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***** Vorgeplänkel: *****

Zusammen mit meiner Freundin bin ich am Vortag nach Mainz gefahren, um die Startunterlagen in aller Ruhe abholen zu können und mir Stress zu sparen. Ich hatte die Idee, in der Nähe vom Hauptbahnhof zu parken und zu Fuß zum Rathaus zu gehen, um den Weg schon mal gelaufen zu sein. Denn am nächsten Tag wollte ich mit der S-Bahn vom Hotel zum Bahnhof und den Rest laufen. Nach 200 Metern fing es an zu schütten, wir liefen um eine Ecke und stellten uns vor einer Bank-Filiale unter. Bereits die Orientierung verloren, fragten wir eine „Native“ nach dem Weg. Die nahm uns daraufhin kurzentschlossen im Auto mit, erzählte uns über den Marathon, über Mainz, übers Wetter, über das so hässliche Rathaus, wünschte mir Glück und lud uns unmittelbar vor der Rheingoldhalle ab. So weit so positiv der Ersteindruck von Mainz

Schön auch das Teilnehmergeschenk. Ein stilsicher colorierter Buff. Auch das Saucony-Veranstaltungs-Shirt, dass ich mitgeordert hatte, macht nen schlanken Fuß. Ist ein bißchen wie Halloween für Erwachsene, jeder steckt einem irgendwas nettes zu

Nach Begegnungen mit erfolgs- und alkoholtrunkenen Borussia-Fans, vollkörpergepanzerten Polizeitruppen und einer erfolglosen Suche nach nem vertragslosen Prepaid-Surfstick ging es zum Hotel. Ein sehr gutes italienisches Abendessen und eine grauenhafte weil laute und viel zu warme Nacht später erwachte ich um kurz nach 5 ohne Wecker – dank plärrender polternder Gäste im Flur – offensichtlich auch Läufer, die wohl davon ausgingen, dass jeder Hotelgast Sonntags um 5 aufstehen will. Ich kaue lustlos einen Energieriegel, trinke bereits am Abend vorbereiteten schwarzen Tee und lege mich erneut hin.

Um 7 klingelt erneut der Wecker, aber ich hatte sowieso fast nicht geschlafen. Anziehen, auf zur Tram. Meine Freundin wird später nachkommen. Die Unsicherheit, die mich Landei immer bei öffentlichen Nahverkehrsmitteln in Städten überkommt, verschwand schnell, als ich die Fahrgäste sah. Zwei von dreien wiesen sich durch den Kleidersack als Läufer aus. Ich musste also nur aussteigen wo alle ausstiegen und dann einem Lemming gleich dem Fluss der Blausäcke folgen.

An der Messe traf ich am vereinbarten Ort schnell auf Norbert, einem Kollegen vom Laufforum, der einen nahezu identischen Trainingsstand hat. Deshalb wollen wir gemeinsam aber unverbindlich starten. Nach der Kleiderbeutel-Abgabe stellte ich fest, dass die „Geheimtipp“-Dixies hinter der Halle kein Geheimtipp mehr sind. 15 Minuten anstehen zum pinkeln. Bei Laufveranstaltern haben sich offenbar die an Musikfestivals mittlerweile üblichen Freiluft-“Pissrinnen“ noch nicht herum gesprochen, an denen zumindest Männer viel viel effizienter „abgefertig werden können“.

***** Das Rennen: *****

Ich berichte nicht exakt chronografisch. Weil. Das klappt einfach nicht :D

Es geht erfreulich pünktlich los. Die ersten Kilometer laufen wir wie Gnus auf der Wanderung. So viele Leute. Unglaublich. Und sehr viele „Gnus“ sind deutlich zu langsam für den Startblock. Ich frag mich, warum das immer wieder so ist, vom lokalen Wald- und Wiesenlauf bis zu so riesigen Veranstaltungen. Was treibt die Leute, sich weiter vorne anzustellen als gut für sie ist?
So richtig hört das übrigens auch erst nach der ersten HM-Runde auf, denn bis dahin überholt man permanent HM-Läufer, die das Tempo nicht mehr halten können.
Ich bin – stellte ich fest - unter diesen Bedingungen ein lausiger Pacer, also orientiere ich mich an Norbert, der zwar auch etwas schneller als geplant ist, aber das wenigstens konstant :D
Ich hatte kein Split-Zeiten-Armband, und der Zettel, den ich mir gemacht hatte, verschwand irgendwo in einer der viel zu vielen Taschen der Bekleidung. Ich drückte möglichst jeden km ab und gab mich damit zufrieden, dass alles unter 5:12 gut ist, alles darüber schlecht.
Die ersten 10 km spürte ich meinen rechten Schneidermuskel deutlich. Vielleicht wegen dem fehlenden Aufwärmen? Gab mir zu denken, aber ich wollte mich davon nicht beeinflussen lassen.
Ich hielt mich an den Tip eines erfahrenen Kollegen, jede Getränke-Station mitzunehmen, obwohl ich praktisch von Anfang an leichten Harndrang verspüre und anfangs keinen Durst. Ab 20 km nahm ich je ein Elektrolytgetränk und ein Wasser mit. Cola gab's leider keine, sonst wär ich mit 3 Bechern aus jeder Station gerannt. Gel futtern war bei km 8, 16, 24, 30 und 35 angesagt, die letzten zwei mit Koffein. Weiß nicht, ob es half, aber geschadet hat's wohl nicht.

