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So hatte ich das geplant, schön locker 4.30 angehen, bis Halbmarathon halten und dann lässig schneller werden. Erst war der Plan – dann war der Tag des Hamburg Marathon 2009:

Nach einem netten Abend bei liebevoll zubereiteten Pasta hatten wir in Schlafsäcken auf der Gästecouch in Finkenwerda recht gut geschlafen und gut gelaunt diesen besonderen Tag begonnen. Wir drei nahmen ein typisches leichtes Läuferfrühstück zu uns und machten uns früh auf den Weg zur Fähre. Herrlich – diese Schifffahrt in die Sonne bis zu den Landungsbrücken und wie mild die Temperaturen zu dieser frühen Zeit…doch das sollte sich ändern.
Die Idee mit der U-Bahn bis St.Pauli zu fahren stellte sich als akademischer Verkehrsweg heraus und so winkten wir der Pressläuferschaft in der U30 hinterher und machten uns auf den Fußweg zur Reeperbahn. War nicht weit und die Atmosphäre der vielen Weggefährten machte den Marsch sehr kurzweilig. Ein Wahnsinn! Habt ihr mal überlegt wie viel Zeit
20 000 Marathonläufer in der Summe solch irdischen Dingen wie Laufsocken zurechtzupfen, Startnummern akkurat montieren, Verdauungsprozesse optimieren, Brustwarzen abkleben und Zehen vasilinieren investiert haben? Also – alles bereit für unseren großen Auftritt!!
Startblock D – gar nicht weit von den andersfarbigen Mitläufern und umgeben von durchweg rasant wirkenden Menschen versuchte ich mein Ungestüm in Zaum zu halten. Tu´s nicht Fritz! Geh´nicht zu schnell an! Bleib cool! Dann die Nationalhymne und Gänsehautatmosphäre. Das waren tatsächlich 20 000 Starter – nicht Walker, Firmendreikilometerstaffelsonntagsläufer, Skater oder so – nein echte Marathonis – toll und für mich bisher einmalig. 10,9,8,7,6…. Start und die Masse setzt sich in Bewegung. Das Fiepsen an den Matten unter dem Startbogen signalisierte mir das Abdrücken der leicht lädierten Polar – nach 12 Wochen Training mit einigen besonderen, überwiegend gemeisterten Herausforderungen – jetzt war es so weit – und LOOOOOOOOOOOOOS!
Es lief gut – zunächst – einige Irre flogen an mir vorbei, andere hatten sich wohl in den Startblock geschummelt um ihren besonderen Auftritt als „menschliche Wand“zu celebrieren, aber insgesamt war das eine sehr freier Auflauf mit Platz und homogener Mitläuferschaft. Gut so – das wird heut was – dachte ich….
KM 1= 4,31 – prima, bissel schneller vielleicht / KM 2 = 4,28 – prima, jetzt nicht schneller werden / KM 3 = 4,23 – ups, nicht gemerkt / KM 4 = 4,22 uuups, pass auf / KM 5 = 4,17 – brems! / KM 6 = 4,12 – Bremse kaputt??? / KM 7 = 4,50 – warum kriegen die das eigentlich nie hin die KM richtig zu beschildern?! / KM 8 = 4,19……..ihr ahnt es schon ?? Genau, das mit dem Bremsen hat nicht wirklich geklappt. Bei Km 12 habe ich dann Nezzwerker vor mir entdeckt – ich wusste, dass er sub 3 plant und fragte mich ob er gerade viel zu langsam ist oder ob ich …..Ja, ja,ja – ihr habt Recht – er hat alles richtig gemacht, was ich ihm sehr gönne!
Bis HM ging es recht gut 1.33,57 war zwar „nur“ eine Minute unter Plan, aber ich fühlte, dass die ansteigende Wärme und mein „Fehlstart“ ihren Tribut fordern würden.
Bis KM 30 hatte ich gedanklich viel Zeit mich auf das einzustellen, von dem ich wusste, dass es mich irgendwo zwischen 35 und Ziel besuchen würde. Hey Mann mit dem Hammer, wir kennen uns – ich bin härter als du! Ich war zur Auseinandersetzung bereit.
Bei KM 30 ( 2:14:11) sah ich dann eine Szene, die ich so schnell nicht vergessen werde. Ein absolut austräinierter Läufer lag am Boden auf dem Mittelstreifen. Zwei Helfer waren bei ihm und versuchten ihn hoch zu ziehen. Das sah´echt übel aus. Er wirkte wie eine tonnenschwere Marionette und die beiden bekamen ihn nicht gehoben. Sein Kopf hing schlaff zur Seite und die Augen waren völlig verdreht. Ich überlegte bereits anzuhalten, weil ich sah´dass die Helfer offensichtlich die falschen Maßnahmen trafen, aber dann entdeckte ich den Malteser der auf die Szene zulief und ich setzte meinen Wettkampf fort.
Es wurde härter und wärmer. Die KM Zeiten lagen so um die 4:45 und ich gab innerlich die angestrebte 3:10:00 auf. Für eine persönliche Bestzeit – so hoffte ich bei KM 35 (2:37:32) würde es aber sicher reichen. Dann wurde es richtig hart und richtig warm – der Schwamm war weg (Nezzwerker hätte mir seinen wohl auch nicht gegeben!!) und so nahm ich die 1. Schwammschüssel bei KM 40 oder so in´s Visier. Rangelaufen – rechte Hand an rechten Griff – linke Hand an linken Griff – und tauuuuchen! War das ge..l! Der Superhelfer lachte, fragte „Dusche?“ und richtete den Wasserstrahl aus seinem Feuerwehrschlauch direkt auf mich – Klasse! Fanden die Fotografen auch – und ich war für einen kleinen Moment das TOPMODELL – also Heidi wenn Deutschland sucht – hier bin ich!
Die Erfrischung hat dann ungefähr 400 Meter gehalten und dann – tja dann war Ende Gelände , nix ging mehr, nothing, niente, nada – gar nichts ging mehr – und dann ging ich. Es fehlte mir einfach der letzte Kick, die Bereitschaft über diesen einen Punkt hinaus zu gehen – das war mir bisher noch nicht passiert. Doch dann die Zuschauer – diese waren einfach nur Klasse – LOS Friedrich – lauf noch ein Stück – is´nicht mehr weit! Danke euch – ihr habt mich gerettet. Und so beschloss ich die letzten 1.5 laufend zurück zu legen. Die Zielgerade war bombastisch. Ich war so euphorisiert, dass ich tatsächlich noch mal ein recht manierliches Tempo erreichen konnte. 200 Meter vor dem Ziel rief mein Vater von hinten – Junge lauf! – Klasse – er war hier vor 20 Jahren seine Bestzeit gelaufen (02:56:00) und nun mit seinen 73 extra aus Selent gekommen um mich finishen zu sehen – der Endspurt war Ehrensache – der letzte Fieps – die Arme hoch – und Fishtown und ich hatten ein versöhnliches Ende nach 03:14:57 gefunden.

