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Pünktlich eine Woche vor dem langersehnten Edinburgh Marathon Festival und damit meinem allerersten Halbmarathon begann mein Hals zu kratzen – war das der Tribut an ein kühles Surfwochenende am Comersee? Dabei hatte ich mich doch extra in den dicken Winterneopren gezwängt, höchstens Hände und Füsse hatten etwas kalt bekommen… :(( Absolute Sportabstinenz, heisse Bäder und Badewannenweise Jogmap-Wundertee (ich kann absolut keine Zwiebeln mehr sehen…) brachten die Halsschmerzen bis Donnerstag zum Verschwinden, bis zum Abflug am Samstag war nur noch die Nase und ein Ohr verstopft. Ich beschloss erst am Sonntagmorgen zu entscheiden, ob und wie ich laufen wollte.

Den Samstagabend verbrachten wir bei „Comedy & Carbs“ im EMF-Hub mitten in der Stadt. Die Spaghetti waren lecker und die Leute supernett und bestens gelaunt. Comedy in Englisch ist ja schon mal nicht ganz einfach zu verstehen, noch viel schwieriger wird’s aber, wenn der Comedian mit nahezu unverständlichem Schottischen Akzent spricht ;)

Am Sonntag um halb 6 klingelt der Wecker, und da das Hotel erst ab 7:30 Frühstück anbietet, haben wir uns Zwieback, Weissbrot und Honig gekauft. Der Halbmarathon soll um 8 Uhr losgehen, und da mein Freund erst gegen 10 Uhr beim Marathon startet, habe ich Unterstützung beim Start. Die Blockeinteilung und Gepäckaufgabe nach Startnummernfarbe ist top organisiert, und so habe ich ausreichend Zeit zum Einlaufen und für einen ausgiebigen „Systemcheck“. Ich fühlte mich ganz ok, und beschliesse deshalb nach Gefühl und ohne Zielzeit zu laufen. In meinem Startblock „Schwarz“ reihe ich mich ganz hinten ein, neben mir eine Flaggen-geschmückte Kanadierin, vor mir ein Schotte, der sich sagenhafte 6 Gels um den Oberarm geschnallt hat – und ich hatte gedacht, dies sei bloss ein Halbmarathon… ;)

Der Startschuss fällt, die Läufer jubeln und ich bekomme eine Gänsehaut (nicht vom nebligen Wetter) und feuchte Augen. Endlich bewegt sich mein Block, ich bekomme das Strahlen gar nicht mehr von meinem Gesicht runter, als ich über die Startlinie laufe, und nach der Linie meinen Freund abklatsche. Ich versuche alles aufzusaugen, um es später abrufen zu können, falls es hart werden sollte. Vor lauter Geniessen vergesse ich sogar, die Starttaste meines Garmins rechtzeitig zu drücken… Die ersten km führen durch die neblige Stadt: schön, angenehm kühl und genau meine Verhältnisse. Es läuft problemlos, vielleicht kann ich ja trotzdem versuchen, die geplante Pace zu gehen…? Bis km 5 gehts leicht abwärts gegen die Küste, dort beginnt sich der Nebel rasch aufzulösen und die Morgensonne brennt schon mit erstaunlich viel Kraft. Die Verpflegungsposten sind super organisiert, das Wasser gibts in Flaschen zum mitnehmen. Bis zur 10 km Matte kann ich die 6er Pace recht problemlos halten, lasse mich vom Läuferstrom und den noch etwas spärlichen, aber umso enthusiastischeren Zuschauern tragen, und geniesse sogar die schöne Küstenlandschaft und die Meerluft.

