Benutzerbild von scholle

Durchgekommen. Im Ziel lachen können. Viel Spaß gehabt und wieder einmal um einiges klüger.
Letztlich war es im Bezug auf die Lauferfahrungen so, wie es schon nach all meinen anderen Läufen speziell den drei vorangegangenen Marathonläufen gewesen ist - hinterher bist Du verändert. Das aber durchaus in positiver Hinsicht.
Schon am Freitag war es überwältigend und schön mit Freunden und Familie unter hunderten Gleichgesinnten zu sein, zu feiern, zu singen und voll Erwartung dem Lauf entgegenzufiebern.
Die Nacht zwischen den Tagen verflog. Und plötzlich fand ich mich schon mit meinem Companero Björnemann und meinem "Laufvater" Wolfgang singend und schunkelnd im Startgarten. Rennsteiglied, Schneewalzer und - peng - bist Du auf der Strecke. Die Gedanken an den letztjährigen Lauf im geistigen Gepäck gepaart mit den guten Vorsätzen und Strategien, um den Lauf optimaler und letztlich hoffentlich angenehmer zu gestalten, lief und rollte es so vor sich hin. Das Wetter war eindeutig angenehmer - kühler und vor allem deutlich trockener als vor Jahresfrist. Anstiege, die im letzten Jahr übermächtig erschienen, konnte ich viel besser meistern. Passagen, an denen ich vor 12 Monaten wohl noch achtlos vorüberlief, genoß ich in vollen Zügen - atemberaubende Aussichten, fröhliche Menschen an der Strecke, schönes Thüringer Land.
Bis Kilometer 30km lief dann auch alles nahezu perfekt und eine Endzeit von 4:15h bis 4:20h rückte in greifbare Nähe. Vielleicht hätte ich mich davon etwas mehr euphorisieren lassen sollen, vielleicht hätte ich die Gedanken an "wer weiß, was da noch kommen mag..." etwas mehr in die Tiefen der Denkfabrik verbannen sollen. Vielleicht, vielleicht, vielleicht...
Ab Km32 fing der Motor dann doch zu stottern an, die Anstiege wurden (oder erschienen) steiler und härter. Die Schultern wurden steif, die Beine schwer, die Kilometer flossen, flossen aber sehr zähflüssig vor sich hin.
Andere Läufer, die ich längst hinter mir gelassen hatte, holten mich nun wieder ein und überholten mich letztlich. Andere riefen mir aufmunternd zu, es gab den einen oder anderen verbalen oder tatsächlichen Klaps, motivierende Zurufe von Zuschauern und Helfern.
Dann meldeten sich die Waden zu Wort, hart und verspannt und immer zickiger. Dazwischen immer wieder Motivation, Anfeuerung - mitten im Wald - wunderbar, wo doch der eigene Kopf das Motivieren mittlerweile eingestellt hatte. Die Gedanken nur noch auf "bloß endlich ankommen" fixiert. Und dann bin ich auf ein Mal raus aus dem Wald, sehe die ersten geparkten Autos und weiß: "Du bist in Schmiedefeld!"
Nun ist eh alles egal und die Beine laufen wieder, wenn auch nur wie ein Vier-zylinder auf zwei "Töpfen". Es geht über die letzte Zwischenzeitmessung, zwei Polizisten halten nur für mich die Autos auf, weil vor und hinter mir größere Lücken klaffen. Die linke Wade kackt jetzt völlig ab und der ganze Unterschenkel fühlt sich gußeisern an, aber es geht vorwärts - gänzlich ferngesteuert. Der Sprecher in Schmiedefeld ruft meine Startnummer und meinen Namen aus, ich winke und noch mehr Menschen grüßen mich und schieben mich mit ihren Zurufen an.
Es geht an den letzten Anstieg zum Schmiedefelder Sportplatz. Es hackt, die Beine werden immer unwilliger und gehen in einen gerade noch strammen Schritt über. Aber selbst der ist keine wirkliche Erleichterung mehr. Und wieder die Zurufe von außen.....
Ich ignoriere meine Beine und gehe wieder in einen Rhythmus über, der Laufen sein soll, schiebe mehr mit dem rechten Bein als mit dem linken. Die Steigung ist überwunden, ich biege auf den Sportplatz ein, die Leute jubeln immer lauter und feuern immer stärker an - ein bißchen davon ist auch für mich!!! Ich lasse mich die letzten Meter von den Zuschauern tragen, biege auf die Zielgerade. Schnell erspähe ich meine Frau und meine Mutter und sie mich. Es zieht mich immer stärker auf den Zielbogen zu. Kurz vor meinen beiden Lieben hebe ich die Hände an den Mund und rufe: "Zicke, zacke, zicke, zacke..." Es antworten wesentlich mehr Kehlen als die von mir angerufenen: "Hoi, hoi, hoi!" Plötzlich spüre ich auch meine Beine gar nicht mehr, die letzten Meter erscheinen federleicht. Arme hoch, lachen, freuen. Finished!!!!! 4:37h - das heißt ich war 8 Minuten besser als 2011.
Das ist doch was für einen Flachländer.
Wenig später steht Björnemann bei mir, etwas danach auch Wolfgang. Treff mit unseren beiden Edelfans auf der Gepäckwiese, Foto von den drei Läufern...
Und ich merke, daß ich voll vom Rennsteig angefixt bin. Nächstes Jahr werde ich wieder an den Start gehen. Gedanken, Vorsätze und Strategien werden wieder im Kopfgepäck sein.
Kaum zu Hause: PC einschalten. Hotel buchen. Anmeldung abschicken. 2013 ich komme.
Der Rennsteig ruft mich. Ganz tief in mir höre ich ihn. Bis nach Berlin!

5
Gesamtwertung: 5 (2 Wertungen)

Toller Blog! Ich glaube...

...ich will ganz dringend auch mal auf'm Rennsteig rennen.
Danke fürs teilhaben lassen. Ich hoffe, der Beton-Wade gehts izwischen wieder gut.
Grüße aus dem WW, Conny

Du warst auch wieder da?

Dein Lauf klingt nach intensivem Erleben. Sehr schön!
Schade, dass wir uns nicht wenigstens im Festzelt gesehen haben.
Und danke für den Hinweis mit dem Buchen.
Hab grad mal fix nen Rundumschlag in Schmiedefelder Hotels gemacht. Vielleicht sind ja doch noch nicht alle Zimmer schon wieder gleich für nächstes Jahr gebucht.
;-)

Hey, was ein super Lauf

trotz Wade. Das Ziel ist einfach nur toll und die Supporter so vielfältig.

Gratulation zum tollen Erlebnis trotz Schwierigkeiten.

Mensch Scholle

du warst auch in Schmiedefeld? Schade, dass man sich nicht gesehen hat. Dafür vielleicht mal wieder an der Wuhle??

Gruß vom
Riggoo

Also ich bin BORN & HUMPA

Darstellungsoptionen

Wählen Sie hier Ihre bevorzugte Anzeigeart für Kommentare und klicken Sie auf „Einstellungen speichern“ um die Änderungen zu übernehmen.

Google Links