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Sonntag, 3. Juni 2012 | Köln, Grüngürtel | Gruppenzwang
Noch 133 Tage bis zum Marathon

Der Laufsport zeichnet sich bekanntlich dadurch aus, dass er im Grunde seines Wesens zu den Outdoor-Sportarten zählt und üblicherweise an der frischen Luft betrieben wird, wenn man nicht gerade der Fraktion derer angehört, die dem Laufband in muffigen, schlecht belüfteten Fitnessstudios oder der Tartanbahn in einer Leichtathletikhalle den Vorzug geben. Wenn man wie ich seinen Beruf in Büro- und Besprechungsräumen ausübt, dann weiß man es ganz besonders zu schätzen, wenn man sich mal draußen bewegen darf. Diese Wertschätzung hält sich allerdings in engen Grenzen, wenn das Wetter so richtig übel ist. Dann sind die Qualitäten gefragt, die man als Marathonläufer mitbringen sollte: eiserne Disziplin, hohe Leidensfähigkeit und Kampfsaumentalität. Ohne hier explizite Selbstbeweihräucherung betreiben zu wollen, behaupte ich, dass ich über diese Attribute verfüge. Allerdings unterliegen auch diese bei mir tagesformbedingten Schwankungen. Heute ist so ein Tag, an dem meine Formkurve einen etwas verkümmerten Eindruck erweckt, was im Wesentlichen der Tatsache geschuldet ist, dass ich die beiden Abende zuvor – bedingt durch einen Konzertbesuch und einer gesellschaftlichen Zusammenkunft mit ehemaligen Kollegen – jeweils sehr spät ins Bett gekommen bin. Oder früh, je nach dem, wie man es sieht. Demzufolge stellt mir mein innerer Schweinehund im Vorfeld des für heute Morgen anstehenden Trainingslaufs (neunzig Minuten im Wohlfühltempo) ein paar ziemlich unangenehme Fragen, auf die ich gerade versuche, die passenden Antworten zu finden: „Musst Du wirklich bei diesem Sauwetter laufen?“, „Wer sagt, dass Du an einem Sonntag um 6:00 Uhr morgens aufstehen musst, obwohl Du die letzten beiden Nächte nicht mehr als vier Stunden geschlafen hast?“, „Was spricht dagegen, den Lauf zu verschieben?“, „Bist Du noch ganz dicht?“

Das sind so die Augenblicke, die einem zeigen, wie ungeheuer wichtig und zielführend – aus einem gewissen Blickwinkel betrachtet aber auch verflucht und verhängnisvoll – eine gewachsene und etablierte Trainingspartnerschaft sein kann. Denn ich bin für den heutigen Lauf mit Christine verabredet. Ich mag mir gar nicht ausmalen wollen, was ich von meiner kleinen zähen Kampfsau zu hören bekäme, wenn ich den heutige Lauf aufgrund von keine Lust und Müdigkeit absagen würde. Diesen Mangel an Disziplin würde sie auf keinen Fall durchgehen lassen und ich könnte mich danach ganz schön warm anziehen. Schweinehunde haben gegen Kampfsäue einfach keine Chance! Dann werde ich mich jetzt mal aus der Poofe wuchten, in die Laufklamotten zwängen und auf den Weg zu Christine machen. Wer von uns ist eigentlich auf die bescheuerte Idee gekommen, sich an einem Sonntagmorgen um 7:00 Uhr zum Laufen zu verabreden? Ich befürchte, dass ich das war. Dann muss ich die Suppe jetzt eben auslöffeln. Mein jämmerliches Erscheinungsbild führt dazu, dass Christine mich an ihrer Pforte mit einer Mischung aus Sorge, Überraschung und vielleicht auch ein wenig Schadenfreude empfängt. Wenn sie es nicht besser wüsste, dann würde sie wahrscheinlich glauben, ich wäre verkatert. Auf der anderen Seite beherrsche ich aber die Kunst, auch als Antialkoholiker durchaus einen Kater haben zu können.

