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In diesem Jahr jährt sich die Varusschlacht, auch bekannt als Schlacht im Teutoburger Wald, zum 2000. Mal. Und gestern hatte ich das Gefühl, sie hat sich beim Hermannslauf, noch einmal wiederholt hat.
Es war gestern mein 4. Hermann. Und so ein Hermann ist nie leicht zu laufen. Aber bei dieser Hitze (gefühlte 100 Grad) und Luft gespeist mit Staub und Pollen war das gestern für mich die größte läuferische Herausforderung, die ich glücklich und zufieden durch- und überstanden habe.

Am Start: Schon beim Enlaufen merkte ich, dass es sehhhr warm werden würde. Nach wenigen Runden um das Hermannsdenkmal lief der erste Schweiß. Mein Chef hatte mir kurz vor dem Start noch eine seiner obligatorischen Wetten aufgedrängt. Eine Stunde mußte ich im Ziel zwischen uns bringen, sonst kostet mich das eine Kiste Wein. Das könnte knapp werden - erst recht bei den Temperaturen die plötzlich, als alle Wolken am Himmel verschwunden waren herschten. Bis zum Startschuss suchte ich mir ein schattiges Plätzchen.

Punkt 11:00 Uhr ging es los. Auf den ersten Kilometern fand ich recht schnell einen guten Laufrhythmus und passierte die Kilometermarken in der geplanten Zeit. Auch den Ehberg, den ersten schweren An- und Abstieg, konnte ich in einem guten Tempo bewältigen. Aber es war warm. Da wo sonst in den Jahren ein kühler Wind für Abkühlung sorgte, stand in diesem Jahr die Luft. So langsam wurde mir immer klarer: das wird ein ganz besonderer Hermann, da musst Du auf die Zähne beißen.

Dann der Truppenübungsplatz: Tolle Stimmung, die Zuschauer gaben alles. Gleich geht es wieder etwas leichter. Erst recht, nachdem ich mir Küsschendoping und ein Getränk von meinen beiden Töchern abgeholt habe.

Bei Kilometer 10 biegt man ab in den Wald. Die Zwischenzeit 00:45 absolut im grünen Bereich. Aber plötzlich ist da Stille, die Luft steht und plötzlich merke ich wie mechanisch ich eigentlich laufe. Sonst schaue ich immer was die anderen so machen, versuche an Läufer die vor mir sind heranzulaufen, schaue auch mal nach links oder rechts, lächel Zuschauern zu, die applaudierend am Wegesrand stehen. Das alles ging auf einmal nicht mehr. Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass ich mich nur noch auf mich und auf jeden Schritt den ich bis zum Ziel mache, konzentrieren muss, sonst komme ich nicht an. Bis zur Stapellager Schlucht trank ich aus der Flasche, die meine Tochter mir in die Hand gedrückt hatte, soviel wie möglich. Die gleiche Menge schwitzte ich aber auch gleich wieder aus.

Zwischen Kilometer 14 und 15 der Anstieg zum Tönsberg. Plötzlich bin ich oben - wie immer gelaufen - aber irgendetwas war anders. Jetzt merke ich, ich fühle mich so als laufe ich durch einen nicht enden wollenden Tunnel. Ich denke gar nicht mehr. Laufe nur noch mechanisch. Zum Glück geht es wieder bergab mein zustand normalisiert sich wieder ein wenig. Da stehen Zuschauerinnen mit einem Schriftzug auf ihrem T-shirt. Sinngemäß: Solange es weh tut, lebst du noch. Ich lenke mein Bewußtsein auf meine Beine und stelle fest, noch alles gut. Schmerzen sind noch nicht wirklich das Problem. Aber ich brauche jetzt dringend Wasser und Bananen. Das gibt es in Oerlinghausen bei Kilometer 17. Die tolle Stimmung mit Zurufen, Trommeln und Pfeifen kann ich kurz vor dem Verpflegungsstand noch genießen. Da das Schild Wasser, wenige Meter dahinter Elektrolythe ich greife zu und laufe weiter. SCH....!!! Wo waren jetzt die Bananen. Zurücklaufen wäre jetzt auch doof, also weiter. Ich ärgere mich, denn diesen wohlschmeckende Energieschub hätte ich brauche können. Denn eigentlich, erst jetzt geht es richtig los.

Der Anstieg vom Schopketal: Hier habe Zuschauer eine Musikanlage aufgestellt.Danke, super Aktion!!! Das hilft mit auch diesen Anstieg zu schaffen. Aber jetzt brennen die Oberschenkel und ich wünsche mir einen kühlenden Wind. Der Wunsch wird nicht erfüllt. Ein Fotograf kündigt sich an - aber ich will jetzt nicht lächeln. Außerdem, wenn ich so aussehe, wie ich mich gerade fühle, will ich das Foto eh nich sehen.... Jeder Schritt, auch wenn es kurz bergab geht, tut weh. Anwohner haben Schüsseln mit Wasser aufgestellt. Ich tauche meine Hände im Verbeilaufen ein und spritze mir das Wasser ins Gesicht. Sch... ich habe doch meine Brille auf :-). Ein Schub Energiegel in den Mund, denn gleich gibt es wieder Wasser zum Runterspülen.

