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--- Dieser Bericht entstand in einem kurzfristig entstandenen, aber relativ ausgedehnten Zeitfenster. Daher auch die Länge. Bitte verzeiht mir grammatische und orthographische Fehler, ich habe einfach keine Lust gehabt, Korrektur zu lesen. Viel Spaß beim Lesen! :-) ---

Ich mag es, Berichte über aktuelles Zeitgeschehen in der Vergangenheit beginnen zu lassen. Also auch heute wieder:

Es ist Montag, 26.09.2011. Gestern bin ich den Marathon in Berlin gelaufen, in sieben Tagen werde ich beim Marathon in Welver schwitzen. Es ist das erste Mal, dass ich innerhalb von acht Tagen Marathon laufe. Spannend und erstmalig sind noch so viele Ereignisse in meinem jungen Läufer-Leben. 2010 erster Marathon, erster 50km-Ultra. 2011 dann der Rennsteig-Supermarathon. Und ich will mehr.
I want to run. Harder and longer.
Also melde ich mich an für den 5. Iserlohner Stadtwerkelauf in der Disziplin "24h-Einzellauf". Vierundzwanzig Stunden laufen. Das sind 1440 Minuten. Das ist ein ganzer Tag inklusive Tageshitze, Abenddämmerung, Sonnenuntergang, Nachteinbruch, Sternefunkeln, Morgenröte und feuchtem Tau auf der Jacke. Das ist x-Mal die 1788-Meter-Runde. Das ist im beträchlichen Ausmaß ein unüberschaubares Mehr an Stunden und Zeit, was ich bisher je zurückgelegt habe. In Schmiedefeld war ich nach neun Stunden im Ziel. Jetzt noch fünfzehn Stunden dazu...und an dieser Stelle enden die meisten Gedankenexperimente.

Nach meiner Anmeldung im September denke ich jeden Tag an dieses bevorstehende Abenteuer. Besonders an den vielen Tagen, an denen ich weit laufe. Ich denke am Heiligen Abend an Iserlohn, am Neujahrstag, an meinem Geburtstag und so fort. Nicht weit kommen meine Gedanken - bei Stunde neun ist Schluss.
Manchmal taste ich mich in mentale Gefilde hinein, die meinen Bewusstseinshorizont erweitern: ich beschließe, einen Nachtlauf zu unternehmen. In meinem Nachbarpark in Köln. Die Runde ist 2070 Meter lang. Ich laufe Mitternacht los, es regnet. Um drei Uhr bin ich wieder zu Hause. Keine Lust mehr. Was für eine Vorbereitung!

Dann vergeht die Zeit wie im Flug. Noch zwei Monate. Noch einen. Noch zwei Wochen. Noch drei Tage. Zack, es ist Samstagmorgen. Auf geht's!
Mit Isomatte, Schlafsack und Zelt sitzen wir im Auto Richtung Iserlohn. Ich werde von zwei alten Freunden und meiner Freundin begleitet. Dazu kommen dann aus Köln noch Kommilitonen, die ein sonniges Wochenende mit Grillwurst und Flunkyballspiel lockt - Wunderwaffen der Überredung.

Um neun Uhr sind wir da, um zehn Uhr stehen die Zelte, um zwölf Uhr geht's los.
Meine Taktik: auf der Strecke bleiben, so lange es geht. Heißt realistisch gesehen aber auch, dass ich nicht genau weiß, wie lange es gehen könnte. Ich habe mir vorgenommen, über vier Runden pro Stunden zu laufen, um über 8km/h zu kommen. Macht knapp 50km in sechs Stunden, mit Einbezug von Unvorhersehbarem und Ermüdungserscheinungen müsste ich doch wirklich nach 13, naja spätestens 14 Stunden die 100km voll haben. Und dann mal sehen.