Ich danke den tollen Zuschauern, meinen netten Mitläuferinnen und Mitläufern für die motivierenden Zurufe und die tolle Atmosphäre. Vielen Dank auch den Helfern – insbesondere dem zur Hilfe eilenden Malteser der hoffentlich helfen konnte - und dem Mann mit dem Feuerwehrschlauch der mir die Erfrischung meines Lebens verpasst hat – den Fotografen für das Stargefühl und meinem Vater dafür, dass er stolz auf mich ist.

Der 1000ste des Laufes hat bestimmt einen tollen Sonderpreis bekommen. Wenn jemand heraus findet was das war, sagt es mir bitte nicht – denn ich bin 999 ster geworden !

Viele Grüße

Flitzfritz

4
Gesamtwertung: 4 (2 Wertungen)

Hochachtung


Hallo Flitzfritz.
Ein sehr toller Bericht. Bis die Aktion mit dem anderen Läufer. Ist traurig!!!
Deine Leistung ist doch super, du kannst zufrieden sein und deine Gefühle beim Einlaufen waren bestimmt aufwühlend.
Dein Papa kann mit recht stolz auf dich sein.

Ich gratuliere!

Klasse gemacht! Besonders grossartig finde ich allerdings, dass Du bereit warst, anzuhalten und zu helfen, auch wenn's dann doch nicht noetig. Allein schon darueber nachzudenken, ist nicht selbstverstaendlich. Ich verneige mich.

s:)

Wir sind BORN. Verstand ist zwecklos.
RW TrainingLog

Gänsehaut

Habe Gänsehaut bekommen bei deinem Bericht, tolle Leistung!

Wir sind BORN - Verstand ist zwecklos!

Jogmap dupliziert mal

Jogmap dupliziert mal wieder...

Eine Hammer-Zeit

Eine Hammer-Zeit, ein super Bericht. Unter 20.000 Läufern eine dreistellige Platzierung ist genial. Gratulation.

cherry65

Jeder, der vor mir läuft, hat es sich verdient

Schöner Bericht!

Und Glückwunsch zum finishen! War ja wettermäßig wirklich eine Herausforderung!

...gar nicht verrückt, ist auch nicht normal...

RUHR vs. BORN

danke...

für diesen wunderbaren bericht!
da kam richtig gänsehaut-feeling rüber.
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laufend grüßt happy

Dein Name ist also Programm

Ich gratuliere dir zu deiner Superzeit und dass du die Temperaturen gut überstanden hast..
Eine Frage noch: Wer hat deinen Schwamm? Schuhe sind in HH ja auch geklaut worden..

Gruss supergrobi

Toll!

super Bericht - super Zeit! Klasse!!! N° 999 - wenn das nicht cool ist!!!

Gruppenduell BORN vs. Ruhr
Wir sind BORN - Verstand ist zwecklos!

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