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Ich weiß, es hört sich etwas blöd an (zumindest liest es sich so), aber ich habe mich schon ins Trainingslager begeben, bevor ich überhaupt etwas von dem Halbmarathon in Pristina am 09.05. wusste ... aber der Reihe nach ...

Es geschah am 06. März 2009, als ich auf Wunsch meines Dienstherren im HQ KFOR in Pristina, der Hauptstadt des Kosovo aufschlug. Dem/der einen oder anderen Leser/Leserin wird dieser Begriff wohl bekannt sein, für alle anderen ist die Kenntnis desselben nicht wirklich wichtig, um meiner weiteren Story folgen zu können - also verzichte ich auf ausschweifende Erklärungen. Wenn es jemand nun partout wissen will, kann er/sie ja gerne ein wenig googeln.

Da ich gerne so 2 - 3 mal die Woche laufe, wollte ich diese Gewohnheit natürlich auch hier im Kosovo beibehalten. Die Voraussetzungen sind dafür gar nicht so schlecht - es gibt eine sogenannte "Zaunrunde" mit einer Länge von ziemlich genau 2.440 m, wobei man auch selbst durch die Laufrichtung festlegen kann, auf welcher Seite der Zaun sich beim Joggen befindet.

Eines Abends im April sagte mir ein guter "Freund", der mich schon das eine oder andere Mal laufen gesehen hatte, beim wohlverdienten Feierabend-Bier, dass am 09.05.2009 ein Halbmarathon in Pristina veranstaltet werden würde. Es gäbe sogar eine Altersklasse für Veteranen, also wie maßgeschneidert für mich. Als er sich kurz darauf noch den Schaum aus den Haaren und Augenbrauen (einem Vergleich mit Theo Waigel würden sie jederzeit standhalten) wischte und ich mir ein neues Bier holte, überlegte ich mir jedoch bereits ernsthaft, ob ich nicht wirklich daran teilnehmen sollte. Einen Tag später war dann auch mein Entschluss gereift; ich meldete mich für den Halbmarathon an und hatte dabei nicht die geringste Ahnung, was auf mich zukommen würde. Es wurde zwar zeitgleich auch ein 5 km Lauf angeboten, aber der war aus meiner Sicht ja nur etwas für Mischwaldjogger.

In den verbleibenden vier Wochen bis zum Wettkampf war ich wirklich bemüht, etwas zielgerichteter zu trainieren, was sich bzgl. der Laufleistung jedoch in Grenzen hielt, da ich dienstlich dann doch einigermaßen eingespannt war. Nichtsdestotrotz freute ich mich auf dieses Ereignis, hatte ich doch bisher keine Gelegenheit gehabt, die Innenstadt von Pristina etwas näher zu erkunden. Auch den rapide steigenden Temperaturen ca. eine Woche vor dem Wettkampftag maß ich keine größere Bedeutung bei.

Am Samstag, dem 09.05., wurde ich dann so gegen 06:30 Uhr durch strahlenden Sonnenschein geweckt. Ich drehte mich eimal um, schlummerte noch etwas ein und wunderte mich auch nicht über die bereits zu diesem Zeitpunkt durch das Fenster herein strömende Wärme. Um halb acht war dann Schluss mit lustig, ich befreite mich aus den Federn, ging duschen und rasierte mich besonders ordentlich - man weiß ja nie, ob man nicht auf irgendeinem offiziellen Foto erscheint. Schnell noch 3 Kalium-Magnesium-Sticks aus der Pflegeserie "Das gesunde Plus" von dm reingepfiffen (darf man hier eigentlich Werbung machen?), einen Liter Wasser getrunken und schon bewegte ich mich zum Ausgang der klimatisierten Container-Unterkunft. Mittlerweile war es ca. neun Uhr und die Außenluft empfing mich mit einer wohligen Wärme von gefühlten 25 Grad - um diese Uhrzeit wirklich sehr vielversprechend, wenn man den Tag irgendwo am Pool oder See verbringen will. Da die Busse aber schon für den Transport bereit standen, blieb mir nahezu keine Zeit, über weitere Temperaturentwicklungen zu sinnieren.

Um 10:00 Uhr ging es dann richtig los. Alle Läufer, also auch die 5 km Bummler, waren zusammen am Start. Noch kurz davor war ich zwar nachdenklich, ob das auch wirklich so gewollt war, aber als sich keiner mehr außerhalb der Startbox befand, folgte auch ich dem Herdentrieb und gesellte mich dazu. Nach ca. 600m trennte sich dann die Spreu vom Weizen; die HMler mussten rechts abbiegen, die "anderen" sollten geradeaus weiter laufen. Bis auf wenige Ausnahmen, die den HMlern wenig später wieder entgegen kamen, klappte das auch erstaunlich gut. Zur Ehrenrettung derjenigen, die vom richtigen Pfad abgekommen sind, sei aber erwähnt, dass ich keinerlei Entscheidungshilfen bzgl. der Laufrichtung erkennen konnte - und zu diesem Zeitpunkt war meine Sehleistung noch im Normbereich! Ich durfte jedoch bereits zu diesem Zeitpunkt feststellen, dass es mit dem Pristina-Sightseeing wohl nix werden würde, da wir uns zügig aus der Stadt in Richtung Flughafen und Kraftwerk bewegten. Bei mittlerweile 30 Grad lief es richtig gut! Am Wegesrand standen Streckenposten, die uns anzeigten, wieviel Kilometer noch vor uns lagen. Es mag an einer gewissen Individualität dieser Streckenposten bzgl. des Standortes gelegen haben, dass wir für einen km ca. 7:30 min, für den nächsten dann allerdings rekordverdächtige 2:30 min benötigt haben. Aber zumindest die Wasserstellen, die ziemlich genau alle 5,5 km eingerichtet waren, gaben uns einen ungefähren Hinweis über unsere Laufleistung. Bis ungefähr zur Hälfte war die Welt bei mir auch noch in Ordnung.