Pünktlich zum Start treten die Wolken zurück und die Sonne strahlt mit frühlingshafter Kraft. Wir trotten los. Alles fühlt sich so kraftvoll, elegant und einfach an. Meine Freundin Anna, die als Free-Runner mit mir gestartet ist, und ich lassen uns treiben in der Menge der 6h-, 12h-, 24h-Läufer, Free-Runner und Staffeln. Ich denke darüber nach, wann sich das Feld wohl gelichtet haben wird?
Meine anderen Freunde haben es sich direkt an der Strecke gemütlich gemacht und lassen sich bereits - wie es sich für einen ordentlichen Samstagmittag bei entsprechendem Wetter gehört - das Bier schmecken. Sie grinsen und prosten uns zu. Ich kann mir einen anständigen Schluck aus der mir hingehaltenen Radlerflasche nicht ablehnen und begrüße dieses Ritual noch oftmals in den kommenden Runden der nächsten Stunden.

Die Runden verfliegen. Der Anfang ist doch so leicht. Auf der 1788m-Runde tummeln sich motivierte Sportler, jeder ist sich hier noch sicher, jeder hat hier noch Kraft.
Nach drei Stunden wird es meiner Freundin zu viel. Wir haben erst 23km geschafft. Die Sonne strahlt nicht nur ordentlich, nein, jetzt ist es 15 Uhr und sie knallt erbarmungslos sengend vom Himmel und vernichtet jedes Fitzelchen nackte Haut. Ich frage bei den Sanitätern, beim Service-Team und bei den Physiotherapeuten nach Sonnencreme, aber keiner hat was zur Hand. Dann beginne ich, die umstehenden Zuschauer und Begleiter abzufragen und glücklicherweise sind einige von ihnen besser ausgestattet. Meine Haut ist schon rot, aber die Creme kommt gerade noch rechtzeitig, um das Schlimmste zu verhindern. Für zehn Minuten riecht es angenehmen nach Mittelmeerurlaub, dann ist das Zeug eingezogen.
Nur viel trinken! Auswahl gibt es genug: Cola, Fanta, Wasser mit oder ohne Kohlensäure, süßer Tee, alkoholfreies Bier, isotonisches Zeugs...nachts dann noch Kaffee, heißen Tee und Brühe. Was das Herz begehrt. Auch bei der Verpflegung bleiben keine Wünsche offen: Weintrauben, Melonen, Äpfel, Rosinen, Salzbrezeln, Kekse, Kuchen, Chips, acht oder neun verschiedene Energieriegel, belegte Brötchen, abends Nudeln mit Soße.
Ich versuche, mir einen Rhythmus anzugewöhnen. Alle zwei Runden was trinken und dabei gehen. Alle vier Runden etwas essen und etwas mit Kohlensäure trinken, dabei entspannt ein Stück länger gehen. Klappt nicht so wirklich, aber ich gebe mein Bestes.
Meine Freunde fahren inzwischen mit einem Tretboot auf dem Seilersee herum. Ich beneide sie zutiefst und stelle mir zum ersten Mal die Frage: Muss das wirklich sein hier? Sieht so ein entspannter Samstagnachmittag aus?
Aber die Antwort auf diese Frage habe ich mir schon vor langer Zeit selbst gegeben und es nicht vernünftig, sie jetzt im Wettkampf noch einmal infrage zu stellen und sie zu kritisieren. Jetzt wird gelaufen.

Der Marathon ist nach 5:30h geschafft. Oh nein, das kann nicht sein! Knapp zwei Stunden unter meiner Bestzeit. Natürlich der langsamste Marathon, den ich je gelaufen bin. Aber es stellt sich auch Zufriedenheit ein. Wenigstens hast du jetzt schon mal was Greifbares, was Handfestes, etwas, das dir keiner mehr nehmen kann, denke ich.
Ich spüre, dass die Hitze ihren Tribut fordert. Ich bin lange nicht so schnell wie gedacht. Dabei fande ich 50km in 6h absolut realistisch. Meine Motivation sinkt.
Irgendwann kommt das Signal für die 6h-Läufer, die jetzt fertig sind. Sie sitzen am Rand der Strecke, warten auf die Restmetervermessung und sehen ziemlich fertig und glücklich aus. Klar, dass ich sie beneide. Ich will jetzt auch schon fertig sein. Aber es kommen ja noch 18 Stunden...lieber nicht dran denken. Ich sollte es nicht tun, aber es kommt einfach so.