Letzte Woche, als wir den heutigen Lauf geplant haben, habe ich Christine per Mail drei alternative Strecken vorgeschlagen. Vorschlag 1: eine große Runde durch den Grüngürtel (15,2 km, von mir in Jogmap geplant und vermessen). Kommentar Christine: „geht gut!“. Vorschlag 2: Runde am Rheinufer (14,8 km). Kommentar Christine: „geht gut!“. Vorschlag 3: Einfach drauf los laufen. Kommentar Christine: „Wie bist Du denn drauf? Geht gar nicht!“. So ist das nun mal mit uns trainingsplangesteuerten Krümelkackern. Wir brauchen Struktur und Orientierung. Auch ein Grund, warum sich die Absage eines Trainingslaufs aus niederen Beweggründen bei uns verbietet. Aufgrund des ungemütlichen Wetters entscheiden wir uns für den Schutz der Bäume und geben dem Grüngürtel gegenüber dem Rheinufer den Vorzug. Vom südlichen Teil des Grüngürtels aus über Brühler Straße und vorbei am Kalscheurer Weiher bis hoch zum Haus am See, dann um den Decksteiner Weiher herum und wieder zurück. Wir versuchen mal unser Glück und laufen los. Wenigstens gönnt sich der Regen gerade eine Pause und die äußeren Bedingungen zeigen sich etwas gnädiger. Trotzdem! Wie soll ich das heute nur schaffen? In einem Anflug von Optimismus hoffe ich, dass der Lauf eine reanimierende Wirkung auf mich haben wird und gebe Christine zu verstehen, dass ich ein paar Kilometer brauche, um wach zu werden. Zum Glück geht diese Rechnung auf und ich freue mich nach ungefähr zwanzig Minuten über die Rückkehr meiner wesentlichen Vitalfunktionen. Jetzt, wo ich einigermaßen auf Betriebstemperatur bin, kehrt in unserem Lauf die übliche Routine ein. Wir quasseln wie gewohnt und diskutieren bei einer Pace von etwas über sechs Minuten pro Kilometer einige essenzielle Lebensfragen aus. Wobei mein Redeanteil im Vergleich zu Christines deutlich kleiner ausfällt. Ein Mann, ein Wort! Eine Frau, ein Wörterbuch! Diese Ungleichheit mag aber im Wesentlichen daran liegen, dass ich zwar jetzt körperlich erwacht bin, der Geist aber noch ein paar Anlaufschwierigkeiten hat. Aber auch das gibt sich nach einer Weile. Ich würde an dieser Stelle die kühne Behauptung aufstellen, dass mir der Lauf mittlerweile sogar Spaß macht. Allerdings erfährt der Spaßfaktor recht bald einen herben Rückschlag, denn kurz bevor wir auf dem Rückweg wieder die Luxemburger Straße erreichen, setzt der Regen erneut ein. Damit meine ich nicht ein paar wenige Tropfen, die hatten wir eigentlich schon den ganzen Lauf hin und wieder mal, die stören uns nicht. Nein, ich meine jetzt so etwas, was die Bezeichnung „Regen“ auch wirklich verdient. Ich will nicht so weit gehen und von einer Sintflut sprechen, es war aber stellenweise schon nah dran. Einmal nass bis auf die Knochen, kümmert es einen eigentlich nicht mehr. Auf der anderen Seite: schön ist was anderes. Vor allem vor dem Hintergrund, dass ich heute ohnehin lieber im Bett geblieben wäre. Die kleine Kampfsau an meiner Seite macht ihrem Unmut über die äußeren Bedingungen nachhaltig Luft und gibt mir mehr als einmal zu verstehen, dass sie sich jetzt was Angenehmeres vorstellen könnte, als mit mir im strömenden Regen durchs Unterholz zu rennen. Dabei entgeht mir nicht dieser vorwurfsvolle Unterton, der mir wahrscheinlich sagen soll: „Wenn Du Ochse schon die Strecke planst, dann sorg gefälligst auch für besseres Wetter!“. So ist das nun mal! Wenn gerade die weltweit beste Ehefrau nicht zur Stelle ist, um mir die Schuld für irgendwas zu geben, dann übernimmt das eben meine patschnasse Laufkumpanin. Frauen! So sind sie eben!

