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Wieder wache ich vor sechs auf, Hunde bellen, der Zimmernachbar schnarcht. Als ich aus der Tür trete, ist es zwar schon hell, aber die Straßenlaternen leuchten noch. Ich wohne direkt hinter der Palastmauer, die Straße führt unter zwei alten Brückenbogen hindurch, über die Kaiser Fasilidas einst vom Palast in die Kirche gelangte. Schon früh am Morgen sind hier jede Menge Leute unterwegs, das sieht sehr malerisch aus. Auch in Gondar sind die Nebenstraßen gepflastert, und ich beschließe, so viele Pflasterstraßen wie möglich zu laufen, denn da ist nicht so viel Verkehr. Dreckwege und schmale Gassen, in denen die Leute auf kleinen Kohleöfchen auf der Straße ihr Frühstück bereiten, lasse ich weg, denn ich möchte den Leuten, die da wohnen, nicht zu sehr auf die Pelle rücken. Am Liebsten habe ich Blickkontakt mit den alten Frauen, die lächeln immer so strahlend zurück.

Ich laufen einen großen Bogen um den Palastbezirk, den ich gestern Nachmittag schon besichtigt habe. Etwas außerhalb sehe ich eine Baustelle auf einem Berg, von wo aus die Aussicht toll sein muss, vielleicht kann ich da hinauf laufen. Wie immer gibt es einige Leute, die meine Rennerei kommentieren, ein kleiner Junge, dessen Mutter ihm den Schulrucksack trägt, rennt ein Stück neben mir her und lacht. Ein Mann ruft "Haile Gebrselassie" ich antworte "Very good man!" er lacht und ruft "Yes, very good man!"

Es gibt ziemlich viele herrenlose Hunde hier, vor denen ich großen Respekt habe. Immer, wenn einer entgegen kommt, verlangsame ich das Tempo, versuche den Eindruck zu machen, dass ich ihn komplett ignoriere, um gewissermaßen innerlich pfeifend und unbeteiligt vorbei zu kommen. Tatsächlich scheinen sie sich kein Stück für mich zu interessieren. Zwei kämpfen etwas miteinander, aber ich habe eben schon gesehen, dass ein Mann sich mit einem Stock gegen zwei andere dieser Straßenköter gewehrt hat - wobei ich nicht sagen kann, wer den Streit angefangen hat.

Zwei Männer laden einen LKW mit dünnen Baumstämmen ab. Der, der oben steht, macht eine Art Speerwurf zu dem unten und lacht sich dabei schlapp. Die Methode scheint sehr unterhaltsam zu sein. Als ich mich mit "Excuse me" nähere, lachen beide, hören mit dem Speerwurf auf und winken mich vorbei. Überhaupt scheinen hier alle viel zu lachen zu haben, wenn sie mich sehen.

Am Straßenrand sitzen zwei Männer, zwischen sich einen dicken Baumstamm, jeder hält eine Seite einer Säge, deren Blatt horizontal eingespannt ist. Sie haben die Beine gegen den Stamm gestützt und sägen ihn längs durch. Das sieht echt mühsam aus.

Da, wo ich den Weg auf den Berg vermutete, geht es wieder abwärts, und ich verwerfe die Idee, den ganzen Berg zu umrunden, zumal ich wieder Seitenstechen bekomme. So ein Mist, hatte ich gestern auch schon richtig doll. Da ich nüchtern losgelaufen bin, kann es nicht an zu viel Essen liegen. Menno, wenn das so weiter geht, kann das ja was werden mit dem Halbmarathon. Ich kann doch nicht nach fünf Km anfangen zu gehen! Anscheinend hat das Höhentraining noch nicht ausreichend angeschlagen - aber da auch Gondar auf 2.300 m liegt, kann das ja noch kommen.

Ich versuche also auf anderem Weg als ich gekommen bin, zurück in die Stadt zu laufen. Ein Schild einer NGO, die mit Straßenkindern arbeitet, bietet "Bread Coupons for Sale" an. Das finde ich eine richtig gute Idee. Es gibt hier sehr arme Leute, aber auch die sollen nicht ihre Kinder zum Betteln statt in die Schule schicken, um das Familieneinkommen aufzubessern. Die Idee ist, den Kindern stattdessen diese Coupons zu geben, mit denen sie sich bei der Organisation etwas zu essen holen können. Die wiederum sorgt dafür, dass nur Bedürftige die Coupons einlösen können und damit keine Geschäfte gemacht werden.

Heute soll es wenigstens ein bisschen weiter sein als die letzten beiden Läufe, also biege ich kurz vor dem Hotel noch einmal ab und laufe wieder eine Pflasterstraße stadtauswärts. Ich passiere einen recht präsentablen, aber leicht heruntergekommenen Bau, der sich als Public Library erweist, und stehe plötzlich in einer Toreinfahrt. Ob es hier wohl weiter geht? Sieht nicht so aus, aber hinter mir geht ein Mann mit einem großen Stativ, der dasselbe Anliegen hat. Er fragt den Torwächter, der auf einen schmalen Pfad ums Gelände zeigt. Es geht durch dichtes Gebüsch steil abwärts, und tatsächlich gelange ich unten an ein großes, unverschlossenes Tor, durch das ich wieder auf den Platz hinter dem Palast gelange. 

Nach unspektakulären rund sechs Kilometern beende ich den Lauf ganz leicht frustriert, weil es so schlecht lief, aber, was den Erlebnisfaktor angeht, wieder einmal sehr befriedigt.

5
Gesamtwertung: 5 (3 Wertungen)

Fremde Hunde

flößen mir selbst hier schon den allergrößten Respekt ein. Aber wenn sie nichtmal meine Muttersprache verstehen...;-))
Seitenstechen scheint in Mode zu kommen)-: Schau mal in meinen Blog, da gibts gute Tipps von den Jogmappern und einen Link mit ein paar sehr effektiven Übungen der seitlichen Bauchmuskeln (Crunches).
Es ist bestimmt sehr interessant zu beobachten, wie die Leute dort leben. Du bist ja gerade durch das Laufen hautnah dabei, toll!

Tame:-)
BORN - denn sie wissen nicht was sie tun!

Hört sich wieder sehr interessant an

Wie sind denn die Temperaturen bei deinen morgendlichen Läufen?

...die lächeln immer so strahlend zurück

Danke für das neue Kopfkino! An den Seitenstichen ist sicher das ungewohnte Laufen in der Höhe schuld.

Sonnenblume2
Die Fitrenner. Laufend fit und gut drauf!

Wie kann man ...

... auf so wenigen km so viel sehen? Doch, man kann sich da viele Gedanken machen, sich Wege suchen und die Leute und das Land beobachten.
Schöööön!
;-)
PS: Und bei der Höhe und dem Klima sind das nicht einfach nur so 6km. ;-))

Die Temperatur...

... war bisher wahrscheinlich so um die 20 Grad. Morgen früh wird es wärmer, denn selbst jetzt sind es noch 26. Na dann, ich will früh raus, habe um fünf eine Laufverabredung - ihr werdet davon hören.

Gute Nacht
yazi

Dann morgen früh viel Spaß

bei deinem Lauf..... um fünf, was für eine unmenschliche Uhrzeit aber bei den zu erwartenden Temperaturen wohl richtig.

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