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Alle Jahre wieder:

München im November 2008, der Winter ist in diesem Jahr schon sehr früh dran, die Temperaturen im tiefen einstelligen Bereich und die ersten Schneeflocken haben ihren Weg auf den schon fast gefrorenen Boden gefunden. Der München-Marathon liegt erst wenige Wochen zurück und eigentlich ist es Zeit, sich langsam aber sicher gedanklich auf Weihnachten einzustellen. Aber mein Hirn tickt da irgendwie anders; Winterzeit bedeutet für mich nicht Winterschlaf, sich in warme Klamotten einkuscheln und besinnlich auf das Christkind warten; in meinem Winter-Ernährungsplan sind keine Plätzchen-Orgien und Winterspeck anfuttern vorgesehen.
Für mich ist es die Zeit vor dem nächsten Frühjahrs-Marathon und der soll diesmal nicht wie in den letzten beiden Jahren in Hamburg stattfinden, sondern vielleicht einmal in Wien, Freiburg oder Paris. Abwechslung ist angesagt, dachte ich.

Aber es kam dann doch ganz anders. Mitte November ruft mich mein Lauffreund und Laufvorbild Dirk an. Er will wissen, ob ich kommenden April wieder in Hamburg am Start bin, denn er hat sich fest vorgenommen dort auch zu starten und endlich seine über einjährige Wettkampfpause zu beenden. Den letzten Marathon ist Dirk in München im Oktober 2007 gelaufen, just for fun sozusagen, in Lederhosen und Oktoberfest-Hut, ganz locker in 2:58 Stunden!! Der Typ ist ein Phänomen. Er ist Raucher und auch dem Genuss von Bier durchaus nicht abgetan und schafft es dennoch im Laufen Spitzenleistungen abzuliefern. Einige Beispiele: Marathon-Bestzeit: 2:32 Stunden. Zermatt-Alpin-Marathon in 4:20 Stunden und Davos Ultra Alpin-Marathon (78 km) in 8:02 Stunden.

Wenn also mein Freund Dirk fragt, ob ich mit ihm zusammen in Hamburg laufe, dann überlege ich nicht lange. Götter und vor allem Götter des Sports sollte man nicht vergraulen. Wir haben dann schon im November für Hamburg gemeldet, da der Marathon dort erfahrungsgemäß sehr früh ausgebucht ist. Die Teilnehmerzahl ist auf rund 20.000 Läuferinnen und Läufer beschränkt. Paris, Freiburg oder Wien müssen demnach wieder einmal warten, der erste Marathon 2009 findet für mich an der Waterkant statt.

Die Vorbereitung:

Wie ihr meinen verschiedenen Wettkampfberichten der letzten Monate entnehmen könnt, war ich den Winter über sehr fleißig und habe in München an zwei Laufserien und einigen 10 Kilometerläufen und Halbmarathons zur Vorbereitung auf Hamburg teilgenommen. Sportlich verlief die Vorbereitung optimal. Ich konnte auf allen Distanzen (10km, 15km, 20km und Halbmarathon) neue persönliche Bestzeiten erzielen und auch gesundheitlich gab es keine Beschwerden. Hamburg kann kommen.

Wie auch in den beiden Jahren davor, habe ich mir auch in diesem Jahr wieder rechtzeitig ein kleines Appartement in zentraler Lage (diesmal in HH-Eppendorf) über bed & breakfast gemietet. Das klappt mit denen immer wunderbar und ist absolut empfehlenswert. Dann auch noch die Flugtickets besorgt und los ging es am Samstag, den 25.04.09 gen Norden, allerdings ohne Dirk, der dann doch den Winter über nicht aus dem Quark gekommen ist und Hamburg kurzfristig wieder gestrichen hat. Schade. Der Typ wäre zwar selbst unausgeschlafen und barfuss noch schneller als ich, aber ich kann ihn irgendwie auch verstehen. Man fliegt nicht durch die ganze Republik bis nach Hamburg ohne gut vorbereitet zu sein. Er bleibt trotzdem für immer mein Vorbild.