Schon nach zwei oder drei Kilometern musste ich feststellen, dass die Regenjacke ne Scheißidee war. Ich baute mühsam im Laufen meine Startnummer an mein Trägerhemd untendrunter und band mir die Jacke um. Ich hätte sie weggeschmissen, aber ich hoffte, irgendwo meine Freundin zu sehen, der ich sie in die Hand drücken hätte können. Das passierte dann aber erst bei 40km (Sie hatte vorher zwar geknippst, konnte sich aber nicht bemerkbar machen. Das lag wohl auch daran, dass die Mainzer es sich zur Gewohnheit gemacht haben, die Leute mit den Namen unter der Startnummer anzureden, so dass ich schon bald „Jochen“-Rufe ignorierte. Obwohl ich das ausgesprochen nett fand. So persönlich :) ). Ich lief also den ganzen Marathon wie ein Sonntags-im-Park-Läufer mit Jäckchen umgebunden. An einer Stelle in einem ärmlicheren Wohngebiet standen 5 Damen und schmähten die Sportler (Auch mal was anderes :D). Von denen bekam ich dann – zu Recht – auch zu hören, was für ein hübsches Röckchen ich an hätte. So sah es von der Seite tatsächlich aus. Egal. Schämen sich Schotten? Nein! Ich auch nicht :D

Ich stellte über das ganze Rennen immer wieder verblüfft fest, wie die Leute an Anstiegen langsamer wurden, die ich kaum als solche registrierte. Das ist dann wohl der Vorteil vom Bliesgau-Berg-Training. Bis km 24 lief ich mit Norbert, was einwandfrei harmonierte. Dann ging es nicht anders, die Blase musste entleert werden. Ich überlegte, den linken Schuh nachzubinden, denn der war mir mittlerweile nicht mehr fest genug. Aber nach kurzem Fuddeln am Doppelknoten entschied ich, dass der Fuß das heut mal abkönnen muss.

Übrigens ärgerte ich mich etwas über Läufer, die ihre Plastikbecher auch an Versorgungsstationen auf die Straße warfen, an denen Müllcontainer aufgestellt waren. Ich mein, bei Leuten mit meiner Pace kommt es wohl kaum so auf die Ideallinie an, dass man sie nicht mal für nen halben Meter verlassen kann. So viel war dann ja auch spätestens in der zweiten Runde nicht mehr los. Oder in Wohngebieten, wo die Leute privat Wasser ausgaben: Zum Dank bekommen sie die Becher durch die Gegend geschmissen, dabei standen dort extra Kinder, die sie wieder entgegen nahmen.

Bei km 28 auf der Brücke überholte mich ein junger Mann in Army-T-Shirt und Wanderhose. Ich drückte Ihm meine Bewunderung aus. Bei km 41 überholte ich ihn noch mal. Das war eine gewisse Genugtuung
Bis ungefähr km 31 sah ich Norbert in gleichmäßigem Abstand vor mir, aber an einem Getränkestand blieb er stehen und ich war irgendwie zu schnell vorbei, um nachzufragen, was los war.

Ab etwa km 32 wurde es schlagartig richtig hart. Also, wirklich hart, ich konnte nicht mehr, die Pace fiel auf 5:15, dann 5:18. Ich verfluchte meine fehlende Disziplin, verfluchte das kg, die ich mir im letzten Monat noch mal draufgefressen hab statt wie geplant 4kg abzunehmen. Ich suchte nach irgendeinem Gedanken, der mich die Konzentration wiederfinden und Erschöpfung und Schmerzen vergessen ließ - und fand etwas...
Kennt jemand den Film „Hidalgo“? Über ein Distanzreitpferd. Ich mochte den Film nicht mal sonderlich, hab ihn sowieso nur meiner Freundin zu liebe mitgeguckt. KEINE AHNUNG, warum der mir da einfiel. Aber da sagt der Typ am Schluss zum Pferd „Ab die Post!“, und obwohl das Pferd halbtot ist, Blut hustet, einen Pfahl in der Brust stecken hat und fast verdurstet ist, prescht es in einem irrsinnigen Galopp los und überholt den verblüfften Bösewicht vor der Ziellinie.
Ich sagte mir laut „Ab die Post!“, mir schossen Tränen in die Augen, ich fühlte mich emotional höchst ergriffen … und lief 3 km am Stück um die 5:05, in denen ich nur noch keuchende Läufer einsammelte.
Dann war der Zauber leider um, und ein zweites Mal hat's nicht funktioniert. Man hat wohl nur einen pro Rennen.
Ab da konnt ich mich aber dann mit „Nur noch beschissene 5, 4, 3 usw... km“ mental durchretten und die Konzentration aufrecht erhalten. Ich versuchte noch ein paar einbrechende Läufer aufzumuntern, fast mehr, um mir selbst Mut zuzusprechen.

