Ich wollte es wirklich. Eigentlich wirklich sehr. Ich laufe viele Wettkämpfe bis Halbmarathondistanz. Und alle schwärmen vom Marathon. Trotz aller Lauferei erschien es mir - auch trotz aller Berichte hier im Forum von Marathons und Ultras und Distanzen im dreistelligen Bereich - als mir wohl unmöglich, einen Marathon zu laufen. Und überhaupt. Was ein Hype über den Marathon. Was für ein Gedöns! Und andererseits – wenn nicht jetzt, wann dann? Immerhin starte ich inzwischen schon in W50. So habe ich mich im Herbst letzten Jahres entschlossen, den Marathon doch wenigstens einmal zu probieren. Aber wo? Föhr hätte in die Tria-Vorbereitung gut gepasst. Aber man riet ab, zu einsam. Also Hamburg, Ende April – Radfahrmäßig ein Desaster. Aber Göga und Buddy Nadini wollten auch laufen.
Trainingsplan und –zielzeitenrecherche ergaben, sub 4 ist von den Ergebnissen der Unterdistanzergebnissen machbar, aber nicht realistisch für den ersten Mara. Egal, erstmal lostrainiert. Der Trainingsplan hat mir Spaß gemacht, von Übertraining keine Spur. Und so fuhren Göga und ich am Samstag vor dem Marathon mit 1000 Trainingskilometern in den Spargelbeinen nach Hamburg. Meine Arbeitswoche davor war grenzwertig. Hektisch, To Do-Listen abarbeiten, neue To Do-Listen erstellen, wieder abarbeiten. Schon Mittwoch fühlte ich mich maximal von mir selbst entfernt, und es sollte sich bis Sonntag nichts daran ändern. Logistisch war die Anreise am Samstag zur Buddy Nadini geplant, dort gemeinsames Vorlauf-Hibbeln, dort übernachten und von dort Anreise per U-Bahn zum Marathon.
Wir kamen also Samstag dort an, Nadini maximal am hibbeln. I looked at it like a tourist. Ich fühlte nichts. Ich guckte zu. Sehr komisches Gefühl. Da ich immer nur auf einer Hochzeit tanzen kann, hab ich mich aus allen Jogmap-Schleswig-Holstein-Treffen vorher/währenddessen/nachher rausgehalten. Sorry dafür.
Am Raceday kommen wir früh im Startbereich an, noch keine Schlangen an den Dixies. Aber irgendwie vergeht die Zeit. Im Startblock ein klein wenig Vor-Start-Gefühl. Aber nicht so viel wie beim kleinsten Provinzwettkampf. Ich fühle mich dem Hubschrauber, der über uns kreist, irgendwie verwandt.
Göga und ich hatten vereinbart, zusammen zu laufen. Eigentlich ist er mächtig was fixer als ich, und hatte auch auf eine andere Zielzeit trainiert, aber durch einen Infekt kurz vorm Mara musste er kleinere Brötchen backen.
Wir laufen los, und nach 1,5 km muss der Kerl pinkeln. Das kann doch nicht wahr sein! Anyway, aus lauter Geselligkeit auch mit rausgesprungen. Zurück im Strom der Läufer wieder aufgeholt. Himmel war das voll. Ich bin das als Provinzläuferin nicht gewohnt!
Ich wollte mich an Uhrli als Zugläufer anschließen. Nach einiger Zeit fanden wir auch die beiden lustig im Wind tanzenden Ballons in blau und gelb. Unsere Pacemaker. Uhrli mit seinen langen Kenianerbeinen und dem wunderschönen Laufstil wurde mein Metronom. Tacktacktack. Das kenne ich vom Klavierunterricht früher. Der Klavierlehrer spielte die Stücke schön und im Rhythmus. Für mich gilt: Geübt ist, wenn das Tempo stimmt. Künstlerischer Ausdruck wird eh überbewertet. Uhrli grüßte mich, und sagte, er wäre aus Startblock H gestartet. Aha. Wenn ich nur ganz zaghaft hier geschrien hätte, als der liebe Gott die Denkfähigkeit während des Laufens verteilt hat, hätte ich daraus ableiten können: Ich muss ein wenig schneller als die 4-Stunden-Läufer sein, um die sub 4 zu knacken. Aber der Gedanke kam mir nicht.
Wir liefen und liefen. Bei km 15 fühlte ich mich eingelaufen. Bei km 10 haben wir beide schon Salz genommen, da die Waden nicht ganz locker waren. Ob es hilft? Keine Ahnung – Einbildung ist alles. Alles läuft gut. Ich genieße es, freue mich an den Menschen, Silhouetten, Mitläufern, Zuschauern. Aber es erreicht mein Herz nicht. Da ich das nun mal nicht ändern kann, laufen wir fröhlich weiter. Alle 5 km vor den Verpflegungsstationen horche ich in mich rein: Beine? Puls? Allgemeinzustand? – Es ist immer alles fein. Bei den Verpflegungsständen sind wir etwas langsamer als die Zugläufer, danach holen wir wieder auf. Tacktacktack. Es ist wie damals beim Klavierspielen. Die erste Hälfte kenne ich das Musikstück. Ich könnte schneller als der Metronom.
Warum fährt jemand bei km 17 die Ellbogen raus, wenn man ihn überholt? Sachen gibts, die gibt’s gar nicht, oder? Auf Höhe der HM-Marke überholten wir eine völlig entkräftete Handbikerin. Das erbarmt mein Herz, das erste Mal seit Tagen kommt etwas an mich heran, und nun bin ich auch ich dabei.