Um 18:30 Uhr treffe ich einen Läufer, der beim Gehen weichgekochte Nudeln mit einer Bolognesesauce in sich hineinschaufelt. Stimmt, es gibt ja auch was Richtiges zu essen. Hätte ich ganz vergessen. Der Gedanke, mal etwas anderes zu mir zu nehmen, als Apfelscheiben, Salzkekse und Weintrauben erscheint mir total vernünftig. Schließlich verbrenne ich hier auch 10 000 kcal, da sollte man auch irgendwas Verwertbares zu sich nehmen.
Ich mache nach 6:40 h die 50 km voll (jap, deutlich über meinen Zeitvorstellungen) und gönne mir eine Schale Nudeln. Zum Essen setze ich mich zu meinen Freunden, als Belohnung sozusagen. Aber es klappt nicht. Ich kann einfach nichts essen. Es will nichts rein. Scheiße.
Also bloß nicht nutzlos rumsitzen hier und wieder auf die Strecke. Ich nehme die Schale mit und gehe ein Stück. Dann aber setze ich mich doch an einen Hang direkt neben der Strecke. Jetzt warte ich darauf, dass mein Magen was verträgt und dann fange ich an zu essen. Es dauert knapp 20 min, dann kriege ich was runter. Und nach einer Weile gehts. Ich esse alles auf und fühle mich großartig - bis ich wieder zu laufen beginne.
Mein Magen kapituliert, mir wird übel. Ich muss eine Runde gehen. Dann noch eine. Zwischendurch Gehpausen. Irgendwann wird es besser und ich kann auch wieder laufen.

Jetzt wird es schön: die Schatten werden länger, die Sonne zieht sich hinter Wolken zurück und die Abendkühle setzt ein. Nun kommt der Teil des Laufs, den ich mir romantisch vorgestellt habe und tatsächlich ist es einer der schönsten Abschnitte des Tages. Das Laufen fällt leicht, die Eleganz kehrt zurück. Ich laufe nun seit über neun Stunden, so lange wie nie zuvor in meinem Leben. Und es geht immer noch. Die Beine sind (verhältnismäßig) locker, ich kann mir in diesem Moment vorstellen, noch ewig weiterzulaufen. Keine Gedanken an unzählige Stunden vor mir.

Dann wird es dunkel. Langsam ändert sich die Stimmung. Alles wird enger, tunneliger. Die Reizüberflutung aus den Anfangsstunden ist verflogen. Nun wird es Nacht. Die Strecke ist ausgeleuchtet und so gibt es beim Laufen keine Orientierungsprobleme. Aber da auch NUR die Strecke beleuchtet ist, kann man vom Umland nichts mehr erkennen. Der Blick konzentriert sich nun auf die Meter vor mir. Immer weiter, immer weiter. Kilometer für Kilometer.
Mittlerweile muss ich alle drei, vier Runden mindestens eine halbe Runde nach der Verpflegungsstelle gehen, da die aufgenommenen Getränke kein Laufen zulassen, ohne dass mein Magen zu rotieren beginnt. Und ich merke, dass das Gehen wirklich nur die ersten fünf Meter nach dem Laufen wohl tut. Danach tut es verdammt noch mal richtig weh. Wesentlich mehr als das Laufen. Laufen ist anstrengend, gehen ist die Hölle. Aber ich kann nicht immer laufen, besonders an den paar Steigungen auf der Strecke nicht.
Also müssen neue Anreize her. Zum Beispiel welche, die mit Streckenlänge zu tun haben. Wir bewegen uns so langsam auf Mitternacht zu. Meine Freundin begleitet mich nun schon seit längerer Zeit wieder. Sie meint, sie könne es nicht aushalten, immer nur von außen zuzuschauen. Anscheinend sehe ich aus, als würde ich sehr leiden.
Ich nehme mir vor, bis 24 Uhr den Doppelmarathon zu schaffen. Um 23:50 Uhr ist es soweit. Zeit für eine Belohnung! Ich begebe mich zu einer Crew. Yeah, das ist doch mal ein geiles Gefühl!! Ich werde angemessen gelobt, Balsam für meine Seele. Jedoch nicht für meine Beine. Stehen schmerzt unheimlich, genauso wie sitzen auch. Beides ist nicht förderlich für Fortkommen und deshalb entscheide ich mich dazu, zur Belohnung eine Runde zu gehen. Was für eine tolle Belohnung, ich habe weder Spaß dabei und bin auch echt lahmschneckig.