Als wir nach gut anderthalb Stunden wieder unseren Ausgangspunkt erreichen, regnet es zwar immer noch aber wenigstens nicht mehr so stark. Christines Laune hat sich dadurch aber nicht gebessert. „Bist Du eigentlich verrückt, mich bei so einem Wetter durch den Wald zu jagen?“, wirft sie mir an den Kopf. Ich kontere: „Meinst Du vielleicht, ich wäre heute Morgen aufgestanden, wenn ich nicht mit dir zum Laufen verabredet gewesen wäre?“. Ihr Blick verrät, was sie unausgesprochen lässt: „Stinkstiefel!“

Fluch und Segen einer Trainingspartnerschaft! Es lebe der Gruppenzwang!

4.2
Gesamtwertung: 4.2 (5 Wertungen)

Frauen sind tolle Menschen

Frauen sind tolle Menschen oder?

Danke für diesen schönen Blog. Tapfer warst Du - in aller Herrgottsfrühe an einem Sonntag im strömenden Regen zu laufen, ist nicht wirklich klasse.


Jogmap-Schleswig-Holstein - de neongelen Löper ut´n Norden

Ja, das ist das tolle ...

... an Laufverabredungen zu sehr früher Stunde. Man kann nicht mal absagen, weil man sich nicht traut anzurufen, da ja sonst die ganze Familie wach ist.
Also doch raus.
Geil!
Nur Regen, der stört doch nicht!
;-)

Doch, Schalk, Regen stört.

Doch, Schalk, Regen stört. So ein paar Tropfen sind ok und zu tolerieren, aber so ein echter Regen? Da wird man ja nass!!! Igitt!
Ich bin wasserscheu.


Jogmap-Schleswig-Holstein - de neongelen Löper ut´n Norden

so gehts mir auch

..jeden Samstag die Verabredung "morgen wie immer" mit meiner Lauffreundin Jette-Emma und morgens um halb 7 dann "wie kann man nur so blöd sein" - aber: ich weiß nicht wie oft ich nicht gelaufen wäre ohne die Verabredung. Und das langsame Wachwerden beim Laufen und Quatschen und sich an der Natur freuen ist jeden Sonntag wieder toll - auch bei Regen. Biste einmal nass störts nicht mehr.
Pat

Der Kölner braucht das

Der Kölner an sich braucht doch den Gruppenzwang. Das hat er doch mit der Muttermilch schon aufgesogen.
Der beschriebene Regen kann nicht so schlimm gewesen sein, denn es waren doch nur 3 Liter auf den qm. Also höchsten erhöhte Luftfeuchtigkeit. Dann kann man ja froh sein, dass es kühl war, denn ansonsten wäre es auch noch schwül geworden.

Trainingspartnerschaft

Das ist was ganz Feines!
Mein Trainingsbuddy hat jedes Mal Angst um seine Frisur, wenn's regnet! Wenn er auch noch länger im Bad braucht als ich, würde mich das nicht wundern! ;-))

es geht halt nichts

über ein ordentliches uuuwaaahhh am Morgen. Das darf man dann am Ende eines so netten Laufes machen. Ein Trainingsbuddy hilft da ungemein um sich bloß nicht noch mal umzudrehen.

Ich hätte ja die Strecke am Rhein gewählt, da hätte es dann wenigstens zum Regen noch Wind gegeben...

Wenn ich was zum Laufen schreibe dann alsBambiniläufer

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