Die Laufmesse:

Wie bei allen größeren Marathons gibt es auch in Hamburg eine Laufmesse; eine sehr große sogar, die sich über mehrere Messehallen erstreckt, von Freitag bis Sonntag geöffnet hat und alles bietet, was das Läuferherz begehrt und glaubt unbedingt haben zu müssen. Auf die Laufmesse muss zwangsläufig auch jeder Marathon-Teilnehmer hin, denn nur dort ist die Ausgabe der Startunterlagen und persönlichen Startnummern.

Da sich die Ausgabestellen in der letzten Halle des Messegeländes befinden, ist man auch noch mehr oder weniger gezwungen, vorab den gesamten Verkaufsbereich abzulaufen. Ein geschickter Schachzug der Organisatoren und Händler.

Vertreten waren auf der Laufmesse auch diesmal wieder alle namhaften Marken der bekannten Laufschuhhersteller. Man kann hier günstig neue Laufbekleidung –schuhe, und alle erdenklichen Accessoires erwerben. Auffällig war diesmal das schier unendliche Angebot an Stirntüchern. Vorbei scheinbar die Zeiten der Laufkappen und -mützen. Es gab diese Tücher in allen vorstellbaren Farben und Mustern. Im Winter bevorzuge ich persönlich ja Laufmützen, in den wärmeren Monaten dann die Kappen zum Schutz gegen die Sonne. Ich dachte immer, dass ich nicht der Typ für ein Stirnband bin, aber eine Anprobe an einem der vielen Stände und das zustimmende Nicken meiner Freundin haben mich dann doch überzeugt. Ich werde also beim Hamburg-Marathon mit einem rot-weißen Stirntuch auflaufen.

Und ich befand mich durchaus im Trend, denn noch nie habe ich bei einem Rennen soviele Teilnehmer mit Stirn- bzw. Kopftüchern laufen sehen. Der Hamburger Tücher-Frühling hat begonnen!

Gleich nach dem Abholen meiner Startnummer geht es dann noch zur Pasta-Party. Diese findet auf der Laufmesse im Restaurantbereich des Messegeländes statt. Jeder Teilnehmer kann nach Vorlage der Startnummer für 7 EUR eine große Portion Pasta und ein Erfrischungsgetränk bekommen. Ich finde den Preis in Ordnung, da die Portionen ordentlich und die Qualität der Pasta zufriedenstellend ist.

Mittlerweile ist es auch schon fast 20 Uhr am Abend und langsam aber sicher muss ich schauen ins Bettchen zu kommen. Der Start des Marathon ist morgen früh um 9:00 Uhr; das bedeutet für mich aufstehen um 6:30 Uhr. Hoffentlich kann ich gut schlafen heute Nacht.

Der Marathon-Tag:

Die Nacht war zwar kurz – ich bin erst gegen Mitternacht eingeschlafen – aber ich konnte dann tief und fest schlafen, so dass ich um 6:30 Uhr einigermaßen frisch und munter aufstehen kann. Der Weg vom Appartement zum Start am Millerntor (St. Pauli) ist für mich nicht weit. Mit der U3 bin ich vom Bahnhof Hohe Luft West in wenigen Minuten mittendrin im Geschehen und das im wahrsten Sinne des Wortes. Solche Zustände kannte ich bisher nur vom Oktoberfest in München. Die U-Bahnen waren mit den Teilnehmern und deren Begleitungen völlig überfüllt und auch am Zielbahnhof St. Pauli brauchte man einige Zeit, um überhaupt an die Oberfläche zu gelangen.