Mein Gehirn, gematert von all den physischen Zumutungen, die mein Geist in lang geplanter Übereinkunft mit meinem austrainierten Körper jeder Muskelfaser, jeder Sehne und jedem Blutkörperchen überantwortet hatte, versuchte mich mit biochemischen Spielereien zu täuschen. Doch vielleicht ist „Täuschung“ auch das falsche Wort, denn es gehört wohl zur natürlichen Funktionsweise des Gehirns dazu, sich bei vermeintlicher Überanstrengung zu melden und zu signalisieren, dass man kein Bock mehr hat und eine weitere Ausübung sofort einzustellen. Das Gehirn brauchte neue Anreize.
Nächster Halt: die 100km-Marke. Ein emotionaler sowie sportlicher Höhepunkt, den ich wohl zwischen 2:30 und 3:00 Uhr überschreiten werde. Doch glücklicherweise musste ich dies nicht allein tun.

Wäre ich ein Held in einem Actionfilm, so würde ich jetzt meine Geheimwaffe zücken.
Im echten Leben kam nun mein alter Freund und Laufkollege Henrik dazu. Er war bei meinem ersten Marathon dabei, ich begleitete ihn bei seinem ersten. Leider hatte er noch in der Heimat zu tun (er wurde Patenonkel), aber mit dem letzten Zug kam er in Iserlohn am Bahnhof an und enterte gegen 1:15 die Strecke. Five laps to go.
Mit neuer Frische und neuem Mut gehen wir an die nächsten Runden. Ich bin wirklich froh, dass er dabei ist. Aber meine Beine lassen sich nur kurz mit Adrenalin trügen, danach schmerzen sie gewohnt vor sich hin. Wir kämpfen und kämpfen und sprinten dann die letzte Runde bis zur 100km-Marke durch. Meine Fresse, das tut echt gut. Ich bin zwar vollkommen fertig, aber ich habe 100km geschafft. Nach insgesamt 14:40h. Selbst in meinem schlimmsten Szenario schaffe ich das nach 14h. Na, herzlich willkommen in der Realität.

Mit dem Rückenwind des erreichten Zwischenziels ziehen wir noch zwölf Kilometer durch. Mit jeder vergangenen Minute sehnen wir uns dem Morgengrauen entgegen. Oh wunderschöne Sonne, zeig’ uns dein Licht!
Dann ist es 5:05 Uhr. Ich bin total durch. Nichts geht mehr. Wir sitzen auf einer Bank an der Verpflegungsstelle. Normalerweise setze ich mich zum Trinken nicht hin, aber ich kann nicht mehr. Es ist einfach zu verführerisch. Mit einem Becher Brühe in der Hand überlegen wir, wie es weitergehen kann. Allerdings lautlos und in Gedanken. Mir sinkt dabei immer wieder das Kinn auf die Brust, die Augen fallen automatisch zu und ich nicke ein. Nur mit einiger Kraft schaffe ich es, nicht komplett einzuschlafen.
Es muss etwas geschehen! Ein neues Zwischenziel? Ja, das klingt gut, hat bis jetzt immer funktioniert. Okay, also noch dreizehn Kilometer, dann habe ich 125 Km geschafft. Und ich darf ein Fähnchen tragen.
Alle Läufer, die in der gerade absolvierten Runde 100, 125, 150 usw. Km überschreiten, dürfen dies durch eins bei der Zeitnahme drappierten Fähnchen den übrigen Läufern anzeigen. Naja, leider waren um diese Zeit nur noch wenig Läufer unterwegs, ich schätze die Zahl auf 30.
Aber das Ziel hält mich wach. Zumindest beim Laufen. Aber es ist sooo anstrengend! Ich schwitze wie ein Tier, mein Puls befindet sich seit Stunden in ungesunden Bereichen. Also lieber etwas Gehen. Ich werde langsamer, immer langsamer, aber ich gehe. Mein Kinn sackt mir auf die Brust, sofort schließen sich meine Augen. Zack, ich schalte ab, nehme die Umgebung nicht mehr wahr. Aber ich gehe. Ein Schlag auf die Schulter lässt mich hochfahren. Hey, nicht schlafen, sagt Henrik. Ich habe wahrhaftig gepennt. Hätte mir das einer vorher gesagt, dass das tatsächlich geht, ich hätte ihm das nicht geglaubt.
Dann sind die 125km geschafft. Die Vögel im Morgengrauen singen liebliche Lieder, die Nacht weicht zurück, übrig bleibt nur der Nebel über dem Seilersee. Ein rötliches Schimmern aus offenbar östlicher Richtung zieht über den Himmel. In diesem Moment merke ich, dass ich bereits seit 18 Stunden laufe und eine ganze Nacht durchgestanden habe.
Aber ich kann mich nicht richtig freuen. Ich bin total durch. Kaputt. Ich baue kontinuierlich ab. Meine Gefühlswahrnehmung wird stumpf, wie es so oft passiert nach durchzechter Nacht. Wo ist die Freude? Ich habe keine Lust mehr aufs Laufen. Und dies ist nicht oberflächlich bedingt durch den tauben Schmerz in den Beinen und auch kein stichiger Impuls aus dem Gehirn. Es ist ein tiefes, durchdringendes Gefühl, das durch den ganzen Körper geht und allen Organen und Extremitäten signalisiert: hör auf, hör auf, hör auf, hör auf, hör auf.
Ich höre auf.

