie denn? Die wird doch nicht...?!" und wendete - und Tatsache, knapp einen Kilometer vorm ersehnten Ziel war "seine" Läuferin falsch abgebogen, hatte vermutlich die falsche Seitenstraße für den Beginn der Zielschleife gehalten. Hinter der wieder eingefangenen Vorletzten kam noch ein 60jähriger Herr. Die beiden kamen nach 3:29 ins Ziel, wirkten aber nicht enttäuscht oder so. :-)

Der Regen kam dann übrigens, als ich wieder zuhause war...

Ich weiß noch nicht recht, wie ich den HM einordnen soll. Festgestellt habe ich, dass die Beine eigentlich bis kurz vor Schluss noch locker und kraftvoll waren. Die und die Strecke sind nicht das Problem. Der Kreislauf hingegen war am Limit. So gehe ich davon aus, dass ich beim nächsten Mal - bei normaleren Temperaturen - schneller sein könnte und weniger Pausen bräuchte.

Ähm...habe ich gerade von einem "nächsten Mal" geredet?

5
Gesamtwertung: 5 (5 Wertungen)

wusste gar nicht ...

... dass es in Lichtenfels so viele Bademöglichkeiten gibt ;-)

Durchkämpfen, auch wenn der Kopf eigentlich nicht mehr will ... schon das ist ein Sieg !
Schnellere Zeiten kommen bei besseren Wetter ! Also: "nächstes Mal" ist schon gut ;-)

Und hatten sie jetzt in der 2. Runde noch Wasser ???

VLG

jaja

die verlockungen am rande der strecken - damit hab ich auch ab und an zu kämpfen. .mich hat bei einem hm mal ensetzlich gelüstet, mich auf ein bänkchen im grünen zu setzen und die warme herbstsonne zu geniessen. zum glück war mein persönlicher sklaventreiber dabei und hat mich schwer zurückgepfiffen ;)
beim nächsten mal gar nicht erst hingucken und erst recht nicht drüber nachdenken
:)
glückwunsch zum ersten hm

g,c

Glückwunsch...

....dass du es durchgezogen hast ! - Und wann ist jetzt der nächste ? :-)

Und siehste : hat auch ohne mich geklappt ;-)

Ja, Du hast vom nächsten Mal

geschrieben, hihi.

Glückwunsch zum Finish bei den verschärften (mentalen) Bedingungen! Und an Gehpausen ist noch keiner gestorben, die holen den Kreislauf gut runter und weiter geht's. Hast Du ja selbst gemerkt. Aber warum Du das machst? Das musst Du selber wissen.

Jedenfalls wünsche ich Dir beim nächsten Lauf viel Spaß!

Och, mal sehen, Oberfranke...

Eilt erst mal nicht. Erst mal erholen und dann etwas weg von den ganz hohen (lol...33 km war das höchste) Kilometerumfängen. Vielleicht mal wieder nen 5- oder 10-km-Wettkampf aussuchen? Mir machen doch Intervalltrainings so Spaß. ;-) Aber Tempotraining und lange Läufe zusammen vertrag ich nicht so gut.
Du hast nix verpasst, ganz ehrlich - bei dem Wetter wars nicht so spaßig dort zu laufen. Vielleicht ja nächstes Jahr wieder hin, bei 20 Grad ist das ne sehr schöne Strecke mit bunt gemischten Untergründen von Asphalt bis Rasen. Wärst du mit mir gelaufen, hätte ich dich auch nur angeschwiegen oder über mein Knie gemeckert - aber ich glaube übers Knie meckern kannst du alleine auch. ;-)

Leb dein Leben - bevor es zu spät ist.

Ich hab sogar noch ne Badestelle vergessen...

...das Flussbad nämlich. Da mussten wir sogar zweimal vorbei. Entweder vergessen aufzuschreiben oder unaufmerksamerweise beim Kürzen wieder gestrichen. :D
Ja, sie hatten dann glücklicherweise noch Wasser und Iso. Hatten ja auf einer 10km-Runde genügend Zeit, noch was nachzuholen. Von daher kann man den Organisatoren keinen Vorwurf machen. Zeigt halt, wie schwer bei der Wärme einzuschätzen ist, wieviel Wasser wirklich nötig ist, sowohl für uns Läufer als auch für die Veranstalter.

Leb dein Leben - bevor es zu spät ist.

Gefinished!!!!

... und "nächstes Mal" sind so die wichtigsten Passagen in diesem schönen, ausführlichen und ehrlichen Bericht!

Ich habe förmlich mitgelitten. Aber Du hast es durchgezogen, chapeau!

Nochmal "Herzlichen Glückwunsch zum ersten Halbmarathon" ... und erhol Dich gut, Buddyline!

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