Dann näherte ich mich nach einer knappen Stunde dem Kraftwerk. Nun gut, das Kosovo benötigt Strom. Dass dieser Strom jedoch von einem Kraftwerk erzeugt wird, dessen Umweltbelastung mindestens das Zehnfache dessen beträgt, bei dem unsere Innenstädte schon für jeglichen Fahrzeugverkehr gesperrt werden, wurde mir erst zu diesem Zeitpunkt so richtig bewusst. Nachdem ich an der ersten Wasserstelle vorbei geprescht war wie Felipe Massa bei einem vergessenen Boxenstopp, entfaltete die Kombination aus Feinstaubbelastung und Dehydration so langsam ihre Wirkung. Es ging bergauf - zwar nicht mit mir, aber dafür mit dem Gelände.

War ich vorher noch mit einem für meine Verhältnisse hervorragenden Schnitt von ca. 5 min/km unterwegs, ließ ich es nun doch etwas gemächlicher angehen und sehnte mich nach der nächsten Wasserstelle. Zwar konnte ich diese noch nicht sehen - der Blick war mittlerweile schon ein wenig verklärt -, aber wie ein Kamel spürte ich, dass diese nicht mehr weit weg sein konnte und ich aktivierte noch verbliebene Reserven. Endlich angekommen - nur zur Erinnerung, es waren gerade einmal ca. 11 km geschafft - nahm ich ein paar großzügige Schlucke aus der Pulle, goss mir den Rest über die Rübe ... und fühlte mich nicht wirklich besser ... mittlerweile hatten wir übrigens 35 Grad. Aber aufgeben ist nicht, also wählte ich eine etwas andere Strategie. Was mir an Sehfähigkeit noch verblieben war, versuchte ich auf "glutei maximi" - vorzugsweise der weiblichen Art - zu lenken und mich so ins Ziel führen zu lassen. Jawohl, meine Damen, man könnte das durchaus als sexistisch betrachten, aber zu diesem Zeitpunkt war mir jedes Mittel recht. Über die zweite Hälfte des Laufes möchte ich den Mantel des Schweigens hüllen, auch ich habe meinen Stolz, aber irgendwie scheint diese Strategie - zusammen mit der Einsicht, keine weitere Wasserstelle mehr auszulassen - erfolgreich gewesen zu sein. Nach knapp zwei Stunden, mehr torkelnd als aufrecht laufend war ich dann auch im Ziel! Es war kurz vor zwölf, auch von der Uhrzeit her gesehen; ich taumelte zum Bananenstand, war kurz davor, die erste mit Schale zu essen, wurde mir im Unterbewusstsein dann aber doch noch unserer Evolutionsstufe gegenwärtig. Nach dem Genuss von 2 Litern Wasser und zwei weiteren Kalium-Magnesium-Sticks der o. a. Pflegeserie der o. a. Drogeriekette (sehr geehrte Damen und Herren von dm, ich stelle mich gerne als Werbepartner zur Verfügung) ging es mir wieder so gut, dass ich bei einer Zigarette mein Fazit ziehen konnte:

Es war toll und die 5 km wäre ich trotzdem nicht gelaufen!

4
Gesamtwertung: 4 (5 Wertungen)

Geiler Bericht.

Sehr anschaulich und echt interessant. 35°C? Hammer!

Nur an den Kalium-Magnesium-Sticks bin ich hängengeblieben. Was ist das? Nannte man sowas früher Kreide? ;)

(Ach nein, das ist Kalzium, oder?)

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Wir sind BORN. Verstand ist zwecklos. Sie werden bekloppt.

Der Gruppenwettstreit: RUHR vs. BORN

CaCO3

... war Kreide. ;-)
Gruß Schalk

Jaja.

Aber wie sieht K²Mg aus (nein, ich brauche jetzt keine Belehrung über freie Elektronen, Ladungen und/oder die Unwahrscheinlichkeit, dass Alkalimetalle und Erdalkalimetalle freiwillig Verbindungen eingehen...).

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Der Gruppenwettstreit: RUHR vs. BORN

Echt klasse Bericht...

...aber mir hat es beim Lesen schon den Schweiß auf die Stirn getrieben. Beinahe hätte ich mir gerade mein Wasserglas über den Kopf gekippt, glücklicherweise wurde ich mir im Unterbewusstsein aber dann doch noch der Tatsache gegenwärtig, dass ich vor dem Computer sitze ;-)

Natürlich auch ein klasse Rennen, bei 35° und Smog! Gratulation!

Gruß maecks

Wow!

Sich solchen Strapazen aussetzen. Und das als "veteran" in deinem Alter! ;-) Ich bin beeindruckt.

HM

Hi, super Bericht - aber eigentlich wolltest Du mit mir HM laufen. Schade das der Weg nach Pristina so weit ist. Fühl dich gefeiert und gedrückt für die super Leistung.

Halbmarathon


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