Es ist 7:15 Uhr, als ich in den Schlafsack krieche. Das wollte ich möglichst vermeiden. Wer weiß, wie mein Körper reagiert, nachdem er erstmal heruntergefahren ist? Besser nicht dran denken. Ich versuche zu schlafen, aber meine Beine fühlen sich an, als würden sie sich von innen heraus auflösen und sich selbst demontieren. Und ich schwitze. Obwohl ich mir extra frische Sachen angezogen habe, sind auch diese schon wieder vollgeschwitzt.

Als ich irgendwie aus einem wilden, aber traumlosen Ruheschlaf bzw. Dämmerzustand aufwache, ist es 8:20 Uhr. Der Wecker, den Henrik und ich gestellt haben, sollte eigentlich um 8:30 Uhr klingeln. Wir haben vorher ausgerechnet, wie viel ich mindestens noch brauche, um die fehlenden 15km bis zur 140km-Marke zurückzulegen und kamen auf 3,5 Stunden. Das sollte selbst dann reichen, wenn ich nur noch gehen könnte.

Ich habe kaum eine Stunde geruht, aber ich fühle mich, also wäre ein ganz neuer, mir unbekannter Tag herangebrochen. Die Strecke ist in den ersten Morgenstunden schon wieder lebhafter geworden und nun ist auch richtig Bewegung. Ein guter Grund für mich, sofort aufzustehen und wieder ans Werk zu gehen. Ich bin ja zum Laufen hier.

Entgegen aller Befürchtungen stellt sich heraus, dass es meinen Beinen nicht schlechter, sondern besser geht. Sie haben sich im Schlaf erholen können. Auch mein Kreislauf scheint etwas zur Ruhe gekommen zu sein, jedenfalls hat mein Herzschlag keine 180 bpm mehr.
Mein Magen dagegen hat keine Lust auf Laufen und signalisiert mit einer Welle aus Übelkeit, die durch meinen Körper schwappt, dass ich dringend etwas essen muss.
Also ab auf die Strecke und los geht’s. Die Verpflegungsstation erreiche ich ja in der nächsten Runde wieder. Hier erkenne ich durch einen kurzen Blick auf die Zwischenergebnisse auch, dass ich während der Nacht, in der ich kontinuierlich die Liste heraufgeklettert bin, echt viel geschafft und durch meine Stunde Schlaf kaum etwas verloren habe. Bedeutet im Klartext: Gesamtrang 14 von 108 Läufern. Wow, ziemlich cool.

Die nächsten Stunden gehen ganz gut rum. Es dauert ja nicht mehr lange. Noch drei Stunden, noch zwei Stunden. Die 130km-Marke fällt relativ schnell und auch die 140km sind endlich, endlich nach 22:50h erreicht. Ich habe keine Lust mehr. Warum soll ich mich jetzt noch hetzen? Um mich herum rasen Läufer vorbei auf dem Weg zu einer persönlichen Bestzeit oder auf der Jagd nach derselben. Woher nehmen die noch die Kraft? Ich weiß es nicht. Aber mir ist es auch egal. Ich möchte nicht mehr.
Die letzte Stunde vergeht, während ich zwei Runden gemütlich gehe.

