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Bestzeit in Bonn - in der Stadt meiner Geburt und meiner Schule. Viele Erinnerungen und auch eine "offene Rechnung", denn 2007 konnte ich hier krankheitsbedingt nicht antreten.

Als ich vor knapp 8 Monaten im September 2011 nach beinahe 4 Jahren nahezu vollständiger Laufpause zaghaft wieder mit dem Laufen begonnen habe, da erschien es undenkbar, so zügig wieder an alte Leistungen anknüpfen zu können oder gar im Frühjahr 2012 eine Bestzeit auf der Marathon-Distanz laufen zu können.

Aber nun mal der Reihe nach: Sonntag, 22. April, Tag des Marathons in Bonn. Treffpunkt um 8:15 Uhr am Banhfof Deutz mit skydiver38, der seinen beim lokalen Laufportal laufen-in-koeln gewonnenen Freistart als gemütlichen Trainingslauf vor seinem anstehenden Frühjahreshöhepunkt "24h-Lauf" nutzen möchte. Dank Sky und dessen Studententicket können wir auch beide gemeinsam ohne Kosten mit dem Zug zum Marathon anreisen. Ich hole meine Startunterlagen ab und dann rauf mit der Startnummer aufs Trikot und rein in die Wettkampfschuhe und alles übrige im Kleidungsbeutel verstauen. Trainingshose und Windjacke bleiben aber erstmal an, denn zu den noch frischen Temperaturen weht auch noch eine kühle Brise.

Wir pilgern zum Zielbereich am Marktplatz und schnuppern schon mal ein wenig die Athmosphäre am gelben Teppich vor dem historischen Rathaus. Die Inliner tröpfeln gereade ins Ziel und ich frage mich, ob der Teppich in diesem Sport nicht eher eine Bremse darstellt. Aber man scheint immerhin halbwegs darauf rollen zu können. Auf die Halbmarathon-Spitze können wir leider nicht mehr warten, da wir große Hektik an der Garderobe vermeiden wollen. Das klappt auch super, auch wenn der Kleiderbeutel mit Trainingsanzug und Windjacke nun zum Platzen gefüllt ist. Nach dem kurzen Marsch zum Startbereich verabschiede ich mich von Sky, der etwas weiter hinten starten wird. Ich checke im Startblock ein und suche nach bekannten Gesichtern und potentiellen Mitläufern. Ich treffe Michael Karger, der beim Königsforst-HM mit 1:21:49 nur 43 Sekunden hinter mir ins Ziel lief. Er möchte bei seinem Debüt die 3 Stunden knacken und als Debütant richtigerweise vorsichtig angehen, aber ich will ein wenig mehr. Dann sehe ich Manuel vom TV Refrath und den Kölner Laufmonstern, der die DM Halbmarathon vom Vorwochenende in den Knochen hat, aber trotzdem einfach zu schnell für mich ist. Endlich sehe ich Jochen Kümpel, den Sieger des Königsforst Marathon, der einen 4er-Schnitt verspricht. Eine handvoll Kenianer ist auch dabei, als kurz darauf das Feld auf die Reise geschickt wird.

Es wird mir ewig ein Rätsel bleiben, warum ambitionierte, erfahrene Läufer so wider besseren Wissens lospreschen als wäre es ein 5 Km-Lauf. Joe von laufen-im-rheinland, der alle Ausgaben des Bonn Marathons gelaufen ist, prescht munter mit den Kenianern mit und auch Jochen Kümpel, an dem ich mich orientieren wollte, schießt davon wie der Blitz. Gerade rechtzeitig nehme ich das Tempo raus, trotzdem ist auch mein erster Kilometer deutlich zu schnell (3:46 Min). Ich korrigiere und versuche meinem Tempogefühl zu trauen. Km 2 trotz Brücke abwärts und Rückenwind nur noch 3:55, nun passt es. Ich suche nach Mitläufern, aber die Leute spielen immer noch verrückt. Ein Läufer neben mir erzählt mir, dass er den Plan hat, die ersten 15 Km genau wie ich im 4er Schnitt zu absolvieren, stiefelt aber mit munteren 3:45-3:50 dann nach vorne. Ich frage die verbliebenen Läufer meines Grüppchens nach ihren Zielen und bekomme zwei mal sinngemäß ein "erste Hälfte schnell und dann hilft der liebe Gott" zu hören. Naja, immerhin liegt deren Tempo etwa auf meinem jetzigen.