Die Treppen in Lämershagen: Kurz vorher kontrolliere ich meine Zeit und stelle fest, dass es mir eigentlich egal ist, WANN ich ins Ziel komme. Es ist einfach kein Tag für eine Bestzeit. Vor mir auf den Treppen zwei Läufer, die sich langsam gehend und stöhnend den Berg hoch schleppen. Warum machen die keinen Platz? Ich will hier nicht gehen. Glücklicherweise bemerken sie mich - ich schnaufe ja auch wie eine Dampflock - und machen Platz. Jetzt gabelt sich der Weg. Links Stufen, rechts ein kleiner Bogen durch den Wald. Ein Scherzkeks hat Schilder aufgestellt. Nach Links für echte Hermänner, nach recht für Weicheier. Ich bin jetzt gerne ein Weichei.

Die Hügel zum Eisenen Anton: Noch ca. 8 Kilometer, die Luft steht, ich bin absolut platt. Mechanisch laufe ich weiter. Neben mir ein Läufer, dem es nicht besser geht. Die Anstiege rauben mir die letzte Kraft. Ich weiß nicht wie, aber ich laufe weiter, zeitweise wieder wie in einem Tunnel. Immer wieder denke ich, dass ich bald eine kurze Gehpause einlegen muß. Habe aber Angst, dass ich dann nicht mehr zurück in den Tritt komme. Also laufe ich irgendwie weiter. Dann die Stufen hinter der Gaststätte zum Eisernen Anton. Plötzlich rast irgentetwas an mir vorbei. Dieses blöde Stück Stecke nimmt doch tatsächlich irgendwer, ohne auch ein bißchen abzubremsen. Der Läufer neben mir staunt genauso wie ich und meint was der denn genommen hat...! Nachdem ich heute die Fotos der Sieger gesehen habe, weiß ich, das es wohl kein "ER" war. Das muß die Gewinnerin bei den Frauen gewesen sein, die in der Gruppe 5 Minuten nach mir gestartet ist. RESPEKT, ich hätte nicht gedacht, dass Laufen in dem Tempo, an der Stelle so möglich ist.

Noch 4 Kilometer: Ich laufe noch. Aber ich will jetzt, dass es gleich vorbei ist. Ich habe einfach keine Kraft mehr. Der Tunnel hilft mir jetzt. Eine Zuschauerin ruft mir zu, dass es noch super aussieht, wie ich laufe. Ich will das gerne glauben. Aber warum fühle ich mich nicht so. Ich habe alle Körner verbraucht. Da Wasser. Ich kippe es mir über den Kopf, werde wieder wacher. Aber die Schritte werden immer mühsamer. Andere Läufer überholen mich scheinbar spielend leicht. Wie machen die das nur? Ich würde ja auch gerne noch wieder etwas schneller laufen - aber es geht einfach nicht. Aber ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich wohl mit einer Zeit ins Ziel komme, mit der ich absolut zufrieden bin. Darum: gleich kommt die Promenade und ich nehme mir vor die Stimmung auf den letzten Metern richtig zu genießen. Da meine Familie. "Papa Du schaffst es!" steht auf ihrem Schild. "Ja!!!" ich schaffe es. Nach 2 Stunden und 25 Minuten bin ich im Ziel. Unter 2:30 wollte ich auf jeden Fall bleiben. Die Zeit vom letzten Jahr war einfach nicht drin bei diesem Wetter. Aber ich habe meinen 4. und bisher härtesten Herannslauf geschafft.

Danke an die vielen Helfer für die tolle Organisation und an die Zuschauer für alles was ihr den anderen Läufern und mir gutes getan habt. Ich hoffe das auch alle, die diesen Hermann nicht in so guter Erinnerung behalten werden (die Rettungskräfte hatten sehr viel zu tun), dass sie den Mut nicht verlieren und auch im nächsten Jahr wieder dabei sind. Auch ihr seit "echte Hermänner und -frauen"!!!

PS: Die Wette mit meinem Chef habe ich gewonnen. Er kam (berechtigterweise stolz aber halt) 1 Stunde und 2 Minuten nach mir ins Ziel. Punktlandung würde ich sagen ;-)

3
Gesamtwertung: 3 (1 Bewertung)

Danke

Danke für Deinen Bericht. Dass ihr gestern erst 11 Uhr starten durftet, hatte ich noch gar nicht mitbekommen.

Hochachtung vor Deiner Leistung und Deinem Super-Gedächtnisprotokoll.

marcus

Laufen in Leipzig

klasse geschrieben,

.... danke, ja, das war echt Wahnsinn mit der Hitze, ich bin auch froh, dass unsere Läufer vom Lauftreff das alle heile und gesund überstanden haben.
Dann erhol dich jetzt mal gut, dann kann ich dich auf unsere Städterangliste wieder überholen....grins....
Lieben Gruß
Gabi
P.S. Seit Jahren bin ich beim Hermannslauf Zuschauer, ich glaub, ich muss da doch mal mitlaufen.....(hab einfach noch zuviel Respekt vor dem Wald)

*würg*

ich erstarre vor Ehrfurcht: 2:25! wow!
Beste Grüße, die 4:22gerin

Kampfgeist

Toller Bericht bei dem echter Kampfgeist geschildert ist. Gratulation zum Lauf und zur Zeit (wenn auch nicht pB).

cherry65

Jeder, der vor mir läuft, hat es sich verdient

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