Dort hieß es für mich dann möglichst schnell ins Läuferdorf zu kommen. Die Veranstalter haben wie im Vorjahr das Heiliggeistfeld vor dem Stadion Millerntor in zwei Hälften geteilt. Die eine Hälfte ist das sogenannte Partydorf, wo die ganzen Fress- und Trinkbuden für die Zeit nach dem Marathon stehen und die andere Hälfte das Läuferdorf. Dort befinden sich die Abgabestellen für die Kleiderbeutel und der große Duschbereich und viele Dutzend Dixie-Klos. In das Läuferdorf dürfen tatsächlich auch nur die Teilnehmer mit ihren Startnummern eintreten, deshalb verabschiede ich mich am Eingang von meiner Freundin. Wir wollen uns aber kurz vor dem Start noch einmal sehen. Mal schauen, ob es klappt.

Der Kleiderbeutel ist abgegeben, jetzt noch schnell eines der Dixie-Klos aufsuchen und dann aber ab zum Startbereich. Mit schnell wurde es dann aber leider nichts, denn es gab zwar genug von diesen Dixie-Klos, aber eben auch genug Teilnehmer, die davor Aufstellung nahmen. Ich schätze, dass vor jedem der Häuschen 30- 40 Leute anstanden, das konnte dauern. Nun gut, bis zum Start waren es noch über 30 Minuten; wird schon reichen. Es wurde aber dann doch noch knapp. Ich konnte erst 15 Minuten vor dem Start in eines der Dixie stürmen und anschließend gleich zu meinem Startblock. Der befand sich zwar nur etwa 500 Meter vom Läuferdorf entfernt, aber bei diesen Menschenmassen eine schier endlose Strecke.
3 Minuten vor dem Startsignal hatte ich es dann endlich geschafft. Eingekeilt zwischen einer Gruppe dänischer Läufer und einer sehr attraktiven blonden Läuferin um die vierzig, vernahm ich zunächst die deutsche Nationalhymne, gesungen von irgendeinem Opernsänger, und danach der Startschuss, der beim Hamburg-Marathon traditionell gar kein Schuss aus einer Startpistole, sondern das sogenannte Anglasen durch eine Schiffsglocke ist. Sehr nett.

Der Start und die ersten 5 Kilometer:

Die Startlinie war auch in diesem Jahr direkt am Anfang der Reeperbahn. Nach dem Anglasen brauchte ich aber aufgrund der Läufermassen vor mir gut fünf Minuten, um überhaupt erst einmal die Startlinie passieren zu können. Da aber auch hier in Hamburg mit einem am Laufschuh befestigten Chip die Nettozeit zwischen Start- und Ziellinie gestoppt wird, musste ich mir keine Gedanken um einen Zeitverlust machen.

Ich hatte mir im Vorfeld und aufgrund der sehr warmen Witterung – beim Start waren es etwa +16 Grad und das Thermometer sollte noch bis auf +23 Grad steigen – eine Durchschnittszeit von 5:30 Minuten pro Kilometer vorgenommen. Das würde auf eine Zielzeit von etwa 3:52 Stunden rauslaufen. Das wollte ich unbedingt schaffen.
Den ersten Kilometer ging es komplett über Hamburgs sündige Meile, die Reeperbahn. Tausende von Zuschauern begleiten das Teilnehmerfeld schon hier mit viel Applaus und anfeuernden Zurufen. Wegen des noch sehr dichten Läuferfeldes konnte ich mein Lauftempo nicht ganz einhalten, aber das war mir ganz recht, denn den ersten Abschnitt wollte ich ohnehin zum Ein- bzw. Warmlaufen nutzen.

Nach etwa 3 Kilometern ging es dann rein nach Altona. Über die Königinstraße vorbei am Altonaer Rathaus weiter Richtung Ottensen und Othmarschen. Dazwischen lag die Holländische Reihe, eine sehr dicht bebaute Wohngegend mit wunderschönen Wohnhäusern aus der Gründerzeit, aus deren Fenstern und von deren Balkonen hunderte von Menschen uns Läufern bei einem sonntäglichen Frühstück zujubelten. Eine wahre Gänsehaut-Atmosphäre.