Nach der Rückkehr auf die linke Rheinseite bei Km 8, Brücke hoch bei Gegenwind, der schwierigste Km des ganzen Kurses und dann linksrheinisch am Rheinufer entlang in Richtung der Bonner Rheinauen. Langsam sammeln sich bei meinem nun recht konstanten 4er-Schnitt ein paar Läufer an und ich betreibe ein wenig Konversation auf der Suche nach potentiellen Mitläufern für eine leichte Tempoverschärfung ab Km 15. Das geht so weit dass uns ein begleitender Radfahrer fragt, ob er uns ob unseres Kaffeeklatsches Kaffee und Kuchen holen soll. Aber viele, die nun mit mir laufen, sind froh überhaupt das 4er-tempo für den Moment halten zu können. Nur einer in der Gruppe, Michael aus Herzogenrath, möchte auch gerne ein wenig forcieren. Meinen Plan, bei Km 15 von 4:00 auf 3:55 zu forcieren findet seine Zustimmung, aber weitere Mitstreiter können wir nicht finden. Dennoch ein absoluter Glückfall, denn wir werden bis Km 37 zusammenbleiben. Kurz nach dem südlichen Wendepunkt bei Km 15 sind wir dann auch schon allein und liegen etwa auf Position 25 im Rennen. Wir halten uns an die 3:55 bzw. halten den Kraftaufwand gleich, denn ein wenig Wind oder eine kleine Welle hoch zur B9 macht aus einer 3:55 eben auch schnell eine 4:00 auf dem Km. Um die HM-Marke sammeln wir die 2. Frau des Rennens ein und setzten uns schnell von ihr ab. Dann haben wir auf der 2. Schleife durch Beuel auch die erste Frau des Rennens im Blick, die wir am Fuße der Kennedybrücke auflaufen. Sie ist clever und nutzt unseren Windschatten im Gegenwind bei der vierten und letzten Brückenüberquerung. Mit der Führenden im Schlepptau und Fahradbegleitung an unserer Seite eilen wir am Rhein entlang. Position 20 und 21 vetraut uns ein Spaziergänger an. Irgendwann ist Kenia auf einmal weg und wir sammeln weiterhin ab und an einen "Start-Weltmeister" ein. Ich fühle mich auch bei Km 30 noch erstaunlich locker, Michael reicht mir einen Gel-Chip und ich komme erstmals in meinem Läuferleben in den Genuss der "Hamsterbacken". Naja, fürs quatschen fehlt mir eh langsam die Luft. Denn die nun häufiger auftretenden kleinen Windböen fordern mehr und mehr. Denoch, bis Km 35 bleiben wir im 4er-Schnitt, Die Dame aus Kenia hat sich erholt und nun ist sie es, die von hinten aufläuft und sich vor uns setzt. Km 36 ist erreicht, 4:06 und ich merke dass meine Kräfte langsam schwinden. Ich sehe, dass Michael stärker ist und schicke in der enteilenden Kenianerin hinterher. Ich kann immerhin die 4:06 halten, wobei ich ab Km 38 alleine laufe und die Km zwar abdrücke, aber nicht mehr zur Kenntnis nehme. Volle Konzentration auf die Strecke. Km 40 wird errreicht, es geht Richtung Innenstadt, die Zuschauer an der Strecke werden zahlreicher. Der letzte Km umrundet die City um dann über die Sternstraße auf den gelben Teppich am Markt zu führen. Ich gebe Gas und lasse mich ins Ziel tragen. Ich sehe die Uhr... 2:48:15...16...17... Die letzten Meter... 2:48:19 bleiben auf der (Brutto)Uhr stehen, netto sind es 2 Sekunden weniger. 15. Platz im Gesamteinlauf, 4. Platz meiner AK, ohne die beiden M30-Kenianer hätte ich sogar meine erste Geldprämie erlaufen. Aber das sehe ich alles erst später in der Ergebnisliste.

