Um sechs Uhr klingelt der Wecker. Ein Sonntag kann auch anders beginnen… Wir fahren zu viert Richtung Bielefeld, wo das Ziel des Hermannslaufs ist. Von dort aus werden die über 7000 Läufer und Walker mit insgesamt 110 Bussen nach Detmold zum Start des Hermannslaufs gefahren.
Das Wetter ist prima. Seit einer Woche schaue ich 3x täglich auf den Wetterbericht. Bis zu 27 Grad sind zwischendurch angesagt. Für mich eindeutig zu heiß. Der Samstag macht meine Albträume wahr: schwül und warm. Aber der Sonntag ist mit etwa 15 Grad und bewölkt genau passend.

Wir sind schon gegen 9:20h am Hermannsdenkmal angekommen, der Start ist erst zwischen 11h und 11:15h. Es wird in drei Startblöcken gestartet. So nach und nach wird es immer voller, die Aufregung steigt. 31,1 km durch den Teutoburger Wald erwarten uns – mit 568m bergauf und 774m bergab. Die Bergabmeter werden es letztendlich sein, die sich besonders schmerzhaft bemerkbar machen.

Mein Mann Mike kommt noch dazu, er ist leider momentan verletzt und macht deshalb heute den Supporter. Er hat einen ähnlichen Marathon wie wir vor sich: er schaut uns beim Start zu, sprintet dann zum Bus, der ihn wieder nach Detmold bringt und fährt mit dem Auto und dem Fahrrad mehrere Punkte an, bis er uns schließlich im Ziel empfängt. Das war für ihn ähnlich schweißtreibend wie für uns. Aber es klappte prima und wir haben uns an keiner Station verpasst. Vielen Dank nochmal für deine Anfeuerung! Und im nächsten Jahr bist du wieder dabei!!

Die Kleiderbeutel werden abgegeben, ein Platz im Startblock gesucht, die Stimmung steigt. Radio Lippe ist vor Ort und überträgt live. Ein Startschuss nach dem anderen fällt, so nach und nach kommt Bewegung in die Läuferschar. Es geht anfangs etwas durch den Wald und direkt erst einmal ca. 3km bergab, teilweise mit 20% Gefälle. Zu steil, um schnell zu laufen, außerdem besteht hier die Gefahr, zu schnell loszurennen, was sich hinterher rächen kann. Hier zur besseren Übersicht eine Karte.

Ich laufe die ganze Strecke über ziemlich gemütlich: ankommen heißt hier lediglich mein Ziel. Der Weg ist lang. Die ersten Hügel sind gut genommen, überall sind vereinzelt Zuschauer zu sehen, die gute Stimmung machen. Überhaupt ist der Hermannslauf ein Lauf, wo die Anzahl der Zuschauer wirklich einzigartig ist. Selbst im Wald sind überall Leute anzutreffen: Spaziergänger, Mountainbikefahrer, viele haben Picknickdecken ausgebreitet und unzählige Male gibt es private Verpflegungsstellen, wo Kinder ein paar Becher Wasser oder Cola verteilen, Melone oder Traubenzucker. Ab und zu werden Wannen mit Wasser aufgestellt oder es stehen Leute mit Gartenschläuchen am Wegesrand – eine willkommene Abkühlung vor allem an heißen Tagen. Man hört aus der Ferne ein Gerappel und Getöse, als ob dort eine ganze Meute Krach macht, und dabei sitzen dort nur zwei Leute, die auf Kochtöpfen trommeln oder andere improvisierte Krachmacher dabei haben. Einfach toll – danke, Leute, für die tolle Stimmung an der Strecke!

Der erste große Anstieg ist der Ehberg bei km7. Die ganze Höhe, die man sich mühsam erlaufen hat, vernichtet man danach sofort wieder und kommt zum ersten Zuschauerhighlight, der Panzerstraße in Augustdorf. Diese Straße gehört zum Truppenübungsplatz und wird nur für den Hermannslauf für die Allgemeinheit geöffnet. Diese Straße ist riesig breit und lang, wenn man aus den engen Waldwegen kommt, und voll von Zuschauern. Hier sehe ich Mike auch das erste Mal.
Danach geht es immer wieder bergauf und bergab, bis wir uns bei km16 auf die höchste Erhebung gekämpft haben, den Tönsberg. Von hier aus hat man eine tolle Aussicht ins Tal, solange man in der Lage ist, sie zu genießen. Es ist schon beängstigend, wie viele Leute hier, aber auch schon etliche km vorher mit Krämpfen etc. zu tun haben. Man sieht immer wieder Leute am Wegesrand stehen, die sich dehnen und sich langsam humpelnd fortbewegen, und das Ziel ist immer noch so fern. Auch sieht man leider immer wieder einige Läufer, die wohl umgeknickt sind und von den Sanitätern versorgt werden müssen.

Die Halbzeit ist geschafft, bis jetzt ging es mir sehr gut, aber leider macht sich so langsam mein Knöchel und meine Wade bemerkbar. Vor einer Woche habe ich mir den Knöchel angestoßen, und ich habe einige Probleme mit der Wade. Das wird leider im Laufe der Zeit immer schlimmer, aber trotzdem kann ich den Lauf gut beenden.

