Benutzerbild von doz

Meine Rennsteig Premiere vor zwei Jahren war zwar erfolgreich, aber organisatorisch verbesserungswürdig. Damals habe ich bei meinem Schwager in Erfurt genächtigt, was zwar preiswert, aber aufgrund der großen Entfernug Erfurts sowohl zum Start als auch zum Ziel verdammt unentspannt war. Diesmal sollte es besser werden, deshalb war eine frühzeitig Organisation meiner Rennsteigreise nötig. Also begann ich mich schon 90 Stunden vor dem Startschuss auf die Suche nach einer Übernachtungsmöglichkeit zu machen. Überraschenderweise waren schon zu diesem Zeitpunkt alle vernünftigen Betten ausgebucht! Unglaublich, wie zeitig manche Läufer ihre Planung abschließen! Das ganze bedeutete also Übernachtung im Gemeinschaftsquartier im Eisenach. Bei MCs Angebot von Schlafmöglichkeiten in Schmiedefeld habe ich kurz überlegt noch umzuschwenken, entschied mich dann aber doch für Eisenach, weil eine Übernachtung am Startort späteres Aufstehen und damit mehr Schlaf versprach. Schlafen? Gemeinschaftsquartier? Vor einem großen Laufereignis?- Man möge mir meine Naivität verzeihen.
Nach einer knappen Stunde Schlaf ging es morgens im Sammeltransport zum Marktplatz, dort verschiedene JM s und non-JMs begrüßt und gespannt der Dinge geharrt. Mein Gefühl vor’m Lauf: Unsicherheit und eine Menge Respekt. Ich war körperlich und mental ziemlich platt. Aus einer Verkettung (un?)glücklicher Umstände bildete der Rennsteiglauf für mich in diesem Jahr nicht nur den sportlichen Höhepunkt der ersten Jahreshälfte, sondern auch den Abschluss einer kleinen Serie von vier Ultramarathons innerhalb von acht Wochen. Das klingt nicht nur schmerzhaft, sondern fühlt sich auch so an, so dass aufgrund zahlreicher Wehwehchen das Rennsteig-Tapering etwas extremer ausfallen musste. Und die Vorstellung gleich 73 hügelige km zu absolvieren zu dürfen, sorgte auch nicht gerade für Jubelstürme.
Los ging’s und ich bin mal wieder viel zu weit hinten gestartet, so dass ich auf den ersten km etwas im Stau hing. Aber ich konnte mich gut durchkämpfen, und ich fühlte mich sehr gut. Die Kilometer gingen relativ zügig weg, und auch die Rampen am Inselsberg konnte ich problemloser meistern, als bei meinem Premierenlauf. Wesentlich dramatischer stellte sich die sich direkt anschließende Abwärtspassage dar. Gerade noch gings hoch und plötzlich steil bergab, was meinen gefälle-inkompatiblen Oberschenkelmuskeln schmerzhaft zur Kenntnis nahmen. Zusätzliche Härte brachte die Bodenzusammensetzung aus feuchtem Asphalt und Tannennadelmumien ins Spiel. Aber ich war nicht der einzige, der damit kämpfen musste –auch um mich herum war fröhliches Schlittern angesagt. Naja, nicht überall: Inkognito-Uusi beschloss alle geltenden physikalischen Gesetze zu ignorieren und flog an mir vorbei. Am Ende des Gefälles war eine Verpflegungsstation, an der Läufer74 ein wahrlich historischer Schnappschuss gelang: Er lichtete den letzten Moment ab, an dem es mir richtig gut ging. Dabei freute ich mich eigentlich auf den nächsten Abschnitt: Knapp elf Kilometer leicht welliges Profil, auf dem ich es locker rollen lassen wollte, was ich auch ziemlich großfressig kundtat. Aber schon beim Anlaufen vom Verpflegungspunkt stellte ich fest, dass plötzlich der Wurm drin war. Es ging ganz leicht bergan - eine Steigung, die man knapp 50 km vor dem Ziel eigentlich gar nicht als solche wahrnehmen sollte- und ich kam einfach nicht in die Gänge. Ich quälte mich über die Strecke, leider ohne irgendeinen angenehmen Rhythmus zu finden. Ich konnte zwar in die Nähe des geplanten Tempos laufen, aber es war sehr zäh. Die Situation verschlimmerte sich ab km30, als die Wanderer auf unsere Strecke kamen. Beim letzten Mal habe ich diese gar nicht so wahrgenommen, diesmal gingen sie mir aber gehörig auf den Keks. Dabei haben sie wohlgemerkt gar nichts gemacht und mich auch (fast) nicht behindert, aber irgendwie fühlte ich mich von ihnen mächtig gestört. Das hatte den angenehmen Nebeneffekt, dass ich meine schlechte Laune auf die Wanderer projizieren und mich durch permanentes innerliches Fluchen von meiner schlechten Verfassung ablenken konnte. So gingen die Kilometer bis zur Ebertswiese rum. Die Ebertswiese ist für mich ein wichtiger Meilenstein: Zum einen markiert sie den Mittelpunkt der Strecke, zum anderen ist es der Punkt, bis zu dem ich durchlaufen wollte, um anschließend die Anstiege kräftesparend zu gehen. Für Auftrieb sorgte die Zwischenzeit, denn es war klar, dass ich mein persönliches Ziel sub8 erreichen werde, und ich sogar ein kleines Auge in Richtung 7:30 werfen kann. Also ging es (im wahrsten Sinne des Wortes) frisch gestärkt weiter, auch wenn ich das „Gehen“ an dem ein oder anderen Hügel vielleicht etwas zu ausgiebig praktizierte, aber da hat mich das harte Programm der Vorwochen einfach zu viele Körner gekostet. Dafür lief es auf den geraden Abschnitten überraschend flott, auch wenn es deutlich anstrengender wurde.
Am Grenzadler hatte sich das Thema 7:30 dann auch erledigt, so dass ich auch auf der Reststrecke nicht mehr übertrieben hetzen musste. Auf dem Beerberg war der Lauf für mich dann endgültig in trockenen Tüchern. Ab da konnte ich – so blöd das auch klingen mag –die Reststrecke routiniert und unangestrengt runterspulen. Ab der Schmücke konnte ich gar nochmal das Tempo anziehen und einige Mitläufer einsammeln. War ein komisches Gefühl, bisher habe ich mir am Ende von langen Läufen immer selbst geschworen so `nen Scheiß nie wieder zu machen, diesmal war das erste Mal, dass ich mir vorstellen konnte auch die 100km in Angriff zu nehmen. Und genauso unaufgeregt ging es auch auf den letzten Kilometer. Bei meiner Premiere bin ich noch auf einer Endorphinwolke die letzten 1000 Meter durch den Ort geschwebt, diesmal bleiben die großen Hochgefühle aus, vielmehr war es ein freudiges zur-Kenntnis-nehmen. Erst auf dem letzten Metern dann die Belohnung. Kurz die Augen geschlossen, und gespürt wie die ganze Belastung, Druck und Stress der letzten Wochen von mir abfielen. Es war nur ein Sekundenbruchteil, mir kam es aber wie Minuten vor. Einer dieser Momente, an denen man spürt, dass sich das ganze harte Training der letzten Wochen gelohnt hat. Welch‘ ein erhabenes Gefühl! Die Uhr blieb nach 7:34h stehen (d.h. ich habe meine alte Bestmarke um 58 Minuten (sic!) verbessert) und in mir tanzten Glück, Erschöpfung und Fassungslosigkeit einen munteren Reigen. Beim Umziehen dann eine Runde mit dem Schalk geschwätzt, ein wenig orientierungslos auf der Suche nach den Pendelbussen übers Gelände gestolpert bevor ich mich gen Eisenach aufmachte um mein Auto zu holen. Während der Busfahrt habe ich noch strider an der Schmücke leiden gesehen, bevor mir selbst die Systeme heruntergefahren wurden, so dass ich die Ursprungsplanung, noch auf der Läuferparty aufzuschlagen, überstürzt änderte und mich gleich auf den Weg zurück ins Ländle machte.