Als das Schlusssignal um 12:00 Uhr ertönt, falle ich direkt vor meinem Zelt auf den Boden und bin überwältigt. So viel Leid, so viele Schmerzen, so viel geschafft.
Ich habe bei meinem ersten 24h-Lauf 145,125 Kilometer zurückgelegt. Das macht schlussendlich den Gesamtplatz 16 von 108 Läufern. Es ist überwältigend, sich das vorzustellen und ich bin fix und fertig.

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Nun, Tage später: ich habe Blut geleckt. Die kommenden Ziele sind z.B. die DUV-DM im 24h-Lauf in Stadtoldendorf Anfang Juni. Mal sehen :-)

4.75
Gesamtwertung: 4.8 (16 Wertungen)

Schöner Bericht zum miterleben!

Hallo Sky,

toller Bericht, tolle Leistung!

Wirklich schön zum lesen und nachempfinden!

Gut gelaufen! Gut beschrieben!

Ich hab Dich leider erst bei der Siegerehrung bewußt wahrgenommen, aber da war ich dann auch schon wieder mehr mit mir beschäftigt, als dass ich Dir hätte gratulieren können. Deshalb meinen Glückwunsch an dieser Stelle. Wenn wir gewußt hätten, dass wir nur einen Platz bzw. nur gut einen Kilometer auseinander lagen, hätten wir auch zusammen laufen können... ;-)
In anbetracht der sehr großen Wärme am Samstag und den ca. 1800 Hm kannst Du stolz sein auf Deinen ersten 24-h-Lauf. Ich denke, bei besseren Bedingungen wirst Du noch weiter vorn landen.

Liebe Grüße
Renate

27.05. TorTour de Ruhr 100 M

Du beeindruckst mich sehr!!

Und auf Grund Deines sehr detailierten Berichts steigt mein Respekt doch noch mehr vor den Leuten, die es schaffen, tatsächlich so einen 24h-Lauf "durchzuziehen", soll heißen, ohne große Schlafpausen durchzulaufen.
Was für eine mentale Stärke man da haben muss.....und Schmerzresistenz....das kann wahrlich nicht jeder!!
Das sind ganz andere Hausnummern, als ein Marathon oder son kleiner 50km-Zwerg-Ultra.
Ganz dicke Gratulation und Verbeugung!
Ich glaube, wenn Du jetzt Blut geleckt hast nach so einer Tortour, werden wir noch einiges von Dir hören!
Bleib gesund!

Lieben Gruß Carla

Boah, Ganzkörperpelz beim

Boah,
Ganzkörperpelz beim lesen!
Meine Güte, ich bin echt beeindruckt!
Sehr schön geschrieben, sehr beeindruckend. Wie geht es dir jetzt? Hast du dich gut erholt? Für mich sind solche Distanzen immer noch absolut unvorstellbar, obwohl ich jeden beneide, der es kann!!!
Wirklich tolle Leistung, herzlichen Glückwunsch!

Seit 2011:



"Man muss das Unmögliche so lange anschauen, bis es eine leichte Angelegenheit wird. Das Wunder ist eine Frage des Trainings" (Carl Einstein)

Gehen als Belohnung

dafür muss man den Bericht gelesen haben um das zu verstehen. Irgendwann mache ich sowas auch mal und Dein Bericht zwingt einen ja geradezu darüber nachzudenken.

Beim nächsten weisst Du dann ja was auf Dich zu kommt und kannst entsprechend reagieren. Wir klopfen Dir alle auf die Schulter, für die Leistung und den Bericht, vielen Dank.

Willkommen im Club !!!

Riesengratulation und vielen herzlichen Dank für's Mitnehmen! Was für ein Spirit (um mit Klada zu sprechen)!!!

Von Dir werden wir bestimmt noch viel lesen. Das ist aber nicht wichtig. Wichtig sind Dir Deine Ziele, das Verschieben der Grenzen, die Bewegung, das Kopfkino - kurz: Die unendliche Freude (und streckenweise auch das Leid) am Laufen.

