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Es war für mich so eine Art "Freischuss". Ich habe mir für dieses Jahr die Zielsetzung gesteckt die Qualifikationszeit für den Boston-Marathon (3:10h in meiner Altersklasse) zu laufen. Ursprünglich wollte ich mich in Hamburg erstmal der Zeit nähern um dieses dann in Berlin am 30.9. zu laufen. Die Trainingseinheiten und Testwettkämpfe der letzten Wochen liefen aber ganz gut, sodass ich doch mit dem Gedanken gespielt habe schon in Hamburg anzugreifen. Dann kam der Rückschlag. Ich musste am 27.4. umziehen, d.h. 2mal einen voll gelandenen 7,5tonner erst aus der zweiten Etage runter und dann in die dritte (ohne Aufzug) hoch. Das Unterfangen hat mit 5 Jungs 10 Stunden gedauert und ich war fertig...2 Tage vor dem Hamburg Marathon.

Also stand ich vor der Entscheidung es zu versuchen und ggf. den Heldentod zu sterben (DNF ist auch keine Lösung...aber kräftemäßig angeschlagen seinen Körper auf das Maximum auszulaugen...kann auch schiefgehen) oder einfach einen schönen Lauf zu laufen und sich auf Berlin zu konzentrieren. Bei einem lockeren Lauf am Vorabend taten mir noch Beine und Arme weh - dennoch fühlte es sich ganz gut an. Ich war froh wieder laufen zu dürfen und nicht mehr Kisten und Schränke tragen zu müssen. Ich vertagte meine Entscheidung auf die km5-Marke - einfach mal locker anlaufen, die km-Zeiten checken und wenn die 3:10h dann noch möglich ist versuchen...sonst locker joggen.

Gesagt, getan: Durch meine bisherige Bestzeit (3:32h) war ich noch im schlechten Startblock E. Um ein paar realistische Tempomacher zu finden musst ich also gleich mal versuchen ein paar Blocks nach vorne zu kommen. Ich konnte das Tempo schlecht einschätzen und staunte nicht schlecht: km1 in 4:07...viel zu schnell. So fühlte es sich aber gar nicht an. Tempo rausgenommen und die km 2 bis 5 in jeweils 4:25 bis 4:35 gelaufen. Also das Tempo perfekt getroffen. Es half nichts...ich musste es probieren.

Ich fror mein Tempo ein - das kann ich ganz gut und die Zeiten blieben absolut konstant. Wenn nicht der Umzug gewesen wäre, dann hätte einiges für die Quali-Zeit gesprochen: die Stimmung war wirklich beeindruckend...so viele Leute und alle machten Stimmung. Der Wahnsinn. Ich bin letztes Jahr 5 Marathons gelaufen, u.a. so publikumsstarke Rennen wie Wolfsburg und Bad Pyrmont, wo man kilometerlang gar keinen Menschen mehr sieht. Aber auch Köln, Portland und Düsseldorf waren dabei und das sind ja durchaus größere Städte...aber was in Hamburg los war, war glaub ich mehr als die Summe aller 5 genannten Städte. TOLL! Das Wetter spielte auch halbwegs mit. Ich bin ein "Kaltläufer", alles über 20 Grad ist mir zu warm. Ganz Deutschland freute sich über den Sommereinbruch, ich freute mich aber noch mehr, dass dieser an Hamburg vorbei ging.

Zurück zum Lauf. So bei km 11 hatte ich im Kopf einen kleinen Hänger..."was machst Du hier eigentlich? Du glaubst doch nicht dieses Tempo noch 31km laufen zu können"? Doch ein langes Stück bergab und dadurch mein zweitschnellster km in 4:17 überzeugten das Teufelchen auf meiner Schulter. So bei km 25 habe ich echt dran geglaubt. Ich fühlte mich noch gut und der Puls war immer noch im GA1-Bereich. Den Mann mit dem Hammer hatte ich in den Trainingseinheiten schon verjagt. Letzes Jahr hatte ich ich bei km30 immer noch gedacht: "oh Gott, noch 12". Diesmal war es eher "cool, wenn ich gleich bei 30 bin, dann sind es nur noch 12...das ist doch ein verlängerter Sprint".

Doch ab km28 wurden meine km langsamer. 4:42, 4:46...ich hatte noch ein Puffer von 30 Sekunden für die 3:10h. Aber wenn die km nicht schneller werden, dann wäre der bald verbraucht. Von meinen beiden HM-Testwettkämpfen wusste ich, dass ich auch wenn ich mich kaputt fühle die letzten 2km nochmal deutlich beschleunigen kann - ich versuchte nicht zu viel Zeit zu verlieren und auf den "Schlussspurt" zu hoffen. Doch bei km35/36 wusste ich, dass ich zu viel Zeit verloren habe um beim Schlussspurt noch Chancen zu haben diese Wieder aufzuholen. Meine Beine waren schwer...ich glaube da kam dann doch der Umzug.