Wir sehen die gut organisierten Fans von Papa Jörg D oder Miriam oder wer-auch-immer, die wie Stehaufmännchen ständig an der nächsten Kreuzung immer wieder auftauchen. Bravo für die logistische Meisterleistung. Die alte Frau, die auf ihren Kochtopf klopft. In der Höhe von km 27 sehe ich sogar einen JM-SH-Supporter-Stand. Kein Wunder, das mir von dort keiner zujubelt, wenn ich mich aus allem rausgehalten habe. Und trotzdem, glaube ich, dass sie mein neongelbes Shirt erkannt haben und mir hinterherrufen. Danke. Wir sind Bestandteil dieses riesigen, stinkenden Wurms, der sich durch Hamburg windet. Für teures Geld eingekauft. Schon irre.
Bei km 30 verabschiedet sich Göga, will etwas langsamer machen. Nun suche ich etwas mehr die Nähe zu den beiden Zugläufern. Manchmal laufe ich direkt neben Uhrli. Sorry Uhrli, ich konnte nicht sprechen. Ich wusste da, dass ich alle meine Kräfte brauchen würde.
Bei km 35 werde ich wirklich neugierig. Jetzt beginnt Neuland. Soweit bin ich noch nie gelaufen. Bis km 37 kein Problem. Wo auch immer – der Mann mit dem Hammer war nicht da, wo ich war. Ich wurde nicht belästigt. Allerdings wurde das tacktacktack meines Metronoms nun doch ziemlich fordernd. Klar, dies ist das Finale des Musikstückes. Wie abgedroschen dann ein „ein Fünfer geht immer“ dann doch klingt. Aber es war machbar. Bei km 40 stand eine Kollegin. Ich habe es herbeigesehnt. Den Verpflegungspunkt habe ich ausgelassen, da ich nicht glaubte, wieder loslaufen zu können.
Km 41-42: Ausnahmezustand. Tacktacktack. Wie heißt es: Der Marathon wird im Kopf entschieden? Also herrsche ich meinen Kopf an: Jetzt du! Lauf! Du machst jetzt die Arbeit! Beißen! Ich renne doch nicht fast vier Stunden wie eine Irre durch Hamburg, um jetzt auf den letzten 2 km zu verk**en. Um mich herum der große Wandertag. So viele, die ihr Letztes gegeben haben. Zuschauer, die sie anschieben wollen, und sie anbrüllen: noch 2 km, du schaffst das….
Ich renne und renne und renne. Tacktacktack. Der Gorch-Focl-Wall ist ja kein Berg, aber es geht fast gar nicht aber dennoch leicht bergan. Das kann ich. Bergauflaufen ohne Tempo reduzieren ist mein Ding.
Mein Puls jubelt in ungeahnten Höhen. Tacktacktack. Blick auf die Uhr: 42.2 km sind um. Und das Ziel noch weit….Tacktacktack. Und dann ist er da, der knallrote Teppich. Plötzlich bin ich ganz allein. Nur das Ziel und ich. Meine Tria-Kollegin hat mir eingebleut: Wenn du so weit gekommen bist, egal wie schnell oder langsam: Mit erhobenem Haupt und locker lächelnd durchs Ziel. ES KLAPPT. Da ich zwischen den beiden Zugläufern ins Ziel komme, gehe ich davon aus, dass die sub 4 geklappt hat.
Jepp. Es hat gestimmt. Mein verwegener Plan, den ersten (und letzten?) sub 4 zu finishen, ist aufgegangen.
Im Zielbereich wird mir sofort kalt. Hier auf dem Dorf würde man sagen: „Kreislauf und alles weg“. Bis zu den Verpflegungsständen schaffe ich es nicht und schleppe mich direkt zur Kleiderbeutelausgabe. Zu meinem großen Glück findet mich dort Buddy Nadini, die den Marathon in ihrer Heimatstadt mit einer grandiosen PB gefinisht hat. Sie supportet mich mit klaren Worten: Du setzt dich dort hin, du ziehst dich sofort um, du wartest hier, bis ich mit Trinken und Essen komme…Wie schnell die Lebensgeister wieder erwachen. Danke Nadini, für deine Hilfe zu dem Zeitpunkt.
Göga kommt nur wenige Minuten nach mir ins Ziel, wir treffen uns am Meeting-Point E (wie Evchen) und fahren zu Nadini. Dort bekommen wir nach dem Duschen von ihr und ihrem Mann ein großartiges Frühstück, Spätstück oder Brunch serviert. Unglaublich. Es gibt Schampus. Ich sitze mit demselben, alkfreiem Bier und Kaffee bei Brötchen mit Krabbensalat und weiteren Leckereien. Wilde Mischung, aber genau das Richtige in dem Moment. Später sehen wir noch ein paar aufgezeichnete Ausschnitte von dem Profirennen. Puh. Das sind Welten. I´m the snail. With or without tacktacktack.
Nun sind zwei Tage vergangen. Ja, ich bin glücklich. Es war es wert. Es war sicher mein erster und vielleicht auch mein letzter Marathon. Ich bin gar nicht sicher, ob ich den Trainingsaufwand noch einmal wiederholen möchte. Vielleicht würde mir ein Marathon, nicht so am Limit gelaufen, auch mehr Spaß machen? Keine Ahnung. Erst einmal nicht wichtig. Ich bin glücklich. Trotzdem finde ich, um Marathon wird zuviel Gedöns gemacht- Und ich freue mich unglaublich auf das Radfahren in den nächsten Wochen. Gratulation an alle Finisher und Bestzeitenbesieger.