4.75
Gesamtwertung: 4.8 (4 Wertungen)

Er kam - sah - und fliegte...

...ins schönste Ziel der Welt "nach Schmiedefeld".

Große Leistung, toller Bericht und vielen Dank für's mitnehmen.

eine gute Regeneration wünscht Dir
¤¤¤¤¤¤¤ H u B e L i X ¤¤¤¤¤¤¤

sind wir nicht alle ein bisschen BORN???

Glückwunsch ins Ländle

Grandiose Zeit(verbesserung), aber auf die Party verzichten...tststs!
Da wären alle Systeme aber scchlagartig wieder sowas von hochgefahren worden...
Erhol Dich gut.
Gruß, Marco
You'll never systemcheck alone

Wir sind BORN - Verstand ist zwecklos

wow - PB um 58 Minuten getopt

Lieber doz, Wahnsinn. Und daß ich scheinbar sämtliche Gesetze der Physik - eher Vernunft - auf dem Bergabstück Inselberg über Bord warf hatte einen einzogen Grund: pure Panik, daß astra vor mir ist und sämtliches Schwarzbier an den letzten VP´s wegtrinkt...

Uusi

Wow - mich selbst auf dieser Strecke um fast 1 Stunde schlagen

das werde ich nicht schaffen.

Und dann noch mit dem "Vorprogramm". Du bist der Hammer! Schade, dass wir uns nicht getroffen haben.

Kennst Du das Wort Erholung? Versuch's mal.

Darstellungsoptionen

Wählen Sie hier Ihre bevorzugte Anzeigeart für Kommentare und klicken Sie auf „Einstellungen speichern“ um die Änderungen zu übernehmen.

Google Links