Anschließend ging es auf der Bernadottestraße auf den nächsten beiden Kilometern durch ein sehr schönes Wohnviertel mit vielen Villen, Einfamilienhäusern und gepflegten Gärten. Die Masse der Zuschauer nahm hier zwar etwas ab, aber nicht die Stimmung am Straßenrand und bei den Läufern. Viele der Teilnehmer konnten sich zu diesem Zeitpunkt des Rennens durch gut mit ihren Mitläufern unterhalten und auch ich habe nun mein geplantes Renntempo gefunden.
Leider stieg auch mit jedem gelaufenen Kilometer der Temperatur, die ich mittlerweile auf etwa +17 Grad Celsius schätze; eigentlich sehr angenehm zum Laufen aber dabei sollte es nicht bleiben.

Die erste Verpflegungsstation nach knapp 5 Kilometern hat mich dann kalt erwischt. Ich hatte eine 0,5 Liter Trinkflasche dabei und stellte mich erst für die zweite Streckenhälfte auf Versorgung durch die Stationen ein, als ich plötzlich voll in die nach Getränken und Bananen greifenden Läufer auflief, anstatt, wie geplant, rechtzeitig auf die andere Straßenseite auszuscheren und an diesen Ständen vorbeizulaufen. Als ich dann aus dem Getümmel wieder raus war, musste ich erst meinen Laufrhythmus neu finden.

Auf der Elbchaussee zu den Landungsbrücken:

Kurz nach der ersten Verpflegungsstation machte die Strecke einen Linksknick auf die Elbe zu und nach weiteren 200 Metern ging es auf der Elbchaussee wieder zurück Richtung City. Auf diesem Streckenabschnitt kann man linker Hand zwischen den wunderschönen Häusern reicher Hamburger auch immer wieder einmal einen Blick auf die Elbe werfen. Ab Kilometer 8 dann auch auf das riesige Hafenareal.

Mir persönlich ist der Abschnitt zwischen Kilometer 7 und 10 der liebste. Ich bin gut warmgelaufen und fühle mich noch sehr frisch. Die Temperaturen sind angenehm und die Villen, Parkanlagen und die tolle Aussicht auf die Elbe sorgen für den entsprechenden Rahmen. Alles noch sehr beschaulich.

Dies sollte sich aber dann spätestens ab Kilometer 10 ändern. Langsam aber sich geht es für uns Läufer auf die Landungsbrücken zu und damit auch auf den Teil der Strecke, der wahrscheinlich am stärksten durch die Zuschauer besucht ist. Direkt an den Landungsbrücken sehe ich dann auch meine Freundin das erste Mal und kann ihr an dieser Stelle noch frisch und munter zurückwinken. Da die Strecke kurz vor diesen Abschnitt auf einigen hundert Metern gut bergab geht, hat das Läuferfeld hier auch sein größtes Tempo drauf. Deshalb geht es auch ziemlich flott an den Zuschauermassen vorbei, was mir auch ganz recht ist, denn der Lärm den diese links und rechts der Strecke veranstalten ist teilweise schon unerträglich laut.

Zwischen Speicherstadt und Außenalster:

Hat man den Bereich der St. Pauli Landungsbrücken verlassen, geht es auch schon vorbei an der Speicherstadt, einem gigantischen Lagerviertel auf einer künstlich angelegten Insel direkt im Hamburger Hafen. Die Speicherstadt Hamburg ist der größte Lagerhauskomplex der Welt und wurde Ende des 19. Jahrhunderts als Freihafengebiet angelegt. Heute befinden sich darin vor allem noch zahlreiche Teppichlager, aber auch Bürokomplexe und verschiedene Museen (z.B. Modelleisenbahnmuseum).

Ich nehme die charakteristische Front der Speicherstadt aber nur am Rande wahr, denn meine ganze Konzentration gilt der vor mir liegenden Strecke . Es ist für mich nun auch die Zeit angebrochen, in der ich anfange in meinen Körper hinein zu horchen. Ich bin zu diesem Zeitpunkt rund 13 Kilometer gelaufen, liege voll im Zeitplan und spüre doch schon so etwas wie aufkommende Müdigkeit. Jetzt schon, das ist natürlich zu früh und macht mir durchaus Sorgen.