4
Gesamtwertung: 4 (4 Wertungen)

.. was für eine Leistung

.. was für eine Leistung nicht nur für den ersten sondern überhaupt.. Herzlichen Glückwunsch erhole dich gut und genieße das Radfahren und die nächsten lockeren Läufe.

Vielleicht

solltest Du auf Landschaftsläufe umsatteln. Kaum mal ausgefahrene Ellenbogen, allein mir Dir, der Strecke und der Umgebung (oder auch mal mit anderen Läufern, aber nie solche Massen wie bei einem Stadtmarathon)?

Und wegen des langen Trainings: es reicht ein 30er im Monat - den kriegt man hin.

Gratulation zum Finish - und dann noch in vorgeplanter Zeit! Erhol Dich gut und finde den Spaß am Laufen wieder.

Am anderen Ende der Elbe

waren nur max 1500 Marathonis zwischen Königstein und Dresden unterwegs. Allerdings war es schon am Start mit 20 und im weiteren Verlauf mit 30° weit wärmer als in HH.

Gratuliere dir zu diesem grandiosen Lauf!


Laufen formt Körper, Geist und Seele.

Liebes Evchen,

zunächst herzlichen Glückwunsch zum Finish und Respekt vor Deinen Trainingsaufwand und der daraus resultierenden großen Leistung.
Du gehst hart mit den Freizeitmarathonis um: "Wir sind Bestandteil dieses riesigen, stinkenden Wurms, der sich durch Hamburg windet. Für teures Geld eingekauft. Schon irre."
Vieles an einer so großen und daher komerzialisierten Veranstaltung kann und sollte nachdenklich betrachtet werden. Es ist sicher so, dass die vielen glücklich teilnehmenden Freizeitläufer und tausende von jubelden Zuschauer solchen "Events" (für mich nachvollziehbar) meist unkritisch gegenüberstehen.
Ich sehe keinen stinkenden Wurm, sondern eine große Läufergemeinde, bestehend aus Menschen mit den verschiedensten Motiven zur Teilnahme. Und ich sehe ein tolles Publikum, oft Angehörige, die (besonders in HH) uns Freizeitläufer anfeuern, unterstützen und nicht selten die Leistung des Einzelnen bestaunen.