Bei den Finisher-Fotografen hatte ich noch gerade genug Energie, Faxen zu machen. Für's dämlich Grinsen hatte ich aber kurz meine Schnappatmung eingestellt, was sich mit einem mäßigen Blackscreen bedankte, der sich aber zum Glück nach einer Sekunde wieder legte. Das wär's noch gewesen, 30 m vorm Ziel umzukippen.

Auf der Ziellinie sagte mir der Forerunner 3:39:12, die offizielle Nettozeit war sogar noch nen Tick besser (3:39:09). Ich fühlte mich glücklich. Hauptsächlich darüber, dass ich jetzt nicht mehr laufen musste. Und dann, dass ich ein Erdinger geschenkt bekam. Und dann, dass ich meine Zielzeit erreicht hatte.

***** Nachgeplänkel: *****

Das Duschzelt war toll. Der Abfluss war defekt, so dass man in 20 cm Duschwasser watete (Da bringen die Badeschlappen richtig was), und die Duschtemperatur war zwischen 40 und 45°. Ich fand's spitze. Was ich selbstverständlich nicht zugab. Wie die anderen auch sagte ich allenfalls Dinge wie „Ja hören Sie mal, wollen die uns denn kochen?! Viel zu heiß und so! Jaja! Jetzt eine eiskalte Dusche, und dann grad noch ein Marathon, das wär jetzt das richtige!“.

Selbstverständlich nehm ich auch noch die Medaillen-Gravur mit :D

Ich schaute mit meiner Freundin noch etwas von der Empore dem Treiben am Ziel zu und gönnte mir dabei zwei Pils, nach denen ich komplett einen im Tee hatte. Ich musste ja nicht mehr fahren.

Bei der Fahrt aus Mainz heraus erreichte gerade ein Gewitter- und Hagelsturm der absoluten Extraklasse die Stadt. Die Autobahn wurde zum reißenden Strom. Was für ein irrsinniges Glück wir hatten. Und was für ein irrsinniges Pech die Leute hatten, die jetzt abbauen und aufräumen mussten.

***** Der Tag danach: *****

Ich fühl mich ganz gut. Natürlich tut alles weh – sehr weh. Aber nichts, was es nicht tun sollte, und nichts mehr als zu erwarten war. Es scheint also abgesehen vom Muskelkater alles heil geblieben zu sein. Das ist fast noch mal ne Medaillen-Gravur wert. Ich hatte da größte Bedenken.

***** Für die Statistik: *****

Die Splits vom Veranstalter:

Split Zeit
6 km 00:32:14
17 km 01:28:53
Halb 01:49:15
25 km 02:08:42
33,7 km 02:54:41
Netto 03:39:09

Die einzelnen km-Splits schreib ich jetzt nicht großartig auf. Außer ein paar Ausreißern, der Pinkelpause, der kurzen Schlappe gefolgt von der Aufholjagt, bewegt sich alles erfreulich nah an 5:11.

Die HF zeigt einen Durchschnitt von 80%
Belief sich gegen Ende auf etwa 87%. Aber ich glaube, meine HFmax ist ca 3-4% oder so zu hoch angesetzt. Ich werde das irgendwann noch mal testen müssen.

4.2
Gesamtwertung: 4.2 (5 Wertungen)

Ich nenn dich ab jetzt

Hidalgo ;-))

Wahnsinnsrennen und was für ein Bericht. Dass du die Anstiege nicht als solche erkannt hast, glaube ich dir sofort *grins*. Willkommen bei den Marathonis! Mir bist du sowieso zu schnell ;-))

Saarvoir courir - laufen wie bekloppt im Saarland

Hallo Dotterbart,

vielen Dank für deinen ausführlichen Bericht und herzliche Glückwünsche zum Finish.

Seit dem ich mir vorgenommen habe selber einen Marathon zu laufen im Herbst, finde ich solche Berichte gleich noch mal interessanter.
Überlege noch, ob ich mir „Hidalgo“ als Vorbereitung antue. ;-)

wow

tolle zeit, lustiger blog, danke !!
erinnert mich an was:
als ich hier in mainz studentin war und nach den semesterferien mit riesenkoffer und jeder menge zeugs ankam, da hat mir schon im zug eine " native" angeboten, mich mitzunehmen, ihr sohn würde sie abholen . ja , so sind se, die meenzer :).

und rück mal dein startnummer raus : das dämliche grinsen das fast zum blackout führte wollen wir hier alle sehen , du röckchenträger ;))

g,c

2183 war die Nummer. Mir war

2183 war die Nummer.

Mir war allerdings nicht bewusst, wie viele von denen auf der Piste verteilt sind.
Auf den meisten Bildern guck ich nicht sehr fröhlich :D

hihi

danke für die startnummer , hab gleich gespickt
nicht übermäßig fröhlich, stimmt...macht aber nix, dein hüftschmuck ist umso bezaubernder und dann hat eben der betrachter ein lächeln auf den lippen :)))
mensch, daß musst du mit deiner freundin aber besser planen das nächste mal !!!

amüsierte grüße, c

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