Doch ehe ich mich weiter damit beschäftigen kann geht es bei Kilometer 14 schon ab in den Walltortunnel. Wir laufen auf etwa 700 Metern in diesem Straßentunnel in der Nähe des Hauptbahnhofs. Hier unten herrscht eine eigentümliche Atmosphäre. Urplötzlich gibt es keinen Zuschauerlärm mehr, man hört nur noch das tausendfache trampeln der Laufschuhe. Durch die fehlende Perspektive und die optische Sogwirkung des Tunnels, habe ich das Gefühl viel schneller zu laufen.
Etwa 50 Meter vor dem Tunnelende fangen die Läufer vor mir plötzlich an rhythmisch zu klatschen. Damit wird hier traditionell das Ende dieses Abschnitts akustisch angezeigt. Wieder bekomme ich eine Gänsehaut.

Kaum aus dem Tunnel raus geht es in einer Linkskurve auf dem Balindamm direkt auf den Jungfernstieg zu. Dies ist eine Straßenpromenade direkt am südlichen Ufer der Binnenalster. Auch hier wieder tausende jubelnde Zuschauer entlang der Hamburger Prachtmeile. Wir laufen vorbei an großartigen Hotels, einladenden Straßencafés und dem Ufer der Binnenalster. Kurz nach Kilometer 15 sehe ich dann auch meine Freundin wieder in der Zuschauermenge auftauchen. Ein kurzes Winken muss genügen, weiter geht es über die Kennedybrücke, die die Binnen- von der Außenalster trennt.

Jetzt laufen wir für die nächsten ca. 3 Kilometer am rechten Außenalsterufer, das berühmt ist für seine wunderschöne Aussicht auf den Hamburger Binnensee, die vielen prunkvollen Konsulate und Botschaften, herrschaftlichen Häuser und luxurösen Hotels. Leider gibt es auf diesem Streckenabschnitt nur sehr wenig Schatten, so dass mir die nun mittlerweile erreichten 20 Grad doch langsam unangenehm werden. Ich liege zeitlich aber noch immer im Plan, nur dass ich eben das Gefühl habe, mein Tempo nicht mehr sehr lange halten zu können.

Von Winterhude nach Ohlsdorf:

Ziemlich genau bei Kilometer 19 verlassen wir in einem scharfen Rechtsknick das Ufer der Alster und laufen nun direkt in das sehr schöne Viertel Winterhude ein. Unzählige kleine Kanäle durchziehen diesen Stadtteil und erinnern mich sofort an Venedig. Hamburg ist mit rund 2.300 Brücken übrigens die brückenreichste Stadt in Europa.

Nach exakt 1:56:00 Minuten passiere ich schließlich die Markierung, die die Hälfte der Marathon-Distanz anzeigt. Das ist genau die Zeit, die ich mir für den ersten Teil vorgenommen hatte. Doch kaum bin ich bei Kilometer 21,1 über die Zeit-Kontrollmatte gelaufen, wurde in meinem Kopf irgendein Schalter umgelegt, der mir plötzlich lauter ungute Gedanken aufkommen ließ. Ich dachte nun an die Strapazen des zweiten Teils, an die Wärme und die schwerer werdenden Bein und es gelang mir einfach nicht mehr, diese negativen Gedanken zu verdrängen.

Leider ist der Streckenabschnitt auf den folgenden 6-7 Kilometern auch nicht dazu geeignet, sich von solchen Gedankenspielen ablenken zu lassen. Wir durchlaufen eine eher durchschnittliche und gewöhnliche Wohngegend, ohne besondere visuelle Reize und Ablenkungen. Bis Kilometer 25 kann ich meinen Schnitt von 5:30 Minuten pro Kilometer noch mit Mühe halten, um dann doch auf jedem der folgenden 5 Kilometer 5-10 Sekunden langsamer zu werden.