LG, Reinhard

Super Leistung.

Ganz herzlichen Glückwunsch zu deinem phantastischen Debütmarathon sub 4 !
Super, dass es geklappt hat, denn genau wegen der ein/zwei Minuten, die ich nach dir gestartet sein dürfte, hatte ich dir die Message mitgeteilt, dass ich aus Block H komme.

Es war schön, ein bisschen neongelb in meiner Nähe zu haben und dass du keine Lust hattest, deinen ersten Marathon zu verplaudern, war mir völlig klar. Es ging auch den anderen Läufern in meiner Umgebung so, die ich im Lauf der vier Stunden immer wieder mal sah und es ist ganz normal und vernünftig.

Erhol die gut, genieße dein Glück - vielleicht kommt dann doch bald wieder die Lust, weitere Marathons zu erleben.

Schöne Grüße
Uli

Schade, Evchen,

dass wir dich nicht bei uns haben durften, verstehen kann ichs aber. Trotzdem freue ich mich, so von Debütantin zu Debütantin an deinem Erfolg. Und was den Spaß am Marathon angeht, da sind die Menschen wie die Leut, eben unterschiedlich. Freue mich mal wieder auf ein entspanntes Gruppenläufchen, wo der Kopf zu plaudern frei ist...

zausel

>

toll !!!

starke leistung, was sonst - deinen plan dermaßen umzusetzten ist allerdings absolut typisch für dich.
vielleicht klingt dein blog deshalb so, als ob die endorphine dich vergessen hätten - aber zum glück weiß ich´s ja besser :))

jetzt mach mal schön deine anderen sportarten weiter :
mara kannste sub 4 schon, fehlen noch 1 std powerschwimmen und 5 std rennradeln und dann kann der ironman ja kommen
- 2014 ffm ?

;))
glg, c

Von mir auch....

ganz herzlichen Glückwunsch zum großartigen Debüt!
Watte da gemacht hast, begreifste eh erst nen Zeitchen später!;o)
Das Ergebnis ist jedenfalls schoma klasse!!
Musste einfach alles mal ausprobieren.:o)

Lieben Gruß Carla

Hach, wie herrlich:-)

Du finisht Deinen ersten Marathon in einer gradiosen Zeit und bemerkst am Rande, dass um den Marathon viel zu viel Dedöns gemacht wird, *lach!* Du bist klasse!!! Ich gratuliere Dir ganz herzlichen!!! Sooo toll gemacht und sooo cool geblieben, ich fass es nicht;-)

Tame:-)

marathongedöns...

...gehört einfach dazu, finde ich! ;-)
aber jeder empfindet anders, und das ist gut so. ich wünsche mir für dich, dass die freude und der überaus verdiente stolz jetzt doch da sind, im bericht fand ich sie irgendwie nicht.

und: ja, ein nicht am limit gelaufener marathon ist ein ganz wunderbares erlebnis, das weiß ich aus erfahrung. probier´s doch mal... ;-)
____________________
laufend gratuliert evchen zu der hammerzeit: happy

ganz ganz klasse evchen !!!

Ob es für dich einen erneuten Mara-Start geben wird, ist wohl z.Z. vollkommen egal.
Du wolltest für dich wissen, ob du einen Mara finishen kannst ...

Du hast es geschafft, nun gehörst auch DU zum Kreis der Marathoni's !
Ich bin sehr beindruckt, wie du bei deinem DEBUT-Mara gelaufen bist,
und noch viel mehr davon, in welcher Zeit du den Mara gefinished hast.

... einfach nur WOW !!!

Meinen allergrössten Respekt und meine allerherzlichsten Glückwunsch an DICH!

Gruss Markus - een neongelbe Löper ut´n Norden

Liebes Evchen, herzliche

Liebes Evchen,

herzliche Glückwünsche zum gelungenen Marathon. Egal ob es nun der letzte war oder auch nicht, eine sub 4 ist schon klasse! Glaube mir, ein Marathon, nicht am Limit gelaufen, macht richtig viel Spaß. Da hast Du dann Zeit zum Laufen UND zum Feiern guckst Du hier (etwas weiter unten gibt es auch ein Bild).

Viel Spaß beim Radfahren (natürlich auch im Wasser und beim Laufen).


Jogmap-Schleswig-Holstein - de neongelen Löper ut´n Norden

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