Beim Berlin-HM half mir ein Gedanke. Ich wollte 1:29h laufen, habe aber nicht daran geglaubt. Bei km 20 wusste ich, ich müsste den letzten km unter 4 Minuten laufen um das Ziel zu erreichen. Also sagte ich mir "Du bist nicht nach Berlin gekommen um 1:30:25h zu laufen, also lief ich den letzten km unter 4Min.. Bei km38 in Hamburg versuchte ich es genauso. Du gibst jetzt 4km Vollgas. Niemand hat behauptet, dass der Marathon nicht wehtut. km39 und 40 waren auch nochmal schnell. Doch dann kam ein Wahnsinns-Anstieg der komplette km41. Da war es vorbei. km42 bin ich nur noch mit Krämpfen glaufen und in 3:12:27 bin ich über die Ziellinie gehumpelt.

Ärger über die verpasste Boston-Quali? Nur ganz kurz. Wenn ich dann mal netto darüber nachdenke: Exakt heute vor einem Jahr (am 1.Mai) habe ich erstmals den Gedanken gehabt "Du könntest mal einen Marathon laufen". Bis dahin war ich max 11km gelaufen und hatte sowieso gerade ca. 25kg abgenommen (mittlerweile sind es 38kg). Am 8.Mai bin ich dann in Düsseldorf die 4:13h gelaufen, wobei mir ab km33 komplett schwarz vor Augen war. Dann mit etwas Vorbereitung die Bestzeit auf 3:32 in Portland (Mitte Oktober 2011) geschraubt. Hamburg war also eine Verbesserung von über 1 Stunde innerhalb eines Jahres und die Verbesserung der Bestzeit um 20 Minuten. Das sind wirklich keine Gründe mich über ein um 2,5 Minuten verpasstes Ziel zu ärgern. Ich habe ja noch ein halbes Jahr Zeit bis Berlin.

5
Gesamtwertung: 5 (2 Wertungen)

Jetzt glaube ich an dich...

...die 2,5 Minuten schaffst du auch noch!

Leb dein Leben - bevor es zu spät ist.

sehr spannend geschrieben,

sehr spannend geschrieben, hab beim Lesen richtig mitgefiebert.
Schade, dass es nicht geklappt hat. Aber in Berlin packst du es 100%ig.

Junge bist du Krass!!

... Ich bin echt sprachlos ...
Du nimmst fast 40kg ab und verbesserst deine Marathonzeit innerhalb eines Jahres um eine Stunde!
Und nicht von 5 auf 4 Stunden ... Neee auf ne 3:12er Zeit!
Junge, junge... Ich bin beeindruckt. Wo willst du hin? Was, wenn du ein paar Jahre früher damit angefangen hättest? Hast du in der Jugend schon mal (Leistungs-) Sport betrieben und das mit dem Gewicht war nur ne dunkle Phase? Wenn ich sehe wieviel Arbeit bei mir das Fallen der 3:30er Marke bedeutet ...

Weiter so! Echt stark!

22.04. Marathon Dt. Weinstraße
29.04. Hermannslauf
5./6.5. Erft Spendenlauf 112km/2Tage
12.5. Rennsteig SM
26.05. RHEX

@Thor3108: Vielen Dank für

@Thor3108: Vielen Dank für Deine aufmunternden Worte. Habe sie gerade erst gesehen - ich weiß nicht, ob meine Antwort Dich erreicht oder im Datennetz untergeht.
Ich kann es auch nicht so ganz erklären - noch vor einem halben Jahr habe ich dem Vater eines Freundes gesagt, dass es für mich völlig undenkbar ist jemals einen Marathon so im Bereich knapp über drei Stunden zu laufen (er ist NY in 3:02 gelaufen). Jetzt denke ich ernsthaft darüber nach.
Ja, ich habe mal recht ehrgeizig Badminton gespielt, aber Ausdauer war damals nie meine Stärke. Dann kam der Jobeinstieg, die Überstunden, das Hotelleben und die wachsende Trägheit...und der Gummibärchenkonsum in den Hotellounges.
Ich denke der sportliche Ehrgeiz treibt mich zu diesen Zeiten und ein wenig Glück, dass mein Körper bislang problemlos mitspielt.
Ich denke aber auch, dass jeder so seine Spitzenleistung hat. Ich laufe einen M in 3:12...für mich ganz gut (aber immer noch schlechter, als ca. 2.500 andere in D). Du läufst 112km in 2 Tagen...das ist wiederum für mich undenkbar. Also ebenso Respekt von meiner Seite.

Bis bald! Daniel

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