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Für Schatz habe ich einen Zettel hinterlassen. „Ich radele schon mal los. Bis 10:00 bin ich zum Frühstück zurück.“ Ich will vor den 1. Mai Massen wieder da sein. Es geht mal wieder Richtung Naturschutzgebiet. Eine gepflegte Zweistundentour soll es werden. Flott, aber nicht auf Tempo.

Die Stadt schläft an diesem Feiertag Morgen noch. Ich liebe diese stille Zeit in den Straßen. Nur vereinzelt ein Auto. Oder ein Fußgänger auf dem kurzen Weg zum Bäcker. Das Licht scheint weich in die Straßenfluchten. Der Blick auf den See zwischen den Häusern durch ist bei dieser Föhnstimmung wieder gigantisch. Die Berge sind zum Greifen nah und an dem Wolkenspiel kann ich mich kaum satt sehen. Der Föhn pumpt. Und es rollt.

Raus aus der Stadt pedaliere ich nach wenigen Minuten schon ins Naturschutzgebiet. Ich werde von einem vielfältigen Stimmengewirr seltener und weniger seltener Singvögel begrüßt. Eigentlich kann ich die Pieper ganz gut an der Stimme unterscheiden. Bei der Menge aber fast unmöglich. Ich versuch es gar nicht erst und genieße das vielfältige Konzert. Und es rollt.

Dann steigen mir die ersten Düfte in die Nase. Taufeuchte Erde und Baumrinden. Der intensive Duft der Holderblüten. Der zarte Duft der Apfelblüten. Der herbe Duft der gelben Hahnenfußwiesen. Der intensive Fischgestank der Kormorankolonie. Was ein Potpourri. Und es rollt.

Der zart grüne Schimmer in den Bäumen verdichtet sich an der Argen zu einem dichten Blätterdach. Die Sonne hat inzwischen ihre volle Kraft entfaltet. Der Weg ist wunderbar schattig. Den Fluss kann man mehr hören als sehen. Überall verschiedene Schattierungen von Grün. Freie Sicht gibt es nur noch an den Brücken. Mit etwas Glück kann ich einen Blick auf eines der halbschwimmenden Haubentauchernester erhaschen. Ich pedaliere immer noch locker und frisch. Ein klein wenig Tempo kann jetzt nicht schaden. Die Äste knacken unter meinen Reifen. Der starke Föhnsturm der vergangenen Tage hat einiges an Reisig aus den Bäumen geholt. Das Radl fühlt sich wendig und leicht an.

Auf dem Rückweg komme ich an einigen der Strandcafès vorbei. Der Geruch von frischen Brötchen und Nusszopf steigt mir in die Nase. Ein interessanter Kontrast zum bitteren Geschmack der Mücken zwischen meinen Zähnen. Langsam freue ich mich auf das Frühstück. Und es rollt.

In den Apfelplantagen versuche ich noch ein paar Blütenaufnahmen zu machen. Erst auf den zweiten Blick erkenne ich die flauschige riesige Hummel in den Blüten. Sie ist schon beim Frühstück. Dann mal guten Appetit.

Der anschließende Aufstieg aufs Radl lässt mich erst einmal einbrechen. Die Oberschenkel sind brutal schwer. Ein paar Meter Kurbeln und die Beine sind wieder frisch. Und es rollt.

Am Ende des Naturschutzgebietes treffe ich immer mehr Radler. Freundlich grüßend. Kurz überlege ich. Ja, die Fähre hat wohl so vor einer Viertelstunde angelegt. Ich höre nämlich nur freundliches Schweizerdeutsch. Vermutlich geht es den Schweizern auf der anderen Seeseite gerade gleich. Danach noch etwas holländisch. An der Jugendherberge dann aber nur noch breites Schwäbisch. Dort sammeln sich die Erster_Mai_Grosskampftruppen. Ich zähle bei einer einzelnen Gruppe schon 30 Radtourer. Jetzt heißt es noch mal Gas geben und nichts wie heim.

Daheim begrüßt mich Schatz etwas reserviert. Er war laufen und schnippelt gerade die Kiwis fürs Frühstücksmüesli. Ist er sauer, dass ich mich verspätet habe? Dann kann er das Grinsen nicht mehr unterdrücken und platzt heraus: „Ich habe meine 10 km Zeit pulverisiert.“ Klasse Schatz. Dieser Tag kann schon nicht mehr schlecht werden. Und wir machen uns auf dem Balkon mit Riesenappetit über das Frühstück her.

Der 1. Mai ist der Tag der Wanderer und Radtourer. Da sollte man die Bodenseerundwege meiden. Zumindest ab 10:00 Uhr. Davor gehörten heute die schönsten Wege mir. Nicht mir ganz allein. Auf den Wegen sind mir einige Sportler begegnet. Läufer, Radler, Skater. Keiner verbissen. Alle mit einem Grinsen im Gesicht. Schauend, lauschend, schnuppernd und staunend. Und alle haben wir die schönste Zeit des Jahres zur schönsten Zeit des Tages an einem der schönsten Orte der Welt mit allen Sinnen genossen.

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schööööön!

danke, dass du mich mitgenommen hast.
Das ist auch meine Tageszeit und die liebe ich noch mehr um diese Jahreszeit.
Pat

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