Direkt vom Tönsberg geht es wieder steil bergab in das absolute Highlight der Strecke, der Lauf durch Oerlinghausen bei km18. Hier sind mehr Zuschauer an der Strecke als der Ort Einwohner hat. Vor einiger Zeit wurde die Strecke hier extra noch durch eine Schleife erweitert. Sehr unangenehm ist allerdings der Weg direkt nach Oerlinghausen rein: es geht sehr steil auf Kopfsteinpflaster bergab, mittlerweile macht sich das Bergablaufen doch unangenehm bemerkbar.
Aber der Empfang ist wirklich toll. Es geht in mehreren Schleifen durch den Ort hindurch, es herrscht Volksfeststimmung. Mike sehe ich hier auch wieder, leider jedoch nicht ein paar andere Bekannte, die hier ebenfalls gestanden haben.

Es geht noch etwas weiter bergab bis zum tiefsten Punkt der Strecke, dem Schopketal. Und warum das Ganze? Nur, um danach die ganzen Berge wieder hochzurennen! Also geht es erneut mal mehr, mal weniger steil den nächsten Berg wieder herauf. Bei Lämmershagen ist erneut gute Stimmung, hier steht wieder Mike, der nun direkt zum Ziel durchfährt. Und da erwarten sie uns, wovor ich schon ein bisschen Angst gehabt habe: die Treppen von Lämmershagen. Insgesamt 130 Naturstufen erwarten uns, und ich hatte schon Bedenken, was meine Waden dazu sagen werden. Aber es war überhaupt nicht schlimm, es war eh so voll, dass wir die Treppen nur langsam hochgehen konnten, und das ging völlig problemlos. Wir gingen erst 85 Stufen hoch, dann musste man ein paar Meter laufen, bis die restlichen 45 Stufen auf uns warteten, und was sehe ich da? Geradeaus sind die Stufen und einige Leute laufen rechts einen Weg hoch. Was machen die denn da? Und dann sehe ich das Schild: neben dem Geradeaus-Pfeil steht „Hermänner“ und neben dem Rechts-Pfeil „Weicheier“. Es gibt hier doch tatsächlich eine Ausweichstrecke. Beim Strongmanrun heißt die Ausweichstrecke für die Leute, die nicht durch’s Wasser gehen wollten, „Pussylane“ und ich bin schwer in Versuchung, den Leuten „Pussy“ hinterherzurufen. :-)

Nun geht es immer steiler bergauf (und zwischendurch auch immer wieder bergab, wäre ja sonst langweilig) auf den letzten großen Hügel bis zum Aussichtsturm „Eiserner Anton“ bei km24. Nun geht es noch einmal knackig 50 Höhenmeter bergab und direkt wieder bergauf, erneut mit einigen Treppenstufen. Aber nun haben wir wirklich das meiste geschafft und die letzten 5km geht es fast nur noch bergab.
Aber wie bergab! So langsam ist das Bergablaufen wirklich schmerzhaft auf diesem unebenen, teilweise von großen Steinen durchsetzten Boden.

Aber die letzten 2km sind dann wieder toll, als wir aus dem Wald herauskommen und es auf der Asphaltstraße nur ganz leicht bergab nach Bielefeld herein und Richtung Sparrenburg geht. Hier stehen erst vereinzelt, dann immer mehr Zuschauer, die ganz toll anfeuern. Hier ist die Stimmung im Endeffekt viel schöner als letztendlich im Zielbereich, wo zwar ungleich mehr Zuschauer sind, aber längst nicht so viele anfeuern. Schon auf der gesamten Strecke habe ich den Anfeuerern eigentlich immer ein Lächeln und ein „Danke“ zurückgegeben, was dann meist eine noch herzlichere Reaktion zur Folge hat.

Ich bin gut und noch relativ locker in 3:39:10h ins Ziel gekommen. Ich war nicht am Ende, darüber freue ich mich sehr. Als ich dann stehengeblieben bin, merkte ich die Waden natürlich sehr, aber ich denke, das ist normal. Ich habe mich dann noch am Massagezelt angestellt und das kalte Fußbad (damit die Masseure nicht die ganzen Stinkefüße ertragen müssen) und die Massage sehr genossen. Und ich war danach sogar noch in der Lage, den einen Kilometer zum Auto zu joggen – leider wieder bergab. :-)

Meinen Knöchel und die Wade habe ich einen Tag noch gespürt, aber der erwartete Muskelkater war kaum vorhanden. Da hatte ich beim Luisenturmlauf viel mehr Muskelkater. Mein Fazit: toller Lauf, gutes Wetter, super Stimmung, schöne Strecke. Und die Anmeldung zum Trailrunning-Cup 2012/2013 ist raus. Und da gehört der Hermannslauf wieder mit dazu.

Sorry – ist etwas lang geworden. Aber es war ja auch ein langer Lauf. :-)

5
Gesamtwertung: 5 (4 Wertungen)

Genau so wars ... ;-)

... ja, die Unterstützung durchs Publikum ist schon klasse. Obwohl ich den Eindruck hatte, dass die Stimmung im letzten Jahr sogar noch frenetischer war. Ich hoffe, der Muskelkater plagt dich nicht mehr allzu sehr.

"Das wichtigste Argument für den Breitensport ist aber, dass die Menschen davon schön müde werden. Wer des Abends müde ist, geht zu Bett und treibt keinen Unfug." (Max Goldt)

Herzlichen Glückwunsch Hermine Denise!

Super gelaufen! Danke für den tollen Bericht, der lässt da so gewisse Pläne in mir keimen :-)

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

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