Doch ganz plötzlich will der Körper nicht mehr so recht, fühlt sich schwer und ausgelaugt an, die Beine mögen sich kaum mehr bewegen. Als ich in der Ferne eines der gelben Schilder erblickt, welches auf einen Verpflegungsposten hinweist, beschliesse ich, mein Gel bereits jetzt einzuwerfen. Ich hatte mich beim Kauf für Zitrone entschieden, da mir das am neutralsten erschien – aber bäh, so stelle ich es mir vor, wenn man an einer WC-Ente saugt! :p Leider stellt sich heraus, dass das Schild bloss auf eine Verengung der Laufstrecke hinweist, also muss ich das Zeug ohne Wasser runterkriegen, was mir ordentliches Seitenstecken beschert. Die Pace ist inzwischen auf 6:20 bis 6:30 gefallen, und ich versuche mir vergeblich einzureden, dass ich die neue Energie, die mir das Gel bringen sollte, jetzt langsam spüre. Bei Kilometer 15 gehts am Zielgelände vorbei, weiter der Küste entlang, jetzt mit Gegenverkehr der schnelleren Läufer, welche schon beinahe im Ziel angekommen sind – irgendwie demotivieren. Der Versuch etwas zu beschleunigen endet in den zwei langsamsten Kilometern des gesamten Laufes, nur noch knapp unter der 7er Pace, und der Wendepunkt will und will einfach nicht kommen. Inzwischen ist es auch noch richtig warm geworden, die Hälft der nächsten Trinkflasche kippe ich mir über den Kopf. Die wenig Wärmegewohnten Schotten stellen bereits die Rasensprinkler an die Strecke, damit sich die Läufer abkühlen können, und leider liegt auch bereits ein kollabierter Läufer neben der Strecke, der gepflegt werden muss. Vom zweiten Teil der Strecke bekomme ich sonst nicht allzu viel mit, es ist bloss noch Konzentration auf den jeweils nächsten Schritt, und darauf, nicht zu gehen. Endlich der Wendepunkt, den letzten Verpflegungsposten lasse ich aus, abbremsen und wieder beschleunigen scheint mir völlig unvorstellbar. Endlich einbiegen auf das Schulgelände der Pimkie-School, Zielgerade, Schlussspurt ist nicht drin, aber wenigstens Kopf hoch und lächeln – das klappt! Über die Linie, endlich gehen, zickzack, die Beine wissen nicht mehr so genau, wie das funktioniert. Zuerst bin ich einfach nur froh, angekommen zu sein, aber als ich dann die riesig grosse und schwere Medaille übergestreift bekomme und das Finisher-Shirt erhalte, kommen die Glücksgefühle und auch der Stolz!

Fazit zum Edinburgh Marathon Festival: top organisiert, Gepäcktransport für HM und Marathon problemlos, Verpflegung gut, die Stimmung im grossen Zielgelände super. Da die ersten Marathonis erst knapp nach den letzten Halbmarathonis eintrafen, wurden auch die allerletzen Läufer des HM nach über 3:40 geradezu ins Ziel gebrüllt. Auf die eher un-Schottischen Temperaturen haben sich die Organisatoren auch gut eingestellt, überall war Wasser verfügbar, und es wurden Rehydrationstabletten verteilt. Einziger winziger Kritikpunkt ist der lange Fussmarsch zur Rücktransport-Busstation (ca. 15 Min.), hart vor allem für die Marathonis. Aber da wir noch am selben Abend auf den Edinburgher Hausberg „Arthur‘s Seat“ gestiegen sind (Zitat „Schau mal, das Licht ist soooo schön! Wir könnten doch… - wollen wir?“), können wir uns darüber auch nicht beschweren… ;)

Der Garmin zeigte übrigens knapp 2:15, zwar zehn Minuten langsamer als geplant, aber mehr lag einfach nicht drin, und ich bin eigentlich total happy mit der Zeit! Wenn ich an den Zieleinlauf denke, kommt die Freude und der Stolz bis heute wieder hoch, und ich habe mich bereits für den nächsten HM angemeldet – vielleicht klappt’s ja in Luzern mit den 2:05!

5
Gesamtwertung: 5 (3 Wertungen)

Hey, schön wieder etwas von

Hey, schön wieder etwas von Dir zu lesen.
Einen coolen ersten Halbmarathon hast Du Dir ausgesucht.
Luzern ist bei mir auch geplant, bin aber noch nicht angemeldet. Vielleicht sieht man sich ja wieder. Mein Haseb vom Zürich City Run möchte auch mit. Muss ihm noch irgendwie beibringen dass ich beim Luzern HM nicht hasiert werden will.

Schöner Bericht

tolle Zeit und lustiger Text von wegen WC-Ente :-)

lg us em Aargau
Ute

Laufen berührt die Sinne, verwöhnt unsere Seele und macht uns stark, das Leben in allen Situationen anzunehmen.

Gratuliere

zur tollen Zeit.
Hoffe das die Hitze noch erträglich war.
Bin selber um 9:50 zum vollen Marathon gestartet.
Wenn man noch den Fußmarsch zum Bus dazuzählt, wars ein Ultramarathon ;-)

Wie schon von Dir bemerkt, die Organisation und das Publikum vor allem außerhalb von Edingburgh waren super.

lg,

Markus

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