Du und rhinfo, ihr habt mir ja eine schöne Vorlage für Rüningen geliefert!!! Ob ich solche Kilometerleistungen abspulen kann... Ende August werde ich Deinen Bericht noch einmal durchlesen.

Viel Erfolg bei Deinen nächsten Läufen,
Holger



12.05. Rennsteig SM
26./27.05. TTdR-Support
30.06. Himmelgeist HM
12.08. Monschau Ultra
01./02.09. Rüningen 24h

Hammer, diese Kilometer

und auch der Bericht. Du beschreibst deine Gedanken/Gefühle sehr intensiv.

Danke,
Karen

....Nur wer sich auf den Weg macht, wird etwas Neues entdecken.....

Gänsehautbericht eines Gänsehautlaufs!

Wahnsinn! Was für eine beeindruckende Leistung! Riesenreschbeggt und Gratulation!
:-)

Puh, mir ist gerade ganz schwindlig

vom Runden drehen. Du hast die Freuden und Leiden so gut auf den Punkt gebracht - ich habe Riesenrespekt vor denen, die solche Leistungen bringen (und bringen wollen). Kann mir kaum vorstellen so lange am Stück zu laufen - und dann noch kaum schlafen. Das kann man ja gar nicht trainieren.

Ich glaub mir reicht so ein kleiner Marathon oder Ultra völlig. Momentan kann ich mir nicht mal 72,7km am Stück wirklich vorstellen. Ich weiß das ich es schaffen werde - wenn ich es locker und entspannt angehe und den Rest auf mich zukommen lasse.

Deine Lauf-Geschichte ist ähnlich wie meine - nur hast Du ein Jahr früher begonnen. Mein erster M war 2011 - mit Albmarathon im Herbst 2011. Und Rennsteig wird jetzt kommen. Oh, ich krieg gerade Muffensausen, wenn ich dann an nächstes Jahr denke. Aber ich muss ja nicht 24h laufen - meine Ziele können ganz anders sein :grins:.

Jedenfalls gratuliere ich Dir ganz herzlich zu dieser Wahnsinns-Mentalleistung und wünsche Dir gute Erholung.

WOW!

Was für eine Leistung! Respekt!!!
Erstaunlich, zu was der Körper fähig ist.

Und ganz nebenbei hast du auch einen richtig guten Schreibstil!

---
Geht nicht gibt's nicht.

@fazerBS: Ultralauf ist...

...länger zu laufen, als Du es Dir vorstellen kannst. Du weißt es einfach, wenn Du dazu bereit ist.

Und, liebe Birgit, Du bist bereit. Gehe es am 12.05. langsam an, genau wie Du es gesagt hast. Skydiver hat geschrieben, dass die ersten 42 km der langsamste M seines Lebens waren - genau richtig, um danach noch (mal eben) 100 km zu laufen ;-)))
Ok, auch mir wird allein schon bei diesem Gedanken schwindlig - beim Ultra denkst Du aber zumindest bis zur Hälfte NIE an das, was noch vor die liegt. Würdest Du das tun, so würde der Kopf sofort ein Stopp-Kommando an die Beine senden. Erst wenn Du Dir sagst, "ab hier nur noch ein Marathon", macht das Runterzählen der km (aus meiner bescheidenen Sicht) Sinn.

Birgit, Du musst Dir bei Deiner km-Leistung in diesem Jahr wirklich keine Sorgen um den Rennsteig machen!

Herzlichst,
Holger



12.05. Rennsteig SM

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Wirklich sehr schön geschriebener Bericht. Gratulation zu dieser Wahnsinnsleistung!

Da wird man wirklich sehr neidisch und will am liebsten auch sowas mal mitmachen. Aber 24 Stunden laufen... so bekloppt kann doch keiner sein! :-)

Grüße

Ganz großes Kino

Saustark, wie Du das durchgezogen hast. So was kann man meiner Meinung nach nicht trainieren. Die Devise heißt: Machen ... oder lassen. Du hast Dich für ersteres entschieden. 15 km drangehängt und die ersten 100 Meilen sind perfekt.

Klasse gemacht!!

Whow,

beeindruckend gelaufen und geschrieben. Danke für die Einblicke, wie Du zu solch einer Megaleistung gekommen bist.

cherry65

Jeder, der vor mir läuft, hat es sich verdient

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