Als ich auf Höhe des Ohlsdorfer S-Bahnhofes bei Kilometer 31 erneut meine Freundin unter den Zuschauern erblicke, bin ich körperlich schon ordentlich am Pumpen und mental ziemlich bedient.
Ein Lächeln mag mir einfach nicht mehr gelingen und mir graut vor den verbleibenden 11 Kilometern. Ich bin nun endlich angekommen in der Marathon-Hölle.

Vom Maienweg nach Eppendorf:

Hier eingangs des Maienwegs erreicht die Marathonstrecke auch ihren nördlichsten Punkt. Von nun an geht es beinahe in einer direkten Linie nur noch nach Süden, die hochstehende Sonne voll im Gesicht, Richtung Innenstadt und Ziel.

Mir gelingt es kaum noch ein Tempo von unter 6:00 Minuten pro Kilometer zu laufen. Im Gegenteil, mein Kopf bettelt regelrecht nach einer kurzen Gehpause, nur ein klein wenig ausruhen. Aber ich weiß um die Gefährlichkeit dieser Gedanken. Wenn man in dieser Phase eines Marathons einmal anfängt zu gehen, dann wird es wahnsinnig schwer, wieder in einen vernünftigen Laufrhythmus zu kommen.

Ab Kilometer 35 geht es mir dann richtig schlecht. Ich trabe nur noch so für mich an, den Blick stur auf einen Punkt irgendwo 5 Meter vor mir auf dem Asphalt. Viele Teilnehmer haben bereits aufgehört zu laufen und geben entweder auf oder gehen nur noch am Straßenrand. Ich weiß, dass ich auch bald gehen werde, aber ich versuche diesen Zeitpunkt solange wie möglich hinauszuziehen. Ans Aufgeben verschwende ich allerdings keinen Gedanken.

Bei Kilometer 36 ist es dann soweit. Mein innerer Schweinehund ist stärker als ich. Ich fange an zu gehen; es ist zwar ein schnelles Gehen, aber dennoch nicht schneller als 8:00 Minuten pro Kilometer. Das würde bedeuten, dass ich auf den letzten 6 Kilometern 15 Minuten gegenüber meiner ursprünglichen Zeitplanung verlieren würde, wenn es mir nicht mehr gelingt, wieder ins Laufen zu kommen.

Ich möchte an dieser Stelle auch mal ein ganz großes Lob an all die Zuschauer am Straßenrand loswerden. Gerade ich auf der Alsterkrugchaussee zwischen Kilometer 34 und 37 muntern diese die erschöpften Läufer großartig auf. Einer solchen Aufmunterung durch eine Zuschauerin, die meinen Namen ruft, den sie auf meiner Startnummer liest, habe ich es auch zu verdanken, dass ich nach nur wenigen hundert Metern wieder laufen kann. Es ist zwar nur ein sehr langsames Laufen, aber immerhin deutlich schneller als gehen und damit auch schneller ins Ziel und zum Ende der Tortur.

Das Laufen fällt mir besonders schwer, nicht nur wegen der Erschöpfung und der schweren Beine, seit einigen Minuten hat sich auch noch ein sehr schmerzhaftes Seitenstechen eingestellt. Super, vielen Dank, das habe ich noch zu meinem Glück gebraucht. Es ist zum Verzweifeln, ausgerechnet hier in Eppendorf, wo noch einmal richtig der Bär steppt, das Ziel so nahe ist und ich in meinen Träumen leichten Fußes über die Rothenbaumchaussee geflogen bin, krieche ich wie eine Parkschleiche dahin.

Ich schütte mir bei jeder Gelegenheit einen Becher Wasser über den Kopf und versuche den stechenden Schmerz am Zwerchfell zu ignorieren. Zwischen Kilometer 40 und 41 lege ich erneut eine kurze Gehpause ein, um den letzen Kilometer zum Ziel dann doch wieder einigermaßen vernünftig zu laufen. Ich biege auf die lange, rund 500 Meter umfassende Zielgerade ein. Die 4-Stundenmarke habe ich bereits beim vorangegangenen Kilometer hinter mir gelassen, ich will nur noch ankommen.