Ich suche Michael, aber ich sehe ihn nicht. Naja, dann erst mal Wasser reinschütten und weiterschauen. Dann sehe ich Michael ins Ziel laufen. Ich bin mir sicher, ihn nicht überholt zu haben. Was ist da los? Ich gehe zu ihm und treffe ihn etwas geknickt an. Eine unaufmerksame Helferin hat in nicht Richtung Ziel sondern in die nächste Runde gelotst, absolut ein Unding, was echt nicht passieren darf. Wenn man schon nicht in der Lage ist an der entscheidenden Gabelung ein großes Schild und Flaggen aufzubauen, dann braucht man zumindest Lotsen, die aufmerksam ihren Dienst verrichten und den Unterschied zwischen einem 5 1/2 Stunden Schlappschritt und einem Zieleinlauf kennen. Michael ist dann ein wenig herumgeirrt und hat auch kurz die Strecke verlassen um wieder auf Originalstrecke zurückzufinden und sorgt sich nun weniger um die verlorenen 60-90 Sekunden als viel mehr um eine drohende Disqualifikation. Aber er scheint alle Matten auf dem letzten Km genommen zu haben und im Zweifel stelle ich mich auch als Zeuge zur Verfügung. Michael lässt sich auch von mir und anderen Läufern überzeugen, dass es ein gutes Ende finden wird.

Mir geht es erstaunlich gut, deutlich weniger Krampfanzeichen als nach meiner bis dato gültigen Bestzeit 2006 (Bericht). Wir tauschen uns mit den Mitläufern aus, nehmen die wohlverdiente heiße Dusche und suchen dann erst die Zielverpflegung auf. Das ist angesichts von Wind und Temperatur auch sicher die bessere Reihenfolge. Wir trinken ein alkoholfreies Weizen auf unser gutes gemeinsames Rennen. Michael findet dann seine Vereinskollegen und ich plausche noch kurz mit Ultraläufer René Strosny, den ich in Marburg kennengelernt habe und der hier als 3:00 Zugläufer sein Grüppchen gut und pünktlich ins Ziel gebracht hat. Auch der von mir am Start erwähnte Michael Karger(nicht zu verwechseln mit meinem Laufbegleiter Michael aus Herzogenrath) ist bei seinem Debüt sicher mit dieser Gruppe ins Ziel gekommen.

Auf Sky kann ich heute nicht warten, denn ich bin eingeladen. Grillen bei Freunden. Energie tanken. Und ich habe wahnsinnig Hunger...

5
Gesamtwertung: 5 (5 Wertungen)

Glückwunsch!

Hammer Zeit!
Da bist Du ja unbekannter Weise zweimal an uns vorbei geflogen ;-)
Grüße, ks

Marathon im Tiefflug!

Glückwunsch dazu; das ist eine Hammerzeit!

Die Kenianerin war in einer anderen Wertung, von daher war sie doch egal. Hättest Du mal deren Windschatten genutzt :grins:.

Na, die Kenianerin war ja nur so ne halbe Portion...

..und wir zwei Kerle von gut 1,80 m. Wäre schwierig geworden für uns mit dem Windschatten.

Und danke für den Glückwunsch. :)

@Kniescheibe: Danke!

Aha...

...so sah es also vorn im Feld aus! Klingt beschwingt und schnell. Toller Bericht!
Schön, dass wir uns mal wieder getroffen haben. Ich würde mich freuen, wenn ich bald von dir höre, dass du beim Hollenlauf oder in Brühl beim 12h-Lauf starten wirst! Oder überhaupt.
Liebe Grüße und bis bald,
Matthias

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