Nach genau 4:08:20 Stunden ist es dann endlich soweit. Ich überquere die Ziellinie und bin trotz Erschöpfung und verfehlter Zielzeit glücklich. Bevor ich ins Läuferdorf torkele, bekomme ich noch die Finisher-Medaille umgehängt. Jetzt interessiert mich nur noch der Stand mit dem alkoholfreien Erdinger Hefeweizen und die Duschzelte.

Wieder einmal musste ich erkennen, dass ein Marathon kein Kindergeburtstag ist. Aufgrund der hohen Temperaturen hätte ich meine Taktik früh ändern und schon nach dem ersten Viertel das Tempo deutlich drosseln sollen. Dennoch ist und bleibt für mich der Hamburg-Marathon eine großartige Veranstaltung. Vielleicht nicht im nächsten Jahr, aber bestimmt werde ich wieder hier teilnehmen. Die tollen Zuschauer, die attraktive Streckenführung und der norddeutsche Charme machen den Hamburg-Marathon zu etwas ganz besonderem.

Statistik:

*15741 Starter, davon sind 14151 ins Ziel gekommen.

*Sieger: Solomon Tside (ETH) in 2:11:47 Stunden
*Siegerin: Alessandra Aguilera (ESP) in 2:29:01 Stunden

*Trinken & Essen: Der Marathon war zugleich ein Trink-Marathon. 6000 Liter Getränke wurden im Vorfeld auf der Messe verkauft – alkoholfrei, versteht sich. Um den großen Durst der 15741 Läufer zu stillen, hatte der Veranstalter mit 40.000 Litern Wasser, 10.000 Litern Power-Getränken und 18.000 Bechern Tee, die während der Strecke verteilt wurden, vorgesorgt. Im Ziel flossen noch einmal 9.000 Liter alkoholfreies Hefeweizen. Zur Stärkung verteilten die Veranstalter jeweils 18.000 Bananen, Äpfel und Fitness-Riegel.
*Einsatz: 420 medizinische Helfer vom Deutschen Roten Kreuz und den Johannitern, 550 Polizisten und acht Ärzte waren am Sonntag im Einsatz, um einen reibungslosen Ablauf zu garantieren. Sechs Rettungswagen standen für Notfälle bereit. 200 Physiotherapeuten kümmerten sich um verkrampfte Läuferwaden und verspannte Nackenmuskeln.

*Aufräumen: Um den Abbau von sämtlichen Straßensperrungen, 800 Streckenschildern, 132 Sanitäterduschen und 350 Toilettenhäuschen mussten sich die insgesamt 2600 freiwilligen Helfer nach Beendigung des Laufs kümmern.

4
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Na dann

dann waren wir ja fast zusammen im Ziel; netto jedenfalls ;-)

Glückwunsch dass du trotz Seitenstechen, Schweinehund etc. gut angekommen bist, vielen Läufern erging es ja leider anders..

Wir sind BORN - Verstand ist zwecklos!

Es ist schön, von einem

Es ist schön, von einem Nicht-Hamburger zu hören, wie schön doch unsere Stadt ist. Wenn man hier lebt, sieht man die schönen Seiten nicht immer. Es wird mir erst immer wieder bewusst, wenn jemand anderes davon erzählt oder schreibt.
Wir standen am Eppendorfer Baum, direkt am Wasserstand und haben die Läufer/innen ordentlich angefeuert. Es war allen anzusehen, dass die Temperaturen ihnen zu schaffen machten. Du bist aber eine tolle Zeit gelaufen.
Ich bin Laufanfängerin, und mein Ziel ist es, nächstes Jahr einen Halbmarathon zu schaffen.- Und ich werde es schaffen!

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